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„Es wird Zeit, die Grenzen der Weltauffassungen durchlässiger zu machen“

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Nach dem Jahreswechsel werden in Berlin die Vorbereitungen für die 5. „Lange Nacht der Religionen“ am 17. September 2016 anlaufen. Der Koordinator der Veranstaltungsreihe Thomas Schimmel erklärt im Interview, warum er sich auch eine Beteiligung nichtreligiöser Menschen wünscht.
Donnerstag, 17. Dezember 2015
Foto: privat

Thomas Schimmel: „Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir den Diskurs verlernt haben.“ Foto: privat

In der Langen Nacht der Religionen öffnen seit 2012 an einem Abend im Jahr viele der in der deutschen Hauptstadt aktiven Religionsgemeinschaften gemeinsam ihre Kirchen, Tempel, Moscheen, Synagogen und Gemeindehäuser, um Besucherinnen und Besucher zu empfangen. Mit Ausstellungen, Gesprächen, Konzerten, Gottesdiensten oder Meditationen wollen die unterschiedlichen Gruppen den Besuchern ihre Glaubensgrundlagen und die Glaubenspraxis nahebringen. Bei der letzten „Langen Nacht“ unter dem Motto „Jeder nach seiner Façon“ im vergangenen August nutzten rund 10.000 Menschen dieses Angebot, zu dem mehrere Dutzend Glaubensgemeinschaften an rund 100 Orten in der Stadt eingeladen hatten.

Thomas Schimmel, der ebenfalls als Geschäftsführer der franziskanischen Initiative 1219 für interreligiösen und interkulturellen Dialog tätig ist, meint, dass die großen Kirchen auf die sich rapide verändernde weltanschauliche Landschaft in Deutschland bisher nicht kreativ genug reagieren.

Herr Dr. Schimmel, Sie würden sich freuen, wenn auch Menschen mit nichtreligiöser Lebensauffassung künftig bei der Langen Nacht der Religionen teilnehmen würden. Welchen Sinn könnte das haben, wenn Menschen, die keinen Bezug zu Religion empfinden bzw. religiöse Vorstellungen sogar ablehnen, sich unter das Dach solch eines Ereignisses begeben?

Dr. Thomas Schimmel: Der Sinn der Langen Nacht der Religionen ist es, Menschen mit verschiedenen Weltsichten und Lebensauffassungen ins Gespräch zu bringen. Ziel soll dabei sein, Fremdheit abzubauen und Vertrauen zu schaffen. Wir leben ja in einer Gesellschaft, die nicht homogen, sondern die vielfältig ist. Wie gehen wir mit dieser Vielfältigkeit um? Oft verursacht sie Ängste und Sorgen. Vorurteile und Vorbehalte stehen einem guten Miteinander im Weg. Die kann man aus meiner Sicht nur mit Begegnung wegräumen. Menschen, die keinen Bezug zur Religion haben – oder die Religion ablehnen –, sind auch Teil der Gesellschaft und ihre Weltsicht ist genauso interessant wie die einer Muslima oder eines Hindus. Warum sollen wir mit ihnen nicht ins Gespräch kommen?

Manchmal erscheint „der Andere“ aber doch bedrohlich, etwa mit Blick auf die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen, wie ich erst im September wieder beim „Marsch für das Leben“ festgestellt habe. Oder auch mit Blick auf die Grenzen des Rechts auf Selbstbestimmung am Lebensende, wie bei der Bundestagsabstimmung zur Suizidbeihilfe. Ich weiß nicht, wie andere beteiligte Gruppen bei der Langen Nacht der Religionen mit gewissen grundsätzlichen Differenzen umgehen. Das scheint mir schon einiges an Sprengstoff zu bergen.

Ich würde mich freuen, wenn bei all diesen Themen mehr miteinander ins Gespräch gegangen würde. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir den Diskurs verlernt haben. Es gibt oft nur ein undifferenziertes Ja oder Nein. Der „Marsch für das Leben“ ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel. Wie im Sandkasten hopsen da die sogenannten Lebensschützer auf und ab und bestehen darauf, dass das Förmchen ihres sei – sehen aber nicht die Not der Frauen. Und die Gegendemonstranten machen es dann genauso.

Die Lange Nacht der Religionen steckt noch in den Kinderschuhen. Die wenigsten haben damit gerechnet, dass sie über drei Jahre stattfinden wird. Ich hoffe auf eine Entwicklung, bei der in der Langen Nacht die Religionen nicht nur ihre Häuser öffnen und Gäste empfangen, sondern auch bei gemeinsamen Veranstaltungen mit benachbarten Religionsgruppen zum Beispiel über Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch oder Blasphemie sprechen.

