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Religion dient nicht bloß der Vermittlung allgemein gültiger Werte

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Es trifft zu und es ist eine Bereicherung, dass Religionen das soziale Miteinander stärken können. Wer Religionen ernst nimmt, kann sie jedoch nicht nur für die Vermittlung von Werten – und womöglich gar nur der eigenen Werte – in Dienst nehmen. Ein Kommentar zur zweiten Langen Nacht der Religionen in Berlin.
Sonntag, 1. September 2013

Am 17. August fand zum zweiten Mal die Lange Nacht der Religionen in Berlin statt, an der sich auch das Forum Offene Religionspolitik beteiligte. Der interreligiöse Initiativkreis der Langen Nacht hebt dabei im Programmheft das Gemeinsame der Religionen hervor. Einzelne Mitglieder des Initiativkreises werden in dem Heft mit kurzen Statements zitiert, weshalb sie sich für die Lange Nacht engagieren. Mehrere von ihnen betonen, die Begegnung sei vor allem deshalb wertvoll, weil sie die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen erkennen lasse.

Im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung zur Langen Nacht im Roten Rathaus stand die Frage, was Religionen für die Gesamtgesellschaft leisten können. So wurde das wachsende Bedürfnis der Menschen nach Orientierung angesprochen, auf das die Religionen Antworten bieten. Vor allem aber betonten die verschiedenen Redner_innen immer wieder: Religionen vermitteln Werte und können damit einen positiven und wichtigen Beitrag zum sozialen Miteinander leisten. Ein Podiumsteilnehmer veranschaulichte dies am Beispiel des Schutzes von Flüchtlingen: Es mache einen Unterschied, so erklärte er, ob wir den Umgang mit Flüchtlingen auf Lampedusa nur aus Menschenrechtsperspektive kritisieren, oder ob ein Papst dorthin reist und seine Solidarität mit den Flüchtlingen zeigt. Ihn, der kein Christ sei, habe Franziskus‘ Geste dennoch bewegt.

Foto: diesseits / A. Platzek

FOR-Gründer Sven Speer stellte am 17. August in Berlin vor rund 60 Gästen die „vier Säulen der Offenen Religionspolitik vor“.

Religion also als Trägerin und Vermittlerin von gemeinsamen Werten? Eine schöne Vorstellung. Doch ein Unbehagen bleibt: Während ich den Wortbeiträgen zuhöre, beginne ich mich zu fragen, ob diese Religion im Kern überhaupt ernst nehmen. Ich unterstelle damit keinerlei abwertende Absichten – wohl aber einen Denkfehler oder zumindest Ungenauigkeit. Denn wer gläubig ist, wird seine Werthaltungen aus seinem Glauben heraus begründen. Nicht allgemein gültige Werte stehen am Anfang, um die dann eine Religion herumgebaut wird, um diese zu verbreiten – sondern Religion ist der Glaube an eine letzte Wahrheit, aus der sich Werte für unser Zusammenleben erst im zweiten Schritt ableiten lassen.

Schon im nächsten Satz, den der Redner auf dem Podium hinzufügt, beginnt deutlich zu werden, warum die Frage nach Ursache und Folge entscheidend ist: Es gebe Themen, so der Sprecher, bei denen umgekehrt die Religionen einsehen müssten, dass die Gesellschaft schon weiter sei als sie, etwa bei der Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen. Hier müssten Religionsgemeinschaften bereit sein, sich anzupassen. „Weiter“? Nach wessen Maßstäben?

Der Aussage des Diskussionsteilnehmers liegt die Annahme zugrunde, es gebe (unabhängig von den verschiedenen Religionen) objektiv Richtiges und Falsches, Fort- und Rückschritt. Die Gleichstellung von Frauen und Homosexuellen sei dabei eine Entwicklung in die richtige Richtung. Was richtig und was falsch ist, ist jedoch keine übergreifende Konstante. Erst neulich hat mir ein Kommilitone mit theologischen Begründungen erklärt, dass für ihn als katholischen Christen die Gleichstellung von Homosexuellen ein Schritt in die falsche Richtung ist. Ich kann ihm darin nicht zustimmen. Wer daraufhin aber dem Christentum Rückständigkeit unterstellt – oder meinem Kommilitonen als Einzelnem, weil es auch christliche Positionierungen für eine Gleichstellung von Homosexuellen gibt – verkennt: Gemessen an dem, woran er als letzte Wahrheit glaubt, sind richtig und falsch anders verteilt. Und das ist für ihn genauso fundamental wahr, wie für mich, und vermutlich den Redner auf dem Podium, die Überzeugung, dass homosexuelle Partnerschaften genauso wertvoll und richtig sind wie heterosexuelle.

