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„Die kulturelle Bedeutung der Jugendfeier ist kaum zu überschätzen“

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Rund 8.500 Jugendliche und ihre Familien werden bundesweit in den kommenden Monaten eine Jugendfeier des Humanistischen Verbandes besuchen. Die Feiern markieren eine Wende im Leben der 14- und 15-Jährigen und sind Höhepunkt eines mehrmonatigen Vorbereitungsprogramms.
Mittwoch, 1. April 2015
Foto: HVD BB

Der gemeinsame Auftritt der Jugendlichen vor Familien und Freunden auf der großen Show-Bühne im Friedrichstadt-Palast ist Höhepunkt und Abschluss einer mehrmonatigen Vorbereitungszeit.

In Berlin liegen dieses Jahr mehr als 2.800 Anmeldungen vor, deutlich mehr als im vergangenen Jahr.  12,1 Prozent der rund 23.400 Schüler der 8. Jahrgangsstufe nehmen hier an den Feiern teil, damit liegt der Anteil teilnehmender Jugendlicher aus der Jahrgangsstufe knapp zwei Prozent über dem des Vorjahres. Viele von ihnen haben außerdem eine oder mehrere der Veranstaltungen und Workshops aus dem Angebotskatalog des Vorbereitungsprogramms besucht. Daniel Pilgrim, Projektleiter beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg, sagt, die Veranstaltungen rund um die Jugendfeier seien auch „immer ein Gesprächsangebot darüber, was es heißt erwachsen zu werden, wie ein selbstbestimmtes Leben, ein tolerantes Miteinander möglich werden.“

Herr Pilgrim, wie erklären Sie sich das weiter wachsende Interesse für die Jugendfeiern?

Daniel Pilgrim: Da gibt es sicherlich mehrere Gründe. Fantastische Shows im Friedrichstadt-Palast Berlin, spannende und wertvolle Vorbereitungsangebote und vor allem viele Menschen mit Herz, die uns dabei unterstützen. In der Bevölkerung genießt die Jugendfeier einen sehr guten Ruf.

In Berlin dürfte es vor allem der professionellen und künstlerisch anspruchsvollen Festveranstaltung zu verdanken sein, dass wir mittlerweile zwölf Prozent der Berliner Schüler und ihre Familien erreichen. Allerdings feiert auch im Land Brandenburg bereits jede fünfte Familie mit dem Humanistischen Verband.

Relativieren sich diese Zahlen nicht angesichts der Anzahl der Konfessionsfreien in Berlin, die rund 60 Prozent der Bevölkerung bilden?

Das kann man so sehen. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass nicht in jeder Familie solche Lebenswendefeiern und -Zeremonien denselben Stellenwert haben. Das betrifft gerade auch Konfessionsfreie. Mir scheint deshalb eine andere Zahl hier aussagekräftiger: Schätzungsweise 35 Prozent der Berliner Familien nehmen überhaupt an Lebenswendefeiern für das Jugendalter teil. Daran gemessen lässt sich die kulturelle Bedeutung unserer Jugendfeier in diesem Bereich kaum mehr überschätzen.

Foto: HVD BB

Geschafft – und glücklich! Die Jugendfeiern bieten auch immer eine Möglichkeit, andere junge Menschen kennenzulernen, denen man sonst wahrscheinlich nie begegnet wäre.

Wie werden die Familien und Jugendliche denn auf Ihr Angebot aufmerksam?

Ein großer Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bezieht sich bei der Anmeldung auf Empfehlungen von Freunden und Bekannten. Viele Familien möchten dann auch für die jüngeren Geschwister wieder eine Feier mit uns.

Aus Westberlin kommen aber noch recht wenige Teilnehmer.

Das ist so und wird uns weiter beschäftigen. Es war für unseren Verband eine schmerzhafte Erfahrung, als die Jugendfeier in der Berliner Philharmonie plötzlich nicht mehr stattfinden konnte, weil im Zuge der deutschen Wiedervereinigung diese Arbeit plötzlich völlig diskreditiert worden war. Der gute Ruf ist inzwischen wiederhergestellt und insgesamt haben wir mittlerweile eine gute Mischung bei den Teilnehmern. Aber das bleibt trotzdem eine Aufgabe, der wir uns sehr bewusst stellen.

Inwiefern ist denn die Jugendfeier durch die Wende diskreditiert worden?

Kurz gesagt, wurde ab 1958 die Jugendweihe in der DDR verpflichtend für alle Jugendlichen und damit zu einem Instrument der Unterdrückung. Wer nicht teilnahm, musste mit weitreichenden Repressalien rechnen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Jugendweihe musste deshalb in den Wendejahren öffentlich und unter Einbeziehung der Betroffenen folgen. Der Humanistische Verband hat sich hier selbstverständlich mit eigenen Beiträgen beteiligt. Und dennoch, auch wenn die Diskussionen teilweise sehr differenziert geführt wurden, waren die Assoziationen zur Jugendweihe in der Masse negativ. So etwas bleibt hängen.

Und trotzdem ist die Jugendfeier heute in Berlin und Brandenburg die beliebteste Lebenswendefeier.

