Direkt zum Inhalt

„Daran ist die Studie spektakulär gescheitert“

DruckversionEinem Freund senden
Religiös geprägte Kinder handeln zu wenig altruistisch und sind „gemeiner“ als Kinder aus nichtreligiösen Familien: Solche Schlussfolgerungen legten Anfang November veröffentlichte Ergebnisse psychologischer Experimente nahe – und stießen auf eine starke mediale Resonanz. Zu Recht?
Freitag, 13. November 2015
Foto: Screenshot

„Religiöse Kinder sind gemeiner als säkulare“, „Kinder aus religiösen Familien sind geiziger“,  „Religion macht Kinder unsozialer“ – So oder so ähnlich lauteten die Schlagzeilen, die vor kurzem über eine Untersuchung von nordamerikanischer Psychologen berichteten. Religiöse Sozialisation wirke sich negativ auf den Altruismus von Kindern aus, behauptete ein Beitrag im Fachjournal Current Biology, der unter anderem von den Online-Magazinen Spiegel Online und Telepolis aufgegriffen wurde. Die Botschaft machte auch in Kreisen atheistischer Leser schnell die Runde. Doch bei einem eingehenderen Blick erwies sich die Untersuchung als wenig belastbar und kaum aussagekräftig. Im Gespräch sagt der Religionswissenschaftler Michael Blume, das Studien-Design sei „wissenschaftlich und ethisch sehr fragwürdig“. Studie und Medienresonanz hätten aber deutlich gemacht, wie wichtig es sei, „sehr sorgfältig zwischen empirischer Beschreibung einerseits und weltanschaulicher Deutung andererseits zu unterscheiden.“

Sie haben drei Kinder, Herr Dr. Blume. Wie ist das, wenn Wissenschaftler und Journalisten Ihre Familie zum Risiko für den Weltfrieden deuten?

Dr. Michael Blume: Naja, da wir eine deutsch-türkische und christlich-islamische Familie sind, sind wir Rassismus und Verdächtigungen inzwischen schon gewohnt und gehen gelassen damit um. So eine Schlagzeile erhöht da nicht mehr den Blutdruck.

Mich hat es eher wissenschaftlich gewundert: Bis vor einigen Jahren wurde ja gerne behauptet, dass Religiöse die irgendwie „besseren Menschen“ wären. Seitdem hat eine Vielfalt von Studien – zum Beispiel sogenannte „Samariter-Experimente“ und spieltheoretische Settings – wieder und wieder gezeigt: Religiöse kooperieren zwar im Nahbereich enger, nicht aber im Fernbereich. Und mit In-Group-Kooperation kann man Hospitäler und größere Familien begründen, aber eben auch Abschottung und Terrorzellen. Religion ist also „nicht einfach gut“ und religiöse Menschen sind „nicht besser“ – man muss schon immer im Einzelfall hinschauen. Übrigens ist genau das ja auch die Pointe des Gleichnisses vom barmherzigen Samaritaner: Der vermeintliche Ketzer kann ein Vorbild an Nächstenliebe auch für die Frommen und Priester sein! Das trauen sich auch noch heute die wenigsten Prediger zu sagen…

Jetzt wird der Forschungsstand aber plötzlich ins Umgekehrte gekippt – und selbst vermeintliche Qualitätsmedien greifen zu schnellen, klickträchtigen Schlagzeilen über vermeintlich „gemeinere Kinder“ aus religiös geprägten Familien, ohne sich die Studie vorher sorgfältig anzuschauen oder wenigstens andere Forschende um eine Stellungnahme zu bitten.

Inzwischen rollt die Welle aber schon zurück, da mehrere Wissenschaftsblogs die Studie vertieft überprüfen und immer lauter fragen, wie das Peer-Review in Current Biology und die Prüfstandards in einigen Medienredaktionen so schwach sein konnten. Das wächst sich gerade zu einer ernsthaften Debatte über Wissenschaftsstandards und Wissenschaftsjournalismus aus.

Es zeugt wohl von wenig skeptischem Denken, wenn Befunde einer spezifischen Untersuchung zum Anlass genommen werden, Schlüsse zu ziehen wie: „Nun ist es bewiesen: Atheisten sind großzügiger und weniger egoistisch als Religiöse“. Was könnten die Gründe dafür sein, dass die Ergebnisse von Einzelstudien zu solchen Reaktionen führen?

