Direkt zum Inhalt

Die Welt steht immer noch auf dem Spiel

DruckversionEinem Freund senden
Ein Gastbeitrag von Muhammed Bilal-Shah*, Hessen.
Samstag, 23. August 2014

Seit zehn Tagen bin ich nun in Deutschland, einer völlig neuen Welt, einer völlig neuen Erfahrung. Ich schlendere durch die Straßen, beobachte Leute, teile Ideen mit ihnen. Meine Fröhlichkeit kennt keine Grenzen. Es ist ein Ort, an dem meine Stimme nicht an Regeln oder Bräuche der Religion und Kultur gebunden ist. Es ist ein Ort, an dem ich keine Angst habe zu denken. Für mich ist das der Himmel. Es sieht so aus, als hätte ich meine Freiheit wieder. Niemand erschreckt mehr mein Herz. Meine Augen können in Frieden schlafen. Meine Beine zittern nicht länger. Was könnte ich mir mehr wünschen? Ich bin frei von den Ketten der Verdorbenheit der Religion, der Boshaftigkeit der Propheten. Mein Leben ist nicht länger eingesperrt in der Obszönität des Jihads. Meine Worte sind frei von den Flüchen des Massakers der Seelen, die nicht an den Code der Religion glauben.

Aber sollte ich nun aufhören? Ich habe, was ich wollte. Sollte ich mich nicht mehr länger darum sorgen, was im Rest der Welt geschieht? Sollte ich nicht mehr an diese Seelen denken, deren Leben dem Elend von Himmel und Hölle ausgesetzt sind? Sollte ich nicht mehr denjenigen helfen, deren Geister eingesperrt sind, um andere zu töten wegen der betrügerischen Ehre eines gerissenen Propheten?

Manchmal, wenn ich alleine bin, kommen mir Gedanken in den Sinn. Es gibt viele Menschen auf dieser Welt, die uns zum Lakaien für ihren eigenen Vorteile und Begierde gemacht haben. Sie haben uns mit dem Charme ihrer Persönlichkeit ausgetrickst. Aber es gibt auch Menschen, die versuchen, anderen Menschen und der Menschheit auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Es gibt Menschen, die die Fehlgeleiteten mit Logik und Vernunft wieder auf den richtigen Weg führen. Es gibt Menschen, die ihr Leben Wahrheit und Gerechtigkeit opferten. Es gibt Menschen, die ihre eigenen Wünsche für eine bessere Zukunft anderer geopfert haben.

Seit kurzem lebt Muhammed Bilal-Shah in Deutschland. Statt nach einem Besuch an der Universität Erfurt im Rahmen eines deutsch-pakistanischen Austauschprogramms in sein Heimatland zurückzukehren, hat er Asyl beantragt. Sein Fehler: er hat ein islamkritisches Video erstellt. Obwohl er es nicht veröffentlicht hat, ist es religiösen Fundamentalisten in die Hände gefallen. In Pakistan wird er jetzt gesucht, dort droht ihm die Todesstrafe für Blasphemie. Aus der neuen Heimat schreibt der 21-jährige Atheist, welche Gedanken ihn bewegen.

Die Welt steht immer noch auf dem Spiel. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die vor Hunger sterben. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die ein elendiges Leben leben. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die sich nichts mehr wünschen als ein besseres Leben führen zu können. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die sich den Zugang zu Schulen und Universitäten nicht leisten können. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die nicht denselben Umfang an Freiheit haben wie der Rest der Welt. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die von der Brutalität der Religion unterdrückt werden. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, deren Freiheit durch religiöse Autoritäten geraubt wurde. Es gibt hunderte und tausende von Frauen, deren Rechte vor ihren eigenen Augen verfolgt werden. Es gibt hunderte und tausende von Menschen, die unsere Hilfe suchen.

Als ich in Pakistan war, stieß ich für gewöhnlich auf diese Art von Sätzen: Sage nichts über unsere Religion. Respektiere unseren Propheten. Lass die Dinge, wie sie sind.

