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„Bislang haben wir alles überlebt“

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Forum für Utopie und Skepsis: Seit zwei Jahrzehnten bildet der Alibri Verlag das Herz der religionskritischen, atheistischen und humanistischen Publizistik in Deutschland. Dem Literaturwissenschaftler und Alibri-Chef Gunnar Schedel bereitet die „Wikipedia-Generation“ mittlerweile fast so große Sorgen wie der religiöse Fundamentalismus.
Donnerstag, 11. Dezember 2014
Foto: Vera de Kok / Wikimedia Commons / CC BY-SA

„Wenn das Wort ausschließlich Ware ist, unterscheidet sich ein Buch nicht mehr von bedrucktem Klopapier“, ist Gunnar Schedel überzeugt. Foto: Vera de Kok / Wikimedia Commons / CC BY-SA

Mit nahezu 50.000 verkauften Exemplaren von das Manifest des evolutionären Humanismus und Wo bitte geht's zu Gott, fragte das kleine Ferkel (rund 40.000 mal verkauft) konnte der 1994 aus dem Kreis des Internationalen Bücherdienstes der Konfessionslosen entstandene Verlag nicht nur einige Beststeller verzeichnen. Auch zahlreiche weniger auflagenstarke, aber nicht minder wirksame Bücher sind bei Alibri erschienen. So etwa die im letzten Jahr erschienene Neuauflage von Karlheinz Deschners Werk Die Politik der Päpste, welches als der „inoffizielle 11. Band zur Kriminalgeschichte des Christentums“ gilt. Zum Verlagsportfolio gehören auch für den praktischen Humanismus grundlegend relevante Texte wie die mittlerweile 16 Bände der Schriftenreihen der Humanistischen Akademien. Im Interview sagt Gunnar Schedel, seit 1994 Geschäftsführer des vierköpfigen Betriebes in Aschaffenburg, dass der Verlag künftig weitere Themenbereiche erschließen will.

Herr Schedel, zum Einstieg mal bitte ganz ehrlich: finden Sie es schade, dass Benedikt XVI. nicht mehr der offizielle Papst ist?

Gunnar Schedel: Ja, zwei, drei Jahre hätte er noch dranhängen können, denn wir haben noch ein paar Exemplare von Hans Alberts kritischen Anmerkungen zu Ratzingers Vernunftvorstellungen übrig... Aber ansonsten ist es reichlich egal, wer auf dem Stuhl Petri sitzt. In der katholischen Kirche gibt es eine kollektive Führung durch die Vatikan-Bürokratie, die dafür sorgt, dass es keine allzu großen Abweichungen vom Pfad der Wahrheit gibt. Wer das Amt des Papstes für ein paar Jahre bekleidet, ist da fast schon nebensächlich.

Der Alibri Verlag hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zum wohl bedeutendsten Anbieter deutschsprachiger religionskritischer Literatur entwickelt. Wer ist der typische Käufer bzw. die typische Käuferin von seinen Büchern?

Keine Ahnung, wir haben nie eine Studie in Auftrag gegeben. Aber wir gehen natürlich davon aus, dass sich unser Stammpublikum um Umfeld der säkularen Verbände findet, mit denen wir zusammenarbeiten. Andererseits – bei über 200 Titeln deckt unser Verlagsprogramm doch eine ziemlich große Bandbreite an Themen ab, so dass es neben unserem Kernpublikum höchstwahrscheinlich große „Ränder“ gibt, die für uns nicht exakt zu benennen sind.

Und wer ist es eher nicht?

Naja, wer den Idealen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Solidarität – ablehnend gegenübersteht, wird bei uns kaum fündig werden. Und streng religiöse Menschen schauen wohl auch eher selten bei uns auf der Webseite nach, was wir Neues veröffentlicht haben.

Kennen Sie Ausnahmen, die die Regel bestätigt haben?

Nein. Ausnahmen bestätigen nie eine Regel.

Früher war alles besser, sagen Menschen mit zunehmendem Alter oft. Sie auch?

