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Anders Breivik – Ein typischer Attentäter?

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Ein Gespräch mit dem Autor des Buches "Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft", dem Germanisten und Philosophen Manfred Schneider, über den norwegischen Attentäter Anders Breivik, sein Weltbild und immer wiederkehrende Muster in der Geschichte des Attentats.
Montag, 29. August 2011
Manfred Schneider

Manfred Schneider, Germanist und Philosoph


Herr Schneider, Sie haben eine Art Kulturgeschichte des Attentats verfasst, sich mit den verschiedenen Typen der Attentäter befasst und einen Prototyp in einem Paranoid-Verfolgten gefunden. Ist Anders Breivik demnach ein typischer Attentäter?

Ja, er ist für mich typisch. Er kommt mir in jeder Hinsicht bekannt vor aus der Geschichte des Attentats, die ja im Wesentlichen eine Geschichte der Moderne ist. Auch wenn es politische Morde und Attentate auch früher gegeben hat, ist die Figur des Attentäters eine Figur der modernen Kultur. Das würde ich auch gegenüber Versuchen, diese Täter hirnphysiologisch zu identifizieren, immer betonen.

Was zeichnet diesen Typus aus?

Vier wesentliche Züge machen den Attentäter als Figur der Moderne, wie ich ihn beschreibe, aus. Zum einen eine Unfähigkeit, die politischen Dinge in ihrer Kontingenz zu erkennen. Der zweite Zug ist das apokalyptische Bewusstsein. Damit ist eine Einstellung bezeichnet, wonach das vermeintliche Weltübel derart dramatisch ist, dass es die ganze Welt oder zumindest die eigene Kultur mit dem Untergang bedroht. Dieser Zug ist bei Anders Breivik ja sehr dominant. Drittens das Sendungsbewusstsein der Attentäter. Sie fühlen sich auserwählt und nehmen gewaltige Opfer in Kauf, gegebenenfalls bis hin zum eigenen Leben. Der vierte und entscheidende Zug, womöglich auch der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, ist die ungeheure Gewissheit, die ihn auszeichnet. Er hat nicht die geringsten Zweifel, sondern bewegt sich in einer radikal geschlossenen Konzeption.

Neurobiologe und Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth erklärte gegenüber diesseits, dass Attentäter oft sehr geplant vorgehen, immer hellwach sind. Sie sprechen von einem „Rasen der Vernunft" bei Attentätern. Was meinen Sie damit?

Zunächst bestätige ich Gerhard Roths Aussagen. Das Verhalten von Attentätern ist keine Form des Wahnsinns im Sinne einer Verirrung oder Verwirrung des Verstandes. Ich nenne die Paranoia „Übervernunft". Alle Phänomene werden hierbei nur nach rationalen Gesichtspunkten bewertet. Ein Psychologe des 19. Jahrhunderts sagte einmal, dass der Paranoiker alles verloren habe außer seiner Vernunft. Das heißt, er besteht nur noch aus Vernunft. Alle Momente, die sonst noch unsere Beziehung zur Welt ausmachen, Empathie, Zweifel, Feedback, das was als „emotionale Intelligenz" bezeichnet wird, das fehlt irgendwie. Mit dem Begriff der „rasenden Vernunft" beziehe ich mich auf Immanuel Kant, den größten Vernunftkritiker, und bezeichne damit eine Überfunktion der Vernunft, der Rationalität, bei der weitere wichtige Merkmale des Weltbezugs fehlen.

Breivik sieht sich selbst ja auch als fundamentalistischen Gotteskrieger, sieht eine heimlich fortschreitende Islamisierung Europas und meint, gegen diese vorgehen zu müssen. Kann man ihn mit Daniel Paul Schreber vergleichen, den, wie Sie sagen, „größten Paranoiker deutscher Zunge"?

Ja, das ist zweifellos eine Gemeinsamkeit. Bei Schreber allerdings fehlt der letzte Schritt zur Gewalt. Aber er sah sich auch als einzig und allein auserwählt, als jemanden, der allein die Einsicht hat in das Weltverhängnis. Sein Blick auf die Moderne ist ja ähnlich wie der von Breivik. Oder anders herum: So wie Schreber auf die Amoralität und sexuelle Verwahrlosung der modernen Welt abhebt und die Syphilis gar als die große Weltgefahr beschreibt, sind die sexualmoralische Verwahrlosung in der Moderne, die Emanzipation der Frau, der Verlust der väterlichen Autorität auch für Breivik Aspekte der Katastrophe. Allerdings nehmen wir die Geschlossenheit und Einheit des Weltbildes bei Schreber als völlig fremd und verrückt wahr, während bei Breivik die „rasende Vernunft" der Einstellung eines europäischen rechten Populisten mit starken faschistischen Zügen entspricht.

Das Vorgehen Anders Breiviks und das Ausmaß seiner Tat haben mich sehr an die Vorfälle an der Columbine-Highschool erinnert. Den Attentätern Eric Harris und Dylan Klebold attestieren Sie auch einen permanenten Verfolgungswahn, eine Paranoia vor der Welt. Und zugleich war der Aspekt des Sendungsbewusstseins bei beiden stark ausgeprägt. Sie betrachten sich auch als abgehoben und als einzige, die verstehen, was in der Welt passiert. Ging ihnen das ähnlich?

