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Schrippenstadl und Missionssoap

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Jeder Begriff des Humanismus impliziert eine Beziehung des einen Menschen zum anderen. Die Güte eines Humanismus erweist sich in dieser Beziehung zum anderen oder sie erweist sich eben nicht.
Mittwoch, 23. Januar 2013

1. Kampf der Kulturen am Kollwitzplatz

Gentrifizierung

Hausbesetzer in Berlin wenden sich gegen die Aufwertung des Wohnraums und die Verdrängung der Alteingesessenen | Foto: Jotquadrat via wikimedia commons

Schimpft die Schrippe gegen die Wecke und verteidigt sich die Wecke gegen die Schrippe, dann buhlen sie um Leitkultur und wünschen den anderen zu dominieren.

Legt sich die Schrippe friedlich neben die Wecke und schnuppern sie beide je nach Begehren ab und zu am anderen, dann bilden sie eine Multikultur, in der der eine den anderen toleriert, der ihm aber auch ziemlich gleichgültig ist.

Verschmelzen Schrippe und Wecke zur Schrecke oder Wrippe oder gar zu einem Dritten, das mehr ist als die Summe von Schrippe und Wecke (das haben wir noch nicht), dann hätten wir eine Interkultur, in der der eine sich am anderen reibt und sich dabei selbst verändert.

Besinnen sich Schrippe und Wecke auf ihr Gemeinsames und werden sie jeweils zu einer Form von Brot, dann haben wir eine Transkultur, die nicht nur einen gewissen Esprit von Langeweile zu verströmen scheint, sondern in der vor allem der eine den Anderen auf das reduziert, was er mit ihm gemeinsam hat.

Schweben Schrippen, Wecken u.a. von Backstube zu Backstube ohne sich auch nur irgendwie darauf festzulegen, woher sie kommen und was sie sind, dann haben wir eine postmoderne Hyperkultur, in der der eine mit dem anderen spielt und jedes Ernstnehmen des anderen in unterschiedsloser Freundlichkeit untergeht.

2. Kulturkampf am Ostbahnhof

MUT Obdachlosenambulanz

Ohne baldige Lösung schließt die Obdachlosenambulanz Ende Juli ihre Pforten | Foto: Thomas Hummitzsch

„Statt sich den Menschen und ihren Nöten zuzuwenden, bricht die Kirche auf Kosten der ohnehin schon überforderten Obdachlosenhilfe in Berlin einen weltanschaulich-ideologischen Konflikt vom Zaun. Es ernüchtert uns, erkennen zu müssen, dass sich hinter der Fassade der von der Kirche oft ins Feld geführten christlichen Nächstenliebe scheinbar nichts anderes verbirgt als der ideologische Eigennutz zur Mission." (aus der Erklärung der MUT gGmbH)

Wenn die Kirche sich nicht um die Obdachlosen schert oder – etwas wohlwollender formuliert – sich ihrer Lehre mehr verpflichtet fühlt als konkreten Menschen, dann ignoriert sie den anderen und der große Andere ist wichtiger als alle kleinen anderen, der Mensch bloßes Mittel religiöser Zwecke.

Wenn die Kirche nicht bereit ist, jenseits weltanschaulicher Differenzen ein gemeinsames solidarisches Verständnis der freien Träger - sich gemeinsam um Hilfsbedürftigen zu bemühen -  in den Vordergrund zu stellen, dann reduziert sie die anderen Träger auf deren Nützlichkeit für ihre eigenen Ziele.

Wenn der HVD der Kirche Gesprächsangebote macht, um trotz weltanschaulicher Differenzen eine Lösung für diejenigen zu finden, denen es primär nicht so sehr um Weltanschauung zu tun ist, dann ist dies eine Beziehung zum anderen, in der dessen Andersheit gewahrt und respektiert wird, in der der andere nicht reduziert wird auf seine identitäts- und abgrenzungsstiftende Funktion.

Wenn der HVD diese für die Kirche peinliche Angelegenheit versucht auszuschlachten, um sich selbst zu profilieren; wenn er allzu offensichtlich frierende Obdachlose ins Feld führt, um seine eigene moralische Überlegenheit zu demonstrieren; dann läuft er Gefahr, selbst Beziehungen zum anderen zu etablieren, in der dieser zu ideologischer Manövriermasse verkommt.