Direkt zum Inhalt

„Humanismus muss über aggressive atheistische Ablehnung hinausgehen“

Druckversion
In den vergangenen Jahren gab es keinen Mangel an Büchern, die gegen Religionen argumentierten, doch nur wenige, die sich positiven Alternativen widmeten. Mit seinem Buch „Life after faith“ – Leben nach dem Glauben – versucht nun auch der britische Wissenschaftsphilosoph Philip Kitcher, diese Lücke zu schließen.
Montag, 23. Februar 2015
Foto: privat

Arbeitsschwerpunkte von Philip Kitcher bildeten zuletzt die Erforschung der Evolution von Altruismus und Moral sowie der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion.

Samira Shackle, freie Journalistin und Redakteurin beim Magazin New Humanist, sprach mit Philip Kitcher, der derzeit an der US-amerikanischen Columbia University lehrt, über sein Ende vergangenen Oktober erschienenes Buch Life after Faith – The Case for Secular Humanism.

Ihr Buch handelt davon säkularen Humanismus als „positive Position“ darzustellen. Denken Sie denn, dass er oft negativ ist? Und wenn ja, auf welche Weise?

Philipp Kitcher: Ich möchte säkularen Humanismus von Atheismus unterscheiden. Atheismus ist einfach nur eine negative Position: er besteht darin, die Existenz von Gott (oder von Göttern) zu bestreiten. Viele Atheisten, insbesondere die „neuen Atheisten“ (von denen Richard Dawkins der prominenteste ist) konzentrieren sich auf die Anhäufung von Argumenten für die Nicht-Existenz von übernatürlichen Wesen. Sie glauben (korrekterweise), dass es für Menschen eine schlechte Sache ist, an falsche Doktrinen zu glauben – und engagieren sich folglich in einem Kreuzzug, um eine bestimmte Art falschen Glaubens vom Antlitz der Erde zu tilgen.

Ich sehe säkularen Humanismus als eine positive Perspektive auf das Leben, eine die es Menschen ermöglicht, volle und sehr lohnenswerte Leben ohne Religion zu leben. Also muss säkularer Humanismus in zwei Dimensionen über Atheismus hinausgehen. Zuerst muss er diejenigen Religionen befragen, die sich keinen Gottheiten verpflichten oder die ihre zentralen Doktrinen nicht als wörtliche Wahrheiten begreifen. Zweitens kann er nicht damit aufhören, wenn doktrinäre Glaubensvorstellungen beiseite geräumt worden sind, sondern muss etwas anbieten, um das zu ersetzen, was viele Menschen in religiösem Leben und religiöser Praxis finden: Anleitung, Hilfe und Trost.

Lügen zu glauben ist normalerweise schlecht. Trotzdem können Menschen schlechte Dinge passieren. Sie hilflos und verletzlich zu belassen, wird nicht ihr Los verbessern. Daher muss säkularer Humanismus über die schroffe – und oft aggressive – atheistische Verneinung hinausgehen.

Ein häufiges Argument ist, dass ein Leben ohne Religion oder den Glauben an Transzendenz weniger Bedeutung besitzt. Was würden Sie hier antworten?

Unsere Leben besitzen Bedeutung, wenn sie es tun, weil sie für andere Menschen Bedeutung besitzen. Wenn Sie über die Leben nachdenken, von denen an, die vollkommen bedeutend erscheinen, wie die der großen Führungspersönlichkeiten und Künstler und Wissenschaftler, bis zu denen, deren Beiträge im Erhalt einer Gemeinschaft oder Familie bestehen, sehen Sie diese in Verbindung mit einem größeren Projekt. Sie sind Stränge in dem großen Gewebe menschlicher Existenz. Natürlich ist das Leben unserer Spezies endlich – eines Tages werden wir aussterben. Einige religiöse Denker behaupten, dass die Endlichkeit uns zu Bedeutungslosigkeit verurteilt. Individuelle Leben seien nur bedeutsam, wenn sie eine dauerhafte Auswirkung hätten. In meinen Augen ist das falsch. Unsere Leben erhalten Bedeutung durch ihre positive Verbindung zu etwas Größerem als uns selbst, den Dingen, die wir zurücklassen, um das Leben derjenigen zu fördern, die nach uns kommen. Dieses größere Etwas als wir selbst muss nicht ewig oder permanent oder transzendent sein.

Unsere Leben sind wie Steine, die in ein Becken geworfen werden. Wenn sie fallen (und wir sterben), erzeugen sie kreisförmige Wellen. Schließlich verklingen auch die Wellen. Aber das spielt keine Rolle. Es ist genug, diese Wellen zu hinterlassen.

Sie erwähnen positive Aspekte von Religion, die über Sentimentalität und Ästhetik hinausgehen. Welche sind das?

