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Mittwinterzeit mit nachchristlichem Sinn

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Weihnachten – ein entspanntes Ja zum Fest aus humanistischer Sicht.
Dienstag, 2. Dezember 2014
Foto: Darmok / Flickr / CC-BY-SA

Dunkelheit und Kälte sind nicht von Dauer, sondern werden bald wieder Licht und Wärme weichen. Foto: Darmok / Flickr / CC-BY-SA

Auch ohne den Glauben an die wundersame Geburt eines göttlichen Welterlösers in Bethlehem lässt sich Weihnachten, genauer allerdings: die Weihnachtszeit, gut feiern, ja – in Maßen – sogar genießen. Weihnachten ist ein unverwüstliches Fest, das zwar auf eine lange christliche Etappe zurückblickt, aber auch einer nachchristlichen Sinngebung zugänglich ist. Weihnachten ist unverwüstlich, weil es eine bleibende naturgeschichtliche – sogar kosmische – Grundlage hat: die Wintersonnenwende. Und es ist unverwüstlich, weil es einem, darin verankerten, realen Bedürfnis entspringt. Es entspringt dem Bedürfnis, sich in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres mit einer Fülle von Handlungen, Symbolen und Utensilien das Licht und die Wärme zu vergegenwärtigen, die wir Menschen brauchen, um unser Leben erfreulich zu gestalten und ihm eine spirituelle Orientierung über den Tag hinaus zu geben.

Auch ich, ein erklärter Atheist, feiere gerne Weihnachten. Ich feiere es als ein geselliges und heiteres Fest der Mittwinterzeit, als ein weltliches Friedensfest, das sich ohne Berührungsängste einen Teil der christlichen Weihnachtsbotschaft zu Eigen macht: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, wie sie Martin Luther übersetzt hat. Ich nehme mir die Freiheit, diesem Fest, das eine lange christliche und eine kaum kürzere vorchristliche Geschichte hat, einen neuen, nachchristlich-humanistischen Sinn zu geben, der mit meiner säkularen Weltanschauung in Einklang steht.

Das klingt pathetischer als es gemeint ist. Denn eine radikale Verweltlichung des Festes hat sich ohnehin in den letzten Jahrzehnten lautlos und ohne ideellen Aufwand im Zuge seiner völligen Kommerzialisierung vollzogen. Die religiös getönte konsum- und kapitalismuskritische Parole „Gebete statt Knete“ zeugt von ohnmächtigem Wunschdenken. Die Weihnachtszeit ist für den Einzelhandel die umsatzstärkste Zeit des Jahres – ein banaler ökonomischer Sachverhalt, aus dem sich wenig gesellschaftskritischer und religionskritischer Honig saugen lässt.

Das Gespür für entleerte Formen bewegt manche zur Flucht

Gerne öffne ich mich der vorweihnachtlichen Stimmung in den Innenstädten mit Tannenschmuck, Lichterglanz, Duft von gebrannten Mandeln, Glühwein und Musik. Auch dem leckeren Geruch von Gänsebraten kann ich schwer widerstehen. Wie viele bedauere ich freilich auch, dass der Verkauf von Stollen, Lebkuchen und Spekulatius immer früher im Jahr, konkret im Frühherbst, beginnt. So treten Weihnachtsüberdruss, Weihnachtsrummel, Weihnachtsgedudel und Weihnachtsstress an die Stelle der besinnlichen Stimmung, die die meisten für sich und andere wünschen. Viele junge und nachdenkliche Menschen mit Gespür für entleerte Formen fliehen daher vor Weihnachten. Das ist nachvollziehbar, wenn auch nicht zwingend. Denn jene innere Distanz, die sich den Spaß nicht durch Fehlentwicklungen verderben lässt, ist durchaus erlernbar. Sie geht einher mit der belustigten und leidenschaftslosen Einsicht, dass der christliche Firnis über all dem Treiben rapide blättert und sich heute die uralten und legitimen Bedürfnisse einer Selbstvergewisserung in Kälte und Dunkelheit schnittigere, schickere Ausdrucksformen suchen. Lila glänzende Hirsche und stattliche Elche haben längst die tumben Ochsen und Esel der christlichen Legende abgelöst!

