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Atheist sein oder nicht sein. Was war noch gleich die Frage?

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Eine wachsende Zahl Atheisten läutet den Untergang der Religionen und die Ära des neuen aufgeklärten Menschen ein. Doch es gibt auch vereinzelte Stimmen, die dem Atheismus eine weniger rosige Zukunft voraussagen. Zu unattraktiv ist die Gottlosigkeit als Alternative zur Religion. Ein Kommentar.
Dienstag, 28. Mai 2013

Und damit wären wir auch schon beim Problem. Atheismus ist keine Alternative zu irgendwas. Der Begriff des Atheismus definiert sich über etwas, das es nicht gibt und wäre damit eigentlich obsolet, wenn wir nicht in einer Welt leben würden, in der sich die Idee des Übernatürlichen und dessen Institutionalisierung so fest mit unseren Gesellschaftsstrukturen verwoben hätte.

Foto: Reiner Pfisterer

„Auf sehr lange Zeit wird der Atheismus keine guten Karten haben“, sagte der Journalist und Buchautor Peter Henkel im Gespräch mit »diesseits«. Foto: Reiner Pfisterer

An etwas nicht zu glauben, sagt erstmal wenig über einen Menschen aus und damit hat die Behauptung, dass Atheismus der Religion auf Dauer nicht das Wasser reichen könne, soviel Informationsgehalt wie die Aussage, dass es sich auf Einhörnern schlecht reiten lässt.

Wenn man sich jetzt noch weiter aus dem Fenster lehnen will, könnte man sogar behaupten, dass Religion als solches eigentlich auch keine handfeste Sache ist, die man mit irgendwas vergleichen oder gar ersetzen könnte, sondern nur eine Manifestierung menschlicher Grundbedürfnisse. Dass sich diese menschlichen Grundbedürfnisse ausgerechnet um übernatürliche Wesen drumherum manifestieren mussten, mit denen man vom T-Shirt bis zur flächendeckenden ethnischen Säuberung so ziemlich alles verkaufen kann, ist jetzt natürlich blöd. Aber in Zeiten in denen uns die Evolution in einem Akt kreativer Grausamkeit mit einer ganz besonders ausgefeilten Mutation bedacht hat, die heute einem kleinen Teil der Weltbevölkerung als "Bewusstsein" bekannt ist, machte es Sinn, sich mit Hilfe des Übernatürlichen eine unerklärliche und beängstigende Welt erklärbar und ein bisschen weniger beängstigend zu machen.

Darin sind Menschen gut. Wir haben nicht zwingend die Affinität zum Übernatürlichen, sondern vor allem die Tendenz Dinge zu vereinfachen, komplexe Realitäten herunterzubrechen und für uns nutzbar zu machen. Geistige Verdauung sozusagen, mit all den Vor- und Nachteilen, die Verdauung nun mal mit sich bringt. Wir sind in der Lage Zusammenhänge und Ursachen zu sehen – manchmal auch dort wo keine sind. Mit dieser Fähigkeit können wir Dinge begreifen, die eigentlich nicht zu begreifen sind: unsere Existenz, Quantenmechanik, Musik. Dass wir jetzt glauben auf Käsetoast und Satellitenbildern vom Mars Gesichter zu erkennen, ist eine unschöne Begleiterscheinung. Doch lieber die Schemen eines Säbelzahntigers im frühzeitlichen Urwald einmal zu viel gesehen, als zu wenig. Und lieber an einen Gott geglaubt, der es nicht gut findet, wenn man dem Nachbarn die Rüben klaut, als die Rübe des Nachbarn völlig unreflektiert einzuschlagen.

Nun wäre auch der urzeitlichste Mensch irgendwann auf die Idee gekommen, dass er selbst auch davon profitiert, wenn er mit dem Höhlennachbarn auskommt, auch ohne erhobenem göttlichen Zeigefinger und der Aussicht auf ewige Verdammnis. Und genauso bin ich davon überzeugt, dass wir sinnvolle Alternativen finden zum Angebot der Kirchen, das seit Jahrhundert Bedürfnisse bedient, die mit dem Glauben an Gott, nur peripher etwas zu tun haben. Die ersten säkularen „Gottesdienste“ gibt es schon, zusammen mit sakral anmutender Musik, für diejenigen, die vor allem der Chöre und Malereien wegen in die Kirche gehen. Singen, in sich kehren und mit Gleichgesinnten zusammenkommen ist nichts, was man nicht auch außerhalb einer Konfession feierlich begehen könnte. Auch gemeinnützige Arbeit ist ohne Aussicht auf einen Logenplatz im Jenseits eine attraktive Sache.

