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Grundkonsens statt Leitkultur

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In einer demokratischen Gesellschaft kann ein Innenminister nicht einfach „von oben“ vorgeben, durch welche Prinzipien, Wertorientierungen und Ideale die Menschen in unserem Land ihr Zusammenleben gestalten. Darauf weist der Philosoph und Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands Frieder Otto Wolf hin.
Dienstag, 16. Mai 2017
Foto: © A. Platzek

 Zu einem zeitgemäßen Grundkonsens sollte gehören, dass staatliche Vertreter nicht irgendwie religiös spezifierte „Leitkulturen“ propagieren, sagt Frieder Otto Wolf. Foto: © A. Platzek

Mit zehn Thesen zu einer „Leitkultur für Deutschland“ hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vor zwei Wochen im Boulevardblatt Bild am Sonntag (BamS) auf sich aufmerksam gemacht. Die Leitkultur-Thesen trafen in anderen Medien zunächst auf ein überwiegend kritisches Echo – auch von humanistischer Seite. Paternalistisch, autoritär, entmündigend: Schon der Begriff „Leitkultur“ sei nicht geeignet, die Debatte über fundamentale und unsere Gesellschaft verbindende Haltungen zu führen, meint dazu Frieder Otto Wolf im Interview. Er plädiert dafür, stattdessen über einen gesellschaftlichen „Grundkonsens“ zu diskutieren. Zur beständigen Erneuerung und Reproduktion dieses Grundkonsenses brauche es aber auch eine politische Kultur, die zur Diskussion einlädt und sie müsste „geradezu beständig darauf aus sein, bisher ‚Beschwiegenes‘ auseinandersetzungsfähig zu machen“, so Wolf. Zu den bisher zu sehr beschwiegenen Themen zählt er unter anderem die globale Polarisierung von Armut und Reichtum. Sehr kritisch sieht er auch, dass de Maizière als Innenminister in seinen Leitkultur-Thesen abermals die Kirchen besonders hervorgehoben hat. Dies stehe im Widerspruch zu dem auch im Grundgesetz verankerten Teil eines zeitgemäßen gesellschaftlichen Grundkonsenses, nach dem niemand wegen seiner religiösen Anschauungen bevorzugt oder benachteiligt werden darf.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat sich in der BamS über seine Vorstellungen von einer „Leitkultur für Deutschland“ geäußert. Was halten Sie von dem Begriff „Leitkultur“?

Frieder Otto Wolf: Der Begriff der Leitkultur ist wohl – was er selber auch für sich in Anspruch nimmt – von Bassam Tibi in die deutsche Debatte eingebracht worden. Dabei sind ihm aber, wie ich denke, ein paar Fehler unterlaufen: Er hat, denke ich, durchaus recht, wenn er einer relativistischen Beliebigkeit entgegenzutreten versucht – es gibt doch so etwas wie einen notwendigen Vorrat an Gemeinsamkeiten und wohl auch an Grundsätzen bzw. Prinzipien innerhalb eines real existierenden politischen Gemeinwesens.

Und Bassam Tibi hat auch recht, wenn er persönliche Identität als eine unverzichtbare Kategorie bestimmt: Nur wenn ich mich immer wieder mit mir selber und meinem vergangenen Leben identifiziere – durchaus auch kritisch, manchmal vielleicht sogar meine Vergangenheit betrauernd –, kann ich Bindungen und Verpflichtungen eingehen und für andere ein greifbarer Partner sein. Die Psychoanalyse weiß allerdings, dass das ein durchaus nicht einfaches Geschäft ist, dass wir als sich im Fluss des Handelns und Erlebens befindliche Menschen mit Sorgfalt, Augenmaß und einer gewissen Fehlertoleranz unser Leben lang betreiben müssen, um unsere unterschiedlichen „Teil-Identitäten“ – als Parteimitglied, als Ehemann, als Hochschulangehöriger, aber auch etwa als Feinschmecker – zusammenzuhalten und auszubalancieren. Und Rigidität ist dabei jedenfalls nicht zu empfehlen!

Bei der Berufung auf eine Leitkultur geht es aber nicht um individuelle Identitäten, sondern um viele Millionen Menschen umfassende Gesellschaften. Warum ist das problematisch?

