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Was bewegt die „gottlose Gemeinde“?

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Schon vor ihrem Start in Deutschland hatte Sunday Assembly große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sowohl seitens der Medien wie auch bei Atheisten und Gläubigen. Wen sprechen die Sonntagsversammlungen an und was bewegt die „gottlose Gemeinde“? Das will die Religionswissenschaftlerin Maria Kittler herausfinden.
Donnerstag, 20. November 2014
Foto: A. Platzek

„An Interessenten scheint es bislang nicht zu mangeln“, sagt Maria Kittler. Doch noch sei es zu früh, um zu sagen, ob die Bewegung länger bestehen wird.

Den großen Anklang, den die Idee der Assembly-Bewegung seit der Entstehung in London hatte, findet die gebürtige Berlinerin hochinteressant. Die Doktorandin an der Universität Leipzig hat die Sonntagsversammlungen für nichtreligiöse Menschen deshalb zum Thema ihrer Promotion gemacht.

Woher kam die Idee, über Sunday Assembly zu promovieren?

Maria Kittler: Ich habe mich schon während meines Studiums früh schwerpunktmäßig mit Religionskritik und der Vielgestalt atheistischer Weltsichten beschäftigt. Dabei bin ich immer wieder auf das Problem gestoßen, dass der eigentliche, gelebte Atheismus tatsächlich kaum empirisch erforscht ist. Die meisten wissenschaftlichen Abhandlungen über Atheisten sind in der Regel vor allem theoretischer Art, tendenziös und beziehen sich – wenn überhaupt – auf selektive Ergebnisse oft unzulänglicher, allgemeiner Studien. Wirklich aussagekräftige soziologische Studien, die gezielt Atheisten untersucht haben und gleichzeitig objektiven, wissenschaftlichen Standards genügen, gibt es bislang nur sehr wenige. Es war für mich daher schon lange klar, welchen wissenschaftlichen Beitrag meine Promotionsarbeit leisten soll.

Warum ausgerechnet am Beispiel von Sunday Assembly?

Weil diese neue Bewegung atheistischer Weltanschauung, erstens, aktuell und noch unerforscht ist, zweitens, ihr Selbstverständnis als „gottlose Gemeinde“ in Kombination mit dem erstaunlich schnellen internationalen Erfolg hochinteressant ist und neue wissenschaftliche Fragen aufwirft, und drittens, aus praktischen Gründen: Eine grundsätzliche Schwierigkeit bei der empirischen Erforschung von Menschen mit einer atheistischen Weltsicht besteht darin, sie in großer Zahl ausfindig zu machen bzw. persönlich anzutreffen und untersuchen zu können. Das unverhoffte Aufkommen einer „atheistischen Kirche“ bot da natürlich ganz neue Möglichkeiten.

Was ist das Ziel der Untersuchung?

Herauszufinden, wer die Assembler sind und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Sunday Assembly Gruppen auf nationaler sowie internationaler Ebene bestehen. Die Frage ist vor allem, wie und warum Sunday Assembly mit ihrem Konzept von einer „Kirche ohne Gott und Religion“ in den verschiedenen Ländern gleichzeitig relativ großen Anklang findet, obwohl in diesen Ländern Religion und kirchliche Institutionen eine zum Teil sehr unterschiedlich starke gesellschaftliche Bedeutung besitzen. Wie erklärt sich zum Beispiel, dass sich Menschen sowohl in tief evangelikal geprägten Bundesstaaten der USA, dem sogenannten „Bible Belt“, zu Sunday Assembly Gruppen zusammenfinden als auch in stark säkular geprägten Ländern Westeuropas, darunter Deutschland, wo über ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos ist? Was bewegt diese Menschen dazu, Assembler zu werden? Was für atheistische Weltsichten vertreten sie? Sind es überhaupt hauptsächlich Atheisten, die der Bewegung beitreten? Schließlich stellt sich auch die hintergründige Frage, ob und inwiefern die Gründung und Entwicklung von Sunday Assembly in aktuelle Theorien passen über allgemeine Säkularisierungsprozesse und die Bedeutungsveränderung von Religion bzw. Religionen in modernen, westlichen Gesellschaften.

