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„Vielen war die Tiefsinnigkeit von Star Trek nicht bewusst“

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Der Weltraum, unendliche Weiten… – Vor 50 Jahren wurde eine der heute berühmtesten TV-Serien erstmals ausgestrahlt. Anfänglich beinahe ein Flop, entfaltete sich in den folgenden Jahren mit dem von Gene Roddenberry erfundenen Star-Trek-Universum eine faszinierende Utopie, die Generationen von Menschen begeistert und inspiriert hat – und dies bis heute tut.
Mittwoch, 30. März 2016
Bild: © Paramount Television / NBC

Eine farbige Kommunikationsoffizierin, ein russischer Navigator und japanischer Steuermann – Gene Roddenberrys Utopie brach auch mit rassistischen und politischen Tabus der damaligen US-Gesellschaft. Foto: Paramount / NBC

Ein Angehöriger der weltweiten Fangemeinde ist der promovierte Ingenieur und Hochschuldozent Hubert Zitt. Mit ebenso unterhaltsamen wie anspruchsvollen Vorträgen über physikalische, technologische und soziologische Aspekte von Star Trek hat er in den vergangenen zwei Jahrzehnten bundesweit Bekanntheit erlangt. Im Interview erklärt Hubert Zitt, warum die als TV-, Film- und Buchserie erfolgreiche Vision von der Menschheit als einer den Kosmos bereisenden Spezies von Anfang an wertvolle Impulse für unsere kulturelle Entwicklung geliefert hat – und er meint, dass der gesellschaftspolitische Wert von Star Trek nur selten voll erkannt wird.

Können Sie kurz die Situation der US-amerikanischen Gesellschaft zu der Zeit skizzieren, in der Star Trek vor fünfzig Jahren auf dem Markt der TV-Serien erschien?

Dr. Hubert Zitt: Star Trek wurde in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre produziert. Es war die Hochzeit des Kalten Krieges. Der Wettlauf der Supermächte, den ersten Menschen auf den Mond und gesund wieder zurück zu bringen, war voll im Gange. An der Westküste begann die Hippiebewegung, verbunden mit der sexuellen Revolution. In den stark konservativen Südstaaten hingegen gab es vereinzelt immer noch getrennte Toiletten und Wasserspender für schwarze und weiße Mitmenschen. Am 4. April 1968 wurde der Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King ermordet.

Sie sagen, die Ausstrahlung der Serie hatte einen signifikanten Einfluss auf die kulturelle Entwicklung in den USA. Inwiefern?

Den größten kulturellen Einfluss hatte Star Trek in Bezug auf die afro-amerikanische Bevölkerung in den USA. In Star Trek wurde zum ersten Mal eine afro-amerikanische Frau in einer leitenden Position im US-amerikanischen Fernsehen gezeigt, nämlich die Kommunikationsoffizierin Uhura, gespielt von Nichelle Nichols. Die Rolle der Uhura bedeutete für Afro-Amerikaner zu dieser Zeit sehr viel. Nichelle Nichols selbst war mit ihrer Rolle als „Fräulein vom Amt im Weltraum“ jedoch nicht zufrieden und dachte nach der ersten Staffel darüber nach, aus der Serie auszusteigen. Als sie das dem schon erwähnten Dr. Martin Luther King erzählte, sagte dieser zu ihr: „People who don‘t look like us see us for the first time as we should be seen. As equals. Don‘t you see? Star Trek has changed the face of television.” – King bat Nichols also eindringlich, in der Serie zu bleiben, weil afro-amerikanische Bürger damit zum ersten Mal im Fernsehen auftraten, wie es sein sollte: als Menschen auf Augenhöhe mit Weißen. Er war überzeugt, dass sich durch Star Trek das Fernsehen für immer verändert hatte.

Nichelle Nichols alias Lieutenant Uhura galt als Hoffnung für viele Afro-Amerikaner, die darin einen großen Schritt zur Gleichberechtigung sahen und Hoffnung schöpften, nicht mehr unterdrückt zu werden und nun beruflich Karriere machen zu können. Ein bekanntes Beispiel ist Whoopi Goldberg, die, als sie als Kind zum erstem Mal Star Trek schaute und Uhura sah, durchs Haus schrie: „Komm her, Mama, kommt schnell alle her, da ist eine schwarze Dame im Fernsehen und sie ist kein Dienstmädchen!” Angeblich trug diese Szene für Whoopi Goldberg maßgeblich dazu bei,  selbst Schauspielerin zu werden. Sie erzählte dies später Gene Roddenberry, der daraufhin für sie die Rolle der Guinan in „The Next Generation“ schrieb.

Woran kann man die Auswirkungen der Verbreitung von Gene Roddenberrys Vorstellungen auf die nordamerikanische Kultur noch festmachen?

Star Trek hatte sogar Einfluss auf die echte Raumfahrt in den USA. Als die NASA 1976 Astronauten für das Space-Shuttle-Programm suchte, waren die Rekrutierungsprogramme auch für Frauen und Minderheiten gedacht, allerdings wurden diese zunächst nicht genommen. Als man dann Frauen und Afro-Amerikaner ins Programm aufnehmen wollte, hat sich von denen niemand mehr beworben. Damals wurde Nichelle Nichols (Lt. Uhura) von der NASA gefragt, ob sie als Promoterin für ein neues Rekrutierungsprogramm arbeiten wolle, das sich vorwiegend an Frauen und Afro-Amerikaner richten sollte. Sie ließ sich unter der Bedingung anwerben, dass Frauen und Minderheiten eine echte Chance bekamen und arbeitete von 1976 bis 1987 für die NASA. Sie besuchte Schulen, Universitäten und Firmen. Die Leute kamen, um Uhura zu sehen und hörten eine emanzipierte farbige Frau, die über echte Raumfahrt sprach. Die Kampagne war ein voller Erfolg, bereits nach einigen Monaten lagen 3000 Bewerbungen vor, davon 1500 von Frauen. Nichelle Nichols rekrutierte unter anderem: Guion Bluford (den ersten afro-amerikanischen Astronauten), Sally Ride (die erste US-Amerikanerin im All) und Ronald McNair (den zweiten afro-amerikanischen Astronauten, er starb beim Challenger-Unfall). Seit der Kampagne von Nichelle Nichols setzt sich das Astronautenteam der USA aus Angehörigen verschiedener Ethnien und beiderlei Geschlechts zusammen.

Hat Star Trek den damaligen Zeitgeist der US-Bevölkerung nun eher gespiegelt oder eher geprägt?

Ich denke, man kann mit einer Fernsehserie schon einiges bewegen, aber um den Zeitgeist einer ganzen Nation zu prägen, bedarf es schon etwas mehr als einer TV-Serie. Es ging also eher darum, gesellschaftliche Problematiken zu spiegeln und kritisch zu hinterfragen. Dies wurde in den meisten Fällen so dargestellt, dass es bestimmte gesellschaftliche Probleme bei der Bevölkerung von weit entfernten Planeten gab, die die Menschheit des 23. Jahrhunderts aber längst hinter sich gelassen hat. Captain James T. Kirk redete auf diesen Planeten dann oft davon, dass die Menschheit diese Probleme früher auch hatte, aber dass sich die Menschheit weiterentwickelt hätte und es auf der Erde diese Probleme nun nicht mehr gibt.

Roddenberry hat also die Probleme des eigenen Landes auf ein Volk auf einem anderen Planeten projiziert. Durch diesen „Trick“ konnte er in seiner TV-Serie Themen anschneiden, die normalerweise von den konservativen Fernsehgewaltigen der 1960er Jahre nie genehmigt worden wären.

Foto: campus tv Magdeburg

Fast so bekannt wie viele Star-Trek-Figuren: Hubert Zitt wurde für seine Vorträge im Jahr 2012 als 5-Sterne-Redner ausgezeichnet. Mehr Informationen zu seinem Programm gibt es auf startrekvorlesung.de. Foto: campus tv Magdeburg

Ein wichtiges Ereignis für den Erfolg der Serie war sicherlich, dass sie rasch eine organisierte Fan-Gemeinschaft bilden konnte, die u.a. mit Briefaktionen für die Fortsetzung der Ausstrahlung sorgte. Was könnte es gewesen sein, dass diese Menschen so sehr für eine TV-Serie aktivierte?

