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Studie: Werteorientierung bei Konfessionsfreien hoch ausgeprägt

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Zu einer Ende letzten Jahres eingeleiteten Studie zu lebensweltlichen Identitäten und Werteorientierungen konfessionsfreier Menschen liegen mittlerweile die ersten Ergebnisse vor. Die Psychologin und Forschungsleiterin Tatjana Schnell spricht im Interview über die ersten Erkenntnisse aus der international vergleichenden Untersuchung.
Donnerstag, 3. August 2017
Foto: © David Müller-Rico

Mit Slogans wie „gottlos glücklich“ weisen Konfessionsfreie seit Jahren darauf hin, dass kirchenferne und areligiöse Menschen Teil der Gesellschaft sind – und dass sie Werteorientierungen haben, die denen religiöser Menschen nicht nachstehen. Foto: © David Müller-Rico

„Ohne Gott wird unsere Gesellschaft erbarmungslos. Ohne Gott verliert sie bestimmte Maßstäbe.“ – Mit diesen Äußerungen hatte erst vor wenigen Tagen der katholische Bischof des Bistums Görlitz, Wolfgang Ipolt, bundesweit für Aufsehen und auch teils große Verärgerung bei kirchenfernen Beobachtern gesorgt. Neu sind solche Thesen nicht, denn seit Jahrhunderten wurden Menschen bzw. Gruppen ohne den Glauben an einen Gott und die Zugehörigkeit zu einer der zahlreichen Konfessionen die schlechtesten Dinge insbesondere von religiösen Führungspersönlichkeiten nachgesagt. All dies kann zwar mit Blick auf die alltägliche Realität der weitgehend säkularisierten Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland als widerlegt gelten. Doch bisher gibt es nur wenig wissenschaftlich fundiertes Wissen darüber, von welchen lebensweltlichen Identitäten und Werteorientierungen die Konfessionsfreien sich denn nun genau geleitet sehen.

Foto: © Wendy A. Hern

Foto: © Wendy A. Hern

Die Psychologin und Sinnforscherin Tatjana Schnell (Universität Innsbruck) ist leitende Wissenschaftlerin einer international vergleichenden Studie, die Ende vergangenen Jahres mit einer Befragung in fünf europäischen Ländern begonnen hat. Sie meint, ein fundiertes Bewusstsein für die weltanschauliche Vielfalt von heute ist wichtig für die zeitgemäße Gestaltung der Demokratie. Ihre im internationalen Vergleich bislang einzigartige Studie widmet sich darum der Frage, welche Vorstellungen, Identitäten und Lebensorientierungen den kirchenfernen Teil unserer Gesellschaft prägen. Erste Ergebnisse ihrer mit Forscherkolleginnen bzw. -kollegen an drei weiteren europäischen Universitäten eingeleiteten Untersuchung liegen nun vor.

Was würden Sie sagen: Muss man sich nach dem Vorliegen der ersten Ergebnissen Sorgen um unsere Gesellschaft machen, da ja kirchliche bzw. religiöse Bindungen in Deutschland voraussichtlich weiter abnehmen werden?

Prof. Dr. Tatjana Schnell: Wenn Sie so etwas wie Wertorientierung meinen, dann gibt es keinen Grund zur Sorge. Sie ist bei den Konfessionsfreien in unserer Studie überdurchschnittlich hoch ausgeprägt. Dabei geht es um Toleranz, um eine gütige und freundliche Haltung anderen gegenüber, um die Bereitschaft, Einschränkungen des Lebensstandards in Kauf zu nehmen, wenn dadurch das Leid anderer gemildert wird, sowie um die Bereitschaft, Hilfsbedürftige zu unterstützen.

Was würden Sie als „Key findings“ der Untersuchung im deutschsprachigen Raum bezeichnen? War etwas dabei überraschend?