Ich möchte die Welt fragen: Habe ich nicht das Recht mit anderen Menschen zu sprechen und ihnen die Fakten zu erzählen und sie dann das wählen zu lassen, was sie möchten? Habe ich nicht das Recht für die Frauen zu sprechen, die ihr ganzes Leben lang keine Erlaubnis haben, den Sonnenschein zu genießen? Habe ich nicht das Recht für diejenigen Mädchen zu sprechen, die im Namen und der Ehre der Religion getötet und gesteinigt werden? Habe ich nicht das Recht, mich für das Recht für eine bessere Bildung unserer Kinder einzusetzen? Habe ich nicht das Recht für diejenigen Männer zu sprechen, die im Namen der Religion versklavt sind? Habe ich nicht das Recht für diese Mütter zu sprechen, die zu Sexsklaven gemacht wurden? Habe ich nicht das Recht für die Schwestern zu sprechen, die dazu gezwungen werden, alte Männer zu heiraten und mit ihnen den Rest ihres Lebens verbringen zu müssen? Habe ich nicht das Recht für diese Töchter zu sprechen, denen es nicht erlaubt wird ohne die Einwilligung ihrer Väter oder Ehemänner einen Schritt aus ihrem Zuhause zu machen? Habe ich nicht das Recht ein besseres politisches und gesetzliches System zu plädieren? Habe ich nicht das Recht für meine Brüder zu sprechen, denen es nicht erlaubt ist, mit dem Rest der Welt mitzuhalten?

Wir alle sind uns einig, dass wir frei geboren werden. Freiheit ist unser Recht. Es ist unser Recht, dass wir die besten Ideen für diese Welt und für unsere Generation vorschlagen. Es ist unser Recht und unsere Pflicht, diese Welt zu einem besseren Ort zum Leben zu machen und so für andere zu hinterlassen. Es ist unser Recht, anderen auf jede mögliche Weise zu helfen.

Ich bin durch die Straßen geschlendert und dachte daran, dass ein Tag kommen wird, andem wir alle frei sein werden. Ein Tag wird kommen, an dem wir die Wahl haben das zu wählen, das uns gefällt. Ein Tag wird kommen, an dem es den Frauen dieser Welt erlaubt sein wird, dass sie den Weg in die Freiheit gehen dürfen. Ein Tag wird kommen, an dem alle frei sind von Unterdrückung und Brutalität, die ihnen im Namen der Religion aufgezwungen wurden. Ein Tag wird kommen, an dem es keine Grenzen mehr zwischen den Ländern geben wird. Ein Tag wird kommen, an dem alle Nationen dieser Welt in Frieden und Harmonie zusammen leben. Ein Tag wird kommen, an dem sich jeder als Mensch betrachtet und nicht in Muslim, Christ, Jude oder Hindu eingeteilt wird. Ein Tag wird kommen, an dem jeder die Vorzüge der Entwicklung genießen kann. Ein Tag wird kommen, an dem alle Kinder dieser Welt sich gegenseitig die Hand reichen, im Namen von Liebe, Friede und Menschlichkeit.

Ich kann es nicht warten, dass jemand anderes diesen Schritt für uns macht, für die Welt. Es liegt an uns, dass wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen. Und solange ich lebe, unabhängig davon, ob in Pakistan oder Deutschland. Ich werde den Menschen weiterhin die Wahrheit über Religion und Fakten erzählen. Ich werde ihnen sagen, dass sie Menschen sind und nichts weiter. Meine Freiheit ist mein Recht. Es ist jedermanns Recht, frei zu denken. Ich werde meine Stimme nicht für diese religiösen Monster senken, die nichts weiter wollen als ihren religiösen Imperialismus. Ich werde nicht aufhören zu schreiben für diese Monster, die nichts weiter wollen, als jedes menschliche Wesen zum Schweigen zu bringen, im Namen ihres eigenen Königreiches, im Namen von Religion.

Heute müssen wir uns alle die Hände reichen. Für einen besseren Ort, für eine bessere Welt für jeden von uns.

* Name von der Redaktion geändert. Übersetzung, Redaktion: Saskia Albarus, Arik Platzek