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Der Argentinier in Lateinamerika: ein Nichtereignis?

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Ein guter Teil der Reaktionen deutscher Medien auf Franziskus in Lateinamerika übersieht etwas – Anmerkungen zum Umgang mit dem neuen Papst der katholischen Kirche.
Montag, 5. August 2013

Als Angehöriger der Generation des Kalten Krieges erinnere ich mich noch an die Zeit, in der es weltweit klare Fronten gab – politisch ebenso wie weltanschaulich: „Freedom and democracy“ gegen „Sowjetmacht und sozialistischer Übergang“. Und alles andere war sekundär, zumeist klar der einen oder der anderen Seite zugeordnet – also etwa das Christentum dem „freien Westen“ und der Atheismus der „Volksdemokratie“.

Seitdem haben wir – mit den Worten von Jürgen Habermas – eine „neue Unübersichtlichkeit“ zur Kenntnis nehmen müssen: Dem „Realsozialismus“ konnten nur noch wenige seine behauptete historische Perspektive weiter glauben und aus Unterdrückung zum Zwecke der historischen Befreiung der Menschheit wurde einfach nur Unterdrückung; und der „freie Westen“ gewann der „Systemwettbewerb“ ohne große Überzeugung, gleichsam resignativ – im Sinne von Churchills fast schon zynischem Statement über das „am wenigsten schlechte“ der schlechten Systeme. Einige führende Intellektuellen versuchten demgegenüber zunächst einmal, ihre „kulturrevolutionären“ Perspektiven dadurch zu wahren, dass sie den „Realsozialismus“ als bloßen „Revisionismus“ entlarvten, um ihm eine auf die Entwicklung in China bauende Perspektive der gereinigten Revolution entgegen zu halten. Als auch dies mit der chinesischen Kulturrevolution gescheitert war, entdeckten sie dann die radikale christliche These der Erbsünde wieder, die dem bloß konstatierenden Churchill-Wort die Weihe einer weltanschaulich begründeten Notwendigkeit gab. Dieser Intellektuellen-Schwenk – und nicht etwa wirkliche Veränderungen im Sinne einer neuen Religiosität der „Massen“ in Westeuropa – wurde dann zu Grundlage des feuilletonistischen Geredes von der „Rückkehr der Religionen“.

Der polnische Papst Karol Wojtyla und der deutsche Papst Joseph Ratzinger, also Johannes Paul II. und Benedikt XVI., haben noch an diese Konstellation anknüpfen können und haben an sie auch angeknüpft – und die katholische Kirche mit der Siegerseite im Kalten Krieg identifiziert, allerdings mit zunehmend begrenzten Erfolgen. Selbst für schlichte Gemüter war schon bald nicht mehr nachvollziehbar, warum „das Christentum“ – und schon gar nicht dessen sehr spezielle und keineswegs „allumfassende“, wie es ihr Name in Anspruch nimmt, Ausprägung in der katholischen Kirche – historisch „gewonnen“ haben sollte. Zumal bald klar war, dass mit dem Fall der Mauer, dem Zerfall des „Warschauer Paktes“ und der Auflösung der Sowjetunion keineswegs etwa das „Ende der Geschichte“ gekommen war, sondern ganz neue Fragen zu lösen, umstritten und umkämpft waren, ohne dass sich dabei vergleichbar klare Fronten herausbildeten.

Paradoxerweise hat die vielbeschworene „Globalisierung“ keineswegs dazu geführt, dass nun alle wichtigen Fragen immer gleich weltweit zur Entscheidung stünden. Die neue „Unternehmensphilosophie“ von McDonalds, in China andere „Burger“ anzubieten als in den USA, in Deutschland oder Italien exemplifiziert eine Unterschiedlichkeit und Ungleichzeitigkeit – welche bis in die angeblich „weltweiten“ Finanzmärkte hineinreicht. Sicherlich gibt es – wie die erklärten Präferenzen der US-Geheimdienste es zeigen – irgendwie immer noch einen „angelsächsisch“ definierten „inneren Kreis“ (aus den USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland bestehend); aber es gibt eben auch noch ganz andere Kreise, die nicht einfach im Verhältnis dazu als „äußere Kreise“ begriffen werden können. Lateinamerika, richtiger Ibero-Amerika, ist offensichtlich einer davon.

Foto: Semilla Luz / Flickr / CC-BY-SA

Franziskus beim katholischen Weltjugendtag in Rio de Janeiro: Der Papst kann zu einer Debatte, wie wir als Menschen leben wollen, eigentlich gar nichts beitragen. Foto: Semilla Luz / Flickr / CC-BY-SA

Die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio ist daher als ein Versuch der katholischen Kirche zu begreifen, sich auf diese neue Weltlage einzurichten – und in einem dieser, sich eigene Dynamiken entwickelnden, Kreise einen zumindest symbolischen Schwerpunkt zu setzen. Zumindest in den ersten Schritten scheint das auch zu funktionieren, wie das Auftreten des neuen Franziskus in Brasilien gezeigt hat. Und es hat den Nebeneffekt einer – für manche Zeitgenossen verwirrenden – Ungleichzeitigkeit: Denn ein argentinischer Rechtskonservativer ist eben anders – scheinbar sehr viel „moderner“ und auch „linker“ – drauf als ein westeuropäischer – und schon gar als einer, der sich im vatikanischen Kirchenapparat hochgedient hat. Und das führt dann auch schon einmal zu erstaunlichen Schulterschlüssen: Wenn etwa der ebenfalls lateinamerikanische Befreiungstheologe Leonardo Boff den Papst eigentlich nur dafür lobt, dass er eben auf lateinamerikanische Weise an die Dinge herangeht.

Ich denke nicht, dass dieser symbolische Akt deswegen auch schon die kirchlichen Apparate (d.h. den Vatikan, die Nationalkirchen und die „Orden“) und die „Laienbewegungen“ weltweit auf den Weg einer Neuausrichtung oder gar einer strukturellen Veränderung gebracht hat. Dagegen spricht zum einen die empirische Beobachtung, dass seit den Aufbrüchen der 1960er und 1970er Jahre auch in den Kirchen die Erneuerungsbewegungen abgeflaut sind bzw. gespalten, unterdrückt und marginalisiert werden konnten – und zum anderen auch die theoretische Einsicht in die Grenzen, denen es unterliegen muss, in einem weltanschaulichen System, dessen zentrale Gedanken die Notwendigkeit der Unterwerfung unter eine höhere Macht und die wesenhafte Mangelhaftigkeit der Menschen als Menschen sind.

Denn das ist doch ganz gewiss: Papst Franziskus wird es – bei allem sozial sensiblen Pragmatismus – nicht im Traum einfallen, wirklich diesseitig zu denken und zu handeln. Er vertritt weiterhin eine mächtige Institution mit dem Anspruch auf ein Monopol auf das „Seelenheil“. Franziskus will bzw. kann zu einer wirklich im Hier und Jetzt zu führenden Debatte, wie wir als Menschen leben wollen und vielleicht auch sollten, eigentlich gar nichts beitragen: Denn er gehört ohne jeden Zweifel zu denjenigen, welche dogmatisch und debattenunfähig die Antwort vertreten, dass es dabei um ein von höheren Mächten zu definierendes „Seelenheil“ gehe – und nicht etwa um Glück, Menschenpflicht, „Selbstverwirklichung“ oder auch ein „gutes Leben“. Dazu hat er als praktischer Theologe eigentlich nichts zu sagen – und das sollten wir im Kopf behalten, wenn er einmal wieder etwas banal Richtiges sagt.