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Ich will Evolution in der Grundschule, weil…

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Mittwoch, 15. Oktober 2014

…ich mich noch deutlich und mit einem breiten Lächeln im Gesicht an die alten Kindertage erinnere, als mein Bruder und ich mit seinen Dinos gespielt haben. Die Faszination, die von diesen Kreaturen und ihrem Schicksal ausging, hat meine Kindheit immer begleitet. Meine Neugier darauf, wie die Welt entstanden ist und was aus den Dinosauriern wurde, hat sich bis heute gehalten. Zum Glück habe ich großartige Eltern, die auf diese Neugier genau auf die Art und Weise reagiert haben, wie ich es mir nicht besser hätte wünschen können: Besuche in Museen, das Anschaffen von zahlreichen, wissenschaftlich fundierten Kinderbüchern und allein das Gefühl, ernst genommen zu werden, haben mich zu dem interessierten und immer wieder aufs Neue von allem Möglichen faszinierten Menschen gemacht, der ich auch mit fast 30 noch bin. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Thema Evolution und allen verwandten Bereiche, kindgerecht aufzuarbeiten und ich hätte es mehr als begrüßt, wenn zu meiner Grundschulzeit irgendeine dieser Möglichkeiten genutzt worden und nicht allein in der Hand meiner Eltern geblieben wären.

Illu:

Das im vergangenen Jahr begonnene "Evokids"-Projekt hat zum Ziel, Lehrkräfte und Eltern zu ermutigen, Kinder schon im Grundschulalter mit dem Wissen von der Evolution bekannt zu machen.

Der Gedanke, dass irgendeine Gottheit der Anfang von allem gewesen sein soll, wirkte auf mich schon als junges Mädchen ziemlich unglaubwürdig. Und wenn ich mich so zurück erinnere, gab es keinen tatsächlichen Moment, an dem diese Version irgendeine Relevanz für mich gehabt hätte. Ich weiß nicht, wie es bei meinen Klassenkameraden abgelaufen ist, aber sicherlich hatten nicht alle solche Eltern wie ich, die die Fragen ihrer Kinder nicht nur befriedigend, sondern auch möglichst verständlich und faktenbasiert beantworten wollten. Diese Kinder hatten quasi überhaupt keine Wahl, wenigstens in der Schule ihre Fragen loszuwerden und wenn ja, dann blieb ihnen meistens nur der Sachkunde- oder Religionsunterricht…. Denn letzteren gibt es schließlich in der Grundschule! Verstanden habe ich das Konzept Religionsunterricht allerdings damals schon nicht, weil der Inhalt dieser Stunden vor allem durch Bilder malen zu irgendwelchen Geschichten geprägt war. Quasi eine Art erweiterter Kunstunterricht mit besonders fantasievollem Bezug. Schädlich war das bestimmt nicht, aber weitergebracht hat es mich irgendwie auch nicht.

Eigentlich kenne ich auch kein Kind, das nicht von Natur aus neugierig wäre auf alles, was um es herum geschieht und dass die Fragen „Wo kommen wir her? Wieso ist die Erde, wie sie ist und wie hat sich alles entwickelt?“ dringend beantwortet haben möchte. All diese Fragen würden sich wunderbar spielerisch und anschaulich für Kinder aufbereiten lassen und könnten so eine wertvolle Basis gerade für Mädchen bieten, um das Interesse an Naturwissenschaften frühzeitig zu fördern. Das Thema Evolutionstheorie ist in meinen Augen viel zu spannend, als dass es keinen Zugang zu Grundschulklassenzimmer erhalten sollte. All die Vorgänge, die aus einem affenähnlichen Wesen einen Menschen von heute gemacht haben und auch die Gründe, wieso wir aussehen wie wir aussehen, können auf sehr vielen Ebenen helfen z.B. Vorurteile abzubauen. Wenn man bereits im frühen Kindheitsalter versteht, wieso manche Tiere im Norden größer sind als in südlicheren Gefilden und wieso Menschen unterschiedliche Hautfarben haben, kann sich das in vielfacher Weise positiv auf den späteren Erwachsenen auswirken. Die Möglichkeit, bereits als Kind naturwissenschaftliche Fakten in der Hand zu haben, die für es selbst und jeden Anderen nachvollziehbar dargelegt werden können, stärkt das kindliche Selbstbewusstsein und bietet ihm so ein Werkzeug, das ihm keiner mehr nehmen kann. Ein Kind wird weniger anfällig für Dogmen jeglicher Art und ist in der Lage durch kritisches Hinterfragen und Nachprüfen selbst zu entscheiden, was es für richtig hält. Das bedeutet nicht, dass ihm auf diese Weise die kindliche Neugier und Naivität genommen würden. Im Gegenteil. Selbst denken zu dürfen und sich dann auf eigene kindliche Forschungsreisen zu begeben, fördert die Neugier und macht Durst auf noch mehr Wissen.

Und in diesen Punkten gehe ich insbesondere von mir aus. Ich weiß genau, wie ich durch den Garten gewandert bin, unter jeden Stein geschaut habe und in den Sommerurlauben in Frankreich immer darauf hingefiebert habe, dass mein Papa uns alle nachts weckt, damit wir zusammen auf der Düne Sterne gucken konnten. Nicht mit dem Hintergedanken, dass all diese leuchtenden Punkte da oben einem Schöpfer entsprungen sind, sondern allein mit der puren Faszination dafür, dass das, was wir da oben sehen, eigentlich längst schon nicht mehr so aussieht, wie es für uns sichtbar ist. Diese Liebe für das Weltall hatte zur Folge, dass ich regelmäßig mit dem bebilderten Sternenatlas auf die Toilette gegangen bin und oft eine halbe Ewigkeit nicht mehr rausgekommen bin. Was hätte ich dafür gegeben, wenn wir in der Schule über all das und noch viel mehr von Anfang an gesprochen hätten. Immerhin hatte ich den Sternenatlas und heute einen Menschen an meiner Seite, der mit mir nachts Sterne gucken geht.

Foto: A. Platzek

Wäre mir frühzeitig nicht nur durch meine Eltern, sondern auch von Seiten der Schule die Chance gegeben worden sein, die Welt und ihren Werdegang zu verstehen, wäre ich vielleicht heute da, wo ich in den Tiefen meines Herzens immer sein wollte: bei der NASA. Ok – meine Mathe-Noten hätten nie ausgereicht. Aber eventuell hätte es mich motiviert, dass sie ausreichend geworden wären. Und dann hätte ICH für euch „Space Oddity“ aus dem Weltraum gesungen…