Wir alle lesen gerne, was unsere eigenen Vorannahmen bestätigt – man nennt das den „Confirmation Bias“. Und durch das steigende Angebot alter und neuer Medien wächst die Verlockung, den Leuten in möglichst drastischen Worten das anzubieten, was sie ohnehin glauben und also teilen werden. So berufen sich beispielsweise Impfkritiker heute noch auf die Wakefield-Studie von 1998, obwohl diese längst zurückgezogen werden musste. Ebenso picken sich sowohl Religiöse wie Religionskritiker immer wieder gerne die Befunde und Schlagzeilen heraus, die ihre jeweilige Weltsicht zu bestätigen scheinen. Es ist ziemlich schwierig, dagegen fair aufzuklären, zumal wir uns dabei natürlich auch selbst immer wieder hinterfragen müssen. Denn auch wir Wissenschaftler unterliegen selbstverständlich dem Confirmation Bias!

Sehen Sie selbst Mängel an der Untersuchung der US-amerikanischen und kanadischen Wissenschaftler bzw. in den Schlussfolgerungen daraus?

Die Studie weist eine Vielzahl erheblicher Mängel auf, die inzwischen auch aufgedeckt und intensiv diskutiert werden. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass ein Standard von „Altruismus“ festgelegt wurde, von dem bereits bekannt ist, dass Religiöse darin leicht schwächer abschneiden – das Teilen mit Dritten des „gleichen ethnischen Hintergrundes“. Man beachte, dass dabei auch ohne inhaltliche Begründung Religionszugehörigkeit und „ethnischer Hintergrund“ vermischt werden!

Dabei ist ja zum Beispiel längst bekannt, dass Religiöse im Durchschnitt größere Familien und also mehr Geschwister haben. Es hätte also – gerade in einem biologischen Journal, Stichwort: Kin-Selection – absolut nahegelegen und kaum Mehraufwand bedeutet, die Anzahl der Geschwister und die Verteilung der Sticker an diese mit zu erheben. Auch dies wurde aber nicht getan. Auf den Seiten des Guardian fiel dies sogar richtig massiv auf, da gleich der erste „related Article“ der Redaktion den Kinderreichtum jüdisch-orthodoxer Familien hervorhob! Aber niemand vermochte wohl eine Verbindung herzustellen oder wenigstens nachzufragen…

Existieren Hinweise, ob das einfach vergessen oder bewusst unterlassen wurde?

In einem religionswissenschaftlichen Forum hat ein geschätzter Freund, der die Studie eigentlich verteidigen wollte, dazu inzwischen sogar geschrieben, diese seltsame, auf ethnische Hintergründe beschränkte Fragestellung sei „explizit aus dem Grund gemacht, dass religiöse Menschen bekanntermaßen altruistisches Verhalten vor allem auf ihre Gruppenmitglieder richten, während nichtreligiöse Menschen weniger zwischen ‚ingroup‘ und ‚outgroup‘ unterscheiden.“

Und tatsächlich schreiben die Studienmacher „from the known fact that religious people tend to be more altruistic toward individuals from their in-group“ – vom „bekannten Fakt, dass religiöse Menschen zu Individuen in ihrer In-Gruppe altruistischer“ seien! Hier kann man also nicht mehr nur von Schlamperei, sondern von gezielter Manipulation sprechen: Ergänzende Fragestellungen nach der Sticker-Verteilung unter Geschwistern und unter Angehörigen der gleichen Religionsgemeinschaft statt des „ethnischen Hintergrundes“ wären demnach also bewusst weggelassen worden, um Aspekte des „Altruismus“ religiös geprägter Menschen gezielt zu unterschlagen. Ein Studien-Design aber gezielt so anzulegen, dass eine Gruppe von Kindern dabei „schlecht“ abschneidet und medial vorgeführt werden kann – das ist wissenschaftlich und ethisch sehr fragwürdig! Da fragt man sich schon, wer bei Current Biology für Herausgeberschaft und Peer-Review verantwortlich ist und wer in Medienredaktionen wissenschaftliche Studien vor der schnellen Schlagzeile überhaupt liest und durchdenkt.

Dass sowohl religiöse wie auch nichtreligiöse Menschen altruistisch handeln und „Nächstenliebe“ oder solidarisches Verhalten nicht auf religiösen Glauben angewiesen ist, dürfte ausreichend bekannt sein. Während es mir nun durchaus erforschenswert erscheint, auf welche Weise und aus welchen Gründen religiöse bzw. nichtreligiöse Menschen altruistisch handeln, scheint das Konzept dieser Altruismus-Studie auch von einer bestimmten Art Menschheits-Optimierungslogik bestimmt zu sein. Für mich stellt sich somit die Frage, ob maximal altruistisches Verhalten – im Sinne der Bereitschaft, erlangte Dinge wegzugeben – bei möglichst vielen Menschen tatsächlich zu einer besseren, d.h. zukunftsfähigeren, Menschheitsgesellschaft führt. Denn ob auf geisteswissenschaftlichem, naturwissenschaftlichem, technologischem, medizinischem oder künstlerischem Gebiet: Die Mehrheit der Innovationen seit der Steinzeit ist wohl nicht allein aus altruistischen Motiven hervorgegangen. Verliert die Untersuchung nicht auch in solch einem Licht massiv an Aussagekraft?

Ja, das stimmt. Und das Stichwort „Steinzeit“ führt da auch schon auf die richtige Spur. So finden wir auch bei heutigen Wildbeuterkulturen sehr starke und komplexe Traditionen des Teilens („Sharing“). Das hat aber nicht etwa damit zu tun, dass diese Menschen besonders „edle Wilden“ wären, sondern dass die meisten erjagten und gesammelten Güter nur schwer transportiert werden können und schnell verderben. In diesem Kontext setzen sich also kulturelle Modelle durch, nach denen man als Habender auch viel teilt, um Reputation und Rechte auf Gegenseitigkeit zu erwerben. In Agrargesellschaften werden dann plötzlich Land und Besitz kostbar und vererbbar. Es setzt eine Verschärfung von Eigentums-, Bündnis- und Verwandtschaftsregeln ein. Religiöse Würdenträger sollen sich dabei häufig durch den Verzicht auf Familie und Erbbesitz beglaubigen! In funktionierenden Marktwirtschaften muss sich wiederum nicht nur „Leistung lohnen“, sondern es muss auch genug Gewinn im Unternehmen bleiben, um weitere Investitionen zu ermöglichen. Zölibat wird da kaum mehr verstanden! Und werden Marktteilnehmer weiterhin nicht nach Leistung, sondern nach Freundschaft und Verwandtschaft an Erträgen beteiligt, so nennen wir das „Korruption“ und empfinden es als unfair. Schon ein ganz kurzer Überblick über die Menschheitsgeschichte zeigt also, dass die ideale Mischung aus „Altruismus“ und „Egoismus“, aus „Teilen“ und „Behalten“ nie statisch feststand, sondern je nach den Umweltbedingungen über kulturelle Evolutionsprozesse immer wieder neu ausbalanciert und angepasst werden musste.

In der Studie scheint altruistisches Verhalten trotzdem als per se gut zu gelten, denn in Current Biology heißt es, „Altruismus“ werde „negativ“ durch die Religiosität der Herkunftsfamilie der Kinder beeinflusst. Der Gedanke an die Möglichkeit eines gesunden Maßes an Egoismus scheint also sowohl den Autoren der Studien wie auch einigen Journalisten abhandengekommen zu sein. Ich spiele jetzt hier mal ganz stark den Ketzer und behaupte, man könnte auch sagen, dass Kinder aus christlichen und muslimischen Familien klügere Kinder sind, weil sie nicht so viel weggeben. Denn dass sie etwas weggeben, hat sich ja auch in der Studie gezeigt. Nur eben nicht so viel – und das ist vielleicht ja gar nicht so falsch bzw. dumm. Wie weit würden Sie mit dieser Interpretation mitgehen?