Star Trek war eben anders als alle bisherigen TV-Serien. Alleine die Tatsache, dass die Serie im Weltraum spielte, hat sicherlich viele Zuschauer begeistert, zumal – wie schon erwähnt – die erste Mondlandung kurz bevorstand. Es kam dazu, dass Star Trek in Farbe gedreht war, die etwas älteren TV-Serien wurden damals noch in schwarz-weiß ausgestrahlt. Star Trek hatte übrigens 1966 unter den Farbserien die höchsten Einschaltquoten. Und dann wurde in Star Trek eben eine Zukunft gezeigt, auf die man sich freuen konnte, eine Zukunft, in der es – zumindest auf der Erde – keine Kriege gab; eine Zukunft ohne Rassenprobleme, ohne Wirtschafts- und Energiekrisen, ohne Frauendiskriminierung, ohne Umweltverschmutzung, ohne sinnlose Laster und mit tollen technischen Möglichkeiten. Vielen Leuten hat dies gefallen und sie wollten einfach mehr davon.

Die Serien und Filme wurden später auch in vielen europäischen Ländern ausgestrahlt. Würden Sie sagen, dass diese dort ähnliche Effekte auf die kulturelle Entwicklung entfaltet haben?

Nein, ich denke, dass den Zuschauern in anderen Ländern zunächst gar nicht aufgefallen ist, wie tiefsinnig Star Tek wirklich ist und dass es dabei viel um soziologische Aspekte ging. Die angesprochenen Problematiken wie Rassismus oder Gleichstellung der Geschlechter und aller Ethnien waren in den meisten Ländern ja bei weitem nicht so ausgeprägt wie in den USA. In Deutschland wurde „Raumschiff Enterprise“ zu Beginn ja eher in die Kategorie „Fernsehen für Jugendliche“ eingeordnet. Man hat den gesellschaftspolitischen Wert der Sendungen also entweder nicht erkannt oder wollte ihn zumindest nicht hervorheben.

Woran könnte das gelegen haben bzw. glauben Sie denn, dass der gesellschaftspolitische Wert außerhalb der USA jemals ausreichend erkannt worden ist?

Vermutlich lag bzw. liegt es eben an den für die USA spezifischen gesellschaftlichen Thematiken. Die Zuschauer in Deutschland und anderen Ländern haben die Zusammenhänge oder Anspielungen vielleicht einfach nicht erkannt.

Nun könnte man denken, dass sich dies nach so vielen Jahren und so vielen Wiederholungen geändert hat. Aber das ist nach eigenen Erfahrungen nicht der Fall. Nach meinen Star-Trek-Vorträgen bekomme ich bei Gesprächen mit den Zuschauern immer wieder zu hören, dass vielen die Qualität und Tiefsinnigkeit von Star Trek nicht bewusst war. Das bezieht sich sowohl auf die technischen Visionen als auch auf die soziologischen Aspekte. Bei der breiten Öffentlichkeit wurde der gesellschaftliche Wert der Serie also bis heute eher nicht erkannt, von den Fans aber natürlich sehr wohl und auch von den Medienwissenschaftlern. Es gibt nicht umsonst unzählige Literatur über die Auswirkungen von Star Trek, angefangen von kleineren Beiträgen in Fachzeitschriften bis hin zu Doktorarbeiten.

Gleichberechtigung der Geschlechter und zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe. Gibt es noch weitere Themen, bei denen Sie in Star Trek eine humanistische Utopie sehen?

Ja! Zum Beispiel wird immer wieder auf die Freiheit von Glauben und Religionen eingegangen. Auch Sexualität wurde in den damals sehr konservativen USA thematisiert, wobei Roddenberry hierbei die Hände gebunden waren, denn es gab sehr strikte Richtlinien, was im Fernsehen gezeigt oder gesagt werden durfte und was nicht. Das ging so weit, dass sogar das Wort „schwanger“ damals in TV-Serien verboten war, weil schwanger zu werden ja impliziert, dass man zuvor Sex hatte. Homosexualität wurde übrigens in Star Trek zu Beginn bewusst nicht thematisiert, weil man dies damit zu etwas Besonderem machen würde und das wollte man nicht. In späteren Serien wie „Star Trek: Deep Space Nine“ wurden dann auch homosexuelle Beziehungen gezeigt.

