Direkt zum Inhalt

Aufschrei: „Es ist Zeit für eine Revolution in unseren Köpfen“

Druckversion
Selbstmord ist ein Hilferuf, sagt Goparaju Vijayam zu den Protesten in Indien nach dem erneut mehrere junge Frauen Opfer von Gruppenvergewaltigungen wurden. Der Geschäftsführer des Atheist Centre im indischen Vijayawada hofft auf eine kulturelle Renaissance seiner Gesellschaft und glaubt, Gesetze allein werden dafür nicht ausreichen.
Montag, 28. Januar 2013
Indien Proteste

Landesweit gingen nach der Gruppenvergewaltigung einer jungen Studentin im Dezember 2012 tausende Menschen auf die Straße

Die junge Frau, die im Dezember in Neu-Delhi Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde, ist tot, aber das Thema bleibt eine großes Problem für die Menschen in Indien und im Ausland. Das Gewissen der Nation ist getroffen und Tausende von Menschen gingen zum ersten Mal auf die Straße und protestierten gegen dieses schreckliche Ereignis.

Die Reaktion ist eine zutiefst menschliche. Männer und Frauen, jung und alt haben sich über die geschlechtsspezifische Dimension dieses Vorfalls hinweggesetzt und auf ein menschliches Problem geschaut. Die Vergewaltigung der jungen Frau wirft die grundsätzliche Frage nach den Menschenrechten von Frauen auf. Eine Vergewaltigung ist ein komplexes und mehrdimensionales Problem, es gibt keine einfache Lösung. Vielmehr ist ein multi-dimensionaler Ansatz erforderlich, der rechtliche, soziale, politische, wirtschaftliche, psychologische und kulturelle Aspekte berührt.

Die Zeiten, in denen Frauen in ihre vier heimischen Wände gesperrt wurden, sind vorbei. Jetzt sind sie gleichberechtigte Partner in den Bereichen Bildung und Beschäftigung. In der Theorie sind Frauen in der Gesellschaft sehr anerkannt, Religionen verehren sie. Aber in Wirklichkeit sind die Frauen unglaublichen Grausamkeiten ausgesetzt, weil man ihnen die grundlegenden Menschenrechte vorenthält. Ein breiter Graben verläuft zwischen Theorie und gesellschaftlicher Wirklichkeit, der auf der menschlichen Ebene betrachtet werden sollte.

Frauen: Vor allem sind sie Objekte der Begierde

Wir brauchen ein neues Wertesystem, das auf Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit beruht, um es Frauen zu ermöglichen, gleichberechtigte Partner zu werden. Bildung ist hier ein erster wichtiger Baustein. Aber andere Veränderungen müssen folgen, um Frauen die Chance auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu geben. Der „Stahlrahmen“ der Religionen und gesellschaftlichen Bräuche muss den Weg frei machen für eine neue Ordnung, die den Zielen und Erwartungen von Frauen gerecht wird.

Zeitungsartikel Indien

Tränen wurden zum Symbol einer Bewegung

Die Gesellschaft braucht ein neues Wertesystem, das unabhängig vom Geschlecht ist. Alle Menschen sind gleichberechtigt geboren und sie sollten auch gleich leben können. Es gibt keine Unterschiede, wenn es um Bestrebungen, Talente und Fähigkeiten geht. Aber in der Wirklichkeit wurden Frauen jahrhundertelang unterjocht, ihnen wurde der Status „minderwertig“ zugeordnet. Frauen werden als Schönheitsobjekte und Objekte der Begierde angestarrt, aber nicht als gleichwertig betrachtet.

Gesetze allein werden nicht ausreichen, um einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Es braucht stetige und kontinuierliche Anstrengungen, um nicht nur die wirtschaftliche und politische Situation, sondern auch den sozialen Status der Menschen zu verbessern. Es ist Zeit für eine Revolution der Werte in unseren Köpfen. Frauenrechte sind Menschenrechte. Selbstmord ist ein Hilferuf.

Ältere sagen, Frauen sollten einfach zu Hause bleiben

Wenn eine Frau missbraucht wird, wird ihr oft ihr Verhalten oder ihre Kleidung zum Vorwurf gemacht. In Indien passiert momentan genau das Gleiche. Einige der Führer und Repräsentanten der fundamentalistischen Parteien beschuldigen erneut die Frauen. Ein religiöses Oberhaupt meinte, kritisieren zu müssen, dass das Mädchen nachts mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen sei. Ältere Menschen hört man seitdem immer wieder sagen, dass Frauen einfach zu Hause bleiben sollten.

