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Die zwei Arten des Volksfeindes

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Ein politisch-literarischer Essay.
Dienstag, 18. März 2014
Illustration: Eliza does / Wikimedia Commons / CC0 1.0

Bild: Eliza does / Wikimedia Commons / CC0 1.0

Es ist ein beliebtes Theaterstück des sozialkritischen Naturalismus, das jährlich diverse deutsche Theaterhäuser in ihre Spielzeit aufnehmen: Ein Volks­feind (Nor­we­gisch: En Fol­ke­fiende) von Hen­rik Ibsen. Darum wollen wir ein­mal der Frage nachgehen, was über­haupt ein Volks­feind ist, wie man ihn heute poli­tisch und sozial klas­si­fi­zie­ren kann und dies lite­ra­risch und dra­ma­tur­gisch ver­ar­bei­tet wird.

Es gibt zwei Arten von Volks­fein­den: Einen tat­säch­li­chen und einen schein­ba­ren. Der Tat­säch­li­che wird meist erst im Nach­hin­ein ent­larvt – wenn über­haupt — und sel­ten als sol­cher ange­grif­fen. Der Schein­bare wird im öffent­li­chen Dis­kurs dif­fa­miert, bekämpft und poli­tisch verfolgt.

Um ihnen nachgehen zu können, muss sich aber zunächst einmal in einem Miniexkurs dem Begriff Volk definitorisch angenähert werden: Generell möchte man in westlichen Staaten von einem politisch-säkularen Volksbegriff ausgehen, einfach als Sammelbezeichnung für die frei und gleich Partizipierenden, wobei dann ein Volksfeind den politischen Interessen extrem diametral gegenüberstünden. Damit wäre in einem Staat, der sich als demokratisch suggeriert – independent davon, ob er faktisch demokratische Elemente aufweist oder es sich nur um eine pseudodemokratische, (totalitäre) Diktatur handelt –, die Vokabel Volksfeind auch synonym mit dem Terminus Staatsfeind zu verwenden, da ergo jemand, der dem Volk schadet, dem normativen Anspruch des Staates nach, auch dem demokratischen, staatlichen Gemeinwesen extrem schaden würde. Gleichzeitig ist aber der Volksbegriff auch sozioökonomisch und –kulturell konnotiert (ökonomisch als Folge enormer materieller Ungleichheiten und kulturell vor allem als Folge von Nationalismus und Religion). Demnach wären nur bestimmte, mehrheitliche und/oder hypermächtige Gruppen respektive Schichten Teil eines Volkes (etwa weiße, christliche Mittelständler als postulierte Durchschnittseuropäer), womit dann auch ein Feind dessen einfach nicht zu dieser „Volksgruppe“ gehört oder deren Interessen vermeintlich entgegenstünde. Mit diesen Fakten im Hinterkopf, können wir uns nun dem Unterschied zwischen scheinbaren und echten Volksfeind widmen.

Beispiel Edward Snowden

Der schein­bare Volks­feind lässt sich erneut in zwei Gat­tun­gen unter­tei­len: In den poli­ti­schen Agi­ta­tor und in die Mit­glie­der von diver­sen Mino­ri­tä­ten. Der schein­bare Volks­feind als poli­ti­scher Agi­ta­tor ist oft ein sol­cher, der etwas tut, was die bie­dere Com­munis Opinio oder die herr­schen­den Parts in Poli­tik und Gesell­schaft als Angriff auf das Kol­lek­tiv und den Wert­kon­ser­va­tis­mus inter­pre­tie­ren – seine Inten­tion ver­läuft jedoch meist zwi­schen einer moderaten Bes­se­rung und einer radi­kal­re­vo­lu­tio­nä­ren Ände­rung der poli­ti­schen und sozia­len Zustände, Kontexte und Sys­te­ma­ti­ken. Sobald er aber als Volks­feind dekla­riert und titu­liert wird, ist sein Ziel dahin, da er als soge­nann­ter Ver­rä­ter im Inne­ren der Gesell­schaft nichts mehr ver­bes­sern kann – im Gegen­teil, sein Wir­ken wird eher die bemän­gel­ten Zustände zementieren, wenn der öffentliche Diskurs ihn bereits pejorativ betrachtet und diabolisiert.

