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Soldaten flechten keine Freundschaftsbändchen! - Ein Kontra

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Eine Gegenrede zu Ralf Schöppners Plädoyer, der Humanistische Verband möge sich am Lebenskundlichen Unterricht für Bundeswehrsoldaten beteiligen.
Mittwoch, 21. August 2013
Bundeswehr G36

G36-Soldaten der Bundeswehr im Einsatz in Bosnien-Herzegowina | Foto: DefenseImagery.mil, VIRIN 020424-F-2326L-006 via wikipedia commons

Im Elfenbeinturm mag man sich mit Scholastikern Debatten über „die Gewalt“ liefern, vielleicht ist man sich auch einig. Der praktische Humanismus muss sich aber fragen, ob er in dieser Welt in der deutschen Bundeswehr institutionalisiert mitarbeiten möchte. Ralf Schöppner hatte dies in der Ausgabe 2-2013 vorgeschlagen.

Die Bundeswehr ist eine Freiwilligenarmee, die seit 1999 in unzähligen Kampfeinsätzen, völlig losgelöst von den Aufgaben der Landesverteidigung, eingesetzt wird. Auch im Landesinneren sind Einsätze eine Selbstverständlichkeit. Nach jahrelanger Vernachlässigung des Umweltschutzes und der zivilen Notfallvorsorge ruft man bei Hochwasser „unsere Jungs“, damit sie mit ihrer Ausrüstung, für die immer genügend Mittel bereitstehen, helfen. Die Bevölkerung soll an das Bild von Soldaten im Inneren gewöhnt werden.

Im letzten Jahr machte das Bundesverfassungsgericht den Weg frei für Kampfeinsätze innerhalb der Bundesrepublik zur Niederschlagung von Unruhen. In Kampfdörfern trainiert man dies bereits. Ich bin beunruhigt. Die Entscheidung, das Töten zum Beruf zu machen, ist individuell. Die politische Entscheidung zum Einsatz der Bundeswehr ist es nicht. Sie folgt unübersehbar wirtschaftlichen Interessen.

Der Lebenskundliche Unterricht dient der Ausbildung der Soldaten, er ist somit eine kriegsvorbereitende Maßnahme. Es handelt sich nicht um Seelsorge. Warum sollen wir institutionalisiert mitarbeiten? Da will wohl jemand an die Fleischtöpfe! Wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann, dass sich niemand herausreden darf mit „Ich habe doch nur Befehle befolgt“, „Ich habe doch nur einen Schalter umgelegt“ oder „Ich habe doch nur über Freundschaftsbändchen und das Gewissen parliert“.

Müssen wir ausgerechnet im Kriegsapparat dieses Staates wirken, der uns sonst offenkundig ausgrenzt? Nur weil die Kirchen es machen? Ein trauriges Argument. Ich sehe uns als Humanisten an der Seite der Menschen. Helfen wir kriegstraumatisierten Kindern aus den Einsatzgebieten der Bundeswehr! Forschen wir lieber über Möglichkeiten ziviler Konfliktlösung, über die exorbitanten Profite der Kriegsindustrie oder über die Großaufträge nach der kriegerischen Verwüstung eines Staates!

Krieg ist laut Brockhaus die „gewaltsame Austragung von Streitigkeiten zwischen den Staaten“. Jeder Versuch, ihn auf die individuelle Gewissensentscheidung von Einzelnen zurückzuführen, ist verwerflich. Staaten sind Körperschaften mit verschiedensten Organen und Gremien. Sie agieren rational in dem Sinne, dass sie nach erklärbaren (nicht unbedingt zu billigenden) Motiven handeln. Primitive Personalisierung à la „der Irre aus Pjöngjang“, der „böse Judenhasser aus Teheran“ etc., die man leider nur mit Gewalt stoppen könne, sind gefährliche Verschleierungen. (Ich möchte dem Drohnen-Attentäter aus Washington dabei nicht folgen.)

Falls sich bei einem Soldaten das Gewissen regt, stehe ich ihm als Humanist jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung. Ich weiß, was ich ihm sagen werde. Wirf die Waffe nieder! Höre auf dein Gewissen! Es regt sich nicht grundlos! Du siehst das Leid des Krieges und deiner Opfer, du leidest selbst. Für wen tust du es dann? Ich zähle dir die sicheren Profiteure jedes Krieges auf. Für welches höhere Ziel kämpfst aber du? Die „Freiheit“? Das glaubt nicht mal der oberste Bundes-Gauckler. Es ist nicht meine Aufgabe, dir neben dem christlichen Segen auch humanistische Absolution zu erteilen. Ich helfe dir nicht, das Erlebte „zu verarbeiten“, um dich fit zu machen für den nächsten Einsatz. Lass uns das Band der Freundschaft knüpfen mit den Völkern dieser Welt! Frieden schaffen ohne Waffen!