Die Stilisierung Weihnachtens zum „Familienfest“ ist nicht unproblematisch. Dadurch wird es emotional aufgeladen und überfrachtet mit unrealistischen Sehnsüchten. Aber harmonische Begegnungen mit Angehörigen, die man oft längere Zeiten nicht gesehen hat, sind ohnehin selten. Es verwundert nicht, dass Weihnachten das Familienfest mit dem höchsten Konfliktpotential ist. Die von mir vorgeschlagene Umakzentuierung hin zu einem heiteren mittwinterlichen Friedensfest, wie ich sie seit den späten siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kontinuierlich vertrete, bietet die theoretische Grundlage für einen entkrampften und doch sinngetragenen Zugang. Sie greift aus der christlichen Etappe des Festes die Teilbotschaft heraus „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, teilt aber nicht die damit verbundene Illusion, es sei der anbetungswürdige Säugling, geboren im Stall zu Bethlehem, der den Frieden bringe. Kein gottgesandter Messias stiftet menschliches Wohlergehen und eine weltweite Friedensordnung, sondern allein kluges, koordiniertes, hartnäckiges, kompromissfähiges menschliches Handeln, das vor Rückschlägen nie gefeit ist. Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr die vermeintliche Menschwerdung Gottes, sondern die Menschwerdung des Menschen, für die der Friede eine wesentliche gesellschaftliche Bedingung ist.

Von daher zielt ein säkular-humanistisches Verständnis von Weihnachten keineswegs auf die Wiederbelebung einer Wintersonnwendfeier. Das wäre neuheidnisch und ahistorisch. Auch eine Scheu vor der eingebürgerten Bezeichnung „Weihnachten“ ist unbegründet. „Weihnachten“ ist ein gutes altes deutsches Wort. Im Mittelhochdeutschen heißt die Mehrzahlbildung „wihen nahten“ geweihte Nächte. Gemeint waren die Nächte um die Wintersonnenwende herum. Diese Nächte erschienen unseren germanischen Vorfahren „geweiht“, weil eben in dieser dunkelsten Zeit des Jahres der lebensrettende, lebenssichernde kosmische Umschlag erfolgt: die Wintersonnenwende. „Alle Jahre wieder“, periodisch, gesetzmäßig, dem Umlauf der Erde um die Sonne folgend, bahnt sich der Sieg des Lichtes über die Dunkelheit an. Die Tage werden wieder länger und ein neuer Frühling naht, symbolisiert im natürlichen Immergrün. Ohne weltanschauliche Verrenkung feiere ich also das Weihnachtsfest, nicht das Christfest, wie auch der lichtergeschmückte Lichterbaum für mich der Weihnachtsbaum, nicht der Christbaum ist.

Christlicher Bischof, Du hast bloß den Sonnengott umfunktioniert

Von daher steht in unserer Wohnung auch unspektakulär ein schlichter Adventskranz, ein im 19. Jahrhundert christianisiertes Folklore-Element, das ursprünglich die vier Jahreszeiten anzeigte (Jahreskranz). Wie der Weihnachtsbaum fügt der Adventskranz natürliches Immergrün von Nadelbäumen mit Kerzenlicht als domestiziertes Sonnenlicht zu einer harmonischen Einheit zusammen. Eine Krippe mit einem anbetungswürdigen, gottgleichen Säugling, der die Welt von ihren Sünden erlöst haben soll, wird man freilich vergeblich bei uns suchen.

Zum Abschluss noch ein kurzer Blick auf den geschickten religionspolitischen Schachzug von großer strategischer Tragweite, mit dem es dem römischen Bischof gelang, im vierten Jahrhundert, erst im vierten Jahrhundert(!), das christliche Weihnachtsfest als das Geburtsfest des Herrn zu begründen. Bis dahin war der Geburtstag des christlichen Welterlösers völlig unbekannt, unerörtert und uninteressant. Im Neuen Testament ist dieser Tag ja auch unerwähnt. Aus eigener Machtvollkommenheit datierte der Bischof von Rom ihn auf das Fest des unbesiegten Sonnengottes, des Sol Invictus, am 25. Dezember, die altrömische Spielart der Wintersonnenwende. Damit besiegelte er den Aufstieg des Christentums zur römischen Staatsreligion und verlieh der so genannten konstantinischen Wende liturgischen Glanz. Keck behauptete der Bischof, indem er den Himmelskörper völlig spiritualisierte, die wahre Sonne sei damals in Bethlehem aufgegangen: die Sonne des Heils, die Sonne der Gnade, die Sonne der Barmherzigkeit, und zwar in Gestalt des christlichen Erlösers, Jesus Christus von Nazareth.

All jenen, die daran glauben wollen, und jenen, die das nüchterner verstehen, rufe ich zu mit heiterer Skepsis: Frohes Fest!

Foto: © Evelin Frerk

Dr. Dr. Joachim Kahl ist Philosoph und Publizist mit den Arbeitsschwerpunkten Religionskritik, Ethik und Ästhetik. 2006 erschien sein Buch Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit. Sein bekanntetes Werk Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott wurde 2014 im Tectum Verlag in einer Neuauflage herausgebracht. Er lebt und arbeitet in Marburg.