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Wolfgang Lüder - Liberaler und Humanist. Ein Nachruf

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Wolfgang Lüder ist am 19. August 2013 in seinem 76. Lebensjahr am Ende verschiedener Leiden gestorben. Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) und wohl die meisten, die ihn persönlich kannten, trauern um ihn. Ihr Mitgefühl gilt auch seiner Ehefrau, wie den Kindern und Enkelkindern.
Donnerstag, 12. September 2013
Wolfgang Lüder

Wolfgang Lüder (geb. 11. April 1937 in Celle; gest. 19. August 2013 in Berlin) | Foto: Evelin Frerk

Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum.
(Goethe, Vier Jahreszeiten)

„Tue recht und scheue niemand“ - unter dieses Lüdersche Familien-Motto hat Horst Groschopp, damaliger Bundesvorsitzender des HVD in 2007 eine ausführliche Würdigung von Wolfgang Lüder anlässlich dessen 70sten Geburtstag verfasst.

Eine andere Maxime: „Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum.“ hat Wolfgang Lüder seit seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin begleitet. Dorthin zog es den jungen Mann aus einem freiheitlichen Elternhaus in Celle, das seit Generationen Gasthaus war.

Wolfgang Lüder war immer ein in der Gesellschaft Engagierter und dabei immer ein Liberaler. Das zog sich von der Tätigkeit in der verfassten Studentenschaft bis in den Bundestag und in das Amt eines Bürgermeisters von Berlin. Dabei war er nie der Obrigkeit hörig. Für ihn umfassten die „Ideen der Freiheit, auf die sich der Liberalismus gründet, […] mit der Forderung nach Freiheit der Meinung und Freiheit des Denkens und Glaubens gerade auch die Freiheit, anders zu denken, anders zu glauben, anders zu meinen, als der jeweiligen Obrigkeit lieb und recht war.“ So schreibt er 2005 in seinem Beitrag Verfechter der Freiheit des Glaubens und der Weltanschauung zum Jubiläum des HVD Berlin.

Der nützliche Irrtum, der bequeme Weg war nicht seine Sache. An vielen Stellen ist zu sehen, dass er nicht ein Gestriger war aus bequemem Machtinteresse, sondern der ‚schädlichen Wahrheit’ hinterher sucht. Ende der 50er Jahre stemmt er sich gegen die atomare Aufrüstung in Ost und West, später gehört er zu den Wegbereitern einer neuen Ostpolitik, und wenn alle Kotau in Peking machen, ist ihm die parlamentarische Gesellschaft Berlin - Taipeh wichtig. 1993, als das wiedervereinte Deutschland zur Tagesordnung übergeht, ist er Mitbegründer der Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V, der er über viele Jahre, zuletzt bis zu seinem Tod als Vorstandsmitglied angehört. Wiedergutmachen von staatlichen Verbrechen in West und Ost liegt im am Herzen, Rechtsextremismus entgegenzutreten war ihm Bürgerpflicht.

Wie Friedrich Naumann lag ihm die soziale Verantwortung der Liberalen am Herzen. In den Freiburger Thesen der FDP half er sie zu verankern. Ihr Fehlen hat ihm am Ende seiner Partei entfremdet. Einfache Antworten, nützliche Irrtümer waren für ihn suspekt. „Alternativlose“ Entscheidungen, etwa unserer Kanzlerin, waren ihm eine klare Missachtung der Bürgerrechte, des Souverän.

Mit seinem Verständnis von Aufklärung und Liberalismus untrennbar verbunden war für Wolfgang Lüder auch der Humanismus, die Würde des Menschen und seine Selbstbestimmung. Kein Gott, kein Kaiser, kein,Tribun… Er war kein Kirchenkämpfer, aber er las den Kirchen die Leviten, wo sie versuchten, zusammen mit ihrer Politikerklientel, den Staat für sich und ihre Moral zu vereinnahmen. Da hielt er es so, wie Rudolf Virchow mit den katholischen Kräften: „So lange sie die katholischen Dogmen aufbauen im Bezug auf das Übersinnliche, haben wir mit ihnen nichts zu diskutieren … Aber wenn sie glauben, man dürfe das Gebiet des Glaubens auf das Sinnliche ausdehnen, auf die Dinge dieser Welt …, dann müssen wir ihnen entgegentreten auf dem Gebiet des Staates, auf dem Gebiet der Wissenschaft.“

Von der Gründung des HVD 1993 bis 2011 gehörte Wolfgang Lüder dessen Bundesvorstand an. In diesem Amt, ebenso als Mitglied des Berliner Landesvorstandes, hat er auf Basis seiner Lebenserfahrung und seiner politischen Kenntnisse segensreich für den Verband gewirkt. Seine schriftlichen Ausführungen zu verschiedenen Themen: Humanismus und Liberalismus, Staat und Kirche, 10 Gebote der Humanisten, Autonomie am Lebensende waren und sind lesenswert.

Befragt man Bundesvorstandsmitglieder des HVD aus verschiedenen „Legislaturperioden“ nach ihrer Meinung über Wolfgang Lüder, so bekommt man doch auch hier ein recht eindeutiges Bild:

Überzeugter Humanist, der seine Überzeugung auch gelebt hat - immer ansprechbar - immer sachlich - ein Gerechter - aufmerksam und konsequent - kein windiger Vogel, im Leben ordentlich sein Geld verdient - wirklichkeitsnaher Zugang zum Humanismus - viele Kontakte hergestellt - ruhig, besonnen, intelligent - unbezahlbarer Rat - warmherzig, politisch erfahren, nichts persönlich genommen - guter Stratege - menschlich angenehm - durch seine Person deutlich gemacht, dass der Verband weiter in die Gesellschaft hineinragen müsste - aufrecht und couragiert.

„Es irrt der Mensch, solang er strebt“, sagt Goethe im Faust. Auch Wolfgang Lüder hätte sich davon nicht ausgenommen. Doch am Ende seines Lebens wiegen die erkämpften Wahrheiten weit schwerer als die erlittenen Irrtümer. Und so hoffen wir, dass neue Humanisten seine Banner aufheben und weitertragen: „Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum“ und „Tue recht und scheue niemand“.