Vor einer Übertragung dieses Identitätskonzepts auf Kollektive, wie sie Tibi als ganz selbstverständlich unterstellt und wie dies im Nationalismus, aber auch im Kommunismus als historischer Bewegung gang und gäbe gewesen ist, möchte ich ganz nachdrücklich warnen: Das Gemeinsame, auf das wir uns etwa als Verfassungspatrioten immer wieder verständigen können, sollte nicht dahingehend missverstanden werden, dass wir dadurch gleichsam ein einziges „großes Subjekt“ werden, das dann als solches handlungsfähig wird und historisch zu handeln anhebt. Ich denke, eine derartige Denk- und Vorstellungsweise minimiert die völlig unverzichtbare und ganz persönliche Verantwortung aller beteiligten Individuen und marginalisiert dadurch deren kritische, insbesondere selbstkritische Kompetenzen. Ich würde dagegen eher von einem zu stiftenden und beständig wieder zu erneuernden „Grundkonsens“ sprechen.

Außerdem hat ganz spezifisch der Begriff der Leitung einen technokratisch-autoritären Unterton: Der „Leiter“ bzw. die „Leiterin“ ist die führende Figur innerhalb einer hierarchischen Struktur. Der Begriff lässt sich nicht auf offene Deliberationsprozesse übertragen, wie sie aber für ein demokratisches Gemeinwesen geradezu konstitutiv sein müssen. Der immer wieder gut begründbare Imperativ „Du musst die Führung übernehmen!“, der auf die Leistung einer verantwortlichen politischen Führung zielt, lässt sich nicht adäquat in die – immer hierarchisch bestimmte – Sprache der Leitung übersetzen.

Thomas de Maizière betonte, dass seine Leitkultur-Thesen nicht verbindlich und keine vorgeschriebenen Regeln sein sollen. Für ihn soll Leitkultur lediglich „prägen“, „vermittelt“ und „vorgelebt“ werden.

Das ist eigentlich selbstverständlich – was wären wir denn für ein Staat, in dem ein Innenminister derartige Haltungen tatsächlich mit Verbindlichkeit vorgeben könnte? Jedenfalls kein Staat, der die Menschen- und Bürger*innenrechte achtet!

Aber de Maizière scheint hier doch einen Kunstgriff zu benutzen: Indem er als Innenminister publiziert und nicht als einfacher Bürger, schmuggelt er doch seine Amtsautorität ein – und dies immerhin in der Zeitung mit der größten Massenwirksamkeit, in der eben nicht jede und jeder ihm auf Augenhöhe antworten könnte. Das grenzt doch an einen Missbrauch der Amtsautorität – denn die hat gerade bei dem hier behandelten Thema keine Berechtigung.

Was wäre für Sie eine moderne Alternative zur Beschwörung einer wie auch immer gestalteten „Leitkultur“?

Wir brauchen eine politische Kultur, die bei allem nötigen Streit einen tragfähigen gesellschaftlichen Grundkonsens hervorbringt und diesen auch immer wieder zu reproduzieren in der Lage ist. Und die dabei offen dafür bleibt, dass bestimmte Individuen oder auch Gruppen „die Führung übernehmen“, indem sie nicht nur die bisher schon geführte Debatte weiter vorantreiben, sondern sie auf neue Themen und Fragen ausweitet. Diese Kultur muss auch neue Teilnehmer*innen dazu einladen, sich in die Debatte einzubringen und geradezu beständig darauf aus sein, bisher „Beschwiegenes“ auseinandersetzungsfähig zu machen. Gerade das scheint mir der Begriff der „Leitkultur“ eben nicht zu transportieren!

Aber gewiss müssen wir uns nicht nur – wie in den Erklärungen zu den Menschenrechten – inzwischen geschehen, immer wieder darauf verständigen, was uns als Menschheit über alle Differenzen hinweg verbindet, sondern auch bestimmen, was uns als Europäer*innen bzw. EU-Bürger*innen zusammenhält – worauf sich Bassam Tibi inzwischen gleichsam zurückgezogen hat – und worin wir heute die grundlegenden Momente unseres Zusammenhalts als Deutsche sehen und sehen wollen – was angesichts von ökonomischer Polarisierung, Migrationen und von vielen noch erlebter Vereinigung zu einem Staat durchaus dringlich zu verhandeln ist. Und eben in diesen frei entwickelten und geteilten Grundlagen gemeinsame Ressourcen für die Reproduktion unseres Gemeinwesens finden. Das hat grundsätzlich jede Generation neu zu leisten, bei Strafe des Unterganges ihrer geteilten Lebenszusammenhänge.