Was ist denn Ihr persönliches Motiv, sich für dieses Veranstaltungsformat zu engagieren?

Der Frieden und die Solidarität. Auch wenn die momentane politische Situation den Eindruck erweckt, dass die Zeit der fallenden Grenzen vorbei ist, glaube ich das nicht. Für Waren, Menschen oder Informationen gibt es auf dieser Welt keine wirklichen Grenzen mehr. Von daher wird es auch Zeit, die Grenzen der Weltauffassungen durchlässiger zu machen. Religionen, die in früheren Epochen vielleicht nach innen integrative Kraft hatten, die Gemeinschaft stärkten und den Menschen Gewissheit versprachen, funktionieren in der Grenzenlosigkeit nicht mehr. Im Gegenteil: Sie stehen dem friedlichen und solidarischen Zusammenleben im Weg. Der Soziologe Ulrich Beck plädierte dafür, nicht mehr davon zu sprechen, dass man einer Religion angehöre, sondern dass man religiös sei. Damit wäre der Sache die Exklusivität genommen und man wäre offen für andere Weltsichten.

Bleiben wir noch kurz bei den Sensibilitäten. Die mörderischen Anschläge in Paris am 8. Januar 2015 bezeichneten Sie als eine „zutiefst gottlose Tat“. Aus der Perspektive nichtreligiöser Menschen sind die islamistischen Terrorakte nun weder „gottlose Taten“, da diese ja ziemlich klar auch religiös motiviert waren, noch ist es besonders angenehm, wenn derartige Verbrechen mit Adjektiven und Einordnungen versehen werden, die eindeutig auf nichtreligiöse Lebensauffassungen verweisen. Können Sie nachvollziehen, dass nichtreligiöse Menschen da allergisch reagieren?

Naja, ich weiß nicht, ob das Adjektiv „gottlos“ auf nichtreligiöse Lebensauffassungen verweist. Mir als religiösem Menschen sind diese Empfindlichkeiten eh fremd: Die Diskussion um Blasphemie zum Beispiel. Meine Güte! Sollen sie doch Witze über Gott und Jesus machen. Gott wird das nicht stören, der ist nach christlicher und muslimischer Auffassung eh allbarmherzig. Und wenn er allmächtig ist, kann er solche Sachen auch selbst regeln. Worum es mir geht, ist zu zeigen, dass Menschen, die Terror und Gewalt verbreiten, dies immer mit Ideologien zu legitimieren versuchen. Aber es geht ihnen am Ende ja nur um Macht. Wir dürfen darauf nicht reinfallen, denn diese vermeintliche Legitimation führt immer wieder dazu, dass wir ganze Bevölkerungsgruppen, die seit Jahrzehnten friedlich hier leben oder die schutzsuchend in unser Land kommen, pauschal verdächtigen und ausgrenzen.

Der frühere Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki sagte vor zwei Jahren im Gespräch mit mir, in Berlin stünde er täglich in einem „Vorhof der Völker“. Teilen Sie seine Auffassung?

Tja. Wie hat er das gemeint? Natürlich gibt es in Berlin mehr Menschen, die keinen Bezug zum christlichen Glauben haben, als in Marktl am Inn oder in Köln. Deutschland ist in Glaubensfragen ja inzwischen dreigeteilt in Katholiken, Protestanten und Menschen, die keiner Religion angehören und es ist absehbar, dass die nichtreligiösen Menschen die Mehrheit der Bevölkerung stellen werden. Das ist eine Herausforderung für die großen Volkskirchen und wird eine große Transformationsleistung von ihnen verlangen. Ich sehe nicht, dass die Kirchen bisher auf diese Herausforderung kreativ reagieren. Ich mache die Erfahrung, dass Menschen an Glauben, Religion und existenziellen Fragen immer interessiert sind. Insofern hat Woelki natürlich Recht und mit Papst Franziskus besteht vielleicht die Chance, dass der Vorhof vergrößert und der exklusive Bereich der Gläubigen und Priester verkleinert wird und so Offenheit entsteht.

Woelki meinte auch, dass sich religiöse und nichtreligiöse Menschen in Berlin gegen die Gleichgültigkeit verbünden sollten. Sehen Sie das ebenfalls als ein Problem?

