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Bleibt bei der eigenen Sache!

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In der vergangenen Woche haben Sigrun Stoellger und Holger Fehmel in der Beschneidungsdebatte zu mehr Besonnenheit aufgerufen. Eine Erwiderung von Harald Stücker.
Dienstag, 9. Oktober 2012
Pro Kinderrechte

Sigrun Stoellger und Holger Fehmel haben in ihrem Kommentar Eine Kritik in eigener Sache die Beschneidungsgegner zu einem gemäßigten Ton aufgerufen. Aufrufe zur Mäßigung sind selten verkehrt, und die gute und versöhnliche Absicht der Autoren wird deutlich. Über Einzelheiten kann man dabei streiten. Warum z.B. ist "sexuelle Gewalt" der falsche Begriff, wenn ein Sexualorgan irreversibel geschädigt wird? Auch der Begriff "Zwangsbeschneidung" trifft die Sache bei nicht-einwilligungsfähigen Kindern sehr genau. Im Wesentlichen aber haben sie Recht: Mit verbalen Ausfällen, Beleidigungen gar, ist niemandem gedient.

Trotzdem überzeugt mich der Text nicht. Verständnis für und Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten sind in Ordnung. Nicht in Ordnung ist aber, dem Debattengegner zu erlauben, mehr oder weniger subtil das Thema zu wechseln und seine eigene Agenda durchzudrücken.

So zeigen sich die Autoren emotional zerrissen, da sie in der Debatte gegen jüdische oder muslimische Mitbürger Stellung beziehen müssen, aber vor allem gegen jüdische. Denn, so die implizite Annahme, nicht-jüdische Deutsche dürfen nichts Jüdisches kritisieren. Es ist verständlich, dass Juden sich von Deutschen nichts vorschreiben lassen wollen und dass Argumente abgeblockt werden, weil sie von deutscher Seite vorgebracht werden. Es war auch klar, dass Befürworter einer Beschneidung aus religiösen Gründen früher oder später mehr oder weniger offen auf das Thema Holocaust anspielen würden. Sie wissen, dass sie damit die Debatte gewinnen können, ohne sie überhaupt führen zu müssen.

Aber wir sollten diesen Themenwechsel respektvoll zurückweisen. Unser Thema ist die Beschneidung von Kindern ohne medizinischen Grund. Das Thema ist komplex genug. Stellung beziehen müssen wir nicht nur gegen viele (aber längst nicht alle) Juden und Muslime, sondern auch gegen 60 Prozent der US-Amerikaner. Stellung beziehen müssen wir auch gegen beschnittene Männer selbst! Denn diese tendieren dazu, die Beschneidung und ihre Folgen zu verharmlosen. Die gesellschaftliche Akzeptanz hilft ihnen dabei. Und sie helfen dann wiederum dabei, diese Norm aufrechtzuerhalten, indem sie ihre eigenen Söhne beschneiden lassen. Das ist ein Teufelskreis.

Ich bin sicher, dass sehr viele Juden und Muslime – und insbesondere Mütter – sehnlichst darauf warten, dass der Anti-Beschneidungsdiskurs stärker wird und sich ihnen eine Option aus ihrem religiös-kulturellen Teufelskreis heraus öffnet! Mit seiner bedingungslosen Kapitulation vor der religiösen Orthodoxie fällt der Gesetzgeber diesen Menschen in den Rücken. Wir stärken und ermutigen die Falschen!

In der Oktober-Ausgabe 2007 der Zeitschrift familienmentsch, einem jüdischen Familienmagazin, geht es um die Operation Beschneidung. Dort geht eine Ärztin auf die emotionale Situation einer Mutter nur eine Woche nach der Geburt ein:

Insbesondere für Mütter ist eine Beschneidung oft eine große psychische Belastung. Natürlich befürwortet man den Eingriff, doch mit sehr gemischten Gefühlen. Da trägt man ein Baby über neun Monate in sich, die Vorhaut wächst als Teil eines gesunden Gesamtorganismus, dann ist der kleine Wurm kaum auf der Welt, und schon bekommt er eine Verletzung zugefügt. Keine Mutter, die nicht vor Sorge und Mitleid ihren Sohn beweint hat. Manche Frauen empfinden sogar Wut auf die jüdische Männerwelt.