Ich würde einräumen, dass auch dies eine vertretbare, weltanschauliche Interpretation der Befunde ist – ebenso wie die in der Studie aufgestellte Behauptung, es wäre „gut“, so viel wie möglich wegzugeben. Wir können dieses philosophische Spiel auch immer weitertreiben: Zumal Kinder aus säkularen Familien häufiger alleine aufwachsen, könnte es von ihnen auch einfach strategisch klug sein, durch viele Geschenke eine gute Reputation und viele Verbündete zu gewinnen! Sind sie also weniger „gut“ als vielmehr „opportunistisch“? Und bedeuten wiederum Befunde, dass Religiöse stärker im Nahbereich spenden, dass sie damit zugleich klüger und „altruistischer“ sind? Oder könnte man nicht umgekehrt einwenden, dass sie sich davon ja Belohnungen im Jenseits erhoffen, also eigentlich doch „egoistisch“ kalkulieren? Und was ist mit Märtyrern? Ist nur Jesus der perfekte Altruist, weil er „sein Leben für alle gab, damit sie erlöst werden“?

Als Faustregel muss leider gelten: Wo immer der Begriff „Altruismus“ auftaucht, funktioniert er als Blackbox, in der ganz verschiedene Weltdeutungen versteckt worden sind. Dagegen hilft nur, sehr sorgfältig zwischen empirischer Beschreibung einerseits und weltanschaulicher Deutung andererseits zu unterscheiden. Daran ist die Studie in Current Biology spektakulär gescheitert.

Gibt es trotzdem bemerkenswerte Schlussfolgerungen, die Sie aus den Studien-Resultaten gezogen oder mitgenommen haben?

Die Studie hat meines Erachtens doch sehr deutlich gemacht, wie dringend wir eine Klärung des „Altruismus“-Begriffes brauchen! Ist Altruismus moralisch absolut gut, oder irgendwann einfach dumm? Ist gegenseitige Hilfe innerhalb der Familie kein Altruismus? Wie ist das mit Teilen innerhalb der Nachbarschaft, der Religionsgemeinschaft, dem „gleichen ethnischen Hintergrund“, der Nation, der Art? Ist Altenpflege weniger altruistisch als Tierschutz? Wie schon bei der Metapher vom vermeintlich „egoistischen Gen“ laufen wir hier Gefahr, durch Begriffsverwirrung ein unfruchtbares Chaos anzurichten. Ich sehe die echte Chance, dass gerade die Debatte über diese „Gemeine-Kinder-Studie“ dazu beiträgt, da interdisziplinär weiter zu kommen. Außerdem hat der ganze Vorfall doch auch gezeigt, dass Wissenschaftsblogs als Korrektiv zu allzu hastigen Medienredaktionen inzwischen funktionieren. Auch Journale und Portale haben schließlich einen Ruf zu verlieren und lernen hoffentlich langsam, sich seltener zu blamieren.

Nun handelte die Untersuchung nicht nur von altruistischem Verhalten, sondern untersuchte auch Tendenzen bezüglich der Bestrafung von anderen. Kinder aus religiösen Haushalten wählten hier häufiger eine strengere Sanktion als die aus nichtreligiösen Familien. Wie beurteilen Sie diesen Teil der Studie?

Dieser Teil ist tatsächlich nicht überraschend. Es ist bereits vielfach erforscht, dass Menschen unter den Bedingungen existentieller Unsicherheit durchschnittlich stärker religiös werden und zugleich schützende Hierarchien mit strengen Regeln befürworten. Individualismus und Nachsicht muss man sich erstmal leisten können. Und für spieltheoretische Feinschmecker: Eine Forschungsrichtung, die bis auf Charles Darwin selbst zurückgeht, erkundet das „altruistische Strafen“! Denn schließlich bedeutet es ja Kosten und sogar Gefahren, Rechtsbrecher zu stellen und zu bestrafen. Wer nimmt die wiederum „altruistisch“ auf sich – und kontrolliert dabei auch noch die Kontrolleure? Eine Funktion von Religionen bestünde laut dieser Forschungsrichtung darin, dass sie über himmlische Gerichte oder Karma-Gesetze geglaubte und unfehlbare Formen der Strafverfolgung und Rechtsprechung anbieten. Die mehr oder weniger angenehme Wiedergeburt, der Jüngste Tag, der Himmel und vor allem die Hölle wären demnach sozusagen Ausprägungen des „göttlichen Altruismus“! Ich wollte Kolleginnen und Kollegen der Theologien schon lange mal fragen, was sie von diesen Ansätzen und Definitionen halten… (lacht)

Welchen Beitrag leisten aus Ihrer Sicht nun Medienberichte, die derartige Fronten zwischen nichtreligiösen und religiösen Lebensauffassungen wie jene zum Beginn unseres Gesprächs erwähnten aufmachen, zum gesellschaftlichen Frieden und dem kulturellen Fortschritt?