Hintergrund Am 16. Dezember 2012 wurde eine junge Studentin, die mit ihrem Freund vom Kino auf dem Nachhauseweg war, in einem Bus von sechs jungen Männern vergewaltigt. Polizeiberichten zufolge wurde der Studentin im Zuge dessen ein Eisenstab in die Vagina gesteckt, wobei ein Teil ihrer Organe zerstört wurde. Ärzte stellten später fest, dass unter anderem der Großteil ihres Darms zerstört wurde. Sie starb am 29. Dezember in einem Krankenhaus aufgrund ihrer Verletzungen.  Am 26. Dezember beging eine 17-jährige Inderin Selbstmord, da sie bei einem Hindu-Festival einige Wochen zuvor Opfer einer Massenvergewaltigung geworden war. Die für den Fall zuständigen Polizeibeamten hatten Druck auf sie ausgeübt, die Anzeige zurückzuziehen. Den offiziellen Statistiken nach gab es in Dehli im Jahr 2012 mehr als 600 Vergewaltigungen von Frauen.

Solange sich die Ansichten der Männer – sowohl der alten als auch der jungen – nicht ändern, wird es weiterhin zu diesen schrecklichen Vorfällen kommen. Wir brauchen Veränderungen und müssen auf verschiedenen Ebenen handeln: an der Verankerung der Menschenrechte in den Köpfen der Menschen, an der Bewusstseinsbildung, an der Implementierung strengerer Gesetze und eines zeitnahen Handelns. Wir brauchen aber auch eine offene Debatte über soziale Fragen auf verschiedenen Ebenen.

Es ist dringend notwendig, bestimmte soziale Reformmaßnahmen einzuleiten, um den Status von Frauen in den verschiedenen gesellschaftspolitischen Bereichen zu verbessern. Allerdings fehlt es den politischen Parteien am Willen, Sozialreformen anzugehen. Anstatt sich stark zu machen für die Schwachen, sind sie damit beschäftigt, dem Volk nach dem Mund zu reden.

Indien braucht eine kulturelle Renaissance

In den ländlichen Gebieten Indiens und den Slums der Großstädte besuchen fast die Hälfte aller Kinder keine Schule oder haben die Schule abgebrochen. In dieser Situation erhalten Mädchen und junge Frauen nur ein miserables Unterstützungsangebot. Religiöse Oberhäupter, Kastenführer und einige Politiker meinen, dass die Lösung des Vergewaltigungsproblems und anderer sozialer Fragen darin liegt, Frauen auf die vier heimischen Wände zu beschränken. Aber das ist nichts anderes als ein Rückschritt.

Indien Karikatur

Bittere Karikaturen begleiteten die Proteste in den indischen Tageszeitungen

In den indischen Bundesstaaten sind das Entwicklungsniveau und der Bildungsgrad von Mädchen und jungen Frauen höchst unterschiedlich. Was Indien heute braucht, ist eine kulturelle Renaissance und ein entschlossenes Handeln, um dieses brennende Problem anzugehen.

Die indische Regierung hatte nach dem Tod der jungen Frau und den landesweiten Protesten eine Kommission unter dem Vorsitz des ehemaligen obersten Richters des Indischen Gerichtshofs Jagdish Sharan Varma eingesetzt. Nachdem sich diese Kommission durch die 80.000 Dokumente zum Fall und den Eingaben von Indern aus dem ganzen Land und dem Ausland gearbeitet hatte, legte sie am 23. Januar 2013 ihren Bericht vor.

Die Proteste sind ein Hoffnungsschimmer

Darin widersprach sie dem Vorschlag, Vergewaltigung grundsätzlich mit der Todesstrafe zu ahnden. Stattdessen schlug die Kommission vor, in extremen Fällen die Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren zu verurteilen. Die Kommission lehnte auch den Vorschlag ab, die Altersgrenze für die volle Strafmündigkeit von 18 auf 16 Jahre herunterzustufen.

Des Weiteren machte die Kommission den Vorschlag, die Immunität von Parlamentarieren und Regierungsbeamten auszusetzen, wenn diese wegen sexueller Übergriffe beschuldigt werden, bis der Vorwurf geklärt ist. In dem Bericht wird außerdem empfohlen, dass die Fälle von Mitgliedern der bewaffneten Einheiten und Sicherheitskräfte nicht mehr vor Militärgerichten, sondern vor ordentlichen Zivilgerichten verhandelt werden sollen.

Eine neue Gesellschaft braucht ein neues Wertesystem, das allen Menschen die gleichen Chancen und Rechte einräumt, unabhängig von Geschlecht und wirtschaftlicher Situation. Eine solche Revolution in unseren Köpfen ist dringend notwendig. Frauen und Männer sollten in einem solchen Prozess gleichberechtigte Partner sein.

Die atheistischen und humanistischen Organisationen wie das Atheist Centre sind säkulare gesellschaftliche Akteure, die durch ihre Sozialarbeit Atheismus und Humanismus als Lebensweg und Haltung fördern. Als einen alternativen Weg, frei von Fanatismus, Intoleranz und religiöser Fanatismus, der eine gemeinschaftliche gesellschaftliche Atmosphäre schafft, die eine umfassende Entwicklung und Förderung von Frauen in der indischen Gesellschaft ermöglicht. Um uns für dieses gemeinsame Anliegen einzusetzen, schließen wir uns mit gleichgesinnten Menschen zusammen. Die jüngsten spontanen Protesten in Delhi und anderen Teilen Indiens sind vor diesem Hintergrund ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft.