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„Wir müssen von einer beständigen technischen Weiterentwicklung ausgehen“

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Im zweiten Teil des Interviews erklärt der Philosoph Stefan Lorenz Sorgner, warum es in Zukunft einmal dazu kommen könnte, dass superintelligenten und selbstbewussten Computern ebenfalls Würde zukommt.
Dienstag, 1. September 2015

Den Link zum ersten Teil des Interviews finden Sie am Ende dieser Seite.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen dafür, dass die Debatte über Transhumanismus im angelsächsischen Raum erheblich lebendiger ist als im deutschsprachigen?

Stefan Lorenz Sorgner: Hierfür gibt es sicherlich zahlreiche Gründe. Die folgenden fünf Überlegungen, Reflexionen und Denkfiguren sind bezüglich der beschriebenen Situation sicherlich besonders relevant:

1. Der Transhumanismus ist beheimatet in der englischsprachigen Tradition von Darwins Evolutionstheorie. Julian Huxley, der Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley (Brave New World) und Enkel des „Darwin‘s bulldog“ Thomas Henry Huxley, hat den Begriff Transhumanismus geprägt;

2. Analytische Bioethik-Debatten der Angloamerikanischen Philosophie waren entscheidend verantwortlich dafür, dass der Transhumanismus dort akademisch ernstgenommen wird;

3. Die deutschsprachigen akademischen Traditionen sind biokonservativ ausgerichtet, während in den englischsprachigen Traditionen bioliberale Grundhaltungen weitverbreitet sind, wie sie auch vom Transhumanismus bejaht werden. Der Liberalismus ist auch ideengeschichtlich in der englischsprachigen Welt verhaftet, während in der deutschsprachigen Philosophie eher kommunitaristische Denkfiguren vorherrschend sind;

4. Der Transhumanismus bejaht Möglichkeiten des genetischen Enhancements. In Deutschland wird auf diese Vorgänge als Eugenik verwiesen, um  bestimmte historische Konnotationen hervorzurufen, auch wenn diese in keiner Weise mit den von Transhumanisten bejahten Prozessen zu tun haben, da der Transhumanismus auf dem liberalen Denken beruht. Die Eugenik impliziert eine politische verpflichtende Regelung bezüglich der Förderung und Vermeidung bestimmter Erbanlagen. Transhumanisten gehen jedoch davon aus, dass man nur selbst über mögliche genetische Modifikationen entscheiden sollte bzw. eine solche Entscheidung höchstens im Rahmen der besonderen Eltern-Kind-Relation getroffen werden darf;

5. Transhumanisten plädieren meist dafür, dass der Personenbegriff unabhängig von dem des Menschseins ist. Bezüglich dieser Vorgehensweise kann der Vorwurf der Relativierung des Werts menschlichen Lebens im Raum stehen, der nach den Geschehnissen des Dritten Reichs im deutschsprachigen Raum unbedingt vermieden werden soll. Diese Liste wichtiger Gründe ist sicherlich keine erschöpfende. Sie gibt einige Hinweise, warum die Transhumanismus-Debatte lokal so verhaftet ist, wie es von Ihnen beschrieben wurde.

Kritische humanistische Beobachter wie der Berliner Jurist Thomas Heinrichs meinen, Transhumanismus sei ein „neoliberales, herrschaftsorientiertes politisches Projekt […], das der Bildung einer neuen Elite dient und hinter dem wirtschaftliche Interessen stehen.“ Auch der Philosoph und Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, warnte im Interview vor Szenarien wie etwa der „Schaffung einer neuen Klasse von biologisch-technologisch verbesserten Superreichen in einer Welt, in der immer noch so viele an Hunger und medizinisch längst einfach zu heilenden Krankheiten sterben.“ Welche Argumente stellen Sie diesen Äußerungen entgegen?

