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„Beträchtliche antireligiöse Militanz“

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Unter dem Motto „Wo Gott nichts zu suchen hat“ erörtert die Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer aktuellen Ausgabe, ob Religion zur Privatsache werden sollte, weil sie im politischen Raum Unfrieden stiftet. Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident, Sozialdemokrat und Katholik, verneint dies vehement und vertritt im Interview einige Thesen, die nicht nur den aufgeklärten Leser erschrecken. Ein Kommentar von Thomas Hummitzsch.
Donnerstag, 29. November 2012
Wolfgang Thierse

Was macht die menschliche Identität aus? Ohne Zweifel gehört die persönliche weltanschauliche Haltung zu den prägenden Merkmalen des Selbst. Ganz egal, ob sich Mensch als Christ, Moslem, Jude, Bahai, Humanist oder Atheist definiert, wird ihn diese Selbstwahrnehmung in seinem Leben und öffentlichen Auftreten prägen. Es gibt allerdings eine Sphäre, da ist Zurückhaltung geboten. Etwa wenn ein Bundestagsvizepräsident eines weltanschaulich neutralen Staates gefragt wird, ob die Religion die Politik prägen sollte oder nicht. Hier muss der politische Amtsträger seine persönliche Haltung ablegen und als Repräsentant der Verfassung auftreten.

Wolfgang Thierse scheint dies nicht so zu sehen. Er offenbart sich im Gespräch mit der ZEIT zuvorderst als Katholik.

Ich bin zugleich Politiker und Christ. Das lässt sich nicht trennen. Was ich glaube, ist meine persönliche Sache, aber das kann ich doch nicht von dem fernhalten, was ich als Politiker tue, sage, entscheide.

Die eigene Prägung wird hier zum Leitbild der Ausübung des politischen Amtes. Tatsächlich ist es schwierig, vielleicht sogar eine dialektische Unmöglichkeit, dies vollkommen zu umgehen. Wir handeln nun einmal als Person die fühlt, denkt und wertet. Bei Thierse tritt neben die weltanschauliche Prägung die der DDR-Erfahrung, deren Scheitern er nicht mit falschen politischen Maßnahmen verbindet, sondern mit der Ideologie des Staatsatheismus. Sofort sind Stalin, Hitler, Mao Zedong und Pol Pot als „religionslose Verbrecher" im Boot der religiösen Geschichtsdeutung, ohne zu reflektieren, dass es in allen Fällen um eine Ablösung des Gotteskults durch einen Personenkult ging. Abgesehen davon herrschte im nationalsozialistischen Deutschland eine historisch belegte, fatale Nähe von Kirche und Nationalsozialisten, die Thierse hier mal eben auslässt.

Zeit 49-2012

Wolfgang Thierse muss sich vorhalten lassen, dass er als Repräsentant eines weltanschaulich neutralen Staates in diesem Gespräch nicht den Platz des Religiösen im diesem Staat sucht, sondern die Möglichkeiten weltanschaulicher Neutralität für einen Staat unter den Vorzeichen der Religion als grundsätzlich gering erörtert. Ohne Gott gebe es keine soziale Moral und kein Engagement der Bürger („Da sind Religionen geradezu unersetzlich."), keine gemeinsame Vorstellung von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde, kein Grundgesetz („Es hat eine christliche Vorgeschichte. In ihm ist Religiosität anwesend") und kein ideelles und moralisches Fundament, dass den säkularen Staat trägt.

Gerade der säkulare Staat muss ein vitales Lebensinteresse daran haben, dass die religiösen Werte weitergetragen werden, die den natürlichen Egoismus des Einzelnen übersteigen.

Zugutehalten muss man Thierse trotz dieser deutlich pro-religiösen Haltung, dass er an zwei Stellen auch allgemeiner von "Kultur" spricht und explizit auch Weltanschauungsgemeinschaften in seinen Ausführungen berücksichtigt. Neben diesen wenigen Textstellen stehen allerdings mehrere abschätzige Äußerungen gegenüber Religionsfreien und Atheisten, denen er eine „beträchtliche antireligiöse Militanz" vorwirft. Angesichts der Ermittlungen gegen das Hassportal kreuz.net mit dem Label „katholisch", der Empörung über neugierige bis kritische Nachfragen zur Beschneidung durch Repräsentanten der jüdischen Community und dem Selbstverständnis vieler Muslime, dass sich die so genannte Mehrheitsgesellschaft doch bitte nicht in ihre innerkulturellen Angelegenheiten eimischen solle, kann man sich darüber nur wundern.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass ohne Glauben kein Staat zu machen sei. Das, sehr geehrter Herr Bundestagsvizepräsident, ist ausgemachter Unsinn. Um Staat zu machen braucht es Toleranz und Achtsamkeit, Verantwortungsbewusstsein und Mitmenschlichkeit, Freiheit und Menschenwürde – erst Recht in einer multikulturellen Gesellschaft. Auch Umsicht und Klarheit wären wohl dienlich, wenngleich das keine Werte sind.

Diese Maximen brauchen keinen Gott, schließen ihn aber auch nicht aus. Sie motivieren sich subjektiv aus unterschiedlichen Haltungen heraus, religiös-spirituellen und wissenschaftlich-säkularen, dogmatischen und undogmatischen, gottzentrierten und menschzentrierten. Und das ist gut so. Da ist aber nur solange gut so, wie diese persönlichen Haltungen nicht zur Politik erhoben und nicht zum Maßstab öffentlichen Handelns umgedeutet werden. Denn dann würden subjektive Haltungen zu objektiven Wahrheiten. Doch damit ist kein Staat zu machen, es sei denn ein totalitärer.