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Zombies, Rindviecher und die Apokalypse

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Morgen, am 21. Dezember 2012, ist mal wieder Weltuntergang. Mit den Maya hat das nichts zu tun. Wohl aber mit uns. Bernd Harder, Pressesprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) erklärt, warum der Maya-Kalender nur der äußere Taktgeber des apokalyptischen Schwanengesangs dieser Tage ist.
Donnerstag, 20. Dezember 2012
Weltuntergang oben

© pandore – fotolia.com

Es ist nicht mehr zu leugnen: Die Zeichen mehren sich! Ende Mai fiel in Miami ein nackter Mann über einen Obdachlosen her. „Der Täter fraß seinem Opfer wie ein tollwütiger Hund das Gesicht von den Knochen", berichteten auch deutsche Zeitungen in ungewöhnlich reißerischer Manier. Der albtraumhafte Vorfall war der Startschuss zu einer Serie bizarrer Verbrechen, in denen Kannibalismus und Drogen eine Rolle spielten.

Die Kette von Vorfällen, „die sich so kein Splatter-Regisseur hätte ausdenken können", löste in Amerika eine regelrechte Zombie-Manie aus. Im Internet wurde ernsthaft darüber diskutiert, ob die „Zombie-Apokalypse" gekommen sei und die lebenden Toten ausschwärmen. Das Nachrichtenportal The Daily Beast veröffentlichte eine Landkarte, welche die vermeintliche Anhäufung der „Zombie-Vorfälle" dokumentieren sollte. Die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC gab daraufhin eine Erklärung ab, die eine „Zombie-Epidemie" ganz offiziell dementierte.

In Deutschland gibt es (noch) keine Zombies – dafür aber die Kuh Yvonne, die mit ihrer Flucht von der heimischen Weide das Sommerloch 2011 füllte. Nicht nur Journalisten vereinnahmten die Hausrindkuh für sich. Auch in dem Blättchen Die Visionen des Nostradamus 2012 avancierte das Tier zum Star. „Kann die rote Kuh ein Omen für die bevorstehende Drangsal sein?", munkelt ein namenloser Autor höchst besorgt und gibt sich selbst die Antwort: „Ja!" Wieso dieses?

Seit alten Zeiten hält sich das Gerücht, dass eine junge rote Kuh den Israelis das große Weltgericht anzeigen wird", übt sich die Orakel-Postille im freien Assoziieren. „Bevor die Drangsalzeit und dann der Messias kommen wird, soll eine junge rote Kuh gefunden werden [...] Sie ist ungewöhnlich geschickt und erregt Aufsehen, weil sie die Menschen austrickst. Sie ist zwar nicht im Sinne des Wortes rot, wird aber in der Presse und somit von Millionen Lesern als rot angesehen. Das ist entscheidend!

Oder auch nicht, denn eine rote Kuh würde den Betreibern der religiösen Grenzgänger-Seite diewarnung.net vermutlich nur ein müdes Lächeln entlocken. Dort müssen schon „zwei Kometen nahe der Erdoberfläche scheinbar kollidieren und explodieren", um die Apokalypse anzuzeigen:

Die Flammen des Feuers werden so aussehen, als ob am Himmel ein Vulkan ausgebrochen ist, und viele werden voller Angst sein [...] Bevor das geschieht, werden Unwetter losbrechen.

So jedenfalls lautet die Botschaft vom 13. Juli 2012 einer unbekannten „Seherin", die seit zwei Jahren täglich von einer ominösen „Warnung" halluziniert: „Es wird ein sehr mächtiges Ereignis sein und eines, das niemand ignorieren kann. Nur dann werden die Menschen, darunter auch Atheisten, endlich akzeptieren, dass Gott existiert."