"Natürlich befürwortet man den Eingriff": Dieses "Natürlich" gilt es zu untergraben! Diese jungen Eltern gilt es zu erreichen, indem wir den Beschneidungsdiskurs als das entlarven, was er ist: Eine pervertierte gesellschaftliche Norm, deren Opfer nicht nur die Kinder sind, sondern auch die Eltern, und insbesondere die Mütter. Dass diese Norm ursprünglich und für viele auch heute noch religiös motiviert ist, macht sie nicht besser, nur hartnäckiger.

Thorsten Schmitz beschreibt in seiner Reportage Der Schrei (SZ, 7.8.2012) die Reaktionen israelischer Eltern. Eine Mutter sagt:

Das kommt mir hier vor wie das Ritual eines primitiven Stammes in Afrika. […] Wenn ich mutiger gewesen wäre, würden wir das jetzt nicht machen.

Und der Vater gibt zu:

Alle rationalen Gründe sprechen dagegen, ein Baby zu beschneiden. Aber am Schluss siegt die Irrationalität.

Auch hier wieder sollte unser Ziel sein, dass die Mutter nicht mutig sein muss, um ihr Kind intakt zu lassen. Und selbstverständlich sollte unser Ziel sein, dass am Schluss nicht die Irrationalität, sondern die Vernunft siegt.

Diese Beispiele sollen deutlich machen, dass es in dieser Frage keine homogenen Fronten gibt. Das Dilemma, das die Autoren so empathisch bedauern, ist also nicht so eindeutig. Wir müssen nicht Stellung beziehen gegen Juden und Muslime. Im Gegenteil: Wir sollten Stellung beziehen für deren Recht auf die Option, ihre Kinder intakt zu lassen.

Die Autoren schreiben, dass manche Beschneidungsgegner das Grundgesetz "wie eine Monstranz" vor sich her trügen, dabei aber völlig vergessen würden, dass es "eine Reaktion auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte war". Aber war es eine gute Reaktion oder nicht? Und wenn wir "die tiefschwarze Vorgeschichte als Erbe und Verantwortung akzeptieren", was folgt dann daraus? Sollten wir das Grundgesetz ein bisschen lockerer sehen? Ein paar Verhandlungsspielräume einführen? Oder sollten wir nicht vielmehr aus der Geschichte lernen, dass Recht und Gesetz in erster Linie den Schwachen zur Seite stehen muss? Das sind in diesem Fall die Kinder.

Auch beim Thema historische Beschneidungsverbote sind die Autoren auf eine falsche Fährte hereingefallen. Dass es in der Geschichte Beschneidungsverbote gegeben hat, ist unstrittig. Aber wenn wir uns die judenfeindliche Rhetorik in den arabischen Ländern anschauen, so geht die größte Gefahr für Juden heute aus dem arabischen Raum von ebenfalls beschnittenen Männern aus. Und keiner, der Juden vernichten will, weil sie Juden sind, kümmert sich um das Wohlergehen ihrer Kinder.

Das unterscheidet die gegenwärtige Kritik an der Beschneidung von allen historischen Beschneidungsverboten, und daher ist sie auch nicht antisemitisch. Aber einige Rabbis ließen sich nicht davon abhalten, ausfällige Beleidigungen zu platzieren und den Beschneidungsgegnern vorzuwerfen, dass sie eigentlich einen eliminatorischen Antisemitismus betrieben und um Kinder jüdischer Eltern nur Krokodilstränen weinten. Wer damit punkten will, disqualifiziert sich selbst. Diese Beleidigung ist so gewaltig, dass ich die Gegner der Beschneidung für ihre Gelassenheit und Besonnenheit nur bewundern kann.

Mein Appell an die Autoren dieser Kritik in eigener Sache: Bleibt bei der Sache! Geht den Vertretern des Beschneidungsdiskurses nicht auf den Leim. Verliert das eigentliche Ziel nicht aus den Augen: Die Verteidigung der Kinderrechte und die Stärkung der Beschneidungskritiker, gerade innerhalb der Religionsgemeinschaften.