Von Key findings würde ich noch nicht gern sprechen, da wir noch nicht vollständig ausgewertet haben. Eher würde ich von „ersten Analysen“ sprechen: 1833 Personen haben den Fragebogen vollständig ausgefüllt. Etwas mehr als ein Viertel der Stichprobe war Mitglied in einer Organisation, die ihre Weltanschauung vertritt. Um Unterschiede zwischen den verschiedenen Orientierungen festzustellen, sollten Teilnehmende eine präferierte Selbstbezeichnung wählen: AtheistIn (von 45 Prozent gewählt), AgnostikerIn (von 13 Prozent gewählt), HumanistIn (von 25 Prozent gewählt), FreidenkerIn (von 9 Prozent gewählt) oder anderes (von 8 Prozent gewählt).

Humanistinnen bzw. Humanisten berichteten die höchsten Werte in Bezug auf Toleranz, soziale Gerechtigkeit und achtsamen Umgang mit anderen Menschen. Sie litten am seltensten unter Sinnkrisen und erlebten etwas häufiger als andere Konfessionsfreie angenehme, positive Gefühle. Insgesamt wiesen alle Gruppen jedoch mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede auf; die Unterschiede waren gering.

Auf Fragen nach erlebter Benachteiligung gab die Mehrheit an, solche nicht oder selten zu erleben. Immerhin 18 Prozent jedoch erfuhren sich als benachteiligt und Vorurteilen ausgesetzt. Dies war vor allem bei solchen Personen der Fall, die ihre Weltanschauung öffentlich vertreten und publik machen, die Mitglied in einer weltanschaulichen Vereinigung sind oder tendenziell dogmatischer als andere Konfessionsfreie.

In weiteren Analysen haben wir überprüft, welche säkularen Einstellungen besonders zum Wohlbefinden der Konfessionsfreien beitragen. Hier stachen zwei Merkmale deutlich hervor: je ausgeprägter eine humanistische Orientierung und die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben, desto höher die Lebenszufriedenheit, das Glückserleben und die Sinnerfüllung.

Haben sich dogmatische Haltungen bei den teilnehmenden Konfessionsfreien in einem beachtlichen Ausmaß gezeigt?

Generell war Dogmatismus, im Sinne eines unbeirrbaren Festhaltens an der Richtigkeit der eigenen Sichtweise und der Unrichtigkeit anderer Sichtweisen, sehr niedrig ausgeprägt. Dies unterschied unsere Stichprobe von einer der ersten Untersuchungen zum Thema Konfessionsfreiheit, die mit US-amerikanischen organisierten Atheistinnen und Atheisten durchgeführt worden war. Dort zeigte sich – im Gegensatz zur deutschsprachigen Stichprobe – ein überraschend dogmatisches Festhalten an eigenen Überzeugungen.

Es gab auch Fragen zur Relevanz von Vergnügen und Spaß sowie zur politischen Selbstverortung. Können Sie dazu schon etwas sagen?

Ja, hier hat sich ein Stereotyp bestätigt: Vergnügen und Spaß haben ein überdurchschnittlich hohes Gewicht im Leben der Konfessionsfreien. Dies scheint jedoch keine einseitige Orientierung zu sein, denn auch die Sinnerfüllung ist hoch ausgeprägt. Politisch haben sich die Teilnehmenden eher links verortet. Dabei gab es keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Organisationen oder den weltanschaulichen Positionen.

Inwiefern scheinen Humanismus und Atheismus identifikationsstiftend zu sein?

Sowohl Humanismus wie auch Atheismus erwiesen sich in unserer Studie als überdurchschnittlich identitätsstiftend – im Vergleich zum Agnostizismus. Ein Grund dafür mag sein, dass Menschen, die sich in unserer Gesellschaft häufig noch als Außenseiter erleben, durch die Identifikation als AtheistIn oder HumanistIn Zugehörigkeit erleben. Zudem sehen wir derzeit auch ein erwachendes Selbstbewusstsein von säkularen Positionen. Sie werden hörbarer, sichtbarer, mischen sich politisch ein und schaffen – wie z.B. der Humanistische Verband Deutschlands – auch alternative Strukturen für säkulare Menschen.

Welche Gründe gab es denn, Vertreter säkularer Organisationen bei der Auswertung einzubeziehen?