Unser Verband hat dafür in den letzten Jahren auch viel getan. Wir haben uns an der kritischen Aufarbeitung beteiligt und die eigene Tradition zu neuem Leben erweckt. Gerade die Kritik, die zum Teil auch sehr harsch vorgetragen wurde, hat uns die Gelegenheit gegeben, sehr genau auch auf unsere freidenkerische Tradition zu schauen. Der Blick auf die Frage nach dem Warum, nach dem, was wir bewirken wollen und wie wir das erreichen können, aber auch der kreative Prozess, die große Spinnerei, haben uns dabei geholfen, hier eine Haltung zu entwickeln. Heute macht die Jugendfeier wieder Sinn. Und in der kontinuierlichen an den Bedürfnissen der Menschen orientierten Weiterentwicklung liegt ihre Stärke der Jugendfeier als zeitgemäßes und gesellschaftlich akzeptiertes Übergangsritual.

Foto: HVD BB

Berlin: Der Jugendfeier-Festakt wird hier von einem professionellen Moderatoren-Team begleitet. In den meisten anderen Regionen übernehmen ehemalige Jugendfeier-Teilnehmer selbst diese Aufgabe.

Was für Überlegungen spielen da konkret eine Rolle?

Berlin ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Sie strotzt nur so vor Vielfalt. Das ist zwar ein Klischee, aber es hilft uns dabei, uns daran zu erinnern, mit wem wir es zu tun haben. Jedes Jahr fragen wir uns, was sich in den Lebenswelten der Jugendlichen verändert hat und bilden uns dazu eine Meinung. Erst wenn wir das getan haben, können wir auch passende Konzepte erarbeiten. Unsere Angebote zur Jugendfeier, ob in der Festveranstaltung oder im Vorbereitungsprogramm, sind ja kein Selbstzweck. Sie sind immer auch Gesprächsangebot darüber, was es heißt erwachsen zu werden, wie ein selbstbestimmtes Leben, ein tolerantes Miteinander möglich werden.

Warum sind solche Angebote in Ihren Augen wichtig?

Genau für diese Art der Orientierung gibt es einen Bedarf in praktisch allen Bereichen des Lebens: Das eigene Leben als sinnhaft oder eben Glück und Zufriedenheit zu erfahren, diese Themen beschäftigen gleich mehrere Generationen. Diese Bedürfnisse sind so stark, dass es mittlerweile eine unheimliche Fülle von Angeboten gibt. Einiges davon ist offensichtlich Hokuspokus. Leider orientieren viele der brauchbareren Konzepte sehr stark auf Selbstoptimierung hin. Da geht es dann eher um Performance. Das ist natürlich etwas grundlegend anderes als die Selbstbestimmung, die wir meinen und ich halte diese Entwicklung für einigermaßen fatal. Aber es gibt auch viele gute Ideen, an die wir bei der Jugendfeier anknüpfen können, gerade durch unsere pädagogische Arbeit. Gleichzeitig sind wir aufgefordert über neue Formen nachzudenken, Übergänge und persönliche Entwicklungen in einem festlichen und würdevollen Rahmen zu feiern.

Haben Sie dafür bereits Ideen?

Ein paar. Das Entscheidende ist aber der Prozess. Wir kommen hier nur nachhaltig weiter, wenn wir die Menschen, um die es geht, mit einbeziehen. Sowohl innerhalb als auch außerhalb des Verbandes.

Daniel Pilgrim.

Daniel Pilgrim.

Gibt es denn noch andere Menschen außer den Jugendlichen und ihren Familien, die sich für die Jugendfeiern interessieren?

Wir bekommen die verschiedensten Anfragen aus Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Beispielsweise hatten wir im letzten Jahr eine sehr interessante Diskussion mit Torkel Brekke von der Universität Oslo, der zu diesem Thema forscht. Die Alevetische Gemeinde Berlin hat sich bei uns Anregungen für eine eigene Lebenswendefeier geholt. Das gab es vorher in ganz Europa nicht. Und natürlich sind auch die Kirchen weiterhin ein wichtiger Gesprächspartner in diesem Bereich.

In Berlin sind die Feiern im Friedrichsstadt-Palast eine vergleichsweise bombastische Veranstaltung. Was ist denn mit Jugendlichen und Familien, die sich eher einen kleineren, intimeren Rahmen wünschen?

Die Jugendfeier im Friedrichstadt-Palast ist sicherlich ein Unikum. Für Familien, die Wert auf eine sehr individuelle Feier legen, bieten wir auch das an. In der Regel organisieren dann die Familien die Veranstaltung aber selbst und wir beraten sie. Dazu gehört auch, dass einer unserer humanistischen Feiersprecher sich mit der Familie trifft, Ideen bespricht und die persönliche Würdigung des Jugendlichen mit einer Rede begleitet. Dazu gibt es übrigens auch eine Ausbildung. Jugendfeiern für Kleingruppen oder im Klassenverband veranstalten wir in Berlin nicht. Das ist nicht zuletzt oft auch eine Frage der Kosten. Wir sind gegenwärtig dabei, auch hierfür bezahlbare Konzepte zu entwickeln.

In Brandenburg ist das ganz anders. Hier haben wir bereits sehr schöne und private Feiern etablieren können und gehen diesen Weg auch weiter. Im Schloss Neuhardenberg wird beispielsweise im nächsten Jahr zum ersten Mal eine Jugendfeier stattfinden. Sehr schöne Feiern gibt es auch in Rheinsberg. Den Familien steht es frei, wo sie feiern möchten. Warum auch nicht, Hochzeiten finden doch auch häufig auf dem Land statt.