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Religionsunterricht in Niedersachsen: Kirchenrechtler warnt vor Kulturkampf

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Im Vorfeld der Landtagswahl in Niedersachsen hatten vor allem die Grünen intensiv darüber diskutiert, wie die derzeitige Praxis des Religionsunterrichts verändert werden muss, um der wachsenden religiösen und weltanschaulichen Pluralität in der Gesellschaft gerecht zu werden.
Freitag, 8. März 2013

In ihrem Wahlprogramm heißt es entsprechend: „Unabhängig von der Zugehörigkeit zu religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften wollen wir einen gemeinsamen Unterricht aller SchülerInnen im Fach „Religionen und Weltanschauungen“ als Pflichtfach in der Stundentafel verankern. (…) Daneben soll es konfessionsgebundenen Religionsunterricht weiterhin als Wahlpflichtfach geben.“

Aus dem Programm der Grünen für die Landtagswahl 2013 „Vielfalt lernen und leben Gemeinsam geteilte Werte sind die Basis für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Unabhängig von der Zugehörigkeit zu religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften wollen wir einen gemeinsamen Unterricht aller SchülerInnen im Fach „Religionen und Weltanschauungen“ als Pflichtfach in der Stundentafel verankern. Wir GRÜNE wollen den Bildungsauftrag im Schulgesetz säkular formulieren. Damit wollen wir allen SchülerInnen die Möglichkeit eröffnen, im gemeinsamen Unterricht Weltanschauungen und religiöse Orientierungen kennenzulernen und mehr Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen zu entwickeln. Damit qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen, wird das Fächerangebot in der LehrerInnenaus- und -weiterbildung entsprechend erweitert. Daneben soll es konfessionsgebundenen Religionsunterricht weiterhin als Wahlpflichtfach geben. Diesen Unterricht sollen SchülerInnen unabhängig von ihrer Konfession, je nach Interesse für eine Religion oder Konfession, besuchen können.“

Diese Bewegung in der Landespolitik im Bereich des Religionsunterrichts scheint bei der Evangelischen Kirche bereits hohe Wellen zu schlagen. So warnte der Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Hans Michael Heinig, in einer Diskussionsveranstaltung in Hannover davor, den Religionsunterricht – genauer gesagt, die Unterweisung in der eigenen Konfession – durch ein „bekenntnisfreies Fach“ wie LER – Lebensgestaltung, Ethik und Religionskunde - zu ersetzen. Seine polemische Behauptung „Wer von Religion keine Ahnung hat, glaubt am Ende alles“ ist dabei genauso unhaltbar wie der Satz „Wer von Religion Ahnung hat, fällt vom Glauben ab“. Solche Pauschalurteile, die allenfalls als Lehrbeispiele für Argumentationsübungen mit Schülern taugen, lassen sich bereits durch ein einziges aus dem überreichlichen Angebot von Gegenbeispielen widerlegen. Auch eine nur oberflächliche Kenntnisnahme der Lehrpläne von LER erweist Heinigs Bemerkung, dort würden hauptsächlich „atheistische Werte“ und „vulgärreligiöse“ Ansichten“ vermittelt, ebenfalls als völlig unzutreffend. Es fällt schwer angesichts solcher Äußerungen, die offenbar motiviert sind durch Nichtwissenwollen, obwohl man es wissen könnte, die Bereitschaft zu seriöser Auseinandersetzung zu unterstellen.

So dient nicht nur der Religionsunterricht der Persönlichkeitsentwicklung, wie Heinig nahelegt, sondern auch z.B. der Sport- oder Mathematikunterricht. In besonderer Weise tragen aber integrative Ethikfächer zur Persönlichkeitsentwicklung bei, indem sie z.B. über Toleranz nicht nur reden, sondern sie auch üben lernen. Denn hier finden die Lehrer keine nach bestimmten Konfessionen vorsortierte Gruppe vor, sondern eine lebhafte Mischung von Schülern unterschiedlicher weltanschaulicher und religiöser Hintergründe. Wenn die Schüler im Ethikunterricht etwas über Religionen und Weltanschauungen erfahren, dann geschieht das nicht, wie im Religionsunterricht vorgeschrieben, innerhalb des konfessionellen Bezugsrahmens und als Unterweisung in dieser bestimmten und hiermit privilegierten Religion, sondern auf der Grundlage der Grund- und Menschenrechte.

