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Herzensbildung

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Atheisten verzichten auf eines der schärfsten Mittel in der Auseinandersetzung mit der Religion, wenn sie diese in Bausch und Bogen als Unsinn abtun oder ihr mit blanker Feindschaft begegnen.
Samstag, 29. November 2014
Alan Posener

Meine atheistischen Freunde waren verstört, als ich vor über zehn Jahren ein Buch über Maria schrieb, die Mutter des Jesus aus Nazareth. Noch verstörter waren die wenigen unter ihnen, die das Buch auch lasen. Hatten sie möglicherweise von mir, einem zuweilen lautstarken Kritiker der Religion, eher eine Kritik an den Mariendogmen der Katholischen Kirche – unbefleckte Empfängnis, immerwährende Jungfräulichkeit und leibliche Aufnahme in den Himmel – erwartet, so wurden sie enttäuscht. Vielmehr habe ich in jener Monographie nicht nur die theologische Schlüssigkeit jener Dogmen im Rahmen der christlichen Gedankenwelt erklärt, sondern auch – und vor allem – die anrührende Gestalt der Muttergottes – ich benutze keine Anführungszeichen – und ihre Bedeutung für die Zivilisierung des Abendlands hervorgehoben. Wie mir scheint, kann ihre Geschichte auch bei einem religiös unmusikalischen, agnostischen oder atheistischen Menschen zu jenem Prozess der charakterlichen Entwicklung beitragen, die ich Herzensbildung nenne.

Da ist ein vielleicht vierzehnjähriges Mädchen, das plötzlich schwanger wird – es weiß selbst nicht so richtig, wie. Auf diesen „Ehrverlust“ steht als Strafe, damals in Palästina wie heute in so manchem Land des Nahen Ostens, der Tod. Ihr Verlobter denkt daran, sie heimlich zu verlassen. Aus Liebe, weil dann die Schuld auf ihn geschoben werden kann: Wenn er seine Braut erst schwängert und verlässt, bleibt die Ehre des Mädchens unangetastet. Doch während er noch die Vorbereitungen zur Flucht trifft, hat Joseph einen Traum, in dem ihm gesagt wird, er solle bei Maria bleiben, ihr Kind sei etwas Heiliges. Und er – ein seltsamer Heiliger – tut das dann auch. Wer von uns heutigen, aufgeklärten Männern wäre so großherzig?

Man muss nicht darüber diskutieren, ob sich das alles wirklich so zugetragen hat. Vieles an den Geschichten über Jesus ist nachweislich erfunden – so etwa die Geburt in Bethlehem wegen einer Volkszählung; und damit auch die Herberge, in der kein Platz war, der Stall, Futterkrippe, Ochs und Esel, der Stern und überhaupt alles, was die Bildwelt eines christlichen Weihnachtens ausmacht. Aber auch diese Fiktion rührt an – trägt zur Herzensbildung bei. Nicht zuletzt dank der Weihnachtsgeschichte, bei der Gott selbst unter ärmlichsten Verhältnissen zur Welt kommt, und natürlich dank der ebenfalls großen – und wohl in groben Zügen wahren – Geschichte, die ihn als Verbrecher am Kreuz sterben lässt, ist in die Geistesgeschichte Europas und Amerikas ein sozialer, ich möchte sagen: ein linker Zug eingeschrieben.

Geschichten als Motivation im Kampf gegen die Unmenschlichkeit

Die griechische Tragödie wollte die Bürger der Polis durch „Furcht und Mitleid“ von ungesunden Affekten reinigen; sie mittels Katharsis zur Menschlichkeit erziehen. Eine ähnliche Funktion hat die Grunderzählung des Christentums für Europa erfüllt.

Nun kann man einwenden, dass weder Aeschylus noch die Evangelisten Wirkung gezeigt hätten: die Geschichte des antiken Griechenlands und des christlichen Europas ist voll von Gemeinheit und Blut. Christen halten zwar gern den Atheisten vor, dass die zwei atheistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts – der Kommunismus und der Nationalsozialismus – Millionen und Abermillionen Opfer gefordert haben. Doch erstens waren jene Bewegungen eher pagan-gnostisch als atheistisch, also quasi-religiös; und zweitens haben – gemessen an der Gesamtzahl der Bevölkerung – die Religionskriege des 17. Jahrhunderts in Europa prozentual mehr Opfer gefordert als die Diktaturen des 20. Von den vielen Verbrechen, die etwa Karlheinz Deschner in seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ dokumentiert hat, ganz zu schweigen. Mit der christlichen Herzensbildung scheint es also nicht sehr weit her zu sein.

