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Alleine ist man mehr mit sich selbst

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Was für einen Wert hat das Alleinsein in einer Zeit, die durch Vernetzung und Kommunikation geprägt ist?
Freitag, 28. November 2014
Foto: LoloStock / Fotolia.com

Erst wann man Abstand zu den Dingen nimmt und sie von außen betrachtet, kann man sie als Ganzes erkennen und einordnen.

Ich habe mal in meinem Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, wie oft sie vergangene Woche Zeit alleine verbracht haben. „Kaum“, „wenig“, „halbe Stunde“. „Einen ganzen Abend“ war das längste, während vor allem die berufstätigen Eltern unter ihnen keine Minute Zeit für sich alleine hatten.

Abgesehen von den zeitlichen Möglichkeiten alleine zu sein, ist auch der Wunsch danach sehr unterschiedlich. Vielen Menschen macht es nichts aus, ständig jemanden um sich zu haben, es ist ihnen sogar ein Bedürfnis, während andere wiederum den regelmäßigen und häufigen Rückzug von ihren Mitmenschen wie die Luft zum Atmen brauchen.

Unter letzteren sind viele Hochsensible zu finden. Schätzungen zufolge sind zwischen 15 und 20 Prozent der Menschen hochsensibel, das bedeutet, dass sie Reize intensiver wahrnehmen und feinere Antennen für die Befindlichkeiten und Stimmungen anderer Menschen haben. Das führt wiederum dazu, dass sie sich schneller als andere überreizt fühlen und das Alleinsein brauchen, um abzuschalten und sich gegen äußere Einflüsse zu schützen.

Eine eigene Haltung finden

Das Leben ist komplex und voller Ambivalenzen, es ist ein Fluss, der nie stillsteht und uns ständig in Bewegung hält. Das Alleinsein ist wie eine Bank im Schatten, am Rande des Flusses, die dazu einlädt, sich zu setzen, Ruhe zu finden, und den Fluss von außen zu betrachten. Erst wann man Abstand zu den Dingen nimmt und sie von außen betrachtet, kann man sie als Ganzes erkennen und einordnen.

Die Terminkalender unserer Politiker, deren Entscheidungen Einfluss auf Millionen von Menschen haben, sind voll. Tagtäglich reiht sich ein Termin an den nächsten und nur für ein schnelles Mittagessen, meist auch in Gesellschaft, bleibt eine weiße Reihe frei. Und ich frage mich: Wann denken die denn mal nach?

Denken ist freilich auch in Gesellschaft möglich, Gespräche können dazu beitragen, verschiedene Aspekte eines Themas zu erkennen und unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen. Aber es gibt auch ein anderes Denken, ein tieferes, eine Nachklingen alles Erlebten, das Zeit braucht. Und Abstand.

Das Alleinsein ist meiner Ansicht nach der Nährboden für eine eigene innere Haltung. Nur wenn man für sich alleine eine Haltung zu den Dingen entwickelt, wird man den Mut aufbringen, sich notfalls auch unbeliebt zu machen, indem man für das einsteht, was man als richtig empfindet. Nur wenn man seinem ganz eigenen Empfinden für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit vertraut, kann man es ruhig und gegen alle Widerstände nach außen vertreten.

Alleinsein ist nicht Einsamkeit

Einsamkeit ist ein trauriges, schmerzliches Gefühl. Es geht oft mit dem Alleinsein einher, aber es ist nicht daran gekoppelt. Man kann sich auch in Gesellschaft einsam fühlen. Einsamkeit bedeutet, dass man keine Verbindung mit anderen hat oder findet und sich abgeschnitten von den anderen fühlt. Einsamkeit ist ohne Frage ein Mangel, die Abwesenheit von etwas.

Freiwilliges Alleinsein wiederum ist zwar auch die physische Abwesenheit der anderen, aber dafür ist es ein Mit-sich-selbst-sein. Ein großes, rundes Mit-sich-selbst-sein, das für sich genommen ganz ist.

Ruhe und Erholung

Man muss nicht hochsensibel sein, um sich in unserer Zeit schnell überreizt zu fühlen. Die beruflichen Mails sind nie ganz abgearbeitet, weil immer wieder neue reinkommen, wir sind rund um die Uhr erreichbar und die sozialen Netzwerke locken ständig mit „Neuigkeiten“ und interessanten Links. Hinzu kommen Familie, Freunde, Bekannte. Diese permanenten Reize lassen uns schwer zur Ruhe kommen.

Unser Gehirn braucht den Wechsel von Anspannung und Entspannung. Wenn aber die Anspannung nie ganz weicht, wenn der Stresslevel permanent hoch ist, kann man keine Ruhe und Entspannung finden.

Man muss nicht alleine sein, um zu entspannen, das geht genauso gut mit vertrauten Menschen. Das Alleinsein ist nur der letzte und stärkste Schritt, sich abzugrenzen sich vor ungewünschten äußeren Reizen zu schützen.

Kreativität

„Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins“, hat Kafka über sich geschrieben.

Im Alleinsein entsteht viel Raum, der, wenn man es nicht gewohnt ist, alleine zu sein, vielleicht zunächst mal als Leere empfunden wird. Dieser Raum ist es aber, den beispielsweise Kreativität braucht, um sich zu entfalten.

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

Alles, was wir erleben und erfahren, ist wie Einatmen, wir nehmen permanent Eindrücke auf. Nur wenn wir unserem Geist Zeit und Ruhe geben, kann er das verarbeiten und daraus etwas Neues schöpfen, was wir wiederum nach außen geben.

Im Alleinsein kann also sehr viel Bewegung stattfinden, es birgt eine Fülle von Möglichkeiten. Es ist kein Leerlauf, sondern eine ganz eigenständige und gleichwertige Art, seine Zeit bewusst zu verbringen.