Gleichgültigkeit – wem oder was gegenüber? Das habe ich schon bei Papst Benedikt nicht verstanden. Ich sehe in Berlin selten Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen. Das großartige Engagement für die Flüchtlinge aus allen Bevölkerungsschichten hat ja in gewisser Weise das Staatsversagen kaschiert. Nein. Ich sehe eher die Notwendigkeit, dass bestimmte Werte und Fragen in unserer Gesellschaft mehr betont und diskutiert werden, die mir zu sehr in den Hintergrund rücken: Was ist Tod? Was bedeutet Endlichkeit und Unendlichkeit? Was ist menschenwürdiges Leben und Sterben? Welchen Stellenwert haben Konsum, Schönheit, Reichtum? Wofür und auf wessen Kosten leben wir? Ich glaube, dass religiöse Menschen hier Antworten und Handlungsempfehlungen geben können. Sie können das Gespräch darüber in die Zivilgesellschaft bringen und Impulse geben. Nicht aus der Position der moralgebenden Institution, sondern als Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines offenen Diskurses.

Der Spandauer SPD-Bundestagsabgeordnete Swen Schulz, der dem Humanistischen Verband angehört, äußerte mal eine Situationsbeschreibung zur deutschen Hauptstadt, für die ein Vertreter der katholischen Kirche vermutlich lauten Protest geerntet hätte. Schulz sagte, für ihn sei Armut das Hauptthema in Berlin, „und zwar materielle wie auch kulturelle und geistige Armut“. Während man zum Thema materieller Armut wohl relativ schnell einen gemeinsamen Maßstab finden kann, ist das Thema der kulturellen und geistigen Armut stärker eine Frage der Wertung. Wie weit würden Sie sich der Einschätzung von Schulz anschließen?

Swen Schulz hat Recht. Ich würde sogar noch weiter gehen. Materielle Not ist kein wirkliches Problem. Ich hole mal die populistische Keule raus: Der BER-Flughafen kostet uns jeden Tag um die eine Million Euro – aber für Schulen ist kein Geld da und über jede Hartz IV-Erhöhung wird tagelang diskutiert. Alles eine Frage der Prioritätensetzung.

Worin sehen Sie die Ursachen dafür?

Ich frage mich, ob es jemals anders war? Aber wir leben natürlich in einer komplexen Welt. Wie ich eben schon gesagt habe: Waren, Menschen, Informationen und Ideen haben keine Grenzen mehr und alles ist kompliziert geworden. Antworten und Lösungen auf Krisen sind nicht mehr einfach. Aber wir weigern uns weiterhin, bei der Suche die Komplexität zu erfassen: Nehmen Sie die Anschläge in Paris: Obwohl wir seit 15 Jahren wissen, dass Krieg nur zur Verschärfung des Terror-Problems führt, wird nun wieder Krieg geführt. Genauso ist es mit innenpolitischen Fragen. Wäre es nicht zum Beispiel sinnvoll, unser Schulsystem grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen und der gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen?

Welche gesellschaftliche Entwicklung meinen Sie genau und was für Anpassungen halten Sie denn für sinnvoll?

Schauen Sie in die U-Bahn: Da sitzen 80 Prozent der Menschen jeden Alters mit elektronischen Geräten: hören Musik, lesen Zeitung, spielen, chatten. In der Schule – mein Sohn geht auf ein Gymnasium und meine Tochter auf die Grundschule – spielt das aber keine Rolle. Es gibt kein Unterrichtsfach „elektronische Medien“, keine Hinführung dazu, wie man mit der Informations- und Bilderflut umgehen kann. Wie man zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen filtert. Ich habe letztens mit zwei meiner Neffen über die AfD gesprochen. Beide sind um die 22 Jahre. Die sagten mir doch tatsächlich: „Über Politik findet man ja keine neutralen Informationen“. Da war ich schon baff, dass junge Menschen, denen das Smartphone an die Hand gewachsen zu sein scheint, keine Orientierung haben. Dass heutige Eltern, Jahrgang 1954 bis 1974, da keine Hilfe sind, zeigt ja auch das Phänomen, dass die sich die Geräte von ihren Kindern erklären lassen. Was für eine Wandel: Früher erklärten die Älteren den Jüngeren die Welt…

Materielle Not ist kein wirkliches Problem in Berlin, sagten Sie eben. Worin erkennen Sie denn noch Zeichen für kulturelle oder geistige Armut in der Stadt?