Die Forderung nach einem verpflichtenden Wertefach für alle Schüler ist kein „Kulturkampf“, wie der Jurist behauptete (mal ganz abgesehen von der militärischen Diktion), sondern das Bemühen, den Herausforderungen der auch hinsichtlich ihrer weltanschaulichen und religiösen Orientierungen pluralistischen Gesellschaft gerecht zu werden. Dies ist nur in einem gemeinsamen Unterricht ernsthaft möglich. Es geht auch nicht, wie Herr Heinig wiederum unzulässig verallgemeinernd formuliert, um „pauschale Eliminierung des Religiösen aus der Schule“, wenn es den Weltanschauung- und Religionsgemeinschaften unbenommen bleibt, einen freiwilligen Unterricht anzubieten.

Das Fach Werte und Normen – der bewährte Ethikunterricht in Niedersachsen

„Die rot-grüne Koalition wird im Dialog mit den Kirchen sowie Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften den Religionsunterricht weiter entwickeln.“ (aus dem Koalitionsvertrag in Niedersachsen)

Der von der rot-grünen Landesregierung angekündigte Dialog mit den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ist leider nicht ergebnisoffen, denn das Ziel scheint bereits vorgegeben: ein konfessionsübergreifender Religionsunterricht. Ein solcher Religionsunterricht entspricht nicht den Forderungen des NSchG, wie es der entsprechend konzipierte Werte und Normen-Unterricht seit 30 Jahren bei wachsender Schülerzahl tut.

Derzeit ist da Fach Werte und Normen für Schüler ab Klasse 5 eingerichtet, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen wollen. Es ist Abiturprüfungsfach und bringt alle Voraussetzungen mit, die Funktion eines wirklich integrativen Ethikunterrichts für alle Schüler zu erfüllen – auch in den Grundschulen. Dabei sollte auch der bereits in Kindergärten und Grundschulen bewährte pädagogische Ansatz des Philosophierens mit Kindern berücksichtigt werden.

Ergänzung durch freiwillige Angebote

Flyer

Um die Befürchtungen von religiösen Bedenkenträgern von vornherein auszuräumen, es werde eine „pauschale Eliminierung des Religiösen aus der Schule“ (Heinig) betrieben, sei auf die Praxis in Berlin hingewiesen, die bei Schülern und Bürgern auf positive Resonanz stößt: „Ethik für alle“ kombiniert mit freiwilligen Angeboten von Religions- und Lebenskundeunterricht. Solche Zusatzangebote sind im Rahmen der Entwicklung hin zu verlässlichen Ganztagsschulen sinnvoll zu integrieren. Auch hier dürfen die konfessionsfreien Familien nicht weiter übersehen werden. Diese Familien haben einen Anspruch auf ein nicht-religiöses Angebot. In Berlin und Brandenburg besuchen derzeit rund 55.000 Schüler die Humanistische Lebenskunde des Humanistischen Verbandes.

Wo bleiben die Konfessionsfreien in Niedersachsen?

Was die Politik in der gesamten Diskussion bislang völlig übersieht, ist die Tatsache, dass Familien ohne Religionszugehörigkeit die zweitgrößte Gruppe an öffentlichen Grundschulen in Niedersachsen bilden, noch vor Katholiken, Muslimen und Angehöriger anderer Religionen. Diese werden – zumindest in den Grundschulen – bisher überhaupt nicht wahrgenommen, geschweige denn berücksichtigt.

Für diese Familien will der HVD sein Fach „Humanistische Lebenskunde“ nun auch in Niedersachsen anbieten. Der HVD ist den Religionsgemeinschaften gleichgestellt und durch das Land Niedersachsen beauftragt, konfessionsfreie Menschen zu betreuen und ihre Interessen zu vertreten. Es bleibt die Hoffnung, dass die jetzige Landesregierung im Dialog mit dem HVD einen Weg findet, dass die Interessen der konfessionsfreien Familien – besonders in den Grundschulen – endlich berücksichtigt werden, ohne dass der Verband seine zurzeit ruhende Klage auf Einführung von Humanistischer Lebenskunde wieder aufnehmen muss.

„Sapere aude - Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Immanuel Kants Ruf der Aufklärung folgend ist das oberste Lernziel von Humanistischer Lebenskunde die Hinführung zu freiem Denken, eigenverantwortlichem Handeln und Toleranz. Grundlagen des Lebenskundeunterrichts sind Erkenntnisse über die Natur und die Gesellschaft sowie Lebensregeln, die auf Traditionen von Humanismus und Aufklärung beruhen. (www.lebenskunde.de) Der HVD bittet alle Eltern, die bei der Durchsetzung der Interessen konfessionsfreier Familien in Niedersachsen helfen wollen oder an einer Alternative für ihr Kind interessiert sind, sich bei dem Verband zu melden: lebenskunde@hvd-niedersachsen.de oder postalisch: HVD Niedersachsen, „Lebenskunde“, Otto-Brenner-Straße 22, 30159 Hannover