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Zwischenruf: Das „Recht“ auf Beschneidung oder „Wem gehören Kinder?“

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Im Sinne Janusz Korczaks, des polnischen Pädagogen, gehören uns Kinder nicht. Wir müssen ihnen Liebe geben, sie wärmen und nähren. Aber besitzen können wir sie nicht. Wenn Kinder die Welt betreten, gehören sie sich selbst. Oder etwa nicht?
Dienstag, 2. Oktober 2012

Wer die lautstarke Debatte über das vermeintliche Recht jüdischer oder muslimischer Eltern verfolgt, ihre Söhne beschneiden zu lassen, mag sich wundern, dass die entscheidende Frage überhaupt nicht gestellt wird. Wem gehören eigentlich Kinder?

Da wetteifern „Elternwille“, „jahrtausendealtes, religiöses Ritual“, „Recht auf körperliche Unversehrtheit“ und der Begriffe mehr um die öffentliche Deutungshoheit – aber die Perspektive eines Kindes nimmt keiner der zumeist männlichen Diskutanten ein.

Kinderrechte sind Menschenrechte

"In einer Gesellschaft, die das Eigentum als eine Art Grundwert feiert, in der vielfach das Haben das Sein ausmacht, geraten nicht zuletzt Kinder in den Status, Eigentum von irgendjemandem zu sein."

Diese Haltung widerspiegelt eine seltsame Tradition, nicht allein in Deutschland zu finden ist. Einige Beispiele: Warum gibt es zwar in Dänemark (Jesper Juul) eine Befragung von Kindern über deren Befinden im Kindergarten, nicht aber in Deutschland, wo doch gerade wieder ein aktueller Schlagabtausch über den besseren Ort für kindliche Entwicklung, Familie oder Kinderkrippe bzw. Kindergarten, stattfindet? Haben Kinder nichts zu sagen?

Ist eigentlich irgendeiner der in keinem Medium fehlenden Bildungsforscher auf die Idee gekommen, Kinder nach ihrem Gefallen an Schulreformen (z. B. in der Zeit nach PISA) zu befragen und derartige Untersuchungsergebnisse in den Reformprozess einfließen zu lassen? Warum eigentlich nicht? Welches Verhältnis zu Kindern und Jugendlichen drückt sich in dieser Unterlassung aus? Etwa: Wir wissen schon, was für unsere Kinder gut ist?

Warum bieten wissenschaftliche Untersuchungen über Jugendliche und Erwachsene diesem Personenkreis im Rahmen der mit ihnen geführten Gespräche immer auch Gelegenheit zur Selbstreflexion, Kindern aber grundsätzlich nicht? Glauben die verantwortlichen Forscherinnen und Forscher immer noch, Kinder seien dazu nicht fähig?

Auf diesem Hintergrund erscheint es geradezu normal, dass die Befürworter des Beschneidungsrituals, gleichgültig, ob es sich um jüdische Bürger in der ZEIT oder einen evangelischen Bischof in dem Magazin Chrismon handelt, sich in ihrer Argumentation um die Kinderperspektive nicht scheren.

Vielmehr beharren sie auf ihrem Recht der religiösen Indoktrination eines willenlosen, nicht einmal acht Tage alten Kindes in einer Weise, die es dem Kind nicht mehr ermöglicht, diesen Vorgang zu einer Zeit, da es selbst zu Bewusstsein gekommen ist, wieder rückgängig zu machen.

Dieses Handeln offenbart ein Kinderbild, das jene, die mit Kindern philosophieren, durch ihre erlebte Wirklichkeit schon lange nicht mehr bestätigt finden:

Kinder können sich nämlich durch Deuten und Interpretieren eine ganze Welt der Bedeutung herstellen, in der sie zu Hause sind. In welcher Weise haben wir Erwachsenen an dieser Welt der Bedeutungen teil? Besteht unsere Aufgabe in vermeintlicher Erziehung darin, diesem Prozess unsere nicht selten fragwürdigen Deutungen aufzupfropfen?

Kinder befinden sich nicht selten und sehr ernsthaft auf der Suche nach Antworten auf Sinnfragen, wie das Philosophieren mit ihnen als Haltung, Methode und Inhalt immer wieder unter Beweis stellt. Woher nehmen wir das Recht, diese Sinnsuche einem Glaubensdogma zu unterwerfen, abgesehen davon, dass im Namen dieses Dogmas nicht selten Sinnloses, Menschenverachtendes in dieser Welt geschehen ist und geschieht?

Die Welt wurde niemals zerstört, verwüstet oder verheert von denen, die fragten, sondern von denen, die glaubten, die Antwort zu kennen. (Richard David Precht, Lenin kam nur bis Lüdenscheid, Berlin 2007)

Wäre es nicht menschlicher, kindliche Fragekultur wiederzubeleben und ernst zu nehmen, statt unwiderrufliche und nicht hinterfragbare Antworten zu geben?

In einer Gesellschaft, die das Eigentum als eine Art Grundwert feiert, in der vielfach das Haben das Sein ausmacht, geraten nicht zuletzt Kinder in den Status, Eigentum von irgendjemandem zu sein. Eigentum unterliegt in seiner Verfügbarkeit und Verwertbarkeit meist keinen Grenzen. Für Kinder jedoch gelten andere Gesetze.

Erziehung, die sich als helfende Begleitung versteht, begreift Kinder zuallererst  als Fragende, die sich in dieser Haltung allem nähern können, natürlich auch religiösem Denken und Ritualen. Im Dialog mit uns Erwachsenen erfahren sie Nachdenklichkeit als Haltung und lernen so selbst zu entscheiden, was gut für sie ist!