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„Die Menschen kommen nur zu uns, wenn sie etwas von uns brauchen“

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Berichte über hohe Kirchenaustrittszahlen gehören zum Medienalltag. Vor allem bei der von Skandalen geprägten katholischen Kirche wundert das nicht. Doch die Ursachen des fortgeschrittenen Verlusts an Bindekraft betreffen nicht nur Glaubensgemeinschaften, die für Dogmatismus, vormoderne Ideen und reaktionäre Haltungen bekannt sind.
Mittwoch, 3. Dezember 2014
Foto: © Markus Proßwitz

Rainer Schrauth: Vor allem jüngere Menschen sehen kaum die Notwendigkeit einer Interessenvertretung für säkulare und humanistische Standpunkte. Foto: © Markus Proßwitz

Die Triebkräfte der Säkularisierung haben auch undogmatische und humanistisch geprägte Gemeinschaften erfasst, die Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung hochhalten. Rainer Schrauth, Präsident des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands, berichtet im Interview, wie man dort auf die Veränderungen zu reagieren versucht.

Herr Schrauth, seit langem erleben die großen Kirchen einen unaufhaltsam scheinenden Bindekraftverlust. Machen sich vergleichbare Entwicklungen auch in den freireligiösen Gemeinden bemerkbar?

Rainer Schrauth: In der Tat spüren auch wir, dass sich vor allem junge Menschen nicht mehr an unsere – wenn auch säkulare – Religionsgemeinschaft binden wollen. Die Notwendigkeit einer Interessenvertretung für säkulare, humanistische Standpunkte gegenüber religiöser Interessenvertretung in der Gesellschaft wird von jüngeren Menschen kaum gesehen.

Jüngere Menschen kommen meist nur mit dem Wunsch einer freien Feiergestaltung – wie der Jugendfeier, Trauung, Namensfeier oder Trauerfeier – auf uns zu. Erst über diesen Kontakt kann man sie für säkulare Standpunkte sensibilisieren und zur Mitarbeit motivieren.

Beurteilen Sie diese Veränderungen als positiv oder sehen Sie auch problematische Aspekte?

Natürlich freut uns die allgemeine Säkularisierung der Gesellschaft, natürlich freuen wir uns, dass es nicht mehr zwingend notwendig ist, einer Kirche anzugehören. Dafür haben wir uns ja selbst eingesetzt.

Aber es ist gefährlich, wenn dann übersehen wird, wie stark kirchlich-religiöser, institutioneller Einfluss noch immer in unserer Gesellschaft ist. Umso notwendiger ist es, eine wirksame Interessenvertretung der säkularen Kräfte zu installieren, sei es durch eine Mitgliedschaft und den Einsatz in unserer freireligiösen, säkularen Religionsgemeinschaft oder einem anderen säkularen Verband.

Wie reagieren Sie denn konkret auf die heutigen Herausforderungen?

Wir versuchen unser Bild als Garant säkularer Standpunkte in der Öffentlichkeit zu verstärken, z. B. auch dadurch, dass wir als freier Träger im sozialen Bereich aktiv sind (Beratungsangebote, Kinderbetreuung, Jugendarbeit, Altenpflege), aber auch indem wir in Zusammenarbeit mit anderen säkularen Verbänden Projekte für einen integrativen Religionsunterricht verfolgen.

Würden Sie nach Ihrer langen Erfahrungszeit sagen, dass die Abwendung von den großen Religionsgemeinschaften im Normalfall in der Hinwendung zu einer undogmatischen, humanistisch geprägten Weltanschauung mündet?

Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die aus einer der traditionellen Konfessionen kommen, die erneute Bindung an eine Weltanschauungsorganisation eher scheuen, auch wenn sie die Grundsätze unserer freireligiös-humanistischen Weltanschauung teilen und gern unsere Angebote in Anspruch nehmen bzw. an unseren Veranstaltungen teilnehmen.

Interessanter als eine erneute Mitgliedschaft ist es für solche Menschen zunächst, bestimmte Projekte begleiten zu können, Diskussionsforen nutzen zu können. Viel wichtiger ist es da zunächst einmal, diese Menschen auf die Notwendigkeit säkularer Interessensvertretung aufmerksam zu machen.