Also einerseits bin ich noch keine 60, aber andererseits ist Johnny Thunders schon über 20 Jahre tot – was soll ich also antworten? Wir haben in den vergangenen 25 Jahren – solange bin ich persönlich im Verlagswesen tätig – eine ganze Reihe technischer Entwicklungen erlebt, die sich positiv ausgewirkt haben: durch den PC konnten Kleinverlage plötzlich kostengünstig setzen, durch das Internet war es plötzlich möglich, sein Programm ohne großen Werbeetat unzähligen Leuten überall im deutschsprachigen Raum vorzustellen, durch den Digitaldruck waren plötzlich auch kleine Auflagen kalkulierbar. Und unser Graphiker Claus Sterneck, der die meisten der Alibri-Cover entwirft, lebt heute in Island. Vor 20 Jahren hätte eine Zusammenarbeit auf diese Distanz nicht funktioniert, heute klappt das prima.

Auf der anderen Seite stehen zum Beispiel der Niedergang der klassischen Sortimentsbuchhandlung mittlerer Größe, die sich als Kulturträger verstand, und vor allem die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die längst auch den Buchmarkt erreicht hat: große Unternehmen verdrängen kleine Unternehmen. Da wird es immer schwieriger, eine passende Nische zu finden.

Für die Zukunft sehe ich vor allem zwei Probleme, die bedrohlich für die Arbeit kleiner Verlage sind. Zum einen wächst eine Wikipedia-Generation heran, der schwer zu vermitteln ist, dass es schon in Ordnung ist, für Informationen etwas zu bezahlen – weil es sonst nämlich in absehbarer Zeit keine freien Autorinnen und Autoren mehr gibt und Informationen dann vor allem von denen bereitgestellt werden, die ihre Interessen und ausreichend finanzielle Mittel haben. Zum anderen sehe ich die Gefahr, dass die extremen Konzentrationsprozesse auf dem eBook-Markt und die absichtlich hergestellte Inkompatibilität der verschiedenen Lesegeräte gerade Kleinverlage erpressbar macht, wenn es um Konditionen geht.

Foto: privat

Als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte: Gunnar Schedel auf einer Buchmesse 1996. Foto: privat

Welches in den letzten Jahrzehnte gewachsene Phänomen bereitet Ihnen denn mehr Sorgen: der neue religiöse Fundamentalismus, die zahlungsunwillige Wikipedia-Generation oder die wachsenden Konzentrationsprozesse am Buchmarkt?

Der religiöse Fundamentalismus ist für den Verkauf unserer Bücher eher förderlich, so bitter sich das für die Betroffenen anhört. Aber spätestens seit den Anschlägen vom 11. September ist vielen Menschen in der säkularisierten westlichen Welt bewusst geworden, dass Religion immer noch ein politischer Faktor ist, und folglich sind Informationen zu Religion allgemein wie auch zu einzelnen Phänomenen gefragt. Eine echte Bedrohung stellt der Fundamentalismus für uns als Verlag, anders als für einige unserer Autorinnen und Autoren, nicht dar. Und bei der Wikipedia-Generation habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Erkenntnis, dass Redaktionen und Verlage eine wichtige Funktion haben, sich doch noch durchsetzt. Am bedrohlichsten sind auf alle Fälle die Konzentrationsprozesse im Buchhandel – Stichwort Amazon – und im Medienbereich. Wenn das Wort ausschließlich Ware ist, unterscheidet sich ein Buch nicht mehr von bedrucktem Klopapier, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dies für gesellschaftskritische Diskurse im allerweitesten Sinne günstig auswirkt.

Zurück zum Geburtstagskind, dem Alibri Verlag: Wodurch unterschied er sich in der Anfangszeit von anderen Verlagen, wodurch heute?

Wir arbeiten ja in der Assoziation Linker Verlage (aLiVe) mit anderen gesellschaftskritischen Verlagen unserer Größe zusammen. Und für dieses Spektrum waren wir damals relativ typisch und verglichen mit den Verlagen, die noch übrig sind, haben wir auch die übliche Entwicklung genommen: Wir entstammten dem linken Milieu der 1980er Jahre, waren orientiert an den Gedanken von Kollektiv und Selbstverwaltung und haben ohne nennenswertes Kapital entsprechend klein angefangen. Dann sind wir langsam gewachsen, haben eine „Professionalisierung“ durchlaufen und vor ein paar Jahren die GmbH gegründet. Als selbstverwalteten Betrieb verstehen wir uns aber immer noch.

