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Recht auf Sterbehilfe: Alles andere ist Anmaßung

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Nach den Interviews des scheidenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider und seiner Ehefrau Anne, ebenfalls Theologin, mit „ZEIT“ und „stern“ haben sich nun zwei Mitglieder der Synode der Evangelischen Kirche zu Wort gemeldet: Kerstin Griese und Hermann Gröhe.
Montag, 28. Juli 2014

Griese und Gröhe mögen sich die menschennahe, humane Einstellung der unter einer Krebserkrankung leidenden Theologin Anne Schneider nicht zu eigen machen, dass sie ihr „Ende aktiv gestalten kann in der Verantwortung vor Gott“ und dazu notfalls auch Suizidbeihilfe in Anspruch nehmen darf. Die von Nikolaus Schneider formulierte Position „beim Sterben jede Hilfe. Aber nicht zum Sterben“ betrachtet seine Frau als „Elfenbeinturm-Unterscheidung“.

Wenn Hermann Gröhe nun mahnt, nicht die „Selbsttötung zu einem Akt wahrer Freiheit zu verklären“, so ist das ein Spruch, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Keine ernsthafte Stimme in der Debatte versucht die Selbsttötung zu verklären, nicht einmal viel gescholtene Sterbehilfeorganisationen. Selbsttötung ist meist eine Kapitulation vor den Umständen, da gibt es keine große Freiheit mehr. Wenn das Leben nur noch Qual ist, reduziert sich die Freiheit auf wenig Alternativen.

Auch Gröhes Bedenken, dass „Selbsttötung als Alternative zu einer medizinischen Behandlung beworben wird“ gehört in das Reich der Sprüche. Die Frage nach der Selbsttötung stellt sich für den am Leben hängenden Menschen doch erst dann, wenn keine hilfreiche medizinische Behandlung mehr geboten wird.

Im Einzelfall sieht das auch Nikolaus Schneider: „Wenn Schmerzmittel nicht mehr wirken, dann geht Schmerzfreiheit vor Lebenszeit, das ist doch klar.“ Da ist für ihn verständlich, dass man im Einzelfall auch mal etwas lebensverkürzend arbeitet.

Für uns alle versucht Kerstin Griese ihr ethisch-theologisches Problem dadurch zu lösen, dass sie eine Erweiterung der terminalen Sedierung vorschlägt und Ärzten laut WELT ermöglichen will, „in Notlagen auch dann eine Lebensverkürzung herbeizuführen, wenn diese medizinisch nicht unvermeidlich ist“. Wo hört das dann auf?

Bündnis für Selbstbestimmung bis zum Lebensende Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat wiederholt gefordert, jede Form „organisierter“ Suizidhilfe zu verbieten. Ein im Februar 2014 aus Unionskreisen angekündigter Gesetzesentwurf sieht vor, sogar Suizidhilfe durch einzelne Ärzte strafbar zu machen. Gegen die Pläne hat sich ein Bündnis humanistischer Organisationen gebildet. Sie fordern, die derzeit geltende Straffreiheit der Suizidhilfe in keiner Weise einzuschränken. Zur laufenden Debatte hatte das Bündnis im März zehn Leitsätze vorgestellt: www.mein-ende-gehoert-mir.de

Die Anstrengungen für ein Verbot organisierter Suizidbeihilfe, das wird immer klarer, haben zum Kern, dass dem Menschen eine freie Entscheidung zur Selbsttötung nicht zugestanden wird. Hier geht es nicht um humane, den Menschen dienende Auslegung eines „Tötungsverbotes“, sondern offenbar um Glaubensfragen, die selbst in der Evangelischen Kirche stark umstritten sind. Damit darf es jeder Gläubige für sich halten wie er will, aber sie dürfen nicht zum Maßstab für eine staatliche, gar humane Gesetzgebung gemacht werden.

Wenn Menschen sich am Lebensende zum Suizid entschließen, müssen wir mit ihnen vielleicht darüber streiten, was sie unter Würde und unter lebenswert verstehen, vor allem müssen wir ihnen Beistand und Alternativen anbieten, falls es hier noch Möglichkeiten gibt. Aber zuletzt müssen wir ihnen die Freiheit zugestehen, selbst zu entscheiden. Alles andere ist Anmaßung.