In der Architektur zum Beispiel. Schauen sie sich die Gegend um den Hauptbahnhof an, Was für ein Armutszeugnis für unser Jahrzehnt. In der omnipräsenten Werbung – auch überlebensgroß auf Bauplanen, unter denen Kulturdenkmäler renoviert werden. In dem Bestreben, dass alles in irgendeiner Weise auf Gewinn ausgerichtet ist und sich mit Gewinn legitimieren muss. Ausstellungen – auch in staatlichen Museen – müssen „Events“ sein, damit die Leute kommen. Schule und Unterricht müssen auf den Berufserfolg ausgerichtet sein. Es geht ja nicht mehr um Bildung, schöne Künste oder ein Stadtbild.

Und welche Rolle spielen in dieser Situation in Ihren Augen die Werte- und Glaubensgemeinschaften in Berlin, religiöse wie nichtreligiöse?

Ich glaube Werte- und Glaubensgemeinschaften können – wie alle anderen Gruppen der Zivilgesellschaft – ihre eigenen Erfahrungen einbringen. In unserer Gesellschaft haben Religionen auch heute noch eine wichtige positive Funktion: Religionsgemeinschaften haben einen eigenen Blick auf die Welt, der durch ihr Verhältnis zur Transzendenz geprägt ist. Sie betrachten die Welt als etwas, was über das Sichtbare und Irdische hinausgeht. Wichtige Aspekte des Lebens und des menschlichen Daseinszweckes sind für sie u.a. das Streben nach Gottesnähe, Glück, Zufriedenheit, Angstlosigkeit und Freiheit.

Damit grenzen sie sich ab von den Aspekten, die uns das moderne Wirtschaftssystem und seine Sachzwänge vorgeben: wirtschaftlicher Erfolg, grenzenloses Wachstum, Konsum, Attraktivität und Machtstreben. Sie betonen die moralischen und ethischen Maßstäbe, die über die Vorsorge, das Wachstum und den persönlichen Egoismus hinausgehen. Sie verweisen mit ihren Regeln und Vorstellungen, ihren Geschichten und Mythen, ihren Traditionen, Festen und Liturgien auf die Erfahrungen der Generationen vor uns, auf die Endlichkeit des eigenen Lebens und die Zukunftsorientierung der nachfolgenden Generationen. Vor diesem Hintergrund wird in den solidarökonomischen, karitativen oder diakonischen Einrichtungen sowie den Gemeindehäusern der Religionen soziale, sozialpädagogische und integrative Arbeit sowie Bildungsarbeit geleistet.

Das ist ja auch gut so – sofern mit den so gebildeten Überzeugungen nicht Gesetze gemacht werden, deren Begründung nichtreligiöse Menschen nicht nachvollziehen können.

Diese ethischen und moralischen Maßstäbe einer oder mehrerer Religionen dürfen für eine freiheitliche Gesellschaft nicht zu allgemeinen, von allen geteilten Maßstäben werden. Die Entfremdung der modernen Gesellschaft von religiösen Vorstellungen und Werten kann aber dazu führen, dass diese wichtigen Aspekte des menschlichen Lebens und Zusammenlebens zu sehr in den Hintergrund treten und von anderen Ideologien verdrängt werden. Die Religionen sind daher aufgerufen, diese Maßstäbe gemeinsam der pluralistischen Gesellschaft im Dialog zu vermitteln.

Könnten Sie diese anderen Ideologien, die Sie meinen, genauer benennen?

Ich sag es mal klassenkämpferisch: Den Kapitalismus. Den Neoliberalismus. Die Marktwirtschaft.

Kommen wir zuletzt nochmal zurück zur Langen Nacht der Religionen in Berlin. Ich habe zwar Zweifel, ob sich explizit nichtreligiöse Gruppen unter dem Dach des Begriffs „Religion“ wiederfinden wollen, kann aber Ihre Idee durchaus gut nachvollziehen. Würden Sie sagen, dieses Format ist in gewisser Hinsicht unvollständig, solange sich nicht auch nichtreligiöse Bürgerinnen und Bürger in einer angemessenen Form daran beteiligen?

Unvollständig ist so eine Veranstaltung natürlich immer. Aber Sie haben natürlich insofern Recht, als Religionen oder religiöse Menschen nicht die einzigen sind, die sich mit den existenziellen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Die Lange Nacht der Religionen will ja Schwellen senken und Türen öffnen. Sie will Räume – geistige und tatsächliche – öffnen und Menschen einladen, sich kundig zu machen über das, was andere glauben. Sie will einladen, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die aus der eigenen Sicht seltsame Dinge glauben. Von daher empfände ich es als eine Vervollständigung der Langen Nacht der Religionen, wenn es dort auch einen Ort gäbe, wo man sich mit Menschen und Ideen auseinandersetzen könnte, die nicht religiös sind oder die an keinen Gott glauben.