Trotz hoher medialer Präsenz gibt es auch einen kontinuierlichen Schwund von gesellschaftlichem Druck seitens der einflussreichen religiösen Akteure. Würden Sie sagen, dass die Existenz Ihrer Gemeinschaft dadurch eher legitimiert oder eher de-legitimiert wird?

Diese Frage ist für uns von keiner Relevanz, da wir unsere Existenzberechtigung nicht vom Einfluss oder der Existenz „religiöser Akteure“ abhängig machen. Wir vertreten nicht nur einfach humanistische und säkulare Positionen, sondern auch einen freien Begriff von Religion, der diesen auch säkular orientierten Menschen nutzbar machen will. Das ist unabhängig davon, ob nun die religiösen Kräfte einflussreich sind oder nicht.

Und welche Faktoren in den gesellschaftlichen Veränderungen beurteilen Sie als hilfreich, welche sind eher schädlich?

Gesellschaftliche Säkularisierung und die Möglichkeiten globaler Vernetzung der säkularen Kräfte bieten sicher viele Vorteile für unsere Arbeit.

Schwieriger ist es mit dieser allgemeinen „Ohne-mich-Haltung“ umzugehen, bei der die Menschen nicht erkennen, wo und wie an den Stellschrauben gesellschaftlichen Zusammenlebens noch immer religiös-kirchlichen Institutionen Einfluss eingeräumt wird, der ihnen nicht mehr zukommt und vor allem nicht, dass dies auch aufgrund ihres Desinteresses der Fall ist.

Äußerst hinderlich ist übrigens auch die immer noch mangelnde Bereitschaft der säkularen Organisationen, sich gegenseitig anzuerkennen und trotz vorhandener Unterschiede vertrauensvoll miteinander zu kooperieren.

Welche Zugänge bieten die wahrscheinlich besten Wege und Möglichkeiten, um Menschen für Ihre weltanschauliche Orientierung zu gewinnen?

Wenn wir das so klar und eindeutig beantworten könnten, müssten wir uns nicht Gedanken über die Zahl unsere Mitglieder machen! Aber im Ernst: Derzeit versuchen wir über verstärktes praktisches Engagement im Sozialen und im Bereich lebensbegleitende Feiern positiv auf uns und unsere weltanschauliche Orientierung aufmerksam zu machen. Das scheint uns ein erfolgsversprechender Ansatz zu sein.

Manche unserer Mitgliedsgemeinschaften denken auch über Namensänderung nach. Aber ein neuer Name allein bürgt nicht für eine bessere Akzeptanz. Die Menschen kommen nur zu uns, wenn sie etwas von uns brauchen und sehen, dass sie es auch bei uns bekommen.

In vielen Bereichen leisten die freireligiösen Gemeinden durch ihre Arbeit wichtige und von humanistischen Ideen und Werten geprägte Beiträge für die Gesellschaft. Müsste es unter den schwieriger gewordenen Umständen mehr öffentliche Unterstützung für Gemeinschaften wie Ihre geben, damit diese ihren Aufgaben in Zukunft besser nachkommen können, oder soll alles so bleiben wie es ist?

Wir sind der Meinung, dass der Staat keinen Unterscheid machen darf in der Förderung weltanschaulicher Organisationen und beharren daher auf Gleichbehandlung aller säkularen, humanistischen Weltanschauungsorganisationen.

Wie ist denn der Kontakt mit freireligiösen und verwandten Gemeinschaften in anderen Ländern?

Der Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands ist Mitglied in der International Humanist and Ethical Union (IHEU) und der European Humanist Federation (EHF) in Europa sowie der International Association for Religious Freedom (IARF) und arbeitet dort mit. Ein Erfahrungsaustausch mit anderen nahestehenden Organisationen findet statt, doch sind die Situationen teilweise anders. So ist z.B. die Bereitschaft, freiwillige Beiträge zu zahlen, in den USA wesentlich höher.

Herr Schrauth, vielen Dank für das Interview.