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„Aleviten waren seit jeher Anhänger laizistischer Ideen“

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Für die bis zu 800.000 Angehörigen des Alevitentums in Deutschland sei es oft schwer, eine eigene Note einzubringen, sagt der SPD-Politiker Ali Dogan. Denn Alevitinnen tragen kein Kopftuch, vertreten die Gleichberechtigung der Geschlechter und gelten generell als „gut integriert“. Doch mittlerweile freuen sie sich über eine wachsende öffentliche Anerkennung.
Montag, 26. Januar 2015
Foto: privat

Ali Dogan, Vorsitzender der AG Migration und Vielfalt der SPD in Nordrhein-Westfalen, gehört ebenfalls zu den ersten Unterzeichnern eines Aufrufs von SPD-Mitgliedern an den Bundesparteivorstand, neben den bestehenden Arbeitskreisen für Genossen mit christlichem, jüdischem und muslimischen Bekenntnis ein gleichberechtigtes Forum für Menschen mit weltlich-humanistischem, alevitischem und ohne ein Bekenntnis anzuerkennen. Im Interview spricht er über seine Motive und erklärt, wo es bei der öffentlichen Anerkennung von Aleviten in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gegeben hat.

Herr Dogan, warum haben Sie den Aufruf für einen Arbeitskreis HumanistInnen und Konfessionsfreie in der SPD unterzeichnet?

Ali Dogan: In unserer Partei gibt es seit einigen Jahren einen Arbeitskreis für jüdische und für christliche Sozialdemokraten. In der jüngeren Geschichte gründete sich zudem auch ein Arbeitskreis für muslimische Sozialdemokraten. Selbstverständlich ist die Frage berechtigt, ob eine solche Zerfaserung der Parteistruktur generell erforderlich ist. Fest steht für mich aber, dass der eingeschlagene Weg konsequent auch für andere Glaubensrichtungen und Weltanschauungen gegangen werden muss, sofern es eine ausreichende Basis gibt. Bei den Humanisten war das der Fall. Als Alevit war mir diese Richtung seit jeher sympathisch. Daher habe ich den Gründungsaufruf mit großer Freude unterstützt.

Vor knapp einem Jahr ist unter Federführung der stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Aydan Özoguz ein Arbeitskreis Musliminnen und Muslime gegründet worden. Warum fühlen sich Parteimitglieder mit alevitischem Bekenntnis davon nicht angesprochen?

Vieles, was heute in Deutschland unter der Bezeichnung „Islam“ firmiert, beschränkt sich zumeist auf den sunnitischen Islam. Das sage ich völlig ohne Wertung. Es ist eine Tatsachenfeststellung. Betrachten Sie beispielsweise den Islamunterricht, der im Kern ein sunnitischer Religionsunterricht ist. Bei dem bis zum vergangenen Februar entstandenen Arbeitskreis scheint man sich im Gründungsprozess auf die sunnitischen Sozialdemokraten kapriziert zu haben. Die Hintergründe kenne ich nicht. Ich weiß aber, dass Aleviten nicht aktiv angesprochen wurden. Bei Aleviten ist generell zu fragen, wie sie sich selbst religiös bzw. weltanschaulich verorten.

Welche inhaltlichen Themen stünden aus Ihrer Perspektive denn auf der Themenagenda des Arbeitskreises?

Ich glaube, zunächst wäre es einmal wichtig, eine deutlich sichtbare Anerkennung des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus innerhalb der organisierten Sozialdemokratie selbst herzustellen. Dazu gehört es auch, das Gespräch mit den anderen Arbeitskreisen zu suchen, um Gemeinsamkeiten festzustellen oder auch mögliche Vorurteile abzubauen. Darüber hinaus müssen sich alle am Arbeitskreis interessierten Genossinnen und Genossen zu gegebener Zeit zu den aktuellen Themen gemeinsam verständigen, da möchte ich nicht schon jetzt mit einem Vorschlag vorgreifen.

Warum haben Sie sich gegen einen Arbeitskreis ausschließlich alevitischer Genossinnen und Genossen entschieden?

In den Jahren 2008/2009 habe ich zunächst darüber nachgedacht, einen solchen Arbeitskreis zu gründen. Seinerzeit gab es auch über 100 alevitische GenossInnen, die eine solche Gründung positiv begleitet hätten. Schlussendlich habe ich jedoch davon Abstand genommen, weil ich die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt favorisiert habe. Ich bin der Überzeugung, dass in dem Punkt „Vielfalt“ auch religiöse Aspekte berücksichtigt werden können. Ein separater Arbeitskreis war daher obsolet geworden. Im Übrigen glaube ich, dass der Einsatz für den Glauben eher außerhalb der Parteistrukturen erfolgen sollte. In der Partei gibt es genug migrationspolitisch wertvolle Themen, die Aleviten wesentlicher beschäftigen sollten, wie z.B. die Ausbildungssituation von jungen Menschen.

In dem neuen Arbeitskreis sollen sich Genossinnen und Genossen mit einem anderen und auch bekenntnislose Menschen wiederfinden. Woraus besteht in Ihren Augen das tragende Fundament von so einem gemeinsamen Forum für Menschen mit und ohne religiöses Bekenntnis innerhalb der deutschen Sozialdemokratie?

Die tragende Säule ist ganz klar die Gleichberechtigung und die Achtung der Freiheit des Andersdenkenden. Hierbei muss die Wissenschaft stets einen unabdingbar wichtigen Posten einnehmen. Wir Aleviten sagen ja auch, dass der Pfad, der nicht mit der Wissenschaft begangen wird, in der Finsternis endet. Ich wünsche mir für den Arbeitskreis daher eine progressive Grundeinstellung und eine ungebrochene Toleranz für alle freiheitlich-demokratischen Überzeugungen.