Doch sind die Geschichten da. Und sie haben durch die Jahrhunderte Menschen zum Widerstand gegen die Unmenschlichkeit motiviert, von den frühen Christen, die gegen die Barbarei der Gladiatorenkämpfe, der Tötung weiblicher und behinderter Neugeborener und ähnliche Brutalitäten aufbegehrten, über William Wilberforce und seine Mitstreiter gegen die Sklaverei und den Sklavenhandel, die Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller, Martin Luther King und seine Leute bis hin zu den rebellischen Pastoren der DDR.

Mir scheint, dass sich Atheisten nicht nur eines ästhetischen und literarischen Vergnügens berauben, wenn sie die Religion – ich spreche hier nur von der christlichen, weil ich sie am besten kenne, aber das gilt auch für das Judentum, den Islam und die vielen anderen Schöpfungen der unerschöpflichen menschlichen Fantasie und Sehnsucht – in Bausch und Bogen als Unsinn abtun oder ihr mit ignorantem Desinteresse oder blanker Feindschaft begegnen. Sie verzichten auf eines der schärfsten Mittel im Kampf gegen die Religion: den Vergleich der praktizierten Hartherzigkeit vieler religiöser Menschen mit der Herzensbildung, dem Mitleiden mit aller Kreatur, die ihre Religion von ihnen theoretisch verlangt.

Das Modell säkularer Herzensbildung

Mir scheint überdies, dass viele Atheisten einen etwas verkniffenen, unfrohen, unduldsamen und – so paradox es klingt – also protestantischen Zug an sich haben. Die Vernunft, so scheint es, ist bei ihnen an die Stelle Gottes getreten; und wie Jahwe ist die Ratio ein eifersüchtiger Gott, der keinen anderen neben sich duldet. Dabei kann ein – richtig verstandener – Atheismus durchaus zu einer Herzensbildung beitragen, die sich kaum von jener eines richtig verstandenen Christentums unterscheidet. Lassen Sie mich kurz auf die Punkte eingehen, die mir wichtig erscheinen.

1. Demut. Atheisten tun manchmal so, als würden sie alles wissen. Dabei besteht die naturwissenschaftliche Haltung zur Welt vor allem in der Fähigkeit zu staunen und in der demutsvollen Erkenntnis, dass mit jedem Fortschritt unseres Wissens auch die Unsicherheit und das Nichtwissen wachsen. Es sind ja die Religiösen, die behaupten, alles zu wissen, einschließlich solcher Dinge, die man schlechterdings nicht wissen kann, nämlich was nach dem Tod passiert und wozu der ganze Kosmos da ist.

2. Toleranz. Nur Religiöse und Fanatiker kennen die Wahrheit. Atheisten leben in einer Welt der versuchten Annäherung an die Fakten, der stetigen Selbstüberprüfung und der Infragestellung eigener und fremder Gewissheiten. Das macht Toleranz – außer gegenüber der Intoleranz – zur ersten Bürgertugend.

3. Leben für den Augenblick. Jesus forderte seine Anhänger auf, so zu leben, als sei jeder Tag ihr letzter. Auch für Atheisten ist das ein guter Ratschlag. Doch während Christen darauf hoffen können, im Jenseits das wiedergutzumachen, was sie hier versäumt haben (und Hindus und Buddhisten auf die Wiedergeburt setzen), gehen Atheisten davon aus, dass man nur eine Chance bekommt; dass ein verfehltes Leben nicht wieder gut zu machen ist. Grund genug, sich rechtzeitig zu überlegen, was wirklich wichtig ist.

4. Soziales Engagement und Friedfertigkeit. Aus der Erkenntnis, dass jeder nur ein Leben hat, folgt wiederum, dass man auch das Leben anderer nicht angeblich höheren Zwecken opfern darf, sei es dem Ruhm Gottes, sei es einem geschichtlichen Determinismus, sei es der idealen Gesellschaft. Kants kategorischer Imperativ, demzufolge jeder Mensch als Zweck an sich, nicht Mittel zum Zweck anzusehen ist, machte eigentlich nur im Kontext einer radikalen Diesseitigkeit Sinn.

5. Anrührbarkeit. Atheisten weinen im Kino. Nein, Quatsch, das tun andere auch. Aber mir scheint, dass Demut, Toleranz, soziales Engagement und Leben für den Augenblick den Menschen offen machen für die Erfahrungen, die Probleme und Leiden, aber auch die Freuden und – ja auch – Offenbarungen anderer Menschen.

Mich wollte einmal – angeregt durch mein Marien-Buch – ein Funktionär des Opus Dei missionieren. Ich ließ mich auf das Gespräch ein; doch als der Mann auf den Himmel zu sprechen kam, fragte ich, ob dort auch für meine Katze Platz sei. Die Frage war ernst gemeint, aber der Priester sah mich entgeistert an. Tiere hatten für ihn keine Seele, und die Tierliebe hatte in seiner Welt keinen Platz. Ihm fehlte es an Herzensbildung.