Der erstgenannte Vorwurf identifiziert eine kleine, aber wirkmächtige Gruppe von Silicon-Valley-Transhumanisten mit dem Transhumanismus. Die dort angesiedelte Variante des Transhumanismus bejaht eine Variante des Libertarismus, mit dem in der Tat potentiell problematische soziale Herausforderungen einhergehen können. Diese Ausrichtung repräsentiert jedoch gewiss nicht den Transhumanismus. Die meisten akademisch ernst zu nehmenden Transhumanisten sind insbesondere im Dunstkreis des Institute for Ethics and Emerging Technologies angesiedelt. Sie teilen in der Regel eine dezidiert sozial-liberal-demokratische politische Grundhaltung.  Es ist also der Fall, dass der Transhumanismus eine Variante des Liberalismus bejaht. Die Bandbreite der vertretenen politischen Positionen umfasst das komplette Spektrum vom Libertarismus zur liberalen Sozialdemokratie. 

Hiermit ist sicherlich nicht gesagt, dass die von Frieder Otto Wolf genannten Herausforderungen keine relevanten sind. Das Gegenteil ist der Fall. Jedoch werden gerade diese Fragestellungen auch von Transhumanisten intensiv erörtert und gesellschaftlich vermittelt. Nur auf diese Weise können wir moralisch auf angemessene Art auf die sich notwendigerweise ergebenen Herausforderungen vorbereitet sein. Davon auszugehen, dass technologische Innovationen nicht mehr geschehen werden oder sollen, ist weder eine wünschenswerte noch eine realistische Variante. Wenn die Forschung in einem Land nicht geschehen darf, wird auf einen anderen Nationalstaat ausgewichen. Wenn ein Prozess weltweit verboten sein sollte, besteht immer noch die Möglichkeit, Forschung außerhalb des Herrschaftsbereiches von Nationalstaaten durchzuführen, z.B. auf stillgelegten Öl-Plattformen, was als seasteading gezeichnet wird. Wir müssen also von einer beständigen technischen Weiterentwicklung ausgehen. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie wir auf politischer Ebene mit den hiermit verbundenen sozialen Konsequenzen umgehen sollen. Hierzu zwei kurze Andeutungen, die darauf hinweisen, dass die sich ergebenen Konsequenzen nicht notwendigerweise problematische sein müssen:

1. Mögliche soziale Ungerechtigkeiten innerhalb eines Landes können etwa durch eine entsprechende Regelung der Krankenkassen angegangen werden. Nehmen wir die Impfung als Beispiel, da es sich hierbei um eine transhumanistische Verbesserungstechnik handelt. Man erhält durch die Impfung eine Eigenschaft, die man zuvor nicht besaß. Viele Impfungen sind jedoch verlässlich und von großem Nutzen. Aus diesem Grund werden Impfungen gegen besonders wichtige Krankheiten, z.B. Masern, stets von Krankenkassen bezahlt. Speziellere Impfungen, z.B. gegen Hepatitis, können unter speziellen Bedingungen (z.B. Reise in ein besonders betroffenes Gebiet) auch von öffentlichen Krankenkassen getragen werden.  Die Kosten für besondere Impfungen müssen persönlich getragen werden. Auf diese Weise könnte auch bei anderen Enhancement-Techniken vorgegangen werden.  Nehmen wir an, dass sich auf verlässliche Weise genetische Modifikationen realisieren ließen, durch die die Wahrscheinlichkeit der Erhöhung der Gesundheitsspanne um durchschnittlich 30 Jahre gefördert wird. Eine solche Technik ist im allgemeinen Interesse, und viele würden wohl gerne auf sie zurückgreifen. In diesem Fall würde die Technik rasch günstiger werden. Außerdem ist der mit der Technik verbundene Vorteil so groß, dass die Krankenkassen die Kosten für eine solche Behandlung tragen sollten.

2. Separat von der Frage nach der nationalen Gerechtigkeit ist die der globalen Gerechtigkeit. Diesbezüglich sollte folgende Überlegung in Betracht gezogen werden. Biotechnische Forschung hat Medikamente zur erfolgreichen Behandlung von HIV entwickelt. Zwar ist die Möglichkeit der Heilung noch nicht gegeben, jedoch kann die HIV-Infektion so weit in den Griff bekommen werden, dass man mit ihr eine annähernd durchschnittliche Lebenserwartung erzielen kann. Die Kosten dieser Behandlung in der so genannten ersten Welt sind recht hoch. Glücklicherweise sind zahlreiche Generika-Hersteller vorhanden, um eine weit verbreitete erfolgreiche Behandlung auch in Entwicklungsländer zu garantieren. Dies heißt nicht, dass die gegenwärtig vorhandene Situation perfekt ist. Jedoch ist es besser wirksame HIV-Medikamente zu besitzen als wenn sie nicht vorhanden wären. Das Gerechtigkeits-Problem hängt somit nicht mit den Techniken zusammen, sondern vielmehr mit den politischen Entscheidungen, wie mit den Techniken umgegangen wird. 