Ein rea­les, poli­ti­sches Bei­spiel eines schein­ba­ren, poli­tisch akti­ven Volks­fein­des ist Edward Snow­den: Er hat zwar die inter­na­tio­nale Spio­nage der USA per NSA in einem Akt von lebens­ge­fähr­li­cher und muti­ger Zivil­cou­rage offen gelegt und damit den Respekt zahl­rei­cher Euro­päer gewon­nen – die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen der USA sehen ihn aber als Vater­lands­ver­rä­ter, da er top-secret Geheim­dienst­scheiß von natio­na­lem Inter­esse publi­ziert hat. Dies ver­brei­ten sie in der gan­zen Welt und sind inner­halb der USA damit sogar erfolg­reich. Ein Held, ver­un­glimpft als Volks­feind! Die Spio­na­ge­af­färe ist zwar publik gewor­den, aber durch seine Sti­li­sie­rung zum Staats­feind, wird sein ille­ga­les — aber mora­lisch exem­pla­ri­sches — Ver­hal­ten auch als ille­gi­tim dar­ge­stellt und die glo­bale Über­wa­chung kann weit­ge­hend unge­hin­dert wei­ter gehen. Denn es gibt zwar poli­ti­sche Empö­rung – auch in sehr mode­ra­ter Weise durch die alte und neue deut­sche Bun­des­re­gie­rung -, aber die USA leh­nen es strikt ab, die Über­wa­chung de facto wirk­lich zu limitieren, zu minimieren oder gar zu been­den. Das hehre Ziel, die Über­wa­chung abzu­schaf­fen, ist misslungen.

Foto: © Thomas Langer / Stadttheater Fürth

Szene aus "Ein Volksfeind" am Stadttheater Fürth. Foto: © Thomas Langer

Ein lite­ra­ri­sches Bei­spiel ist natürlich der Prot­ago­nist Dr. Tho­mas Stock­mann, der Bade­arzt aus Ibsens Ein Volks­feind, der sich gegen die Mehr­heit der Gemeinde, die indus­tri­elle Was­ser­ver­seu­chung in sei­nem Bade­ort und damit spä­ter gegen den auf­ge­hetz­ten liberal-konservativen Kur­ort stellt, der gerne sei­nen Ruf, seinen Nimbus, primär aber sein Geld wah­ren möchte. Aus kor­rek­ten Grün­den der Gesund­heit und des Umwelt­schut­zes, nimmt er eine eben­falls cou­ra­gierte Kon­tra­po­si­tion ein, wie­der gegen die herr­schen­den Cli­quen – beste­hend aus loka­len Poli­ti­kern (per­so­ni­fi­ziert durch sei­nen Bru­der Peter Stock­mann), den Medien (per­so­ni­fi­ziert durch den Her­aus­ge­ber Aslak­sen) und dem regio­na­lem Indus­trie­ka­pi­tal (per­so­ni­fi­ziert durch Tho­mas Stock­manns Schwie­ger­va­ter Mor­ton Kiil). Auch Dr. Stock­mann wird als Feind der Gemeinde dar­ge­stellt, obwohl er zunächst nur reale, gesund­heits­ge­fähr­dende Miss­stände auf­deckt und sich erst gegen die libe­rale Mehr­heits­ge­sell­schaft als Gan­zes posi­tio­niert, als diese ihn öffentlich diabolisiert.

Auch Brecht hätte zum Volksfeind der DDR werden können

Ein wei­te­res lite­ra­ri­sches Bei­spiel für den schein­ba­ren, poli­tisch aber min­der akti­ven Volks­feind ist der Cha­rak­ter Wil­son Smith aus George Orwells Roman 1984, der vor allem in der NSA-Affäre von Feuille­to­nis­ten meist zu Recht rezi­piert wurde. Wil­son ent­schließt mit Julia zusam­men, dem Gro­ßen Bru­der zu ent­sa­gen, ohne frei­lich oppo­si­tio­nell aktiv zu wer­den – es han­delt sich schlicht um ein Gedan­ken­ver­bre­chen und uner­laub­ten Koitus; sie sind also nicht ein­mal aktive Staats­feinde oder Whist­leb­lo­wer, die man aus oppo­si­tio­nel­ler Sicht als Volks­hel­den dekla­rie­ren könnte. Er ent­larvt nur mit Julia im Stil­len einige Ver­bre­chen des tota­li­tä­ren Über­wa­chungs­staa­tes und gilt den­noch als Feind des Staa­tes und des Eng­li­schen Sozia­lis­mus´. Die Kon­se­quenz ist eine Gedan­ken­ma­ni­pu­la­tion und Fol­ter, bis Wil­son und Julia ein­an­der ent­sa­gen sowie verraten und ex animo ihre Liebe zum Gro­ßen Bru­der und damit dem ver­meint­lich schüt­zen­den Unrechts­staat beken­nen, der ihre Exis­tenz zernichtet.