Bisher Beschwiegenes auseinandersetzungsfähig machen – Welche Themen werden in den Debatten darüber, was für eine Kultur heute und zukünftig unser Zusammenleben in Deutschland und Europa charakterisieren sollte, derzeit zu sehr ausgeklammert?

Ich denke, hierher gehören insbesondere zwei schwierige Themen – schwierig deshalb, weil sie gerade in der deutschen Vergangenheit durchgängig „von rechts“ okkupiert und missbraucht worden sind: Das sind zum einen die imperialen Aggressionen aller „Weltmächte“, auch der „Westmächte“ und der USA, und zum anderen die Polarisierung von Armut und Reichtum im Weltmaßstab und, sekundär, auch in Europa. Beide Themen stehen hinter dem, was auch hierzulande inzwischen als „Flüchtlingskrise“ angekommen ist und an denen die heutige Bundesrepublik Deutschland durchaus aktiv beteiligt ist, auch wenn sie sich vielleicht heute immer wieder als eine Art von „kleinerem Übel“ profilieren kann...

Hier brauchen wir dringend eine sehr viel weiter entfaltete und bewusster geführte öffentliche Debatte! Wenn es uns gelingt, die Themen öffentlich diskursiv zu behandeln, stärken wir unsere Fähigkeit, auf aktuelle Krisenentwicklungen human und tragfähig zu reagieren. Und das verlangt übrigens keineswegs, deswegen etwa die „alten Themen“ der Erinnerungskultur zu vernachlässigen: Eine umfassende Aufarbeitung der Menschheitsverbrechen Nazi-Deutschlands, das eben das damalige Deutschland gewesen ist, kann nicht für „endlich abgeschlossen“ erklärt werden. Weder die Shoah ist vollständig erforscht noch die anderen von Nazi-Deutschland organisiert begangenen Menschheitsverbrechen. Ebenso wenig selbstverständlich die Verbrechen des Stalinismus, durch die den Hoffnungen vieler auf positive Konsequenzen der russischen Oktoberrevolution die Grundlage entzogen worden ist. Aber es gibt einfach keinen Grund dafür, wegen der notwendigen Aufmerksamkeit für diese Themen vor allem aus der von deutschen Institutionen verantworteten Geschichte sich etwa den Themen der großen inhumanen Tendenzen unserer Gegenwart nicht zu stellen – ganz im Gegenteil verlangt ein richtiges Verständnis dieser historischen Prozesse geradezu danach, sich hier und heute zu engagieren, wo immer Humanität verletzt oder bedroht wird.

Nehmen wir an, der Bundesinnenminister hätte mit seinem Beitrag zehn Thesen zu einem Grundkonsens statt einer Leitkultur formulieren wollen. Wo sehen Sie die größten Schwächen in seinen Ausführungen?

Das ist nun allerdings eine ganz schwierige Frage, die letztlich aber doch ganz leicht zu beantworten ist. Schwierig einerseits, weil ein Bundesinnenminister ganz einfach in einer lebendigen demokratischen Gesellschaft gar nicht dazu in der Lage sein kann, einen gesellschaftlichen Grundkonsens vorzugeben. Sie ist andererseits aber auch wieder leicht zu beantworten, weil die Antwort darin besteht, auf die praktizierten Überzeugungen aller Menschen in unserem Lande zu verweisen, deren Ergebnis immer wieder – als eine Art von prekärem „Fließgleichgewicht“ – ein gelebter Grundkonsens ist und auch sein wird, so lange die Gesellschaft in unserem Land nicht wirklich auseinanderbricht, etwa in bürgerkriegsähnlichen Konfrontationen oder in der inneren Verabschiedung großer Gruppen oder Schichten aus dem Gemeinwesen – was allerdings bei „Pegida“ und der AfD schon ziemlich weit „gediehen“ ist. Dass die gegenwärtige Lage in Deutschland von der ersteren Situation weit entfernt ist, hat doch wohl jüngst der friedlich verlaufene 1. Mai in Berlin gezeigt.

