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Evangelischer Glaube: „Das ist ein anti-kirchliches Ziel“

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Die Evangelische Kirche wehrt sich gegen die Übernahme einer Obdachlosenambulanz durch einen humanistischen Träger in Berlin. Und liefert dabei nicht nur ihren ärgsten Gegnern, sondern sogar den wohlgesonnenen Beobachtern beste Anlässe zur Bekräftigung alter antiklerikaler Positionen. Ein Kommentar.
Dienstag, 8. Januar 2013
Foto: Thomas Hummitzsch

Ist wirklich die Dominanz das Ziel Ihrer Kirche, Herr Dröge? Foto: Thomas Hummitzsch

Man muss dieser Tage kein Fan von Richard Dawkins oder Karlheinz Deschner sein, um sich über die christlichen Kirchen zu empören. Es ist dafür nicht notwendig, die diffamierenden Reden katholischer Bischöfe zu hören. Man muss sich nicht vergegenwärtigen, wie manche Theologinnen und Theologen jungen Menschen an unseren Hochschulen im Namen von Wahrheit und Wissenschaft den Verstand umkrempeln. Es genügt derzeit, das – man muss es leider so sagen – dumm-dreiste Gebaren ihrer Vertreter selbst dort anzusehen, wo diese eine Minderheit der Gesellschaft repräsentieren.

In der deutschen Hauptstadt Berlin ist das im Augenblick der Fall. Hier streiten die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg (HVD BB) um eine Obdachlosenambulanz. Mehrere Tageszeitungen und ein Radiosender berichteten in den vergangenen Tagen von dem Fall, bei sich dem das Kirchliche Verwaltungsamt Berlin Mitte-Nord nach einem Trägerwechsel der MUT gGmbH weigerte, dem humanistischen Träger der freien Wohlfahrtspflege einen neuen Mietvertrag anzubieten. Ende Juli 2013 wird deshalb Schluss sein, falls sich kein diakonischer Träger findet.

Einige der Gründe sind auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar. So ist das besagte Objekt nahe des Berliner Ostbahnhofes ein evangelisches Gemeindehaus. Fragen Sie mal Ihr humanistisches Herz: Würden Sie gern einen religiösen Verein beherbergen, der sich die strikte Einhaltung der Trennung von Staat und Humanismus auf die Fahnen geschrieben hat? Stellen Sie Ihr Eigentum gerne einer Organisation zur Verfügung, welche grundsätzlich die Evolution und die Affenhaftigkeit des Menschen leugnet? So jedenfalls muss es sich wohl – freilich in umgekehrter Konstellation – für einige der Gläubigen anfühlen, wenn diese einen Blick in die Satzungen und Grundlagentexte des Humanistischen Verbandes werfen.

Einfach nur dumm sind allerdings andere Vergleiche, die darüber hinaus gezogen werden. Wenn etwa darauf verwiesen wird, dass die Kirche nicht einfach jedem ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen würde. Denn nicht nur eine Übernahme der bisherigen Räume durch die Humanisten, sondern auch „die Einrichtung eines Bordells oder einer Waffenfabrik, eine Vermietung an Links- oder Rechtsradikale schließe die kirchliche Grundordnung aus“, gab am Sonntag die Berliner Zeitung die Argumente der EKBO-Vertreter wieder. Die Humanisten auf einer Ebene mit Bordellbetreibern, Waffenfabrikanten und politischen Extremisten – auch die subtile Beleidigung will gelernt sein.

Doch dabei bewegt sich die evangelische Kirche nicht nur rhetorisch auf ziemlich dünnem Eis. Oswald Menninger, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin, erinnerte im Zuge der Kontroverse an die Quellen des kirchlichen Selbstbewusstseins in Deutschland, den Steuertopf der Allgemeinheit. „Es geht nicht an, dass ein Vermieter darüber bestimmt, wer über diese staatlichen Mittel verfügen darf und wer nicht“, so Menninger daher.

Aber nicht nur hier liegt der Teufel im Detail, wenn es um eine saubere Abwägung zwischen den berechtigten Interessen der EKBO und der wichtigen humanitären Aufgabe geht, die Fortführung einer bewährten Obdachlosenambulanz zu sichern.

„Die Mitglieder des Humanistischen Verbandes treten dafür ein, die Dominanz der christlichen Kirchen einzudämmen. Das ist ein anti-kirchliches Ziel und macht eine Zusammenarbeit schwierig“, führte Volker Jastrzembski, Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, zu den Gründen der Ablehnung gegenüber der Berliner Zeitung aus.

Tatsächlich findet sich ein fast gleichlautender Satz im aktuellen Selbstverständnis des Verbandes. Da diese historische Dominanz, so heißt es weiter, bis heute „vielfach noch immer einem Alleinvertretungsanspruch gleichkommt.“

Doch ist das wirklich noch der Fall – gerade in der Hauptstadt und einer unter starkem Säkularisationsdruck stehenden Kirche? Stolpert der Humanistische Verband in Berlin hier also vielleicht über eine kirchenkämpferische Programmatik, stehen seinem Erfolg wieder einmal nicht überwundene, antiklerikale Traditionslinien im Weg? Scheitert die Obdachlosenhilfe am „religiösen Analphabetismus“ ihres neuen Trägers? Mitnichten.

Ich hatte Volker Jastrzembski in der vergangenen Woche gefragt, ob es etwa auch einem Träger der freien Wohlfahrt mit alevitischem Hintergrund verwehrt werden würde, Mieter in einem evangelischen Gemeindehaus zu werden. Denn nirgendwo findet sich bei den Aleviten ein programmatischer Satz wie der, den die EKBO beim Humanistischen Verband bemängelte. Auch da müsse man dann fragen, ob die Ziele zueinander passen, wich Jastrzembski aus.

Doch was sind denn das für Ziele der Kirche, die eine Zusammenarbeit hier wirklich erschweren? Diese offenbarten sich im Fall des HVD BB fast beiläufig in der Stellungnahme Jastrzembski gegenüber der Berliner Zeitung und erweisen sich nicht nur als dumm, sondern noch vielmehr als dreist: Denn wenn die Eindämmung oder Überwindung einer kirchlichen Dominanz in der Gesellschaft als anti-kirchliches Ziel verstanden wird – was offenbart die EKBO hier bloß über ihr Selbstverständnis?

Das kirchliche Ziel ist gesellschaftliche Dominanz, sogar in der Diaspora: Selten dürfte es wohl so klar geworden worden sein wie in diesem Moment. Das ist der Zündstoff, den Laizisten und energische Atheisten für ihren Einsatz brauchen. Und selten auch dürfte sich in letzter Zeit wohl so unmissverständlich bestätigt haben, dass der von der EKBO monierte Satz im Selbstverständnis des Humanistischen Verbandes bis heute aktuell bleibt – ob für säkulare Humanisten, Aleviten und all die christlichen Gläubigen, denen praktischer Humanismus und eine offene, pluralistische Gesellschaft wichtiger sind als eine klerikale Hegemonie.