Ein ande­res Bei­spiel, das aber poli­tisch und poe­tisch in sei­ner Dop­pel­mo­ral und Härte miss­lun­gen ist, wäre noch das Lehr­stück Die Maß­nahme vom gro­ßen Ber­tolt Brecht. Darin bele­gen einige Revo­lu­tio­näre einem Genos­sen, warum sein von Mit­leid und Nächs­ten­liebe gepräg­tes indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten schäd­lich für Revo­lu­tion und Gesell­schaft sei, da poli­ti­sches Agie­ren, vor allem in Zei­ten des Umstur­zes, nur mit Gewalt im Kol­lek­tiv der ver­meint­lich kaum fehl­ba­ren Par­tei ablau­fen könne. Die Folge ist die Hin­rich­tung des empa­thi­schen Genos­sen. Hier wurde er sogar unfrei­wil­lig – er sah sich als durch­aus kon­form und sozi­al­re­vo­lu­tio­när – zum Volks­feind, da er es gewagt hatte, aut­ark zu han­deln. Kein Wun­der, dass diese voll­kom­men miss­lun­gene Bot­schaft des Stü­ckes sowohl im damit als herz­los und bru­tal ent­larv­ten Sowjet­sys­tem als auch bei jeg­li­chen Kri­ti­kern des Sozia­lis­mus´ harsch kri­ti­siert wurde – Brecht hätte damit selbst zum schein­ba­ren Volks­feind in der DDR wer­den können.

Dem auf­de­cken­den, oppo­si­tio­nel­len schein­ba­ren Volks­feind wird ergo für gewöhn­lich der Scha­den zuge­schrie­ben, den das mehr oder weni­ger inten­dierte Agieren, Publi­zie­ren oder Offen­le­gen ver­ur­sacht, ob nun als Oppositionelle oder als unbewusst nonkonformer Akteur; dabei sind die Täter doch die, die sich beschwe­ren, da sie men­schen­rechts­wid­rig oder dumm agie­ren und jetzt die Kon­se­quen­zen tra­gen sollen.

Foto: Dirk Vorderstraße / CC BY 3.0

"Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein" – Guido Westerwelle, Februar 2010. Foto: Dirk Vorderstraße / CC BY 3.0

Ein schein­ba­rer Volks­feind kann natür­lich nicht nur ein akti­ver oder pas­si­ver Oppo­si­tio­nel­ler sein, son­dern – wie anfangs erwähnt — auch ein nicht­po­li­tisch Han­deln­der, aus einer Mino­ri­tät. Ein lite­ra­ri­sches Bei­spiel wäre die Insze­nie­rung des Anti­se­mi­tis­mus im Drama Andorra von Max Frisch, in dem der mut­maß­li­che Jude Andri eine Kli­max an ras­si­schen Dis­kri­mi­nie­run­gen durch­lau­fen muss bis zum Tode, ohne dass er etwas Fal­sches oder Oppo­si­tio­nel­les tat oder Jude gewe­sen wäre. Neben den eth­ni­schen, ras­si­schen und kul­tu­rel­len Mino­ri­tä­ten, kann es auch die sozia­len geben, die gerne zum Volks­feind sti­li­siert wer­den, nur weil sie in der Unter­zahl sind. So wie etwa die Wirt­schafts­krise der 1930er unkor­rekt einem ver­meint­li­chen inter­na­tio­na­len Finanz­ju­den­tum zuge­schrie­ben wurde, gilt heute oft das Pre­ka­riat als sozia­ler Sün­den­bock und öko­no­mi­scher Volks­feind, da es dem Sozi­al­staat zu viel Geld koste, was natür­lich aus­ge­rech­net von Tei­len der Ober­schicht und des maß­lo­sen Neo­li­be­ra­lis­mus – der die Finanz­krise erst ver­ur­sachte – moniert wurde. So diagnostizierte ja einst Guido Wes­ter­welle den Hartz-IV-Empfänger spätrömische Dekadenz, wäh­rend ein Teil der FDP-Klientel in Saus und Braus die Wirt­schaft rui­nierte. So zeigt auch das Pri­vat­fern­se­hen im Reality-TV täg­lich wie lebens­un­taug­lich und aso­zial Hartz-IV-Empfänger seien, indem sie fal­sche Ste­reo­ty­pen repro­du­zie­ren, den sozialen Diskurs vergiften und damit einen Volks­feind, da aso­zial und para­si­tär, künst­lich gene­rie­ren und amü­sie­ren sich dabei zu Tode. Wie die sozio­öko­no­mi­sche und –kul­tu­relle Unter­schicht zum Volks­fein­den und Sün­den­bock der Gesell­schaft sti­li­siert wird, wird lite­ra­risch unter ande­rem in mei­ner Kurz­ge­schich­ten­samm­lung Koitus mit der Meer­jung­frau, aber auch zuneh­mend von eini­gen Sozi­al­kri­ti­kern ver­ar­bei­tet. Ein sol­cher schein­ba­rer sozia­ler oder kul­tu­rel­ler Volks­feind, der natür­lich kei­ner ist, kann als Bau­ernop­fer der wah­ren Volks­feinde fun­gie­ren, die so von eige­ner Schuld ablen­ken, oder aus ideo­lo­gi­scher Ver­blen­dung entstehen.

