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Ja zur humanistischen Beratung in der Bundeswehr!

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Eine Unterstützung von konfessionsfreien und nichtreligiösen Angehörigen der Bundeswehr lässt sich mit einer humanistischen Weltanschauung vereinbaren.
Freitag, 11. Oktober 2013
Foto: privat

Erkennungsmarke („Dog tag“) eines Angehörigen der US-Streitkräfte: Passen humanistische Ideen in militärische Organisationen – und falls ja, wie?

Laut Satzung ist es die Aufgabe des Humanistischen Verbandes Deutschlands in allen Bereichen unserer Gesellschaft konfessions- bzw. religionsfreien Menschen humanistische Bildungs- und Beratungsangebote zu machen.

Ziel ist es dabei immer, die Selbstbestimmungs- bzw. Autonomiefähigkeit des Einzelnen, seine Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme sowie seine ethisch-moralische Kompetenz zu stärken und dabei die Sinnfrage nicht aus dem Auge zu verlieren.

Unter dem Aspekt der Pluralität und Gleichbehandlung gilt dies auch für alle Bereiche des Staates, in denen die Kirchen entsprechende Angebote machen dürfen – ob in den Schulen oder in Senioreneinrichtungen, ob in Krankenhäusern, bei der Polizei oder in Gefängnissen – und eben auch in der Bundeswehr. Deshalb gehört der Einstieg in diese Arbeit mittlerweile auch zu den strategischen Zielen des HVD auf Bundesebene.

Internationale Position: Auf dem 18. Kongress der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union („World Humanist Congress“) im August 2011 sprach sich die Generalversammlung der IHEU dafür aus, dass eine humanistische Betreuung für nichtreligiöse Angehörige der Streitkräfte grundsätzlich möglich sein soll. In der Resolution heißt es unter anderem, dass die Verweigerung der Zulassung von humanistischen Beratern eine Verletzung der Menschenrechte nichtreligiöser Armeeangehöriger darstellt, sofern der Staat religiöse Seelsorge erlaubt. Die Resolution rief die Mitgliedsverbände dazu auf, sich deshalb gegen entsprechende Diskriminierungen in den Streitkräften einzusetzen. Online: IHEU resolution on the pastoral support of non-religious military personnel

Bei der Organisierung dieser Angebote sollte der HVD seine Entscheidung nicht davon abhängig machen, ob diese Institutionen besonders demokratisch sind oder nicht. So würden wir Lebenskunde sicherlich auch in einem autoritär geführten Gymnasium eines CSU-dominierten Landkreises in der bayerischen Provinz machen, wo Lernen nicht gerade unter besonders freien Bedingungen stattfinden mag. Und auch Gefängnisse sind ja nicht gerade die Quelle von Liberalität und Emanzipation. Unabhängig von jeder äußeren Struktur oder Funktion einer Einrichtung gilt es immer die o.g. humanistische Perspektive der Stärkung des Individuums in den Fokus zu nehmen.

Zweifelsohne ist die Situation des Humanistischen Verbandes in Deutschland, ganz im Unterschied zu der etwa in den Niederlande oder in Belgien, in dieser Frage mit einer schweren historischen Hypothek belastet: der verhängnisvollen Rolle der deutschen Militärseelsorge während des Faschismus‘, als christliche Pfarrer und Bischöfe willfährige Komplizen des Vernichtungskrieges der NS-Diktatur waren.

Mittlerweile aber leben wir in einer der stabilsten Demokratien Europas und der Welt und haben eine der progressivsten Verfassungen. So kennt das Grundgesetz z.B. nicht nur die Garantie des Eigentums sondern auch die Eigentumsverpflichtung (gegenüber der Gesellschaft) und erlaubt sogar Vergesellschaftung von Eigentum. D.h., die gesellschaftspolitischen Gestaltungsmöglichkeiten sind auf Grund der demokratischen Verfassung äußerst groß und reichen von einem neoliberalen Kapitalismus bis hin zu einer sozialistisch orientierten Republik. Und ähnlich breit und plural ist auch das politische Spektrum innerhalb der Mitgliedschaft des HVD. Die bindende weltanschauliche Kraft innerhalb unseres Verbandes sind die humanistischen Werte der Selbstbestimmung, der Verantwortung, des kritischen Denkens und der Weltlichkeit.

Jason Torpy, US-Soldat und Präsident der Military Association of Atheists & Freethinkers, stellte auf dem letzten IHEU-Kongress die Haltung der Humanisten in den Vereinigten Staaten dar. Foto: A. Platzek

Jason Torpy, US-Soldat und Präsident der Military Association of Atheists & Freethinkers, stellt auf dem letzten IHEU-Kongress die Haltung der Humanisten in den Vereinigten Staaten dar.

Gerade wegen der historischen Hypothek des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust verhält sich die Bundesrepublik Deutschland gerade auch in außen- und sicherheitspolitischen Fragen bekanntlich eher zurückhaltend (siehe z.B. das Nein zur Beteiligung am Irak-Krieg), was ihr immer wieder die Kritik so mancher Bündnispartner einbringt. Und selbst die Bundeswehr hat längst damit begonnen, etwa die NS-Verstrickungen ihrer ersten Generäle sowie frühen Namenspatronen von Kasernen aufzuarbeiten. Peinlichst wird heute darauf geachtet, z.B. Rechtsradikale von der Armee fernzuhalten.

Der reflektierende Soldat: Berufsethische Qualifizierung in der Bundeswehr und die Frage ihrer pluralistischen Öffnung. Diesen Themen widmet sich ein wissenschaftliches Kolloquium der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg am 18. Oktober 2013. Weiterführende Informationen auf www.humanismus.de

Perspektivisch wird die Rolle der Bundeswehr im Rahmen der NATO vor allem bei Einsätzen unter UNO-Mandat noch deutlich zunehmen. Dass es in der Vergangenheit (und wahrscheinlich auch in der Zukunft) auch zu Einsätzen ohne UN-Mandat kam bzw. kommen wird, kann man politisch kritisieren. Aber auch ein Einsatz unter UNO-Mandat kann aus einer bestimmten politischen Position innerhalb des HVD ebenfalls kritisch betrachtet werden. Genauso aber kann innerhalb des HVD die internationale Verantwortung der Bundeswehr begrüßt werden. Vergleichbar zu den o.g. breiten Gestaltungsmöglichkeiten des Grundgesetzes sind auch die gesellschaftspolitischen Optionen innerhalb des HVD.

Gänzlich unabhängig davon ist deshalb die Frage nach dem Angebot einer humanistischen Beratung für den einzelnen Soldaten zu beantworten, in deren Zentrum die eingangs genannten Ziele stehen – Stärkung der Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Verantwortung, Erhöhung der ethisch-moralischen Kompetenz, Beantwortung der Sinnfrage.