Solche polarisierenden Aufmacher auf der Basis von fragwürdigen Studien mit schwammigen Definitionen bringen Leute gegeneinander, schaden dem Zusammenleben und letztlich dem Ruf von Wissenschaft. Durch die neuen Medien hat sich das Phänomen von Medien- und Gesinnungsblasen ohnehin verstärkt. Ob es also um Religion oder Politik, um Musik, Wissenschaft, Medizin oder auch nur Chemtrails geht – wir zersplittern in immer mehr Mikro-Öffentlichkeiten, in denen wir uns unter Gleichgesinnten gegenseitig bestätigen und Gegenmeinungen ausblenden. Auch ich selbst habe zum Beispiel neulich wieder einen Facebook-Kontakt „entfreundet“, der nach meinem Empfinden ständig zynisch und kalt gegen Flüchtlinge polemisiert hat. Das tat gut, spart Zeit und Nerven, aber es beschränkt eben auch. Der Medientheoretiker Marshall McLuan warnte vor einer „Retribalisierung“, die sich schon durch immer mehr nach Weltanschauung und Sprache unterschiedene Zeitungen, Radio- und Fernsehsender abzeichnete und jetzt durch das Internet weiter verstärkt und beschleunigt wird. Der Zerfall einer gemeinsamen Weltwahrnehmung und das entsprechende Anwachsen von gegenseitigen Vorwürfen beflügelt schon jetzt radikale Strömungen aller Art und könnten leider durchaus zu einer Herausforderung gerade auch für liberale Demokratien anwachsen: Stichwort „Lügenpresse“ versus „Aluhüte“. Aber wir müssen dem Ganzen ja nicht tatenlos zuschauen. Der Psychologe Sebastian Bartoschek und ich planen zum Beispiel für nächstes Jahr eine gemeinsame Tagung zum Thema „Verschwörungstheorien im Netz“.

Foto: privat

Michael Blume: „Ich würde mir weniger gegenseitiges Misstrauen, mehr Neugier und Lernbereitschaft wünschen“. Foto: privat

Zum Schluss: Halten Sie es eigentlich für wahrscheinlich, dass sich durch diese Medienberichte zur Studie religiöse Eltern zur Aufgabe ihrer Überzeugungen bewegen lassen?

Nein, die ersten Reaktionen unter strenger Religiösen verliefen leider wie befürchtet: „Die Wissenschaftler“ hätten mal wieder „gezielt gegen die Gläubigen“ ausgeteilt, diesmal sogar speziell gegen Kinder. „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“, heißt es dann zum Beispiel. Das ist natürlich bitter für all diejenigen von uns Forschenden, die Wissenschaft als einen Erkenntnisprozess verstehen, an dem jeder und jede teilhaben sollte und in dem Fehler und Manipulationen zwar durchaus vorkommen, aber früher oder später auffliegen und korrigiert werden. Ich würde mir weniger gegenseitiges Misstrauen, mehr Neugier und Lernbereitschaft wünschen.

Was gibt Ihnen denn Zuversicht, dass sich dieser Wunsch erfüllen könnte?

Mut macht mir dabei gerade das neue Rap-Album von Baba Brinkman „The Rap Guide to Religion“. Brinkman ist bekennender, naturalistischer Atheist und hat es dennoch geschafft, über den Confirmation Bias hinweg die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen inhaltlich fair zu durchdringen. Das Ergebnis ist ein hörenswerter Mix aus starker Musik, wissenschaftlicher Information und scharfer, aber niveauvoller Religionskritik. So geht das! Ich denke, es wird auch in Zukunft Religiöse verschiedenster Sorte, Agnostiker und Atheisten geben – aber dann hoffentlich mit mehr wissenschaftlichem Sachverstand und also auch mehr Verständnis füreinander. Vielleicht finden wir ja sogar einmal gemeinsam heraus, was „Altruismus“ genau sein und bedeuten soll.