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Die Beschneidungsdebatte - Eine Kritik in eigener Sache

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Auch bei Humanistinnen und Humanisten hatte das kontroverse Urteil des Landgerichts Köln zur Jungenbeschneidung von Anfang an eine große Aufmerksamkeit erfahren. Der Jurist und Humanist Holger Fehmel hatte sich im Juli mit einem nachdenklichen Kommentar als einer der ersten moderierenden Stimmen in der Kontroverse zu Wort gemeldet. Gemeinsam mit Sigrun Stoellger, Vertreterin der gbs-Regionalgruppe Hannover, verfasste er jetzt ein selbstkritisches Plädoyer gegen die verbale Vehemenz und für mehr Besonnenheit.
Montag, 1. Oktober 2012
Pro Kinderrechte

Die Beschneidungsdebatte tobt nun seit drei Monaten mit ungebrochener Heftigkeit. Wie konnte ein Urteil, dass vermutlich die allerwenigsten gelesen haben (hätten sie das, so würden wohl sowohl Befürworter als auch Gegner wesentlich zurückhaltender sein), dazu führen, dass Menschen mit den besten Absichten verbal derart wutentbrannt aufeinander einprügeln? Eine abschließende Analyse können wir natürlich nicht liefern. Aber wir denken, der Tonfall auf beiden Seiten hat erheblich zur den nun sichtbaren emotionalen Verwerfungen beigetragen

Jeder kehre vor seiner eigenen Tür, heißt es so schön. Daher soll zum Diskussionsstil unserer Kontrahenten in dieser Debatte, zu dem sicherlich auch so einiges zu sagen wäre, kein weiteres Wort mehr verloren werden.

Wir sind in dieser Debatte sehr zerrissen. Wir bedauern es zutiefst, dass wir in dieser Debatte Stellung beziehen mussten gegen die meisten unserer jüdischen und muslimischen Mitbürger. Denn uns ist bewusst, dass gerade jüdischen Menschen selbst oder deren Angehörigen unendlich viel Leid, Qualen und Tod in Deutschland durch Deutsche zugefügt worden ist. Uns ist auch bewusst, dass Versuche, die Beschneidung zu verbieten in der Vergangenheit meist den Vorsatz hatten, die jüdische Religion , die jüdische Kultur oder das jüdische Volk zu vernichten. Solche Ziele könnten uns nicht ferner liegen. Aber unsere ethischen Überzeugungen lassen in der speziellen Frage der Beschneidung Minderjähriger keine andere Positionierung zu. Die meisten Stellungnahmen von unseren Mitstreitern - seien es öffentliche Stellungnahmen von Verbänden, journalistische Kommentare und Beiträge - waren um Sachlichkeit bemüht. Meist ist dies gelungen. Als positives Beispiel wäre hier z.B. das Anliegen der Bundestagspetition 26078 zu nennen, wo ein Moratorium und ein runder Tisch aller beteiligten Parteien angeregt wird.

Leider gab es aber auch verbale Entgleisungen und Ungeschicklichkeiten. So sind wir z.B. der Meinung, dass der Begriff „Zwangsbeschneidung" in der Pro-Kinderrechtekampagne unglücklich gewählt ist, weil sich die Assoziation der Zwangssterilisierung aufdrängt. Auch die Verwendung des Begriffes „sexuelle Gewalt" in einem in der FAZ veröffentlichten Offenen Brief von Medizinern und Juristen war eine schwere verbale Fehlleistung.

Waren solche Fehler in „offiziellen" Stellungnahmen doch eher selten, so sah das Bild jedoch häufig ganz anders aus, wenn man in die Leserbrief- und Kommentarspalten, in sozialen Netzwerken und anderen Internetseiten schaut. Auch hier waren die meisten um Sachlichkeit bemüht, aber dennoch mussten wir feststellen, dass sich hier Ausfälligkeiten bis hin zu offenem Antisemitismus und Rassismus in auffälliger Weise häuften, so dass sich einem die Haare sträuben. Jüdische und muslimische Eltern, Ärzte, Rabbiner usw. werden als Barbaren beschimpft, es wimmelt von Begriffen wie „brutal", „barbarisch", „Kindesmisshandlung", „Kinderschänder", „Gewalttäter", „sexuelle Misshandlung" und so weiter und so fort.

Wir meinen: Jeder, der jüdische und muslimische Menschen so betitelt, sollte sich schämen. Ist das Humanismus? Unsere Mitmenschen auf diese Weise zu beschimpfen? Sie lieben ihre Kinder und wollen ohne jeden Zweifel ihr Bestes. Und sie sind nun mal der Überzeugung, dass die Beschneidung dem Wohl des Kindes dient. Wir sind der Überzeugung, dass sie sich irren, so wie sie dasselbe von uns denken. Diese kontroversen Positionen werden sich hier und heute nicht auflösen lassen. Und schon gar nicht mit der Brechstange eines gesetzlichen Verbotes. Jegliche Bereitschaft, sich den Argumenten irgendwie zu öffnen wird dadurch sinken bei solchen Frontalangriffen! Wir schämen uns dafür, dass diese Debatte von Leuten, die sich selbst als Humanisten bezeichnen, in diesem Tonfall geführt wird. Und das in einem Land, in dem gerade jüdische Menschen so unendlich viel Leid erfahren mussten; einige, die das Grauen noch am eigenen Leibe erfahren haben, leben noch unter uns und müssen sich auf derart üble Weise beschimpfen lassen. Habt Ihr das vergessen?

Nun, es mag einige unter uns geben, die meinen, das alles sei Vergangenheit und ginge uns nichts mehr an. Wir haben schließlich dazu gelernt, nicht wahr? Wie eine Monstranz tragen solche dann selbstgerecht das Grundgesetz vor sich her und vergessen völlig dabei, dass gerade diese Verfassung eine Reaktion auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte war. Wenn ihr dieses voller Stolz als Euer Erbe annehmt, dann müsst ihr auch die tiefschwarze Vorgeschichte, die erst zu seiner Annahme führte, als Erbe und Verantwortung akzeptieren. Nun, wir greifen hier niemanden persönlich an, auch nehmen wir uns von dieser Kritik nicht aus.

Wenn die Geschichte eines lehrt, dann, dass alles im Fluss ist. Nichts bleibt immer, wie es war. Bedenkt bitte, wie grundlegend sich wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Wert- und Moralvorstellungen in den letzten 100, 50, ja 20 Jahren verändert haben. Manche schneller, manche weniger schnell. Manchmal brechen gewohnte Konventionen innerhalb einer Generation zusammen. Manchmal dauert es viele Generationen, bis sich was ändert. Manche Dinge ändern sich schleichend, andere sehr plötzlich. An dem Bewusstseinswandel arbeiten wir gerade. Die Welt ist im Wandel… Immer…

Etwas mehr Selbstreflexion und etwas weniger Vehemenz wäre wünschenswert.