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Wo bleibt das Gesprächsangebot?

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Wollen wir wirklich unsere in Jahrtausenden schwer erkämpften säkularen Grundwerte opfern, um sie einigen wenigen fundamentalistischen Gewalttätern zum Fraß vorzuwerfen? Dr. Rainer Rosenzweig, Geschäftsführer des Wissenschaftsmuseums "turm der sinne" in Nürnberg, kommentiert die Erregung rund um das Mohammed-Video "Die Unschuld der Muslime"
Donnerstag, 20. September 2012
Dr. Rainer Rosenzweig 2

Dr. Rainer Rosenzweig

Die Reaktion von Politik und Medien auf die gewaltsamen Ausschreitungen islamistischer Fundamentalisten hinterlässt viele demokratisch-rechtsstaatlich denkende Menschen fassungslos: Statt uneingeschränkter Verurteilung der Gewalttaten wird das auslösende Video in den Fokus der Debatte gezogen. Dabei haben es die meisten Kommentatoren, die es als schlecht gemacht" oder "Schmäh-" bzw. "Hass-Video" bezeichnen, niemals selber gesehen.

Kunst darf gut oder schlecht sein, auf jeden Fall darf sie provozieren. Über Ersteres darf man sich freuen bzw. ärgern, Letzteres darf man gerne kritisieren oder aus eigener Sicht richtigstellen. Aber man muss es hinnehmen, wie auch der andere die kritische, bissige oder von mir aus auch polemische Antwort hinnehmen muss. Dass dies in anderen Kulturen offenbar von einem Häufchen Fanatiker anders gesehen wird, ist sehr bedauerlich. Dass sich nun allerdings konservative Politiker darin überbieten, Zensur und Verbote zu fordern, ist beschämend. Umso schlimmer, dass sie dadurch bisher völlig unbekannten rechtsradikalen Splittergruppen die Gelegenheit eröffnen, ihren fremdenfeindlichen Irrsinn mit kostbaren rechtsstaatlichen Argumenten zu legitimieren.

Wo bleibt das Gesprächsangebot an friedliche, nicht-fundamentalistische Muslime in unserer Mitte, das Werben für ein gemeinsames Einstehen für die Grundwerte der Religions-, Kunst- und Meinungsfreiheit, die unsere Gesellschaft verbinden und von der wir alle profitieren, ob religiös oder nicht? Wollen wir wirklich unsere in Jahrtausenden schwer erkämpften säkularen Grundwerte opfern, um sie einigen wenigen fundamentalistischen Gewalttätern zum Fraß vorzuwerfen?