Wir werden sehen. Bis dahin dürften Skeptiker jedoch die deutlich besseren Karten haben. Zur „Zombie-Apokalypse" etwa merkte der Korrespondent der Frankfurter Rundschau Sebastian Moll an:

Die Zombie-Erklärung für die Serie von Abscheulichkeiten [scheint] eher dem Zeitgeist zu entspringen, als einer plausiblen Wirklichkeit. Vampir- und Zombie-Storys haben derzeit Hochkonjunktur, passend zur Endzeitstimmung im Land, wie Psychologen und Kulturwissenschaftler meinen. Wenn Leute sich durch Dinge, die sich ihrer Kontrolle entziehen, bedroht fühlen, greifen sie zu Endzeit-Metaphern, sagt Patrick Hamilton von der Universität Dallas. Die Wirtschaftskrise, die Verunsicherung durch die vermeintliche Terrorbedrohung – all das bereite einen idealen Nährboden für solche Fantasien.

Die angeblich „rote" (in Wahrheit braun-weiße) Kuh Yvonne wiederum versagte als mediales EM-Orakel so kläglich, dass sie sich für weiterreichende Prophezeiungen selbst disqualifiziert hat. Und der Betreiber der deutschen Internetpräsenz von Die Warnung war gegenüber dem Autor dieses Beitrags nicht einmal zu einer Wette über 1.000 Euro bereit. Schade eigentlich, aber bezeichnend. Denn mit dem Weltuntergang kann man Geld verdienen. Mit dem Fortbestand unserer Erde anscheinend nicht. Immerhin gab es eine freundliche Antwort:

Seien Sie mir nicht böse, aber wetten soll man nicht, es geht hier um sehr wichtige Dinge. Sie werden sehen: Bis Ende 2012 hat sich Einiges ereignet.

Nun ja, klar wird sich bis Ende 2012 Einiges ereignen. So wie jedes Jahr, seit Anbeginn der Menschheit. Und böse kann man dem Mann natürlich auch nicht sein. Nicht einmal überrascht sind wir. Keiner der 2012-Propheten hätte die Wette angenommen. Warum auch? Mag sein, dass unser Fundamentalchrist sich tatsächlich in der Vorverhandlung zum Jüngsten Gericht wähnt – dann ist er zwar verblendet, aber integer. Die meisten Schwarten der Drangsal indessen sind gut konsumierbare Produkte aus dem spirituellen Supermarkt. Endzeit-Synopsen fürs schnelle Geschäft. Wäre es anders, warum werden diese Bücher dann nicht gratis verteilt? Wieso ziehen die Autoren keine praktischen Konsequenzen aus ihrer Katastrophenlyrik und verlegen ihren Sitz etwa nach Bugarach, jenem Pyrenäen-Dorf, das von der Apokalypse verschont bleiben soll?

Weltuntergang

© pandore – fotolia.com

Zugegeben: Es endet mal wieder an allen Ecken. Selbst der Focus tastet sich von EHEC-Ausbrüchen über die Eurokrise bis zum kollektiven Abgesang auf Vater Staat und Mutter Erde vor:

Die Krisologie nährt ihre Jünger. Nirgends aber ist eine Überschrift in Sicht, die all das sinkende Sein in den Begriff brächte.

Letzteres ist falsch. Die magische Chiffre lautet 2012. An diesen vier Ziffern krallt sich fest, was sich individuell und kollektiv an banger Ahnung wie an metaphysischer Heilserwartung angesammelt hat. Nach einer aktuellen Umfrage in 21 Ländern glauben im Durchschnitt rund 14 Prozent der Menschen ernsthaft an den baldigen Weltuntergang.

Der Maya-Kalender ist für diesen anschwellenden Schwanengesang nur der äußere Taktgeber. Westliche New-Age-Autoren wie Frank Waters (Mexico Mystique: The Coming Sixth World of Consciousness) oder José Argüelles (Der Maya-Faktor) machten in den 1970er und 1980er-Jahren das „Ende" des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012 publik und verknüpften damit wirre Ideen von Unter- und Übergängen. Tatsächlich vollendet an diesem Tag die „Lange Zählung" der Maya ihren Zyklus von 5.125 Jahren – und beginnt anderntags wieder von vorn. „Der Unfug mit dem Weltuntergang 2012 hat nichts mit den Maya zu tun", sagt denn auch Nikolai Grube von der Universität Bonn, eine Koryphäe der Maya-Forschung: „Mit uns aber sehr viel."

