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52.000 Schüler nehmen in Berlin am Fach Humanistische Lebenskunde teil

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Trotz dieses Erfolges hat der HVD Berlin-Brandenburg die Finanzierungsvereinbarung mit dem Berliner Senat gekündigt. diesseits sprach mit dem Abteilungsleiter Bildung Werner Schultz über diesen Schritt und die künftigen Herausforderungen.
Donnerstag, 1. März 2012
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Grund zum Feiern. In Berlin besuchen über 50.000 Schüler den Humanistischen Lebenskundeunterricht | Foto: HVD Berlin-Brandenburg

Was bedeutet die Zahl 50.000 Schüler für den Verband?

Humanistische Lebenskunde ist in Berlin, einer Stadt, in der immerhin zwei Drittel der Bevölkerung konfessionslos sind, ein großer Erfolg. Wir sind jetzt nach der evangelischen Kirche der zweitgrößte Anbieter von Bekenntnisunterricht und haben doppelt so viele Schüler wie die katholische Kirche.

Wie hat sich Lebenskunde in den letzten Jahren entwickelt?

Die Nachfrage ist sehr groß. Wir könnten ein doppelt so hohes Wachstum haben, müssen aber moderat vorgehen, da erst genügend Kolleginnen und Kollegen ausgebildet und die Finanzplanung darauf ausgerichtet werden muss. Zurzeit steigen die Schülerzahlen jährlich um ein- bis zweitausend, so dass fünfzehn neue Kollegen pro Jahr eingestellt werden.

Auf was sind Sie besonders stolz?

Darauf, dass die Schulen spüren, welche große Bedeutung dieser Unterricht für das gesamte Schulklima hat. Denn im Fach Lebenskunde werden Themen besprochen, für die in anderen Fächern manchmal keine Zeit zur Verfügung steht. Die Lebenskunde-Lehrkräfte können auf Probleme und Sorgen der Kinder direkt eingehen. Sie haben diese Zeit und wurden dafür ausgebildet. Diese Arbeit wirkt sich sehr positiv auf die Schule aus. Das bestätigen uns immer häufiger Kollegen und Schulleitungen.

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Immer im Dialog mit den Kindern | Foto: HVD Berlin-Brandenburg

Zunehmende Schülerzahlen bedeuten auch mehr Lebenskundelehrer. Wie hat man sich darauf organisatorisch eingestellt?

Wir haben leider immer noch keine grundständige universitäre Ausbildung für Lebenskundelehrer. Zurzeit bilden wir unsere Lehrenden in einem eigenen Ausbildungsinstitut in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin aus.

Was kann man noch verbessern?

Es gibt für die Schüler zu wenig Angebote im Humanistischen Verband. Nach der Zeit im Lebenskundeunterricht sind die meisten Kinder wieder weg. Wir müssen mehr Verbindungen schaffen, damit Kinder und ihre Eltern im Humanistischen Verband Orte finden, in denen sie weitere Interessen organisieren können. So könnte die Verbindung zu unserem Jugendverband besser sein, der ja Reisen für Kinder und Jugendliche im In- und Ausland anbietet. Die JugendFEIER, die der Verband organisiert, ist eine weitere Möglichkeit, junge Menschen an den Verband zu binden. Hier müssen wir künftig stärker Brücken schlagen. Aber auch für Eltern könnten wir ein Ort der Beratung oder der Freizeitgestaltung für die Familie sein.

Religion war ja von Anfang an Bestandteil der Berliner Schullandschaft, Lebenskunde kam erst später hinzu. Wie hat sich das Fach im Vergleich zu Religion entwickelt?

Lebenskunde gab es bereits in den 1920er Jahren. Das Fach wurde in der NS-Zeit verboten, Religionsunterricht wurde dagegen zu dieser Zeit wieder Pflichtfach. Ein Neuanfang wurde nach einer kurzen Phase Ende der 1950er Jahre dann ab 1984 stetig organisiert. Wir möchten das Fach als einen humanistischen Unterricht profilieren, der Sinnfragen stellt, und sich mit moralischen Konflikten auseinandersetzt. Das geschieht ohne Rückgriff auf Religion, sondern auf der Basis von menschlichen Entscheidungen und Erfahrungen. Wir plädieren dabei für eine friedliche Lösung von Konflikten, für Aufklärung und Solidarität.

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Können Dinge ewig feststehen? Im Lebenskundeunterricht werden Dinge hinterfragt - meist auch ganz praktisch | Foto: HVD Berlin-Brandenburg

Wie ist die Akzeptanz von Lebenskunde in der Berliner Bildungslandschaft?

Die Wertschätzung ist inzwischen sehr hoch. Bis dahin hat es zunächst aber einige Jahre gedauert. Der eine oder andere Schulleiter sah zu Beginn Probleme, wenn eine neue Gruppe von außen an die Schule kommt. Das hat sich über die Jahre zum Positiven verändert. Inzwischen haben zehntausende Schüler den Lebenskundeunterricht erfolgreich durchlaufen, man empfiehlt uns weiter. Es ist selbstverständlich, dass die Geschwister auch zum Lebenskundeunterricht kommen. Die Eltern wiederum finden den Unterricht gut, weil man sich ohne Religion mit ethischen Fragen beschäftigt.

Gibt es noch Unterschiede bezüglich Ost und West?