Den scheinbaren vom echten Volksfeind unterscheiden

Strikt vom schein­ba­ren Volks­feind als Oppo­si­tio­nel­ler oder Teil der Mino­ri­tät zu sepa­rie­ren ist näm­lich der echte Volks­feind. Er ist der, der tat­säch­lich aus Ego­is­mus und –zen­trik gegen das Volk agiert. Damit sein Wir­ken der Majo­ri­tät des Vol­kes scha­den kann, muss sein Ein­fluss sehr groß sein, sprich, er ist meist unter den Rei­chen und Mäch­ti­gen zu suchen. Diese Kon­ne­xion ist zwar ein Trend, aber kei­nes­falls obli­ga­to­risch und schon gleich gar nicht ist jeder Wohl­ha­bende oder Poli­ti­ker auto­ma­tisch ein Volks­feind. Es kann sich dabei um ver­schie­dene Arten von feind­li­chen Akteu­ren han­deln: um jeman­dem, der in einer Gesell­schaft, die sozio­öko­no­misch extrem aus­ein­an­der­klafft in maß­lo­ser Deka­denz lebt, anstatt par­ti­ell die soziale Lage zu ver­bes­sern; um Kon­zerne, die aus Pro­fit­gier unsere Umwelt ver­nich­ten; um das orga­ni­sierte Ver­bre­chen, á la Mafia; um Poli­ti­ker, die im Namen des Vol­kes und der Menschenrechte Kriege erklä­ren, fol­tern, kor­rupt sind oder keine Basis­de­mo­kra­tie wol­len, weil der Bür­ger zu dumm sei, viel­mehr die Demo­kra­tie markt­kon­form sein müsse. All dies sind Volks­feinde, schlicht da sie dem Volk nach­hal­tig scha­den. Da diese Akteure jedoch einen gewis­sen Ein­fluss haben, wer­den sie nur sel­ten oder nicht in Gänze als Volks­feind ent­larvt oder zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen. Ein kon­kre­tes poli­ti­sches Bei­spiel: Der US-Präsident erwies sich durch sei­nen Ein­satz von Droh­nen und der glo­ba­len Über­wa­chung (trotz Frie­dens­no­bel­preis) sogar als Feind des Welt­vol­kes, des­sen uni­ver­selle Men­schen­rechte und –würde er igno­rierte und negierte, im Namen der natio­na­len Seku­ri­tät im War on Ter­ror. Aber nicht er wird dafür ver­hetzt, son­dern Snow­den, der kei­nen die­ser Men­schen­rechts­ver­stöße beging, son­dern sie nur entlarvte.

Lite­ra­risch kön­nen wir zu Ibsens Volks­feind zurück­keh­ren, in dem die fak­ti­schen Volks­feinde auch die sind, die im Namen des Vol­kes Dr. Stock­mann kri­ti­sie­ren und anpran­gern, da die loka­len wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen durch die Wahr­heit gefähr­det sind. Selbst die Mei­nung der von der Dem­ago­gie und finan­zi­el­len Befürch­tun­gen mani­pu­lier­ten Majo­ri­tät kann die Wahr­heit nicht per Dekret abschaf­fen, beweist uns das Drama! Wenn aus dem Rousseau´schen Volonté Générale des Vol­kes ein vom fak­ti­schen Volks­feind ver­un­glimpf­ter Volonté de Tous (also nicht am gemeinwohlorientierter Gesamtwille) wird, so kann das Volk schnell einen oppo­si­tio­nel­len Volks­hel­den als Volks­feind sehen.