So sieht es aus. Ob Pol- oder Bewusstseinssprung, ob Sonnenstürme oder Schwingungen: Die zahlreichen und dabei höchst unterschiedlichen 2012-Szenarien sprechen dem menschlichen Treiben nur noch eine sehr begrenzte Zeitspanne zu. Die Wissenschaft öffnet sich dem üblicherweise nicht: Weder der Bibel noch uralten Maya-Schriften, weder den vergilbten Nostradamus-Centurien noch zeitgeistigen Bestsellern à la (R)Evolution 2012 lässt sich ein ernstzunehmender Hinweis auf das Ende in diesem Jahr entnehmen.

Beispiel Polsprung: Die magnetische Feldumkehr der Erde (und mehr verbirgt sich nicht hinter einem „Polsprung") ist nur für Geologen ein außergewöhnliches und überaus seltenes Phänomen, das vor 780.000 Jahren zum letzten Mal stattfand. Auf unseren Alltag würde es sich jedoch nicht auswirken, erklärt der US-Forscher Scott Bogue.

Wenn man beim letzten Polsprung gelebt hätte, wäre es sicher nicht so eine große Sache gewesen.

Der nächste Polsprung ist überfällig, wird aber definitiv nicht 2012 kommen. Und wenn es soweit ist, dann wird es einige Tausend Jahre dauern, bis der Pol fertig „gesprungen" ist.

Beispiel Sonnenstürme: „Im schlimmsten Fall führt das zu sporadischen Problemen bei der Satellitennavigation, Fluktuationen im Stromnetz und zu Oberflächenladungen auf Satelliten", warnt der Sonnenphysiker Alex Young vor Panikmache. Der Science-Blogger Dr. Florian Freistetter ergänzt:

Anstatt Angst vor Sonnenstürmen zu haben, was sich nicht wirklich lohnt, sollten wir uns lieber über die Möglichkeit freuen, eventuell Polarlichter beobachten zu können.

Und eine Weltverschwörung von Wissenschaftlern, Geheimdiensten und Militärs, die einen herannahenden Killerplaneten namens „Nibiru" vor uns geheim hält, müsste schon jeden einzelnen Menschen fest im Griff haben, der weiß, wie man ein Aldi-Teleskop bedient.

Das Ganze ist also extrem unwahrscheinlich – macht aber nichts. Dem Ansehen der Brüder Grimm hat es ja auch nicht geschadet, dass nicht klar ist, wie der Wolf das Rotkäppchen verschlucken konnte, ohne es zu zerkauen. Apokalyptiker wollen verkünden, nicht diskutieren. Esoterik beruht auf Glauben, Wissenschaft auf Belegen. Und die gibt es nicht, weshalb die NASA das Endzeit-Knallbonbon 2012 zum „unrealistischsten Film" des Jahres gekürt hat.

Bleibt die Frage: Warum glaubt man den Scharlatanen? Wieso war 2012 ein Kassenerfolg, weshalb hat jede Buchhandlung ihr 2012-Regal? Ist der Weltuntergang am Ende wenig mehr als die ergötzliche Attitüde einer Gesellschaft, der die Zukunft abhanden gekommen ist? Ein kurzer Blick in den Abgrund, der ähnlich wie Horrorfilme zu Reflexion und Weltschmerz einlädt? Möglicherweise. Und vielleicht könnte man über solche gutmeinenden Zeitgenossen, wie meinen Beinahe-Wettpartner von Die Warnung ja schmunzeln, so wie über die beiden schrägen Vögel in Loriots Papa ante Portas, die mit Wurzelbürsten und der Mär vom anfliegenden „Venusmond Tetra" hausieren gehen.

Bei einem meiner 2012-Vorträge kam aus dem Publikum eine interessante Frage:

Könnte es sein, dass der Weltuntergang doch stattfindet, weil gemäß einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung eine durchgeknallte US-Präsidentin, zum Beispiel Sarah Palin, auf den roten Knopf drückt, weil es so geschrieben steht?

Offen gesagt: Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht.

Weltuntergang unten

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