Die zweite Gefahr, also die Gefahr wirklich verfestigter Abspaltungen, ist in Deutschland gegenwärtig relativ schwach, trotz der Gefahrensymptome, welche die „Reichsbürger“ oder auch der NSU darstellen, und trotz der besorgniserregenden sozialen und kulturellen Segmentierungen, wie sie von einer zunehmend verbreiteten Obdachlosigkeit, Zwangsprostitution und von manchen „Familienclans“ sichtbar gemacht werden.

Angesichts dieser Gefahren ist es in der Tat von einiger Bedeutung, welche Angebote für eine demokratische Identifikation – aus denen sich immer auch bestimmte Elemente von gelebter Identität ergeben – öffentlich propagiert werden. Ich denke allerdings, dass es ein Missverständnis seiner Rolle als Innenminister ist, wenn de Maizière glaubt, hierbei eine führende Rolle übernehmen zu können. Derartige Identifizierungsprozesse funktionieren anders, denn gerade diejenigen Identifizierungsverhältnisse, die sich auf die Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen (und die dieses Gemeinwesen tragenden Gemeinschaften) beziehen, sind – anders als im Verhältnis zu „Papa“ und „Mama“ – eben nicht etwas in persönlichen Verhältnissen Konstituiertes. Sie beziehen sich vielmehr immer schon zurück auf sachliche, mehr oder minder „universalistische“ Kriterien: im Weltmaßstab der UNO auf die Erklärungen der Menschen- und Bürger*innrechte, im europäischen Maßstab auf deren Konkretisierungen im Rahmen des Europarates, im EU-Maßstab durch die Prinzipien der Verfasstheit der EU und im Rahmen Deutschlands durch die Grundsätze des Grundgesetzes und die – auch darauf zu stützende – Verantwortung gegenüber der deutschen Geschichte und auch angesichts der gegenwärtigen Rolle Deutschlands in Europa und in der Welt.

Können Sie die Probleme an den Thesen de Maizières noch konkreter benennen?

Ich denke, der Hauptfehler von de Maizières Katalog besteht schlicht darin, dass er diesen stark „sachlich vermittelten“, wenn auch noch nicht primär juristischen „Grundkonsens“ identitär missversteht, also als Antwort auf die Frage „Wer sind wir bzw. wollen wir sein?“ und nicht auf die grundlegendere Frage „Was wollen wir sein?“, d.h. durch welche Prinzipien und Normen wir unser Zusammenleben und unser Gemeinwesen bestimmt sehen wollen – wie dies de Maizière in seinen weiteren Thesen auch selber zum Teil durchaus sieht und sogar grundsätzlich als Aufgabe annimmt.

Wenn wir diese Aufgabe der sachlichen Erarbeitung von tragfähigen Grundkonsensen, die nicht etwa willkürlich sind, aber doch von geteilten „Evidenzen“ bestimmt werden, aber ernsthaft zur Grundlage ihrer Beurteilung machen, erweisen sich de Maizières Thesen als wenig tragfähig. Gehen wir sie doch einmal rasch durch:

1. Hände schütteln und seinen Namen nennen sind zwar verbreitete soziale Gewohnheiten in Deutschland, aber kein willkürfreies Kriterium der Zugehörigkeit zu den legitimen Bürger*innen und Einwohner*innen;

2. Bildung wird sicherlich nicht nur im deutschen „Bildungsbürgertum“ als Wert an sich verfolgt. Angesichts der Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, in denen deutsche Bildung mit moralisch-politischer Verwahrlosung und Barbarei dauerhaft und offenbar tragfähig verknüpft worden ist, reicht sie als Kriterium überhaupt nicht aus – denn demokratische Gesinnung und Handlungsfähigkeit werden in den immer noch vorherrschenden Traditionslinien gerade nicht mit dem verknüpft, was mensch sich unter Bildung vorstellt;

3. der „Leistungsgedanke“, wie ihn de Maizière beschwört, lässt sich nicht glaubwürdig von den Problematiken der Vermittlung von Fähigkeiten zur Leistung sowie des Zugangs zu Gelegenheiten für eine Leistung getrennt diskutieren: Selbst wenn diese Dimensionen mit einbezogen werden, bleibt die Problematik ungelöst, wie sich Ziele wie Leistung mit anderen humanen Zielen wie Kultivierung, Mußefähigkeit oder Verständnis kombinieren bzw. verbinden lassen;

4. sicherlich sind wir Erben unserer Geschichte, aber hier sind wir immer noch als Deutsche in einer besonderen Situation: Nach dem Zivilisationsbruch Nazi-Deutschlands können wir nicht mehr zum politisch-kulturellen „business as usual“ zurückkehren. Darin liegt eine große Chance für die Entwicklung der heute nötigen politischen Sensibilität – und es wäre ein schreckliches Versäumnis, diese Chance zu vertun, weil wir Deutschen wieder „wie die anderen“ sein wollen, also wie die USA, Russland oder auch Großbritannien oder auch Frankreich mit allen imperial geprägten Aspekten ihrer Tradition und Kultur;

5. der Begriff der „Kulturnation“ lässt sich nicht erneuern, ohne zunächst den polemischen Kontrast zwischen „Zivilisation“ und „Kultur“ kritisch zu dekonstruieren;

6. Religion ist sicherlich inzwischen auch „Kitt“ – als ein Ergebnis ihrer „Zivilisierung“ unter der deutschen Form des Religionsverfassungsrechts –, aber sie ist leider auch in Deutschland auch immer noch Keil: schon aufgrund der vielfältigen Schieflagen durch traditionelle Privilegien, wie sie zwischen den Religionsgemeinschaften, aber auch im Verhältnis von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland immer noch bestehen;

7. die in Deutschland seit den 1960er und 1970er Jahren entwickelte Zivilkultur ist sicherlich eine positive Entwicklung gegenüber der älteren „Kultur der Obrigkeiten“ – aber ihre Resilienz bleibt noch zu erproben und ihre Fähigkeit zu einer aktiven Konfliktregelung würde ohne Unterstützung durch Staat und Recht vermutlich bald zu verkümmern beginnen oder in segmentierte Formen von Paralleljustiz umschlagen müssen;

8. sicherlich sind die meisten von uns aufgeklärte Patrioten, und das ist auch gut so, aber unser Land ermutigt sehr viele überhaupt nicht, sich auf diesen Weg zu begeben, während es andererseits dem völlig unaufgeklärten Nationalismus immer noch ziemlichen Raum gibt, anstatt ihn wirksam zu bekämpfen;

9. die historischen Zäsuren, wie sie sich aus der deutschen Katastrophe im 20. Jahrhundert ergeben haben, müssen wir in der Tat immer noch sehr ernst nehmen und unsere Bindungen an Demokratie, Frieden und europäische Einigung stärken bzw. weiterentwickeln. Über den Stellenwert der gegenwärtigen EU oder auch der gegenwärtigen NATO – oder der EU und der NATO, wie sie sein werden, wenn die Prozesse sich durchsetzen, die wir mit Namen wie Trump, Orbsan und Le Pen kennzeichnen können – ist noch viel politischer Streit dringend nötig;

10. ohne Zweifel brauchen wir gemeinsame Orte und Erinnerungen. Ob der antagonistische 9. November (1918, 1923, 1938 und 1989) so sehr herauszuheben ist, wie de Maizière es vorschlägt, bleibt ebenso zweifelhaft wie die von ihm vorgeschlagene Fixierung auf das Brandenburger Tor, das als Symbol nicht weniger umkämpft ist. Ich erinnere mich noch an die seit den 1950er Jahren verteilten Anstecker, mit denen die Existenz zweier deutscher Staaten bestritten wurde. Wie wäre es denn, um in Berlin zu bleiben, mit dem 18. März (1848) als Erinnerungsdatum an die deutsche demokratische Revolution oder mit dem Ort des Reichstags als Symbol deutscher Demokratie, der ebenfalls antagonistische Daten aufzuweisen hat: 1884-94, 1918, 1933, 1945, 1990, 1999? Und sollten wir dann nicht auch etwa neben Ebert und Scheidemann an deren gescheiterten linken Kritiker*innen erinnern, die inzwischen längst ebenfalls in die Traditionslinien von Demokratie in Deutschland eingegangen sind – also etwa an Haase, Liebknecht und Luxemburg?