Es ist Zeit, den perfiden Chiasmus umzudrehen

Wei­tere lite­ra­ri­sche Bei­spiele des fak­ti­schen Volks­fein­des fin­den wir erneut bei Brecht: In sei­nem Drama Der auf­halt­same Auf­stieg des Arturo Ui wird der Auf­stieg Hit­lers beleuch­tet und wie er sich, um die Macht zu ergat­tern und tota­li­tär zu sichern, Grup­pen als Volks­feinde dekla­riert, die ent­we­der oppo­si­tio­nell sind (in unse­rem Sinne wie­der Volks­hel­den) oder wie­der sogenannte ras­si­sche Min­der­hei­ten sind. Der wahre Feind ist damit natür­lich Arturo Ui, der dem­ago­gisch sowie popu­lis­tisch die Macht von natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten erhält und dann dem Volk als Dik­ta­tor nach­hal­tig scha­det und es unter­drückt sowie aus­dünnt. Wie bei Frischs Andorra wird ein ras­si­scher, nur schein­ba­rer Volks­feind künst­lich gene­riert, um die Volks­feind­schaft der Herr­schen­den zu sichern, ohne dass der schein­bare Volks­feind ein Dis­si­dent wäre. Dies deckt Brecht auch in Die Rund­köpfe und die Spitz­köpfe auf, des­sen Quint­es­senz, wie auch die eines Gros sei­ner Lyrik, bele­gen will, dass keine ver­meint­li­chen Ras­sen Feinde seien, son­dern dass der fak­ti­sche Volks­feind der Natio­na­lis­mus und der aus­beu­tende Kapi­ta­lis­mus seien.

Foto: Jastrow / Wikimedia Commons

Urban VIII., Skulptur von Gian Lorenzo Bernini. Foto: Jastrow / Wikimedia Commons

Auch anwen­den lässt sich Brechts Drama Das Leben des Gali­lei, das wie­der etwas Ibsens Stück ähnelt. Gali­leo Gali­lei deckt – in Anschluss an Koper­ni­kus — Wahr­hei­ten über das Son­nen­sys­tem auf und bringt so das theo­zen­tri­sche Welt­bild ins Wan­ken, mit sei­nen phy­si­ka­li­schen Erkennt­nis­sen. Papst Urban VIII., selbst ein Mathe­ma­ti­ker, sieht diese Tat­sa­chen ein, will sie aber, zwecks Macht­er­halts, ver­un­glimp­fen und bekämp­fen. Gali­lei gilt als Feind, wird dik­ta­to­risch zen­siert, obwohl er nur die wis­sen­schaft­li­che Wahr­heit belegt. Der fak­ti­sche Volks­feind ist die lügende katho­li­sche Kir­che, die ihr manipulatives Meinungsmonopol zementiert, nicht Gali­lei. Die­ses Stück zeigte dabei nicht nur diese ver­dreh­ten Ver­hält­nisse und die Ver­ant­wor­tung der Wis­sen­schaft im Ange­sicht der Atom­bom­ben­ab­würfe in Hiro­shima und Naga­saki, son­dern wurde spä­ter auch als impli­zite, aber zum Him­mel schrei­ende Kri­tik an der autoritär-repressiven DDR erkannt, etwa in ihrer Auf­füh­rung im Ber­li­ner Ensem­ble, unter Brechts Regie.

Hal­ten wir also fest: Die zwei Arten von Volks­fein­den sind Ant­ago­nis­ten, die dia­me­tral aus­ein­an­der­lau­fen. Der echte Volks­feind genießt meist Macht und Geld und han­delt aus Ego­is­mus, sprich, um Macht und Geld zu akkumulieren und zu multiplizieren, zum Scha­den des Vol­kes. Deckt dies der schein­bare Volks­feind mutig auf — ob er es nun als Whist­leb­lo­wer in die Welt schreit oder nur im klei­nen Kreis wie Wins­ton Smith —, dif­fa­miert der echte Volks­feind ihn erst, vernichtet ihn im öffentlichen Diskurs, und will die Wahr­heit ver­tu­schen oder er sucht sich aus einer Min­der­heit ein Bauernopfer als ande­ren schein­ba­ren Volks­feind. Viel­leicht ist es an der Zeit, die­sen per­ver­sen und per­fi­den Chi­as­mus umzu­dre­hen und der Wahr­heit, den Men­schen­rech­ten und der Zivil­cou­rage ihren legi­ti­men Platz einzuräumen.