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„Do-it-yourself-Esoterik scheint mir vorherrschend“

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Als bekennender Nichtreligiöser sei man immer noch schnell sozial isoliert, meint Wilfried Stascheit, der gemeinsam mit seiner Frau den Verlag TibiaPress führt. Mit dem dort erschienenen Sachcomic „Goodbye Gott? Wissenschaft contra Religion“ soll die Tür zu dem Thema für Menschen geöffnet werden, die in der Literatur illustrierte Auseinandersetzungen bevorzugen.
Montag, 8. Mai 2017
Cover: TibiaPress

Das bei TibiaPress in der Reihe „Infocomics“ veröffentlichte Buch war im englischen Original zuerst im Mai 2015 erschienen. Der aus der Feder der Briten Sean Michael Wilson und Hunt Emerson stammende Comic stellt anhand ausgewählter Themen wie etwa der Evolution die humanistische und wissenschaftlich fundierte Perspektive auf religiöse Behauptungen dar. Bekannte Vertreter humanistischer Haltungen und Persönlichkeiten aus der Wissenschaft liefern dabei Wissen und Argumente für ein aufgeklärteres Leben frei vom Glauben an ein Jenseits oder der „Schöpfung“ der Welt durch unsichtbare Superwesen, die Gläubige als ihren „Gott“ anbeten.

Mit der deutschen Ausgabe will TibiaPress-Inhaber Wilfried Stascheit einen Beitrag zur Aufklärung leisten. Er hofft, dass die Nichtreligiösen hierzulande eines Tages eine starke organisierte Kraft gegen die in Jahrtausenden etablierte Macht der Religionen bilden können. Goodbye Gott? stellt darum auch den Humanistischen Verband Deutschlands vor.

Foto: privat

Wilfried Stascheit und Annelie Löber-Stascheit führen den Verlag TibiaPress.  Foto: privat

Was war für Sie der Anlass bzw. das Motiv, den Comic ins Deutsche zu übertragen?

Wilfried Stascheit: Ein religionskritisches Angebot ist in den deutschen Publikumsverlagen eher mager. Die Luthertitel in diesem Jahr versprechen Umsatz, den man sich durch unnötige Kritik nicht gefährden will. Ich schätze höchstens fünf Prozent der Bücher im Themenbereich Religion haben einen skeptischen Ansatz. Wenn man dann als Verleger von Comic-Sachbüchern auf so einen kritischen Comic trifft, muss man nicht lange überlegen.

Ein Teil der Experten sagt, unsere Gesellschaft werde immer säkularer und glaubensferner. Ein anderer Teil bestreitet das und behauptet, die Gesellschaft werde eher religiös und weltanschaulich vielfältiger. Wie ist Ihre Einschätzung?

Je schneller die Welt sich verändert, desto größer wird das Bedürfnis nach Erklärung und Orientierung. Da haben es Deutungen, die wenig Nachdenken erfordern, leider einfacher. Wobei der kirchliche Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen auf dem Rückzug ist. Opportunistische Do-it-yourself-Esoterik ohne direkte Verpflichtung scheint mir vorherrschend. Als bekennender Nichtreligiöser ist man nach wie vor schnell sozial isoliert.

Ein längerer Abschnitt von Goodbye Gott widmet sich dem Kreationismus, d.h. der Auffassung, das Universum, das Leben und die Menschen seien unter göttlicher Einwirkung entstanden und die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die natürliche Evolution abzulehnen seien. Ist die Verbreitung kreationistischer Vorstellungen in Deutschland in Ihren Augen ein aktuelles Problem?

Den radikalen Kreationismus wie in den USA gibt es hier – momentan? – erst in Ansätzen. Aber die erste „Theorie“ zur Welterklärung, die Kindern schon im Kindergarten praktisch aufgezwungen wird, ist die Schöpfungsgeschichte, die dann in der Grundschule Unterrichtsstoff wird. Aber die Bibel ist kein Biologiebuch. Das was hier untergründig als „Wissenschaft“ vermittelt wird, ist katastrophal. Das sind die ersten Fake-News, die Kinder zu hören bekommen und gegen die sie sich intellektuell nicht wehren können. So fängt es an: Glauben ist nicht Wissen – Und die Kinder werden hier methodisch geschult, Fakten beiseite zu wischen und durch „alternative Fakten“ zu ersetzen.

