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„Die Gemeinde fühlt sich nun als echte Gemeinde an“

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Sunday Assembly: Gut vier Monate liegen mittlerweile die vielbeachteten Kick-Off-Events der Sonntagsversammlung für nichtreligiöse Menschen in Deutschland zurück. Welche Erfahrungen haben die Assembly-Teams in Berlin und Hamburg gemacht? Im Interview berichten Sue Schwerin von Krosigk aus Berlin und Rainer Sax aus Hamburg.
Donnerstag, 29. Januar 2015
Foto: A. Platzek

Die Gespräche bei Kaffee und Kuchen am Ende der Sunday Assemblies sind für viele Gäste ebenso wichtig wie das Programm davor.  Foto: A. Platzek

Nach ihrer Erfindung durch die zwei britischen Comedians Sanderson Jones und Pippa Evans hatte sich die Idee von einem „Gottesdienst ohne Gott“ rasch in weitere Städte Englands und auch der Vereinigten Staaten ausgebreitet. Bis zum Sprung nach Europa dauerte es zwar noch eine Weile, doch am 28. September 2014 gab es im Rahmen eines globalen Auftaktevents ebenfalls in der Spreemetropole und der Hansestadt an der Elbe erstmals Sonntagsversammlungen. Von Atheisten und religiösen Beobachtern anfangs gleichermaßen kritisch beäugt, nehmen die Sonntagsversammlungen langsam einen festen Platz im Kulturkalender beider Städte ein.  Doch ganz über den Berg sind die neugeborenen Assembly-Communities noch nicht: denn weitere ehrenamtliche Aktivisten werden gebraucht.

Hallo Sue und Rainer! Wie geht es den Sunday Assemblies in Berlin und Hamburg?

Sue Schwerin von Krosigk: Seitdem Sunday Assembly gestartet ist, hatten wir fünf reguläre Assemblies, in jedem Monat eine und eine Sonderveranstaltung zur Wintersonnenwende, ein „Winter Singalong“ mit ungewöhnlichen Textbeiträgen zur Weihnachtszeit und mit nicht-religiösen Popsongs. Sunday Assembly: „powered by karaoke, kindness and cake“ (Sanderson Jones) – nur dass unser Singen von einer Liveband immer angestiftet wird! Die Besucherzahl der bisherigen Assemblies schwankte zwischen 60 und 130. Inzwischen haben wir ein festes Organisationsteam, das sechs Mitglieder zählt und einige Helfer, die zu den Assemblies selbst noch dazu stoßen und uns unterstützen.

Rainer Sax: Es läuft sehr gut. Wir haben immer mehr wiederkehrende Besucher und die Gemeinde fühlt sich nun mehr als echte Gemeinde an. Zwei unserer treuesten Besucher haben im Dezember geheiratet und wir haben das bei der letzten Assembly unter allgemeinem Jubel bekannt geben dürfen. Das Orga-Team wächst auch und gedeiht: Wir haben zwei neue tatkräftige Menschen hinzugewonnen. Der eine hat schon die erste Assembly selbst gehostet. Finanziell stehen wir auch ganz gut da.

Habt ihr das erwartet oder ist das doch eher überraschend?

Rainer Sax: Wie hatten keine klaren Erwartungen – nur Wünsche und Hoffnungen. Die haben sich soweit erfüllt. Wo unsere Hoffnungen noch nicht so richtig eingetreten sind ist SMOUPS: Wir haben noch keine Hilfsaktionen gestartet. Das sollte bald passieren, wenn wir das Versprechen von Sunday Assembly einhalten wollen.

Foto: Rainer Sax / CC BY

Bottom up: das Gäste mit eigenen Beiträgen die Assemblies bereichern, gehört ebenso zum Konzept der Sonntagsversammlungen wie das gemeinsame Singen von Popsongs. Foto: Rainer Sax / CC BY

Zum Versprechen von Sunday Assembly gehört auch die Aufforderung: Staune mehr! Was hat euch denn in den vergangenen Monaten erstaunt?

Sue Schwerin von Krosigk: Die Resonanz unserer Besucher! Wir bekommen nach den Assemblies viel Dank und Lob dafür ausgesprochen, dass es Sunday Assembly Berlin gibt und wir diese Einrichtung gegründet haben, sie mit hohem persönlichem Einsatz am Laufen halten und ständig weiterentwickeln. Es ist eine großartige Arbeit, die sich wirklich lohnt! Wir sehen es in der Begeisterung, mit der mitgesungen wird, in den leuchtenden Gesichtern, in den angeregten Gesprächen bei Kaffee und Kuchen nach der Assemblies, der Reaktion auf die Vielfalt unserer Themen, dem Feedback, den Dankesbriefen – und in der stetig wachsenden Anzahl unserer Sunday Assembly Communities. Neben der gut laufenden Philosophiegruppe haben wir jetzt auch eine Meditationsgruppe, die sich einmal im Monat trifft und jetzt neuerdings auch einen informellen Sonntagsbrunch, der zwischen den Assembly Sonntagen veranstaltet wird und wo wir den Assembly Besuchern die Möglichkeit geben, uns besser kennenzulernen und sich untereinander zu vernetzen. Diese zusätzlichen Einrichtungen sind wichtig, um unsere Gemeinschaft nachhaltig zu festigen.