Religionskritische Literatur war seit jeher ein Schwerpunkt bei Alibri. Diverse Publikationen, wie z.B. das „Ferkelbuch“ hatten ein beachtliches Echo in Medien und Gesellschaft verursacht. Hat es jemals Drohungen oder Einschüchterungsversuche gegeben, wie sie atheistische oder religionskritische Autoren regelmäßig erleben?

Hm, gab es. Im Jahr 2001, nach Erscheinen der kritischen Studie zum Dalai Lama, musste sogar mal ein Sprengkommando aus Ingolstadt anrücken, weil ein verdächtiges Päckchen im Verlag ankam. Letztlich stellte sich heraus, dass nur Fäkalien darin enthalten waren, aber da kurz zuvor Colin Goldner ein massakriertes Huhn zugeschickt bekommen hatte und beim Verlag ein Schreiben eingegangen war, das den Autor mit dem Tod bedrohte, waren wir uns da nicht so ganz sicher.

Ansonsten das Übliche: Anzeigen nach § 166 StGB (der sogenannten „Blasphemie“-Paragraph gegen die Beschimpfung von religiösen und weltanschaulichen Bekenntnissen, d. Red.), Briefe mit der Beschreibung der uns bevorstehenden Höllenqualen, Unterlassungsklagen von Anthroposophen, ihren Handlangern und anderen Esoterik-Anbietern. Bislang haben wir alles überlebt.

Einige der im Alibri Verlag erschienen Bücher haben gesellschaftliche Debatten entzündet oder angefeuert, wie etwa das erwähnte „Ferkelbuch“, das 2006 erschienene Manifest des evolutionären Humanismus oder das Violettbuch Kirchenfinanzen von 2010. Gab es eigentlich auch mal umgekehrte Effekte, wo sich Debatten deutlich auf den Absatz ausgewirkt haben?

Allerdings. Ich muss gestehen, dass Alibri von den Anschlägen des 11. September 2001 profitiert hat. Als die Gerüchte aufkamen, dass Nostradamus die Anschläge vorausgesagt hätte, wurde unser Autor Bernd Harder in eine Talkshow eingeladen. In den folgenden Wochen haben wir nicht nur die komplette Erstauflage seines etwa ein Jahr zuvor erschienenen Buches über den angeblichen Hellseher verkauft, sondern auch die Hälfte der eilig gedruckten erweiterten zweiten Auflage.

Existiert eigentlich ein Buch, bei dem Sie es persönlich bedauern, dass es nicht im Alibri-Verlag erschienen ist?

Klar, Harry Potter, damit hätte ich alle tollen und wichtigen, aber leider ökonomisch unrentablen Projekte finanzieren können...

Ok, ernsthaft: Es gab so eine Situation, als ich 1998 die Vorschau des konkret Verlags durchgesehen habe und mir dachte: Das Buch hätte perfekt ins unser Programm gepasst, so‘n Scheiß. Es war eine kritische Auseinandersetzung mit dem Dalai Lama, die Autoren Jutta Ditfurth und Colin Goldner. Und wir hatten Glück, das Buch kam nicht zustande und Colin hat das Buch dann uns angeboten.

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In der Image-Broschüre schreiben Sie, Alibri versteht sich als „Teil der säkularen Szene“. Bei der Wendung erinnere ich mich an das Wort „Schwulenszene“. Gib es etwas, das Homosexuelle und Atheisten in Deutschland gemeinsam haben, sodass sie „Szenen“ bilden?

Ja, sicher. Ein Blick in Corinna Gekelers Buch zum kirchlichen Arbeitsrecht führt in dieser Frage auf die richtige Fährte: Schwule wie Konfessionslose erfahren Ausgrenzung und Diskriminierung. Das ist regional sehr unterschiedlich ausgeprägt, in Berlin oder Leipzig sieht es völlig anders aus als im Emsland oder beim Pietcong, aber grundsätzlich liegt hier die Motivation, nach in dieser Sache „Gleichgesinnten“ zu suchen – auch wenn ansonsten die Differenzen überwiegen.

Wo soll es in den nächsten 20 Jahren hingehen?