Die besten Formen von Religion, das heißt solche, die ökumenisch sind (also mit anderen religiösen und säkularen Formen von Leben zusammenarbeiten) und die ihre Glaubenslehren nicht wörtlich nehmen, verstärken die wichtigsten ethischen Werte. Sie zielen nicht darauf, die Seele des Gläubigen zu erretten oder ein nebulöses Wesen zu glorifizieren oder (schlimmer) andere zu zwingen, ihre bevorzugten Lehren anzuerkennen. Stattdessen hoffen sie darauf, das Leben anderer zu fördern, für Sorge um andere zu werben und denen aufzuhelfen, die leiden. Häufig bieten Religionen diese wertvollen Formen von Gemeinschaft. Sie bringen Menschen für gemeinsame Vorhaben zusammen mit dem Ziel, etwas zu erreichen, dass menschlich wertvoll ist.

Bei der Annäherung an ein bedeutsames menschliches Leben, wie ich es bevorzuge, ist diese Art von Gemeinschaft extrem wichtig. Es stattet Menschen mit Gelegenheiten aus, die Art von Dingen zu tun, die ihren Leben Bedeutung verleihen – und ihnen klar machen, dass sie von Bedeutung sind. Unglücklicherweise gibt es in einigen wohlhabenden Gesellschaften heute noch sehr wenige Orte, in denen diese Art von wertvoller Gemeinschaft außerhalb religiöser Institutionen gefunden werden kann. Säkularer Humanismus sieht sich nicht nur den intellektuellen Aufgaben gegenüber, wie die Doktrinen und Perspektiven ersetzt werden können, von denen religiöse Gläubige geleitet werden, sondern auch der vollkommen praktischen Aufgabe eines Aufbaus einer säkularen Welt, in der wertvolles Gemeinschaftsleben weit verfügbar ist.

Zögern Atheisten damit, diese positiven Seiten von Religion anzuerkennen? Wenn ja, warum?

Viele Atheisten scheinen nicht so zurückhaltend wie blind zu sein. Sich auf die Buchreligionen – welche zugegebenermaßen die sowohl am sichtbarsten wie auch gewalttätigsten in der gegenwärtigen Welt sind – fokussierend, betonen sie den gewaltigen Schaden, der durch den Zusammenprall religiöser Doktrinen verursacht wird. Sie erkennen auch die Weise, wie wörtliche Lesarten der Schriften Leben beschränken und verstümmeln (wie etwas bei den grausamen und ineffektiven Versuchen, Menschen umzuerziehen, die von Anderen gleichen Geschlechts angezogen werden). Die Formen von Religion, die nicht mit anderen streiten, die nicht auf wörtlichen Lesarten der Glaubenssätze bestehen und die alle Menschen als wertvoll behandeln, rutschen aus ihrem Sichtfeld.

Diese Art von Atheisten schätzt auch nicht die Rolle, welche einige Religionen bei der Schaffung wertvoller Gemeinschaft besitzen. Ich vermute, es ist ein Ergebnis der Tatsache, dass prominente Atheisten zu funktionierenden und lohnenswerten Gemeinschaften gehören – Dawkins beispielsweise lebt in einem reichhaltigen Netzwerk von Wissenschaftlern und Intellektuellen, die seine Projekte und Errungenschaften schätzen. Für viele Menschen entsteht diese Art von Gemeinschaft nicht einfach so. Wenn sie es schließlich finden, entdecken sie es in einem religiösen Umfeld.

Es ist wahrscheinlich, dass es keine allgemeine Antwort auf die Frage „Würden das Leben der religiösen Gläubigen besser laufen, wenn Religion und religiöse Institutionen morgen ausgemerzt wären?“ gibt.

Sie schrieben auch, eine Evolution weg von der Religion sei erforderlich. Warum?

Ich sehe, dass die besten Formen von Religionen – die ökumenischen, nicht-wörtlichen – sich schon immer schrittweise aus den primitiven, fundamentalistischen und zankhafteren entwickelt haben. Sie haben die falschen Behauptungen über „transzendente Wesen“ aufgegeben und versucht, die wichtigen Werte durch die Betonung der Wichtigkeit des menschlichen Lebens zu stärken. Säkularer Humanismus setzt diese Bewegung in einer umfassenderen Weise fort. Er lässt jede Metaphysik des Transzendenten hinter sich zurück. Er erklärt, dass Werte von uns ausgearbeitet werden, in der Reaktion auf die Schwierigkeiten unseres Lebens und unseres Bedürfnisses, sich gegenseitig mit anderen Menschen zu beschäftigen. Er erkennt, dass – metaphorisch verstanden – die Geschichten hinter den verschiedenen religiösen Traditionen hilfreiche Wege zur Förderung und Verbreitung dieser Werte sein können, sieht diese Geschichte aber nicht als privilegierter an als andere Mythen und Narrative. Er fokussiert sich auf den Wert der Gemeinschaft, ohne zu anzunehmen, dass Gemeinschaft an irgendein bestimmtes Set von religiösen Überzeugungen, Ritualen oder Praktiken  gebunden sein muss.

Säkularer Humanismus vervollständigt den Schritt, den kultiviertere Formen von Religionen schon zu gehen begonnen haben. Er untersucht, was Religionen wertvoll macht und wie die besten Ergebnisse, die Religion hervorgebracht hat, gefördert werden können.

Wie kann säkularer Humanismus den Bedürfnissen entgegenkommen, welchen für viele die Religionen derzeit entsprechen?