In Ihrem Verlag gibt es neben Goodbye Gott eine ganze Reihe sogenannter Info- bzw. Sachcomics, die sich mit Aufklärung, Unendlichkeit, Relativitätstheorie oder Teilchenphysik beschäftigen. Warum spielt diese Literaturform zur Vermittlung komplexer Themen aus Ihrer Sicht eine wichtige Rolle?

Leider gibt es in Deutschland keine positiv konnotierte Tradition von Populärwissenschaft. Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass Lehrer an den Hochschulen aus Angst vor ihrer Reputation davon Abstand genommen haben, Autor für die Reihe zu werden. Aber Wissenschaft braucht heute mehr denn je auch Vermittlung, nicht nur Lehre in den Universitäten, sondern breitestmögliche Erklärung und Diskussion ihrer Forschungsresultate. Die Reihe „Infocomics“ als Einführung in Wissenschaftszweige will hier erste Einführungen geben: „Gegen den Durchzug im Gehirn“, das oftmals bulimische Prüfungslernen an Schulen und Hochschulen.

Für welche Menschen eignen sich die Comis Ihrer Ansicht nach am ehesten?

Unser gesamtes Programm richtet sich an ältere Jugendliche und jüngere Erwachsene. Obwohl traditionsgemäß Comics in Deutschland einen schweren Stand haben, öffnet die Sprache der Bilder für viele (auch Ältere) die Tür zu Themen, an die sie sich mit „Bleiwüsten“-Büchern sonst nicht herangetraut hätten.

Aktuell wird auch mit Hilfe kirchenferner Steuerzahlerinnen und -zahler kräftig das 500. Reformationsjubiläum gefeiert. Wie ist denn Ihre Haltung dazu?

Warum Luther?! Luther hat sich an den wüstesten Perversionen der katholischen Kirche gestoßen. Er hat Auswüchse der Kirche reformieren wollen, nicht die Kirche selber. Dem Abschlachten der Bauern zugunsten der „göttlichen Ordnung“ hat er nicht widersprochen. Hexen und Teufelskinder (Behinderte) waren für ihn genauso real wie Engel. Er war allerdings so clever, neueste Techniken (industrieller Druck) für sein Marketing zu benutzen und er hat eine gute Übersetzung abgeliefert. Doch reicht das? Gute Übersetzer sind Arno Schmidt und Frank Günther auch. Aber in deren Namen sind jedenfalls bis heute keine verheerenden Glaubenskriege angezettelt worden. Gedenkt, wem ihr wollt, aber nicht mit meinem Geld.

Welche Gründe sehen Sie dafür, dass Religion immer noch einen so starken Einfluss auf unsere Gesellschaft und auch die Politik hat?

Trotz abweichender Statements in statistischen Erhebungen scheint das religiöse Moment noch ein starkes Fundament zu haben, nur der Zulauf zu den Kirchen – wie zu den politischen Parteien – hat abgenommen. Die Angst, dass an dem Leben nach dem Tod etwas dran sein könnte, ist tief verwurzelt und macht die Menschen vorsichtig bei der eigenen Positionsbestimmung. Gegen diese in Gesetzen, Verwaltungsakten und Gewohnheiten etablierte Macht haben die Nicht-Religiösen noch keine ausreichend organisierte Gegenmacht aufbauen können.

Am Ende des neuesten Comic-Bandes wird der Humanistische Verband Deutschlands vorgestellt. Warum ist für Menschen ohne religiösen Glauben eine Organisation nach Ihrer Auffassung sinnvoll?

Ich hoffe, das wird aus dem vorher Gesagten klar: Es braucht einen Gegenentwurf zur „christlich-abendländischen“ Tradition unserer Gesellschaft. Es braucht Sprecher, Argumentierer und Kämpfer. Und es braucht eine starke Lobby für eine Machtposition, um auch Veränderungen durchsetzen zu können.

Cover: TibiaPress

Sean Michael Wilson u. Hunt Emerson: Goodbye Gott? Wissenschaft contra Religion – eine illustrierte Auseinandersetzung. TibiaPress 2016, Taschenbuch, 120 Seiten