Gute Frage. Wenn ich bedenke, wie stark sich der Markt für Bücher oder allgemein für Information in den vergangenen 20 Jahren verändert hat, erscheint es unsinnig, für einen solch langen Zeitraum Prognosen abzugeben. Aber was Alibri in den nächsten fünf Jahren vorhat, kann ich sagen. Wir werden unser Programm-Portfolio erweitern. Kernbereich wird Kirchen-, Religions- und Esoterikkritik bleiben, aber daneben werden wir neue Themen besetzen. Bislang haben wir ja vor allem Sachbücher im engeren Sinne verlegt, hier wird es in Zukunft mehr essayistische und satirische Texte geben. Wir werden die Reihe Kritikpunkt.e ausbauen und regelmäßiger als bisher Kinderbücher veröffentlichen. Und seit September gibt es die ersten Alibri-Bücher auch als eBooks…

Welchen Tipp geben Sie jungen Autorinnen und Autoren, die sich in dem Themenfeld des Alibri Verlages versuchen wollen?

Vielleicht drei Leitlinien: Bücher sollten auch noch in drei Jahren von Interesse sein – für die Themen, in denen sich fast täglich neue Entwicklungen ergeben, gibt es andere Medien. Bücher zu „neuen“ Themen haben bessere Chancen. Es gibt Bücher, denen nichts vorzuwerfen ist, außer dass sie in ähnlicher Weise schon mehrfach geschrieben worden sind. Und: Bücher mit Gebrauchswert haben es leichter.

Je ein Exemplar von Fritz Mautners monumentaler Geschichte des Atheismus, Karlheinz Deschners Die Politik die Päpste und Gerhard Czermaks Lexikon Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht gibt es anlässlich des diesjährigen Alibri-Jubiläums zu gewinnen. Das Gewinnspiel läuft noch bis zum 31. Dezember 2014. Alle Informationen im Blog des Alibri-Verlags: www.alibri-blog.de

Bestimmt hatten Sie im letzten Jahr auch mal ein Exemplar unseres schönen Magazins in der Hand. Verraten Sie mir, was Ihnen gar nicht gefallen hat?

Abgesehen davon, dass wir diesseits im Abo haben, werben wir regelmäßig im Heft, da wäre es ziemlich unprofessionell, wenn ich mir das Heft nicht anschauen würde. Ich denke diesseits ergänzt sich gut mit der bei uns erscheinenden Zeitschrift Materialien und Informationen zur Zeit, der MIZ. Während die MIZ-Redaktion in erster Linie politische Artikel einwirbt und die Bereitstellung von Informationen ganz im Vordergrund steht, setzt diesseits ja auf Magazincharakter, mehr O-Töne, mehr „human interest“. So decken die beiden Zeitschriften unterschiedliche Interessen ab. Besonders gut haben wir in diesseits zuletzt die Berichte über Dissidenten aus islamischen Ländern gefallen.

Kommen wir zum Ende noch einmal zum Stichwort Utopie: Profitmaximierung ist vermutlich nicht der größte Wunsch des Geschäftsführers eines Verlages, der sich selbst politisch als links verortet. Was dann?

Bücher zu verlegen hat für mich auch immer bedeutet, damit gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen: durch die Bereitstellung von Informationen, die ansonsten unterzugehen drohen, durch die Präsentation von Positionen, die in den Debatten zu kurz kommen. Das weiterhin tun zu können, ohne bei jedem einzelnen Buch auf Rentabilität schauen zu müssen, ist das vielleicht wichtigste Ziel des Verlags. Es gibt Projekte, die Wissen archivieren, wie die Reihe Klassiker der Religionskritik oder auch die letztes Jahr begonnene Deschner-Edition – da „rechnet“ sich nicht jeder Band, aber alle „lohnen“ sich. Dass wir immer clever und findig genug sind, das beizubehalten, würde ich mir wünschen. Aber meine „Utopie“ geht selbstverständlich dahin, dass wir die bestehenden Verhältnisse dahingehend verändern, dass solche „Wünsche“ überflüssig sind.

Zuletzt, was halten Sie denn eigentlich von diesen Sonntagsversammlungen für Atheisten?

Ich war noch auf keiner und es spricht einiges dafür, dass sich das auch nicht ändern wird.