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Statt Monolog mehr Dialog

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Mehrere humanistische Organisationen in Hessen haben vor wenigen Tagen ihr Projekt DIALOG gestartet, mit dem sie erreichen wollen, dass Schülerinnen und Schüler an den öffentlichen Schulen in Hessen bei religiösen und weltanschaulichen Fragen mehr miteinander statt übereinander reden. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des HVD Hessen, Carsten Werner, über die Initiative.
Freitag, 25. Mai 2012
DIALOG-Projekt

Carsten Werner stellte die DIALOG-Initiative, eine gemeinsame Aktion des HVD Hessen und der gbs-Sektionen Rhein-Main und Kassel, vor.

Herr Werner, gemeinsam mit den Regionalgruppen Rhein-Main und Kassel der Giordano Bruno Stiftung haben Sie die Initiative Ethik und Lebensgestaltung im DIALOG gestartet. Was steckt hinter dieser Initiative?

Dahinter stand zunächst einmal der Gedanke, mehr Bildung statt Indoktrination in die Schulen zu bringen, wenn es um ethische und weltanschauliche Fragestellungen geht. Wir haben hier bewusst einen pragmatischen Ansatz gewählt, der zeitnah und ohne Verfassungsänderungen umgesetzt werden könnte.

Konkret besteht die Initiative aus zwei Punkten. In Punkt eins möchten wir, dass Schulen ihren Spielraum nutzen, der ihnen vom Kultusministerium schon jetzt gewährt wird. In Hessen gibt es seit diesem Schuljahr keine Lehrpläne mehr sondern nur noch sogenannte Kerncurricula, in denen nur grob die Lernziele vorgegeben sind. Es liegt dann an den Schulen, ihre eigenen Schulcurricula auszuarbeiten und den Unterricht so mit Leben zu füllen, dass die geforderten Lernziele erreicht werden. Wir schlagen daher vor, dass für die Schüler aus Religions- und Ethikunterricht gemeinsame fachübergreifende Projekteinheiten mit ethischen, interkonfessionellen und interkulturellen Fragestellungen gestaltet werden. Dabei sollen die Fragestellungen unterschiedlicher Disziplinen unter einer ethischen bzw. weltanschaulichen Perspektive gebündelt werden. In einigen Schulen wird das auch schon in Ansätzen gemacht, gerade auch unter dem Stichwort Globales Lernen. Wir möchten dafür werben, dass dies verstärkt und auf breiter Basis Einzug hält.

In Punkt zwei gehen wir einen Schritt weiter und hier muss auch das Kultusministerium mitspielen. Wir schlagen vor, dass mit Schülerinnen und Schülern im Umfang von bis zu zwei Schuljahren ein überkonfessioneller DIALOG-Unterricht praktiziert wird, der nach Möglichkeit von allen Lehrkräften für Religion und Ethik gemeinsam gestaltet wird. Grundlage sollte eine freiwillige Übereinkunft der an der jeweiligen Schule vertretenen Konfessionen bzw. Weltanschauungen sein.

Was genau wollen Sie mit diesem DIALOG-Unterricht erreichen?

Kurz und prägnant: „Miteinander statt übereinander reden". Dass die Kinder heute während ihres gesamten Schullebens viele Dinge nur aus einer speziellen Weltanschauungsperspektive präsentiert bekommen, schränkt sie zu sehr ein. Das kann man wohl kaum als wirkliche Bildung bezeichnen. In Hessen gilt man ab einem Alter von 14 Jahren als religionsmündig, in Wirklichkeit ist das aber keine Frage des Alters, sondern der konkreten Lebens- und Lernerfahrung. Der DIALOG-Unterricht könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Das Ziel, mehr miteinander ins Gespräch zu kommen, erinnert an den gemeinsamen Ethik-Unterricht, wie er in Berlin in der Sekundarstufe 2 stattfindet? Diente dieses Modell als Vorbild?

In gewissem Sinne schon. Aber das Berliner Modell ist nicht eins zu eins auf Hessen übertragbar, weil die Verfassungslage das nicht zulässt. Auf lange Sicht würden wir uns ohnehin eine verfassungsrechtliche Neugestaltung des Religions- und Weltanschauungsunterrichts wünschen, aber das ist nicht Gegenstand der DIALOG-Initiative.

DIALOG-Projekt 2

Die Arbeitsgruppe der Initiatoren bei der Ausarbeitung des DIALOG-Projekts

Gibt es einen konkreten Anlass für die DIALOG-Initiative?