Obwohl ein nicht zu vernachlässigender Teil der rund vier Millionen Muslime in der Bundesrepublik wie Sie eine Bindung zum Alevitentum teilt, ist von diesen kaum die Rede in den Berichten der Medien oder Stellungnahmen politischer Repräsentanten. Haben Sie das Gefühl, dass das Alevitentum heute ebenfalls ein anerkannter „Teil von Deutschland“ ist – und auch der SPD?

Das Alevitentum ist in Deutschland, in der deutschen Diaspora, erst richtig zur Entfaltung gekommen. Doch die Selbstorganisation der Aleviten blickt auf eine vergleichsweise kurze Historie zurück. Das Jahr 1993 war ein Wendepunkt. In diesem Jahr gab es in der Türkei ein Pogrom eines islamistischen Mobs gegenüber einer ganz überwiegend aus Aleviten bestehenden Gruppe in der ostanatolischen Stadt Sivas. Das war der Auslöser für eine starke Mobilisierung in den hiesigen Organisationen. Viele alevitische Gemeinden haben daher 1993 als Gründungsjahr. Daneben muss berücksichtigt werden, dass die öffentliche Debatte immer von orthodoxen Muslimen überschattet wird. Es ist für die ca. 800.000 Aleviten, die in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals als „gut integrierte“ Menschen gelten, schwierig, eine eigene Note einzubringen.

Foto: AABF

Zehntausende Aleviten protestierten im Mai 2014 anlässlich des Besuchs von Recep Tayyip Erdoğan in Deutschland. In der Türkei werden sie bis heute unterdrückt. Foto: AABF

Ein weiteres Phänomen ist, dass durch den Syrien-Konflikt die arabischen Alawiten in der Öffentlichkeit oft mit den anatolischen Aleviten gleichgesetzt werden, obwohl diese beiden Gruppen historisch sehr wenig miteinander zu tun haben. Während Alawiten eine schiitische Form des Islam sind, handelt es sich bei anatolischen Aleviten eher um eine eigenständige Erscheinungsform, die deutlich liberaler ist und z.B. die Moschee als Glaubensstätte für sich ablehnt.

Ich kann aber sagen, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Durch die Unterzeichnung der Staatsverträge in Hamburg, Bremen und Niedersachsen und die Verhandlungen in Berlin und anderen Bundesländern ist die Alevitische Gemeinde in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Auch die positive Arbeit der Alevitischen Gemeinde Deutschland hat dazu beigetragen, dass Aleviten als gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen werden. Der alevitische Religionsunterricht, der in der Mehrheit der Bundesländer als ordentliches Lehrfach an den Grundschulen erteilt wird und der erste alevitische Lehrstuhl in Hamburg haben ihren Beitrag dazu geleistet.

Die Entwicklung und das Wirken der Alevitischen Gemeinde in Deutschland würdigte Bundespräsident Joachim Gauck zum Newroz-Fest 2014 mit deutlichen Worten. Ist das in Ihren Augen ein Meilenstein oder eher nur ein kleiner Schritt?

Es ist in meinen Augen sehr wertvoll, dass sich unser Bundespräsident auf diese Weise in die Debatte eingebracht hat. Als höchster Repräsentant unserer Gesellschaft hat er deutlich gemacht, dass die alevitische Migration bereichernd für unser Land war. Ich glaube, dass das insbesondere wichtig für die erste Generation der hierhin migrierten Aleviten war. Von vielen aus der ersten Generation weiß ich, dass sie die allergrößte Achtung sogar vom niedrigsten deutschen Beamten in der Ausländerbehörde hatten. Ich erinnere mich gut an die Zeit, dass alevitische Gemeindevertreter unglaublich stolz auf die ersten Kontakte mit Kommunalpolitikern waren. Dann kam die Zeit, der Kontakt zu Abgeordneten und den Gemeinden entwickelte sich. Nun besteht Kontakt zu den höchsten Repräsentanten des Staates und diese würdigen die Arbeit. Darauf kann man stolz sein. Selbstverständlich ist dies Symbolik, aber für die Einwanderergeneration ist Symbolik auch ein Stück weit Anerkennung. Für mich kann das nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung sein.

Wo hapert es denn mit der Anerkennung und gleichberechtigten Einbeziehung?

Ich glaube, dass politische Parteien in Deutschland immer eine Einbeziehung des vermeintlich Problematischen priorisieren. Betrachtet man die Migrationspolitik, könnte den Eindruck gewinnen, dass die Parteien sich in den letzten Jahren zunehmend um Gruppen bemühen, die augenscheinlich der ihren Parteistatuten entfernter sind und dabei ur-demokratisch geprägte Milieus vernachlässigen. Aleviten sind strukturell sozialdemokratisch eingestellte Menschen. Das hängt einerseits mit ihrem auf Gleichberechtigung, Geschwisterlichkeit und Freundschaft geprägten Glauben zusammen und andererseits mit der politischen Sozialisation in der Türkei, in der die Aleviten seit jeher Anhänger der Sozialdemokratie sowie laizistischer Ideen und Prinzipien waren. Die Sozialdemokratie in Deutschland war sich lange Zeit der Gunst der Aleviten zu sicher und hat viele von ihnen an die Linkspartei und die Grünen verloren. Das lag aber auch an der eigenen Darstellung der Aleviten, die sich parteiintern eher mit (wichtigen) anderen Themen, wie Arbeitsmarkt- und Bildungsgerechtigkeit identifiziert haben und die eigene Profilierung nicht vorangetrieben haben. Die Sozialdemokratie täte gut daran, alle Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund gleichsam zu berücksichtigen und keine Kaprizierung auf zahlenmäßig vermeintlich größere Gruppen vorzunehmen.

Herr Dogan, vielen Dank für das Interview.