Auch aus der Ecke der nichtorganisierten Konfessionsfreien bekommen wir eine gute inhaltliche Resonanz. Wir gehören zum Glück nicht zu Hardlinern, zu den Kirchenbashern, den Religionskritikern oder zu den politisch Motivierten, die verbissen den Banner eines aggressiven Atheismus herumtragen! Es tut ihnen gut, bei uns einen Raum zu haben, in dem einfach „nur“ gemeinsam gefeiert wird, in dem sie auf verlässliche Rituale antreffen, auf geteilte Lebensfreude und eine gegenseitige Wertschätzung.

Ich persönlich bin auch erstaunt, dass die Organisation der Assemblies so gut klappt, obwohl wir nicht aus einer homogenen Gruppe – einem Freundeskreis oder bestehendem Verein – hervorgegangen sind, sondern eher bunt gewürfelt hier in Berlin zueinander gefunden haben.

Das Medieninteresse an Sunday Assembly ist zwar überwältigend und lässt auch bis heute nicht nach. Einerseits freut mich das, denn es hilft uns bekannt zu werden. Andererseits würde ich mir wünschen, dass Sunday Assembly den Raum hätte, in Ruhe zu entstehen, sich zu etablieren und stabil zu werden  –  eine wichtige Stimme in Berlin – ohne dass wir dauerhaft im Rampenlicht stehen und uns nach außen hin erklären müssen. 

Rainer Sax: Ja, das bisherige Medieninteresse war sicherlich erstaunlich. Und es reißt nicht ab!

Klingt großartig, aber es gibt doch bestimmt auch ein paar Schwierigkeiten.

Sue Schwerin von Krosigk: Ein Problem bleibt die feste Location. Hier ist es uns noch nicht gelungen, einen guten, bezahlbaren Ort fest für uns zu sichern. Damit fehlt es uns an der Verlässlichkeit, die wir dringend brauchen, um nachhaltig eine Gemeinde an uns zu binden. Wir bekommen gerade genug Spenden, um uns von Assembly zu Assembly zu hangeln, aber es knirscht immer gewaltig.

Ein blöder Zufall ist auch, dass keiner von uns im Team selber Musik macht. Wir müssen jeden Monat neu Musiker finden, die für uns Songs spielen. Das ist aufwändig – und auch eine finanzielle Belastung, denn eigentlich ist von den Gründern aus vorgesehen, dass die Teams eigene Musiker mit dabei haben. Ich würde mir wünschen, einige musikalische Leute dabei zu haben. Wir brauchen keine Profis, nur begeisterte Amateure mit Lust und Selbstvertrauen!

Rainer Sax: Wir sind gerade dabei einen Verein zu gründen und das Finanzamt macht uns bei der Anerkennung der Gemeinnützigkeit Schwierigkeiten – Für meinen Geschmack dauert diese Diskussion schon viel zu lange. Sprecher zu finden ist nicht ganz einfach, aber bisher haben wir es immer wieder hinbekommen. Potentielle Sprecher kennen uns noch nicht und wir müssen unsere Suche verbessern.

Ein sehr persönliche Eindruck von mir, andere mögen das anders sehen, ist: Unter den Nichtreligiösen sind erstaunlich viele Esoteriker. Wir wissen noch nicht so recht, wie damit umgehen.

Foto: privat

Rainer Sax.

Auf jeden Fall klingt das so, als könntet ihr noch etwas Verstärkung im Team brauchen?

Sue Schwerin von Krosigk: Auf jeden Fall, wir suchen immer Verstärkung im Team. So eine Sunday Assembly zu organisieren ist ganz schön aufwändig. Wie gesagt, Leute mit musikalischem Talent würden wir mit offenen Armen aufnehmen, ebenso welche, die wissen, wie man Fundraising betreibt.

Rainer Sax: Dringend! Vor allem Menschen, die Musik machen wollen oder singen. Aber auch in allen anderen Bereichen wären Mitstreiter sehr willkommen.

Gab es denn Verbesserungsvorschläge bisher von den Gästen?

Rainer Sax: Die praktische Durchführung der Veranstaltungen selbst kann immer verbessert werden und hier gab es Feedback: Wie gehen wir mit Kindern um? Wie genau werden Spenden gesammelt? Wann werden Termine veröffentlicht und wo? Bekommen alle Besucher ein Namensschild? Singen wir mehr Lieder auf Deutsch? Zu all diesen Fragen kamen sehr unterschiedliche und teils sich widersprechende Äußerungen.

Wie kann man sich eigentlich einen typischen Assembly-Gast vorstellen?