Können Sie kurz skizzieren, welche Auswirkungen die Anwendung transhumanistischer Ideen aus Ihrer Sicht auf ein Konzept wie das der „Menschenwürde“ hätte? Der Philosoph und katholische Theologe Heiner Bielefeldt vertritt die Auffassung, im Lichte transhumanistischer Definitionsversuche könne etwa der Gleichheitsbegriff keinen Anhaltspunkt mehr finden.

Anfänglich hatte ich bereits erwähnt, dass Transhumanisten dafür plädieren, die Identifikation des Personenbegriffs mit dem der Mitglieder der menschlichen Spezies zu lösen, da mit dieser seit langem etablierten Tradition der Speziesismus einhergeht, d.h. die moralisch nicht zu rechtfertigende Bevorzugung der Mitglieder einer Spezies. Dies ist etwa der Fall, wenn eine befruchtete menschliche Eizelle eine höhere moralische Beachtung erhält, nur weil es sich um eine menschliche Zelle handelt, als ein schwangeres ausgewachsenes Gorillaweibchen.

Der katholische Menschenwürdebegriff hingegen trifft bereits auf eine menschliche Eizelle unmittelbar nach der Befruchtung zu. Eine solche Zelle hat die gleiche moralische Bedeutung wie ein erwachsener Mensch. Interessanterweise vertritt die katholische Kirche diese Position erst seit dem 19. Jahrhundert. Zuvor ist man dort von einer graduellen Beseelung ausgegangen, die aus der Sicht Thomas von Aquins bei Männern übrigens zeitlich früher einsetze als bei Frauen. Tiere, Pflanzen und Tische hingegen besitzen keine solche Vernunftseele.

Diese Einschätzung ist auf gesetzlicher Ebene in Deutschland übrigens noch immer gültig, da hier nur Menschen Würde besitzen können, während Tiere, Pflanzen und Tische formal unter das Sachrecht fallen. Zwar wird herausgestellt, dass Tiere keine Sachen sind. Trotzdem sollen sie rechtlich wie Sachen behandelt werden. Meiner Ansicht nach ist eine solche metaphysisch aufgeladene Anthropologie keine, auf der ein liberal-demokratischer Staat begründet sein sollte, da auf diese Weise die Pluralität der menschlichen Weltanschauungen nicht angemessen repräsentiert werden kann.

Dies bedeutet jedoch auch, dass der Vorschlag, die gesetzlich vorherrschende dualistische Anthropologie durch eine monistische zu ersetzen, kein angemessener Vorschlag sein kann, da dann nur eine fundamentalistische Weltanschauung durch eine andere ersetzt wird. Angemessener als die Würde ontologisch zu fassen, wäre es, den Begriff ausschließlich normativ zu füllen, z.B. durch die Normen Freiheit, Gleichheit und Solidarität. In diesem Fall wäre es prinzipiell jedoch auch möglich, den Würde-Begriff oder zumindest erst einmal den Personenbegriff ebenso auf Menschenaffen, Delfine und möglicherweise auch einmal auf Computer anzuwenden.

Würden diese Ansätze eine Herausforderung für die menschliche Gleichheit darstellen? Ja. In der Tat. Die moralische, menschliche Gleichheit zwischen einer befruchteten Eizelle und einem erwachsenen Menschen wäre dann nicht mehr gegeben. Möglicherweise könnte es in ferner Zukunft einmal dazu kommen, dass superintelligenten und selbstbewussten Computern Würde zukommt und daher eine moralische Gleichheit zwischen Computern und Menschen bestünde.

Wäre dies problematisch? Ich denke nicht. Entscheidend ist es für mich, den Personenbegriff von dem des Menschseins zu lösen und auf gesetzlicher Ebene hinsichtlich des Würde-Begriffs stärker mit Normen zu hantieren als mit Ontologien, da Ontologien persönliche Bekenntnisse darstellen. Diese können sich ganz radikal voneinander unterscheiden. Freiheit, Gleichheit und Solidarität hingegen stellen hart erkämpfte Normen dar, auf die wir uns geeinigt haben und für deren Relevanz ich mich einsetze. Ich bin glücklich, in einer Gesellschaft zu leben, in der diese Einschätzung mehrheitlich geteilt wird.

Im Unterschied zu anderen Vertretern transhumanistischer Ideen meinen Sie, dass das kognitive Enhancement (Verbesserung) einem direkten Moral Enhancement mittels pharmakologischer Produkte, auch Moraldoping genannt, vorzuziehen wäre. Warum?

Die Bedeutung des moralischen Bioenhancements wurde im akademischen Kontext thematisiert, nachdem das Potential der neuesten Techniken deutlich wurde und die Gefahren erörtert wurden, falls diese in die falschen Hände geraten sollten. Der von den Philosophen Julian Savulescu und Ingmar Persson favorisierte Lösungsansatz beinhaltet eine globale gesetzliche Verpflichtung des Einsatzes des moralischen Bio-Enhancements, um das Risiko der Vernichtung der Menschheit zu minimieren. Diesen Ansatz erachte ich für unrealistisch. Wenn man weiterhin den Flynn-Effekt beachtet, der impliziert, dass die kognitiven Fähigkeiten im Laufe des 20. Jahrhunderts beständig zugenommen haben, und weiterhin die beachtenswerten Studien in „The Better Angels of Our Nature“ von Steven Pinker ernst nimmt, die nahelegen, dass im Verlauf der Menschheitsgeschichte die Gewalt gegen Individuen auf kontinuierliche Weise nachgelassen hat, dann stellt sich die Frage, ob die Zunahme von kognitiven Fähigkeiten nicht hinreichend dafür ist, um moralisches Handeln zu fördern.

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Mit Hilfe der Studien Flynns und Pinkers kann zwar nicht bewiesen werden, dass kognitive Fähigkeiten und Moralität kausal miteinander verknüpft sind. Auch wenn man die Ereignisse im Dritten Reich in Betracht zieht, so kann die Einschätzung wohl nur als höchst unplausibel angesehen werden, dass zwischen diesen beiden Fähigkeiten ein notwendiger kausaler Konnex besteht.

Jedoch legen die beiden Studien zumindest nahe, dass eine gewisse Korrelation zwischen den beiden genannten Eigenschaften besteht. Wenn diese Einschätzung zutrifft, dann würde eine Förderung der kognitiven Fähigkeiten auch die Wahrscheinlichkeit der Förderung der Moralität erhöhen.

Um die oben genannte Herausforderung anzugehen, erscheint mir dieser Ansatz plausibler als das gesetzlich verpflichtende moralische Bioenhancement, da bei vielen Menschen ein intrinsisches Motiv vorhanden ist, ihre kognitiven Fähigkeiten zu fördern, die Motivation hinsichtlich der Förderung ihrer eigenen Moralität jedoch weniger offensichtlich gegeben ist. Eine verbesserte kognitive Leistungsfähigkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein gutes Leben zu führen. Diese Einschätzung trifft wohl auf die erhöhte Neigung des moralischen Handelns nicht notwendigerweise zu, weshalb es unwahrscheinlich sein dürfte, dass moralisches Bioenhancement auf freiwilliger Basis zu einem Massenphänomen wird. Jedoch nur als Massenphänomen könnte dieser Lösungsansatz hinsichtlich des Savulescu und Persson angesprochenen Problems des Missbrauchs von neuesten Techniken möglicherweise hilfreich sein. Bei der Technik des freiwilligen moralischen Bioenhancements besteht meiner Ansicht nach ein enormes Problem, was die Motivation angeht, auf diese Technik zurückzugreifen. 

Herr Dr. Sorgner, vielen Dank für das Interview.

Unter dem folgenden Link gelangen Sie zum ersten Teil des Interviews.