Die vorliegende Studie ist die erste, die solch umfangreiche psychologische Fragestellungen an konfessionsfreie Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz herangetragen hat. Es gibt daher keine Vergleichswerte. Auch Repräsentativität ist – zumindest ohne großzügige Forschungsförderung, die bis dato immer abgelehnt wurde – nicht zu erreichen. Daher war es uns wichtig, unsere Ergebnisse vor der Veröffentlichung mit „Insidern“ zu besprechen. Es wurden also Vertreterinnen und Vertreter der Organisationen eingeladen, deren Mitglieder am häufigsten an unserer Studie teilgenommen hatten. Die Daten werden somit nicht nur von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern „aus dem Elfenbeinturm“ interpretiert, sondern ergänzt um die Perspektiven von Menschen, die eng in die Thematik eingebunden sind und sie aktiv mitgestalten.

Die ersten Ergebnisse der Studie wurden auf einer Tagung am 1. Juli 2017 an der Universität Innsbruck diskutiert, bei der neben Vertretern von Organisationen konfessionsfreier Menschen auch die Schweizer Philosophin, Theologin und Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2017 Christina Aus der Au teilgenommen hatte. Sie sagte nach der Tagung, die Vielfalt der Selbstbezeichnungen wie „atheistisch“, „agnostisch“, „freidenkerisch“ und „humanistisch“ sei für sie eine spannende Beobachtung, ebenso wie die Unterschiede zwischen den Identifikationen. „Dass ‚atheistisch‘ eher ein formales Bekenntnis ist, während ‚humanistisch‘ ethisch eher ‚gefüllt‘ daherkommt, fand ich sehr interessant“, sagte sie.

Bis wann werden voraussichtlich Ergebnisse aus den anderen Ländern vorliegen?

Die niederländischen Daten werden auf einem internationalen Kongress in Norwegen in diesem Sommer präsentiert; gemeinsame Publikationen mit den deutschen Daten werden dann ebenfalls angedacht. Die dänische Erhebung kann – aufgrund von Anstellungsänderungen der Beteiligten – wohl frühestens im nächsten Jahr beginnen.

Und wann sollen die Ergebnisse der Studie offiziell publiziert werden?

Es sind ja sehr viele Daten, es werden wahrscheinlich mehrere Publikationen sein. Erste Manuskripte werden im Laufe dieses Jahres erstellt werden. Die Veröffentlichung selbst kann dann bei dem derzeitigen Prozedere noch ein bis zwei Jahre dauern. Eine Zusammenfassung der ersten Ergebnisse wird jedoch im Sommer noch an alle Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer versendet, die darum gebeten hatten.

Konfessionsfreie sind nicht nichts bzw. keine „Nichtse“ – Ist eigentlich der Begriff „Nones“, der vor allem in englischsprachigen Veröffentlichungen zu Untersuchungen der weltanschaulichen Landschaft wie etwa denen des US-amerikanischen Pew Forum on Religion and Public Life für konfessionsfreie Menschen verwendet wird, aus wissenschaftlicher Sicht heute noch haltbar?

Ich fand den Begriff schon immer fragwürdig. Er ist dem US-amerikanischen Kulturkreis entsprungen, wo der Religionszugehörigkeit ein ganz anderes Gewicht als bei uns zukommt. Das sieht man beispielsweise daran, dass Präsidentschaftskandidaten ihre religiöse Haltung vor sich hertragen (müssen), und dass heute nur knapp die Hälfte der Bevölkerung einen Atheisten oder eine Atheistin wählen würde. Das war allerdings schon vor etwas mehr als zehn Jahren; auch in den USA sieht man einen weltanschaulichen Wandel. Der Begriff „Nones“ macht deutlich, dass die Religion zur amerikanischen Identität gehört. Wer hier herausfällt hat nichts zur Orientierung, so die Implikation.

Dem widersprechen unsere Daten. Innerhalb der Konfessionsfreien lassen sich verschiedene Orientierungen ausmachen, wie zum Beispiel humanistische Werte und/oder eine rational-naturwissenschaftliche Haltung. Zudem haben wir festgestellt, dass säkulare Positionen in starkem Maße identitätsstiftend sind. Für die Mehrheit derjenigen, die sich als Humanisten oder Atheisten bezeichneten (nicht aber für Agnostiker), war dies zentral für ihr Selbstverständnis. Sie waren stolz darauf, Atheistin oder Humanist zu sein, und erlebten sich als solidarisch.