Grundkonsens statt Leitkultur – Welche Themenfelder verlangen bei der Arbeit an der stetigen Reproduktion des gesellschaftlichen Grundkonsenses aus Ihrer Sicht als Präsident des Humanistischen Verbandes aktuell besondere Aufmerksamkeit?

Das nächste und dringlichste Thema dürfte hier die tiefe und immer noch weiter zunehmende Spaltung, ja Polarisierung, unserer Gesellschaft sein, wie sie sich – nicht nur innerhalb Deutschlands in der Dimension Europas und weltweit – seit den 1990er Jahren zwischen denjenigen, die von der neoliberalen Bereicherungspolitik haben profitieren können, und den sehr vielen aufgetan hat, die von ihr marginalisiert und „abgehängt“ worden sind. Hier ist eine Trendumkehr eigentlich schon seit langem überfällig. Das Wahlergebnis in Frankreich lässt immerhin erkennen, wie dringlich dies inzwischen im europäischen Maßstab ist und wie destruktiv es wäre, wenn die schwachen Hoffnungen, die der nun gewählte Präsident Macron immerhin hat wecken können, wieder einmal im Keim erstickt würden.

Es gibt nämlich einfach keinen Grund, zu glauben, dass es ohne Anstrengungen für einen sozialen Ausgleich und für eine nachholende Entwicklung der marginalisierten Länder und Regionen noch lange Zeit möglich sein wird, lebendige demokratische Verhältnisse zu reproduzieren. Und ich habe hier ganz bewusst ein Beispiel in europäischer Dimension gewählt: Ich denke, dass auch das Projekt der Europäischen Union, dessen gegenwärtige neoliberale Deformation ich durchaus heftig kritisiere, trotz aller schon vor deren aktueller Krise thematisierten Defizite zu unserem Grundkonsens gehören sollte. Die demokratische Weiterentwicklung im Maßstab Europas ist einfach auch nötig, um einerseits die Demokratisierung auf Ebene der Vereinten Nationen voranzubringen, wie dies derzeit im Rahmen der Bestrebungen für ein Weltparlament angedacht wird, und um andererseits dazu überzugehen, in den globalen Krisenregionen eine bewusst die inneren Kräfte der Krisenüberwindung unterstützende Rolle zu übernehmen, anstatt durch Beteiligung an Neuordnungsprojekten der USA oder mit imperialen Fantasien die Krisenentwicklung weiter zu verschlimmern.

Innerhalb Deutschlands ist ja leider immer noch das Thema der weltanschaulichen Neutralität des Staates von aktueller Sprengkraft, da ja regierende Politiker fast aller Parteien angesichts der auch von ihnen nicht zu übersehenden Strukturkrise darauf ausweichen, immer wieder ganz unverhohlen eine christliche Leitkultur zu beschwören – so auch de Maizière durch seine Hervorhebung der Kirchen, als ob es sonst kaum eine sozial, kulturell oder anders engagierte Zivilgesellschaft gäbe. Es ist doch unglaublich, dass diese Politiker (und wenige Politikerinnen) anscheinend immer noch nicht voll erfassen, dass dies gegen einen Grundkonsens im Grundgesetz verstößt, dem gemäß niemand wegen seiner religiösen Anschauungen bevorzugt oder benachteiligt werden darf.

Als Minister in einem Land, in dem in nicht mehr langer Zeit der größte Teil der Gesellschaft zu keiner kirchlichen oder anderen konfessionellen Gemeinschaft gehört, sondern wo sich immer mehr Menschen in anderen Zusammenhängen für den Erhalt und die friedliche Entwicklung unseres Gemeinwesens einsetzen, sollte spätestens heute zu unserem Grundkonsens gehören, dass Vertreter staatlicher Stellen nicht länger die Illusion einer irgendwie spezifizierten religiösen Leitkultur propagieren, um dadurch dann letztlich ihre eigene Community vor allen anderen Teilen der Zivilgesellschaft auf den Sockel zu heben. Jedenfalls ist dies kein konstruktiver Beitrag dazu, den immer noch bestehenden und – wie ich hoffe – durchaus auch bestandskräftigen demokratischen Grundkonsens zu stärken und weiterzuentwickeln, wie er sich in unseren westeuropäischen Gesellschaften seit den 1960er Jahren erneuert und durchgesetzt hat.