Hessen ist kurz davor, für Kinder muslimischer Eltern den islamischen Religionsunterricht einzuführen. Ich sage hier ganz bewusst Kinder muslimischer Eltern und nicht muslimische Kinder, weil es meiner Ansicht nach unsinnig ist, religionsunmündigen Kindern einen religiösen oder weltanschaulichen Stempel aufzudrücken. Wie dem auch sei, der zusätzliche islamische Religionsunterricht wird den weltanschaulichen Separatismus in den Schulen noch weiter verschärfen. Ein gemeinsames Lernen von Muslimen und Konfessionslosen im Ethikunterricht findet dann nicht mehr statt. Der Ethikunterricht wird ausgedünnt und wahrscheinlich vielerorts gar nicht mehr angeboten werden können. Das ist vielleicht denjenigen, die die Einführung des islamischen Religionsunterrichtes vorantreiben, gar nicht bewusst. Mit der DIALOG-Initiative setzen wir hier einen eigenen Akzent und machen auf diese Problematik aufmerksam.

Sie wollen, dass sich die Religionslehrer aller Konfessionen an dem DIALOG-Unterricht beteiligen, der in zwei Schuljahren praktiziert werden soll. Wie soll dieser gemeinsame Unterricht konkret funktionieren und in welchen Schuljahren soll er stattfinden?

Für die Schuljahre haben wir die Jahrgangsstufen der Klassen acht bis zehn im Blick, also das Alter, in denen die Schülerinnen und Schüler religionsmündig werden sollen. Was die konkrete Durchführung anbelangt, sind wir natürlich nicht in der Position, hier genaue Vorgaben zu machen. Klar ist aber auch, dass nicht nur die Schüler lernen müssen, gemeinsam über ethische Fragestellungen zu diskutieren, sondern auch die Lehrer gefordert sind, hier Wege zu finden, gemeinsam aus ihrer unterschiedlichen Weltsicht heraus den Unterricht zu gestalten. Das wäre sicherlich spannend. Natürlich legen wir schon Wert darauf, dass immer auch ein ausgebildeter Ethiklehrer involviert ist. Sonst könnte das schnell zum Missionsunterricht für alle ausarten und das würde unsere Idee konterkarieren.

Soll der DIALOG-Unterricht den Religionsunterricht ersetzen oder wie der Ethik-Unterricht in Berlin unabhängig von ihm stattfinden?

In den Jahrgangsstufen, in denen er stattfindet, soll er sowohl den Ethikunterricht, als auch den Religionsunterricht ersetzen. Wir möchten nicht, dass die Kinder dadurch noch zusätzlich belastet werden.

Nach Artikel 57 der Hessischen Landesverfassung wäre es ja problemlos möglich, als Humanistischer Verband darauf hinzuwirken, einen landesweiten Humanistischen Lebenskundeunterricht zu fordern, so wie es auch alle anderen Landesverbände des HVD tun. Warum geht der HVD Hessen hier einen Sonderweg?

Bei unserem derzeitigen Organisationsgrad in Hessen können wir einen Lebenskundeunterricht einfach nicht auf die Beine stellen. Den hessischen Landesverband gibt es ja erst seit einem Jahr. Die DIALOG-Initiative lässt aber auch noch genug Spielraum für die Zukunft. Bis dahin können wir versuchen, Schritt für Schritt den Schulen auch eigene Bildungsangebote bereitzustellen, die dann in den Ethik- oder eben den DIALOG-Unterricht in Form von Projektarbeit mit einfließen können.

+++ Die Initiative in Kürze +++

Die Initiative Ethik und Lebensgestaltung im DIALOG vom hessischen Landesverband des Humanistischen Verband Deutschlands und den Regionalgruppen der Giordano-Bruno-Stiftung, die gbs Rhein-Main Säkulare Humanisten und die gbs Kassel e.V., will erreichen, dass hessische Schüler in ethischen und weltanschaulichen Fragen nicht nur übereinander, sondern vermehrt miteinander ins Gespräch kommen.

Dabei regen die Initiatoren zum einen an, fachübergreifende Projekteinheiten mit ethischen, interkonfessionellen und interkulturellen Fragestellungen zu gestalten, um auf der Grundlage der allgemeinen Menschenrechte in einen erfolgreichen DIALOG der Schüler zu initiieren. Zum anderen sollen religionsmündige Schülern nach Vorstellung der initiatoren künftig in bis zu zwei Schuljahren einen überkonfessioneller DIALOG-Unterricht besuchen, der nach Möglichkeit auf der Basis einer freiwilligen Übereinkunft von allen Lehrkräften für Religion und Ethik gemeinsam gestaltet wird.

Das Konzeptpapier können Interessierte hier herunterladen.