Wer alle Religionen für die Vermittlung übergreifender Werte in Dienst nimmt, stellt sich das Zusammenleben in Vielfalt kuscheliger vor, als es tatsächlich sein kann. Es gibt viele gemeinsame Werte, und es ist gut und richtig, daran anzuknüpfen und das Zusammenleben zu gestalten. (Auch eine Offene Religionspolitik kommt nicht ohne Werte aus.) Zugleich sind jedoch die Unterschiede so groß und grundlegend, dass wir, so lange wir unterschiedlich glauben oder nicht glauben, nie in jeder Hinsicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen werden. Sven Speer hat es einmal auf die Formel gebracht: „Wir werden nicht zusammen Kumbaya singen.”

Foto: diesseits / A. Platzek

Sven Speer, Melek Yildiz aus dem Vorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschlands und Ulf-Martin Schmidt, Pfarrer und Vorsitzender des Kirchenvorstands der Alt-Katholiken in Berlin. Es moderierte Alexander Fritsch, Vorsitzender des DJV Berlin-Brandenburg (2.v.r.)

Ist es aber nicht trotzdem legitim, anlässlich einer Langen Nacht der Religionen eher die Gemeinsamkeiten zu betonen? Das ist es durchaus. Ohne die Annahme, dass es bei aller Differenz auch Gemeinsames geben könnte oder man voneinander lernen könnte, wäre jeder Dialog der Weltanschauungen und Religionen vergebens.

Problematisch wird es, wenn ein Berliner Politiker in seinem Grußwort den Eindruck entstehen lässt, die Lange Nacht werde politisch unterstützt, weil Religionen einen Nutzen für die Gesellschaft als Ganze bringen, indem sie gemeinsam getragene Werte vermitteln. Es stellt sich die Frage: Und was ist mit Religionen, die kontroverse, nicht mehrheitsfähige Werte vermitteln? Solche, an denen die Mehrheit sich stößt, die sie nicht versteht, auch nicht gutheißt? Die zu tolerieren schwer fällt? Angenommen, es gäbe mehr Veranstaltungen im Rahmen der Langen Nacht, bei denen Religionsgemeinschaften betonten, worin sie sich vom gesellschaftlichen Mainstream unterscheiden: Stünde die Unterstützung der Politik dann immer noch offen?

Es ist nicht beliebig, mit welcher Begründung wir religiöse Vielfalt politisch wertschätzen. Wenn wir danach schauen, welche Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften die eigenen Werte und Vorstellungen vom guten Leben unterstützen, werden wir zwangsläufig diejenigen ausschließen, die dem nicht zustimmen können. Eine Offene Religionspolitik schaut nicht in erster Linie nach dem Nutzen von Glaubensrichtungen für die Gesellschaft (wie auch immer Nutzen zu definieren wäre). Eine Offene Religionspolitik geht von dem Recht des oder der Einzelnen aus, zu glauben, was sie oder er für wahr hält, und sich in Gemeinschaften mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Dieses Recht gilt auch dann noch (und ganz besonders dann), wenn es zu unterschiedlichen Wertvorstellungen und zu Konflikten kommt. Diese Konflikte müssen wir aushalten und nach Wegen suchen, wie wir dennoch miteinander leben können, ohne einander die Köpfe einzuschlagen. Das geht nur, wenn zumindest das friedliche Zusammenleben als gemeinsames Ziel von allen mitgetragen wird. Insofern ist auch eine Offene Religionspolitik nicht wertfrei. Aber sie steckt die Grenzen des Möglichen weiter als andere Ansätze – und damit den Freiraum, innerhalb dessen Menschen denken, glauben, miteinander streiten, Gemeinsamkeiten finden, nebeneinanderher leben oder voneinander lernen dürfen. Das alles ist zulässig: nicht, weil es das Zusammenleben einfacher macht, sondern weil das Anderssein unser aller gutes Recht ist.