Ein weiterer Punkt, den man hier nennen kann, ist die so genannte Oberste Direktive der Sternenflotte. Sie legt fest, dass es den Crewmitgliedern der Raumschiffe verboten ist, sich in die Entwicklung fremder Kulturen (auf anderen Planeten) einzumischen. Dies könnte als Anspielung auf die Einmischung der europäischen Siedler bei den amerikanischen Indianervölkern im 18. und 19. Jahrhundert interpretiert werden.

Star Trek ist nicht nur von den Ideen einer sozialen und gesellschaftlichen Utopie geprägt, sondern natürlich auch von wissenschaftlich-technologischen Zukunftsvisionen. Gibt es Indizien oder Belege dafür, dass die Serie in diesem Gebiet ebenfalls Innovationen vorangetrieben hat?

Oh ja, die gibt es. Bereits in der Originalserie wurden viele technische Dinge gezeigt, die mittlerweile Realität geworden sind. Zu nennen wären hier z.B. automatische Türen, Disketten oder Kommunikatoren, also unsere heutigen Handys. Diese Dinge gäbe es ohne Star Trek natürlich heute auch, aber namhafte Firmen aus der IT-Branche, wie z.B. Motorola, haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie sich beim Design ihrer Handys von Star Trek inspirieren ließen. Beim Freisprechclip L410 von der Firma Gigaset, der in Funktion und Aussehen sehr an den Kommunikator aus der Star-Trek-Serie „The Next Generation“ erinnert, hat mir die Produktmanagerin persönlich mitgeteilt, dass der Kommunikator aus Star Trek für die Produktion dieses Telefons als Vorlage diente.

Die späteren Serien und Filme wirkten aus kultureller Sicht weniger provokant als „The Original Series“ von 1966, trotzdem behandelte auch „The Next Generation“ noch ethische und moralische Fragen wie beispielsweise mit der Debatte um die Persönlichkeit des Androiden Data in etwa die Frage, ob und wann eine „Maschine“ als selbstständiges Lebewesen mit eigenen Rechten zu behandeln ist. In den nachfolgenden Serien und Filmen traten derartige Fragen als Rahmen der Handlung eher in den Hintergrund. Woran könnte das gelegen haben?

In den letzten Jahren ist leider der eindeutige Trend zu erkennen, dass der Erfolg von TV-Serien und Kinofilmen nicht mehr vorrangig von einer guten Story und tiefgehenden Dialogen abhängt, sondern von Spezialeffekten, Action, Soundeffekten und nicht zuletzt vom Merchandising. Sicher gibt es nach wie vor Leute, die die alten Werte von Filmen schätzen, aber davon gibt es eben nicht genug für einen finanziellen Erfolg eines Films oder einer TV-Serie. Den Produzenten blieb also nichts anderes übrig, als auch Star Trek an den Trend der Zeit anzulehnen. Schnelle Schnitte, kurze Dialoge, bombastische Weltraumschlachten und viele Spezialeffekte sind die Resultate. Bei dieser Art von Filmen bleiben manche Dinge eben auf der Strecke.

Star Trek – eine humanistische Utopie? Anlässlich des 50. Geburtstags einer der weltweit erfolg- und einflussreichsten TV- und Filmserien lockt eine wissenschaftliche Tagung vom 15. bis 17. April 2016 in das Nicolaus-Copernicus-Planetarium: Hochkarätige Referenten werden dann die unterschiedlichen Facetten des von Gene Roddenberry erfundenen Universums ausleuchten und mit dem Publikum diskutieren. Alle Informationen zum Programm und die Online-Anmeldung gibt es auf der Website: www.neue-welten.org

Zuletzt: Verraten Sie uns, in welchem Jahrhundert des Star-Trek-Universums Sie am liebsten leben und in welcher Rolle Sie dort tätig sein würden?

Ich werde oft gefragt, welche Star-Trek-Serie denn mein Favorit sei. Meine Antwort lautet dann immer, dass es einen wirklichen Favoriten für mich nicht gibt, sondern, dass ich die Original-Serie wegen des Kults und „The Next Generation“ wegen der dort gezeigten Technik und der tollen Dialoge am meisten mag. Wenn es aber darum geht, in einer Rolle tätig zu sein, fällt meine Wahl eindeutig auf „The Next Generation“. Und da ich als Elektroingenieur an Technik mehr Interesse habe als an Diplomatie und Politik, würde ich eine Rolle als Wissenschaftsoffizier oder als Chefingenieur bevorzugen.