Ja, das muss man schon sagen. Die beiden sind aber radikale Zyniker. Für sie gibt es in der Welt überhaupt kein positives Zeichen mehr, in ihren hinterlassenen Dokumenten schreiben sie auch, dass sie die Menschheit hassen: Eine radikale Negation der menschlichen Welt und Wirklichkeit, die zu diesem schrecklichen und blutigen Show-Down geführt hat. Das ist bei Breivik anders. Er liebt die europäische Kultur mit ihren traditionellen Strukturen und möchte sie wieder herstellen. Seine Bluttat ist, wenn man es pointiert sagen will, eine Art Werbeaktion für sein Manifest. Dieses Manifest entwickelt ein terroristisches Konzept der Re-Europäisierung Alteuropas, dass man von einer radikalen Verachtung gegenüber der modernen Kultur sprechen kann. Aber bei ihm gibt es noch einen Rest von Liebe zu der Welt.

Einigen der von ihnen untersuchten Attentäter, u.a. auch Harris und Klebold, schreiben Sie eine Art „Ödipus-Komplex" zu, sie sprechen von „vaterverlassenen Söhnen". Kann die Vaterlosigkeit tatsächlich eine solche Tat erklären? Breivik kommt ja auch aus einem, wie der Stern schrieb, ganz „normal verkorksten" Elternhaus.

Nein, das kann die Tat nicht restlos erklären. An dieser Vaterlosigkeit leiden viele, es ist ein Zug der modernen Kultur und nur wenige schreiten zu einer solch extremen Tat. Für diese Täter ist der Mangel von väterlicher Autorität im Sinne von Macht und im Sinne einer kulturellen Sichtbarkeit der Vater- und Männerrolle ein qualvoller und pathologisierender Zug. Durch das ganze Manifest von Breivik zieht sich dieses Thema der Vaterlosigkeit. Er spricht selbst, ähnlich wie früher Mitscherlich, von der „vaterlosen Gesellschaft". Bei Breivik hat es nicht nur diese tiefenpsychologische Seite, Stichwort „Ödipus-Komplex", sondern auch die intellektuelle. Er erlebt das Fehlen des Vaters bzw. die Auflösung der patriarchalischen Struktur als persönliches Leiden.

Dieses Leiden orientiert sich an Breiviks sehr traditionellen Vorstellungen, wie die Welt zu funktionieren hat. Ist er in diesem Sinne ein Anti-Modernist?

Ja. Das ist der Kern dieser Haltung. Und das ist ja auch das Paradoxe. Denn in dem Feind, den er im Auge hat – dem radikalen Muslim – findet er sein Spiegelbild. Auch sein Gegenüber ist Anhänger einer anti-modernen Gesellschaft, und auch seine Gewalttätigkeit entspringt dem Widerstand und Überdruss gegenüber der modernen westlichen Welt. Insofern hat man hier tatsächlich ein Spiegelverhältnis zwischen Breivik, seinem Weltbild, dem Hass auf die moderne Welt, einerseits und diesem Feind, den er heraufstilisiert, dem aggressiven, dschihad-begeisterten Muslim.

Vaterlosigkeit und die Konfrontation mit einer modernen und immer komplexer werdenden Welt erleben viele Menschen. Aber warum schreiten die einen zur Tat und die anderen nicht? Ein Zufall?

Das ist ein Rätsel. Meine Lesart dafür, die keine tiefen- oder neuropsychologische, sondern eine intellektuelle ist, lautet: Diese Leute leiden an der „Krankheit der Gewissheit". Canetti hat gesagt, die Paranoia ist die Krankheit der Macht. Mir scheint jedoch, dass, wenn es pathologisch ist, wie in diesem Falle, die Paranoia eine Krankheit der Gewissheit ist.
Das gegenüber der modernen Welt adäquate intellektuelle Verhalten ist die Skepsis. Wir wissen nicht definitiv, wie die Welt läuft oder was sie im Innersten zusammenhält. Wir müssen unsere Welterklärung alle paar Jahre erneuern und aktualisieren, weil die Dinge so komplex und so schwierig sind, dass einfache monokausale Welterklärungen absolut nicht funktionieren. Und da sehe ich den entscheidenden Punkt. Der pathologische Zug dieser Attentatsgewalt besteht darin, vermeintliche Gewissheiten darüber zu haben, warum uns die Weltübel so bedrängen und wo die politische Lösung dafür liegt.

Versagen dann unsere Politiker, die immer mal wieder zu paranoiden Erklärungen neigen – sei es bei der Wirtschaftskrise oder der Flüchtlingspolitik. Fehlt es da an Sensibilität und Verantwortung?

Wir versagen da alle, weil wir alle gern die Weltübel mit einem Schlag beseitigen wollen. Politiker sind auch nur Menschen und versuchen, die Grundstimmung der Bevölkerung aufzunehmen und das in ein möglichst vernünftiges Handeln zu übersetzen. Und wenn wir die Übel jetzt auf die Politiker und deren Unfähigkeiten projizieren, dann tun wir etwas ähnlich Paranoides. Die Politiker sind immer schon schlecht gewesen und werden auf absehbare Zeit ohnmächtig bleiben. Aber da sind sie dann eben auch nur das Spiegelbild von uns allen.