Doch allein die Tatsache, dass Menschen unabhängig voneinander und an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten auf die Idee kamen, dass die Welt von Gottheiten geschaffen und mehr oder weniger pflichtbewusst am Laufen gehalten werden muss, ist für manche ein Gottesbeweis an sich. Auch Atheisten ergeben sich dieser Gegebenheit als unabdingbare Natur des menschlichen Geistes. Manch einer geht sogar so weit zu behaupten, dass es eine bestimmte Kategorie Mensch gibt, die das Jenseits braucht um irgendwie mit dem Diesseits fertig zu werden. Bei diesen Menschen handelt es sich – wie sollte es auch anders sein – natürlich um die Bevölkerungsgruppen, die nicht über das kognitive Werkzeug oder die entsprechende Bildung verfügen, sich auch ohne Hokuspokus einen Reim auf ihr irdisches Dasein und all die Überraschungen und Unannehmlichkeiten, die damit einhergehen, zu machen. Als Allergikerin gegen elitäres Kolonialgehabe, juckt mir dabei ein bisschen die Nase. Bräuchten solche Menschen nicht eher Bildung und soziale Sicherheit um überhaupt die Chance zu haben, sich den Luxus einer gleichberechtigten Beziehung mit der Realität leisten zu können?

Christopher Hitchens. Montage: Wikimedia Commons / CC-BY-SA

Christopher Hitchens. Montage: Wikimedia Commons / CC-BY-SA

Das Ergebnis dieses ersten Versuchs hat ausgedient. Das möchte ich zumindest glauben. Und mit diesem Glauben bin ich vermutlich auch nicht viel besser als die Menschen, die ihr Schicksal in die Hände von Göttern, Geistern, Homöopathen und der Jury von Deutschland sucht den Superstar legen, denn es ist eine zu einfache Antwort auf eine schlecht gestellte Frage.

Religion mit Atheismus zu ersetzen ist so möglich wie Division durch Null und mindestens genauso sinnvoll. Aber wenn man bedenkt wie zäh und unkaputtbar dieses Nicht-Konzept ist – selbst an Orten und zu Zeiten, in denen die verrückte Idee, dass es etwas nicht gibt, schon mal hässlich enden konnte – ist es nicht sehr hilfreich, den Atheismus totzusagen, noch bevor selbst in führenden Industrienationen alle mitgekriegt haben, dass das überhaupt eine Option ist. Hört man vielleicht Mathematiker sich darüber beschweren, dass man nicht durch Null teilen kann? Nein, sie dividieren eben fröhlich mit anderen Zahlen herum.

Die Frage ist also nicht, ob man Religion aus unserer Gesellschaft herauskürzen kann, sondern womit. Dabei wird die Schwierigkeit nicht sein, Tradition und Rituale der Religion zu ersetzen, schließlich gibt es auch ohne antike Totenkulte Grund zu feiern und ein paar Tage im Jahr mal nicht zu arbeiten, sondern unser Hang zu Obrigkeitshörigkeit und Abkürzungen auf dem Weg zur Erkenntnis.

Aus jemandem, der sich von Gott und Kirche abkehrt wird nicht automatisch ein aufgeklärter, autonomer Mensch. Im ungünstigsten Fall findet auch ein Atheist einfach den nächsten Götzen, dem er sein Geld und sein begrenzte Lebenszeit als Opfer darbringen kann: dem Job, der Bikinifigur, der Meinung zu Weltpolitik und Wetter.

Wir sind darauf konditioniert uns eine Identität zuzulegen und sie um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Wir sind unsere Nationalität, unsere Einkommensklasse, unser Auto, Fan und Konsument von irgendwas. Religion ist in seiner schlechtesten Form nur weiteres Futter für dieses nimmersatte Ego. Sie erschafft eine künstliche Identität, die ein Spektrum hat das so hell und so finster ist, wie die menschliche Psyche. Man kann es der Religion nur bedingt vorwerfen, dass Menschen losziehen und sich in belebten Fußgängerzonen in die Luft sprengen oder von einer göttlichen Inspiration getrieben an anderer Leute Genitalien herumschneiden. Genauso wenig kann man erwarten, dass das Fehlen eines Glaubens diese grausige Realität plötzlich wieder kuschelig macht. Dennoch kann man viel dazu beitragen, dass sich Menschen nicht nur aus ihrer Abhängigkeit von Heilslehren lösen, sondern die freigesetzten geistigen Kräfte dann auch sinnvoll einsetzen und nicht vom Regen in die Traufe, bzw. vom Taufbecken in die homöopathische Bachblütenlösung fallen.

Montage: Wikimedia Commons / CC-BY-SA

Daniel Dennett. Montage: Wikimedia Commons / CC-BY-SA