Sue Schwerin von Krosigk: Einen typischen Assembly-Gast haben wir nicht. Es gibt jüngere und ältere, Frauen und Männer halten sich ungefähr die Waage. Einige kommen alleine, manche in Gruppen, Familien sind äußerst selten. Ich würde mir mehr junge Familien wünschen und wir würden auch eine Kinderbetreuung dafür einrichten!

Und wer ist skeptischer gegenüber den Assemblies: Atheisten oder religiöse Menschen?

Sue Schwerin von Krosigk: An Rückmeldungen seitens der christlichen Presse erleben wir freundliche Skepsis bis süffisantes Verkanntwerden. Sunday Assembly wird gerne selbst als quasi-religiös eingeordnet und es wird gerne übersehen, dass wir trotz des eingängigen Rituals keinerlei religiöse Bezüge kennen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir uns als inklusiv verstehen und nicht mehr verlangen, als dass die private religiöse Einstellung für die Zeit einer Sunday Assembly an der Garderobe abgegeben wird.

Religiöse Menschen – zumindest in meinem Umfeld – äußern mir gegenüber eine leichte Sorge, dass ihnen die Halb-Entschlossenen abwandern und zur Sunday Assembly kommen. Einige meiner katholischen Freunde kommen allerdings sogar gerne und haben keine Berührungsängste. Die Atheisten haben aus meiner Erfahrung eher ästhetische Bedenken gegen uns. Singen erinnert an Choräle und Schweigen offenbar an Beten. Erstaunlicherweise tun diese sich mit dem Ritualhaften der Sunday Assembly schwer, als bestehe dort Rückfallgefahr ins Religiöse.

Rainer Sax: Atheisten sind durchaus skeptischer. „Brauch ich nicht!“ ist eine oft gehörte Reaktion. Religiöse sehen uns eher als Ergänzung oder – selten – als verwirrt und irrig, aber nicht gefährlich. Dass sich vor allem die evangelische Kirche so für uns interessiert, mit Einladungen in die Akademien der Landeskirchen, ist sehr spannend.

Foto: A. Platzek

Sue Schwerin von Krosigk.

Traditionell ist der 21. Juni, der Tag der Sommersonnenwende, für viele nichtreligiöse Menschen ein besonderes Datum um gemeinsam zu feiern. Plant ihr an dem Tag auch eine Assembly?

Rainer Sax: Derzeit noch nicht. Wir planen derzeit maximal zwei Monate im Voraus.

Sue Schwerin von Krosigk: Wir schon, am 21. Juni planen wir eine besondere Assembly in Kooperation mit dem Humanistischen Verband. Die wird im Pfefferberg in Mitte stattfinden, eine irische Band wird an diesem Tag die Songs spielen. Thema und Gastsprecher sind noch offen.

Und gibt es eigentlich auch Interessenten aus anderen Städten in Deutschland?

Rainer Sax: Ja, wir stehen in Kontakt zu Menschen aus Hannover, Stuttgart, Heidelberg, München, Frankfurt und Oldenburg. Mal sehen, was sich da ergibt.

Sue Schwerin von Krosigk: Wir haben Anfragen aus München und in Köln ist eine Gruppe bereits in Gründung, die wir mit Rat und Tat unterstützen.

Die nächste Sunday Assembly Berlin soll es am 22. Februar 2015 im Haus des Akademischen Vereins Hütte, Carmer Straße 12 in Berlin-Charlottenburg, geben. Gastsprecherin wird die Drehbuchautorin und Dozentin an der Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin Dr. Christine Otto sein und sie wird über die „Reise des Helden“ sprechen. Sue Schwerin von Krosigk, hauptberuflich als Drehbuchautorin tätig, wird laut über Schreiben und Heldentum im Alltag nachdenken. Mehr Informationen auf berlin.sundayassembly.com

Die nächste Sunday Assembly Hamburg
findet ebenfalls am 22. Februar 2015 im Centro Sociale, Sternstraße 2, statt. Mehr Informationen auf hamburg.sundayassembly.com

Auch wenn sich die erste Aufregung gelegt hat, ist Sunday Assembly letztlich immer noch eine sehr junge Idee. Was hat sich hier bisher für euch verändert, was wird sich vielleicht demnächst ändern?

Rainer Sax: Wir sind als Orga-Team effizienter geworden und ruhiger. Das ist eine große Erleichterung. Große Änderungen wollen wir derzeit nicht vornehmen. Als nächstes steht eher eine Vertiefung in Richtung Outreach an: Wie können wir helfen? Wie motivieren wir unsere Leute sich in der Gesellschaft zu engagieren? Wie verstärken wir die Bande in der Gemeinschaft?

Sue Schwerin von Krosigk: Eine Sache auf jeden Fall. Wir werden beliebte Songs häufiger bringen, weil es das Mitsingen leichter macht. Und auf allgemeinen Wunsch auch das eine oder andere deutsche Stück. Das Konzept – die Dramaturgie – funktioniert bis jetzt sehr gut, im Moment sehen wir noch keinen Handlungsbedarf, es zu verändern. Aber wir werden sehr genau auf das Feedback unserer Besucher hören – versprochen! 

Sue, Rainer, vielen Dank für das Interview!