Eine wichtige Aufgabe ist es, Klarheit in den intellektuellen Angelegenheiten herzustellen, den Fragen über die Stellung von Werten und die Bedeutsamkeit von menschlichem Leben. Life after Faith ist mein Ansatz, dieser Aufgabe nachzukommen (obwohl ich sicher bin, dass es mehr gibt, das gesagt werden muss). Aber meine Analyse weist ebenfalls auf das praktische Erfordernis, Institutionen zu bauen, die wertvolle Gemeinschaft pflegen können. Dies, so glaube ich, wird Zeit brauchen und wir können sicherlich viel von den besten Formen von Religion  lernen. Schließlich haben religiöse Traditionen die Strukturierung ihres Gemeinschaftslebens über eine sehr lange Zeit  verfeinert, über Jahrhunderte bis zu Jahrtausenden. Indem wir ihre erfolgreichen Varianten studieren, können wir vielleicht einige Fehler vermeiden, die sie auf diesem Weg gemacht haben.

Es gibt einige Initiativen – wie die gottlosen Versammlungen –, welche versuchen, Atheisten einen Sinn von Gemeinschaft zu geben. Was denken Sie darüber?

Ich habe keine Erfahrung mit den britischen Varianten, aber ich kenne säkulare Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten. Es gibt viel davon zu bewundern in der unitarischen Bewegung, in jüdischen Gemeindezentren und der Society for Ethical Culture („Gesellschaft für ethische Kultur“, d. Red.). Dennoch habe ich manchmal das Gefühl, dass diese Bemühungen blasse Imitationen der Rituale und Zeremonien religiösen Lebens sind. Eine säkulare Ansprache hat selten den Bums wie eine gute Predigt; im zeremoniellen Bereich hat ein Satz einer Beethoven-Sonate nicht den gleichen Schwung wie eine geliebte Hymne [ihn besitzt] (sogar, wenn der Komponist der Melodie nicht Beethoven war). Säkulare Humanisten werden experimentieren müssen, um Wege zu finden, ihre gemeinsamen Erfahrungen lebendiger zu machen.

Die Idee, dass Moral und Ethik an religiöse Lehren gebunden sind, hat uns für Jahrhunderte begleitet. Was sagen Sie dazu?

Ich sehe Ethik als andauernd unvollendetes Projekt, welches revidiert und kultiviert wird, während wir damit fortfahren, daran zu arbeiten, miteinander wertvolle Leben zu führen. Ethisches Leben ist eine Antwort auf dies tiefe menschliche Dilemma: wir sind soziale Wesen ohne psychologische Anpassungen, die ein soziales Leben einfach und leicht für uns sein lassen. Über Hunderte von Generationen haben menschliche Gesellschaften alternative Wege zur Strukturierung des Lebens ihrer Mitglieder ausgearbeitet und wir sind Erben der bisher erfolgreichsten Versionen. Weil die Umgebung, in denen Leute miteinander interagieren, sich ständig verändert, begegnen wir immer neuen Versionen der zugrundeliegenden Schwierigkeit, dass wir von Natur aus nicht dazu neigen, einander vollständig zuzustimmen.

Aus meiner Sicht, ist die Verbindung von Ethik und Religion entstanden, als einige Gruppen von Vorfahren (stillschweigend) erkannten, dass die Präsenz einer wachsamen Gottheit, auf die Einhaltung der lokalen Regeln bedacht, eine nützliche Idee zur Sicherstellung von Übereinstimmung war. Als der „transzendente Polizist“ erst einmal installiert war, ließ sich die kollektive Konstruktion von anerkannten Mustern menschlichen Verhaltens einfach kurzschließen. Jeder, der den Rest der Truppe davon überzeugen konnte, einen besonderen Zugang zum Willen des Polizisten zu haben, konnte einfach neue Regeln und Strukturen einführen. Ethik wurde zur Sache des Schamanen oder Priesters, anstelle der Gruppe. (Sogar säkulares Denken ist manchmal von dieser Verschiebung infiziert: anstatt in eine kollektive Diskussion einzutreten, wenden wir uns an professionelle Ethiker.)

All dies ist eine schreckliche Entstellung des ethischen Projekts, das fundamental demokratisch ist. Diese Entstellung ist sichtbar in der Welt heute, wie auch der Mangel an Sorge um die vielen Menschen, die in Armut leben. Säkularer Humanismus ist der Annahme gewidmet, dass ihren Leben eine Bedeutung zukommt und dass sie eine Stimme bei der Artikulation unserer Prinzipien und Werte haben sollten.

Die Idee, dass richtig ist, was dem Willen der Gottheit entspricht, wurde vor langer Zeit in Platons Euthyphron abgelehnt. Die Idee überlebt nur, weil wir nicht willens sind, Ethik als menschliches Projekt mit einer langen Geschichte kultureller Evolution aufzustellen. Kapitel 2 von Life after Death versucht, diesen allgemeinen – aber fehlerhaften – Ansatz zu diesen Fragen zu korrigieren.

Übersetzung: Arik Platzek, mit freundlicher Genehmigung von newhumanist.org.uk.

Hersteller.:
Part Number:
Preis: