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Angst essen Freiheit auf

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Es ist Freitag. Und die westliche Welt wartet gespannt auf das Ende der Freitagsgebete in der arabischen Welt. Gewaltausbrüche werden erwartet. In Tunis, Islamabad & Teheran. Aber auch in Paris, Berlin oder Hannover. Parallel werden unsere Politiker ängstlich. Wieso das alles, fragt sich der Skeptiker und Journalist Sebastian Bartoschek, nachdem er versucht hat, die Kurzfassung des Films durchzustehen.
Dienstag, 25. September 2012
Arabisches Dach

Foto: Thomas Hummitzsch

Jeder weiß: es geht um ein Video, in dem der Prophet Mohammed und der Islam verunglimpft werden. Das Machwerk „Die Unschuld des Islam" dauert 74 Minuten in der Langfassung, im Kurzzusammenschnitt immer noch 14 Minuten – und ist Quell tradierter Vorurteile, Beschimpfungen und Verschwörungstheorien zum Islam. 

Die Schauspieler spielen nicht einmal auf Grundschultheaterniveau, die Farben sind völlig übersteuert, die „Kostüme" rangieren auf Fingerfarbenlevel und der Ton ist so schlecht, dass man sich das Stummfilmzeitalter zurückwünscht. Von einer „Handlung" kann nicht wirklich gesprochen werden.

Nun kann man behaupten, dieser Film sei so schlecht und diffamierend, dass er als Schmäh- und nicht als Satirevideo zu werten sei. Und dann könne er auch nicht von der künstlerischen Freiheit gedeckt sein. So kann man denken. Man kann sich aber auch fragen, wie Menschen gestrickt sein müssen, die ein solches „Werk" so ernst nehmen, dass sie Gewalt gegen Andere ausüben, die nichts, aber auch gar nichts, mit dem Film zu tun haben.

Man sollte sich in jedem Fall fragen, ob die Mehrheit der Gewaltmobs überhaupt je den Film gesehen hat. Ich selbst, großer Fan von Trashmovies a la „Two headed shark attack" oder „Plan 9 from outter space", und zudem mit journalistischem Interesse aufgeladen, kapitulierte vor der Kurzfassung des Mohammed-Films. Nach sieben Minuten. Es erscheint mir mehr als unwahrscheinlich, dass die kriminellen Brandstifter in Tunis sich durch den gesamten Film gequält haben. Wahrscheinlicher: sie folgten zentralen Aufrufen und Hassreden, deren Qualität vergleichbar der „Unschuld des Islam" sind.

Bei meinem Selbstversuch wurde mir zudem klar, dass die ganze Verbotsdebatte lächerlich ist. Der Film ist in mehreren Versionen im Videoportal youtube verfügbar. Sicherlich wird er von dort hinreichend oft heruntergeladen worden sein, so dass eine Verbreitung sichergestellt ist. Ein Verbot wäre ein symbolischer Akt des Appeasement – kein wirkungsvolles ordnungspolitisches Mittel.

Doch der Kern des Problems ist nicht die „Unschuld des Islam". Vielmehr zeigt sich hier, wie schnell sich die westliche Welt in einen kollektiven Zustand der Angst versetzen lässt. Wir erleben dies nun auch bei der Debatte über neue Mohammend-Karrikaturen in Frankreich – und sogar in Deutschland bei den Auseinandersetzungen über ein vermeintlich geplantes Cover der Satire-Zeitschrift Titanic. Dieses soll die Ex-First-Lady Bettina Wulff mit einem säbelschwingenden Krieger zeigen – samt Titel „Der Westen im Aufruhr: Bettina Wulff dreht Mohammed-Film!".

Angst

Foto: Jotquadrat via wikimedia

Angst verhindert Denken. Angst vergiftet stets Handlungsfähigkeit. Angst macht unfrei. Dies ist Konsens unter Psychologen und Therapeuten. Angst zu überwinden bedeutet, Freiheit zu erlangen und zu ermöglichen. Genau diese Freiheit sollte aber Kern unserer Gesellschaft sein, Kern unser freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Es ist peinlich, wenn auch wenig überraschend, dass Christsoziale aus Bayern dies wieder vergessen und darüber schwadronieren, wie nicht nur die Aufführung des Mohammed-Films sondern jeder ähnlich gelagerte Film in Zukunft bereits in der Produktion untersagt werden könne. CSU-Chef Horst Seehofer in der WELT: „Wenn das vorhandene Recht solche Provokationen nicht beherrscht, dann muss man überlegen, wie man es beherrschbar macht".

Noch schwerer wiegt, dass selbst diejenigen, die sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben haben, die Liberalen der FDP, ins selbe Horn blasen. Die liberale Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger prüft Medienberichten zufolge ein Vorführverbot des Films in Deutschland.

Und Außenminister und Ex-Vizekanzler Guido Westerwelle warnt er davor, „Öl ins Feuer" zu gießen, womit er sich aber nicht auf die „Unschuld der Muslime" bezieht,  sondern auf das Titanic-Cover. Sind Seehofer und Westerwelle letztendlich für eine prüfende Zensurbehörde? Wir erinnern uns: Westerwelle war schon im Rahmen der Beschneidungsdebatte mit einem seltsamen Verhältnis zur Freiheit aufgefallen.

Zustimmen kann man Westerwelle aber trotzdem, wenn auch anders von diesem intendiert. Unermüdlich führt er aus, dass „Freiheit und Verantwortung zwei Seiten derselben Medaille" seien. Das stimmt. Und wir können von unseren Volksvertretern erwarten, dass sie die Verantwortung dafür übernehmen, unsere Freiheit zu sichern.

Wer sein Urteil darüber, was von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gedeckt ist, von der Gewalt bzw. deren Androhung durch undemokratische Krimineller abhängig macht, der stellt sich eben dieser Verantwortung nicht. Das preußische Erbe der Deutschen und die dunklen Jahre der Diktatur scheinen immer noch Repressionen als reizvolles politisches Mittel zur Wahrung des inneren Friedens erscheinen zu lassen.

Doch Einschränkungen der Freiheit widersprechen dem Geist des Grundgesetzes, das genau deswegen von Kriminellen abgelehnt wird, gleich ob von Links- oder Rechtsextremen, oder eben religiösen Fanatikern!