Bei den Schülerzahlen in Ost und West gibt es kaum Unterschiede, auch die Unterrichtsinhalte sind die gleichen. Wir erleben, dass gerade bei den jüngeren Schülern die alte Trennung Ost-West  verschwindet. Falls gewünscht, kann aber z.B. das Thema „Vorurteile Ost-West" durchaus ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts sein. Das ist ja das Besondere an diesem Unterricht, dass man als Lebenskundelehrer gern Fragen der Schüler aufgreift.

In mehreren Bezirken Berlins ist der Migrantenanteil der Schüler hoch. Wie reagiert Lebenskunde darauf?

Es ist vielleicht überraschend, dass viele Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kinder zu uns schicken. Wir weisen deshalb deutlich darauf hin, dass unser Unterricht ein humanistischer Bekenntnisunterricht ist. Deshalb haben wir unsere Elterninformationen in mehreren Sprachen übersetzt. So haben die Eltern eine klare Vorstellung, worin unser Angebot besteht. Es begrüßen z.B. manche Eltern, die sich eher kulturell muslimisch verstehen, dass ihre Kinder in diesem integrativen Unterricht über Toleranz und Vorurteile nachdenken können. Unsere Lehrer sind darauf gut vorbereitet.

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Der Mensch in der Welt - Lebenskunde in der Oberschule | Foto: Istvan Imreh

Welche Hoffnungen und Wünsche verknüpfen sich mit dem neuen Berliner Senat?

Wir fordern seit Jahren, dass sich die Finanzierung des Lebenskundeunterrichts adäquat zum öffentlichen Dienst entwickelt. Die Zuwendungen für den Lebenskundeunterricht wurden aber, ebenso wie beim Religionsunterricht, auf die BAT-Sätze des Jahres 2002 eingefroren! Die Zuwendungen sind seitdem nicht gestiegen, bei gleichzeitiger Steigerung der Preise und Kosten. Die Wertschätzung und Förderung, die dem Bekenntnisunterricht in Berlin entgegengebracht wird, spiegelt sich bei der Finanzierung überhaupt nicht wider. Obwohl Lebenskundelehrkräfte mit schwierigen Bedingungen in ihrem Unterricht zurechtkommen müssen – sie haben sehr viele Schüler und arbeitet oft an mehreren Schulen – verdienen sie etwa 800 Euro weniger als Lehrkräfte im staatlichen Schuldienst. Wir sehen einen dringenden Handlungsbedarf, da wir sonst nicht mehr konkurrenzfähig sind. Daher haben wir die Finanzierungsvereinbarung mit dem Berliner Senat gekündigt, sind aber im Gespräch.

Was bedeutet die Neuverhandlung der Finanzierungsvereinbarung konkret?

Der HVD kündigt den Vertrag mit dem Senat mit dem Ziel der Verbesserung der Finanzierung des Lebenskundeunterrichts. Der jetzige Vertrag gilt jedoch so lange weiter, bis sich beide Parteien zu einem neuen Vertrag durchgerungen haben. Es müssen sich also weder Lehrer noch Eltern und Schüler Sorgen machen. Der lebenskundeunterricht geht ganz normal weiter. Das Ziel der Verhandlungen ist die Anpassung der Finanzierung an die Berliner Lehrkräfte.

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Jeden Tag die Neugier wecken. Das will der Humanistische Lebenskundeunterricht | Foto: HVD Berlin-Brandenburg

Inwiefern ist das Modell Lebenskunde auf andere Bundesländer übertragbar?

Es existiert bereits seit 2007 im Land Brandenburg Lebenskundeunterricht. Und er ist selbstverständlich auf jedes Bundesland übertragbar, weil das Grundgesetz die Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften vorsieht. Fast alle Rechtskommentare gehen eindeutig davon aus, dass dies auch für den Bekenntnisunterricht gilt. Da erste Anträge auf Einführung der Humanistischen Lebenskunde von CDU-Regierungen abgelehnt wurden, haben wir in zwei Bundesländern eine Klage eingereicht. Wir sind optimistisch, dass wir auf diesem Wege Recht bekommen. Dazu ein Beispiel: In Niedersachsen gibt es in den Grundschulklassen ausschließlich Religionsunterricht, obwohl in den Großstädten bis zu 50 Prozent konfessionslos sind. Diese Kinder erhalten gar kein Angebot, was nicht fair ist und meines Erachtens noch von einer Privilegienpolitik der 1950er Jahre herrührt. Dort müssen dringend Veränderungen her. 

Lebenskunde ist ja ein freiwilliges Unterrichtsangebot. Ist das weiterhin die beste Option oder könnte man sich prinzipiell auch andere Modelle des Lebenskundeunterrichts vorstellen?  Welches verspricht den meisten Erfolg?

Wir begrüßen, dass in Berlin das integrative Fach Ethik existiert, in dem alle Schüler gemeinsam über Fragen von Werten und Moralvorstellungen nachdenken können. Wir sind aber der Meinung, dass der Bekenntnisunterricht damit nicht vermischt werden sollte. Religion und Lebenskunde sollten zusätzlich, in der Trägerschaft der Religionsgemeinschaften und des Humanistischen Verbandes, angeboten werden. Damit wird unser Erachtens die notwendige Trennung von Staat und Kirche, bzw. Weltanschauung am besten gewährleistet.