Mit welchen Mitteln arbeiten Sie dabei?

Zum einen versuche ich, die globalen Entwicklungen und Aktivitäten der Organisation insgesamt sowie einzelner Sunday Assembly Gruppen online zu verfolgen und zu analysieren. Zum anderen werde ich ausgewählte Sunday Assembly Gruppen über einen längeren Zeitraum wissenschaftlich selbst begleiten und später auch eine internationale Befragung durchführen. Das heißt zunächst, ich gehe in der Rolle als wissenschaftliche Beobachterin zu den monatlichen Sunday Assemblies – also den eigentlichen Sonntagsversammlungen, nach denen sich die Organisation benannt hat –, zu den sogenannten Sunday Assembly Community-Treffen unter der Woche und, soweit es geht, auch zu internen Treffen der Organisationsteams. Auf diese Weise kann ich das lokale Agieren der Bewegung am konkreten Beispiel vor Ort vergleichend beobachten und dokumentieren und vor allem mit den Assembly-Teilnehmern regelmäßig in direkten Kontakt kommen.

Foto: A. Platzek

Sunday Assembly in Berlin.

Wie viele Treffen haben Sie bisher besucht und wie hat das Team auf Ihr Anliegen reagiert?

Mein Hauptfokus liegt derzeit auf Sunday Assembly Berlin. Ich begleite die Gruppe seit ihrer ersten Assembly im September dieses Jahres und war bisher bei fast allen wichtigen Treffen und Veranstaltungen immer mit dabei. Es war kein Problem, das Organisationsteam für mein Forschungsprojekt zu gewinnen. Die Kommunikation lief von Anfang an sehr gut und alle Sunday Assembly Teammitglieder, mit denen ich bislang zu tun hatte – ob in Berlin oder London – waren sehr offen, freundlich und kooperationsbereit.

Was für Eindrücke und Beobachtungen haben Sie seit dem Beginn mitgenommen?

Beide Berliner Sonntagsversammlungen waren mit 100 und mehr Assemblern gut besucht und ich vermute, auch die kommende November Assembly wird ähnliche Teilnehmerzahlen aufweisen. Die Verteilung fiel bisher relativ ausgewogen auf Frauen und Männer sowie Jung und Alt aus, allerdings mit der Einschränkung, dass Familien mit Kindern fast komplett fehlten, obwohl sie eigentlich auch zur Sunday Assembly Zielgruppe gehören. Die Mehrheit der Teilnehmer scheint dem ersten Eindruck nach eher aus Bevölkerungsschichten mit einem höheren Bildungsgrad zu kommen. Da es bisher erst je zwei Assemblies und Community-Treffen gab, habe ich mich noch nicht mit allzu vielen Assemblern unterhalten können. Die meisten von ihnen erzählen, dass sie nicht immer atheistisch eingestellt waren und entweder in einem religiös bzw. kirchlich geprägten Umfeld aufgewachsen sind oder früher unterschiedliche persönliche Erfahrungen mit einer oder mehreren Religionsgruppen gemacht haben. Direkt darauf angesprochen, bezeichnen sich einige selbst als Atheisten, doch längst nicht alle. Generell hört man mehr über Humanismus als über Atheismus. Das sind einige erste grobe Beobachtungen, die in der weiteren Untersuchung jedoch noch bestätigt werden müssen. Ob es bei der derzeitigen Zusammensetzung der Assembly Gemeinschaft bleiben wird, ist natürlich noch offen und hängt auch von der weiteren, bundesweiten Entwicklung von Sunday Assembly und ihrer öffentlichen Wahrnehmung ab.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass sich diese Bewegung dauerhaft etablieren kann?

Grundsätzlich halte ich es nicht für unwahrscheinlich, allerdings ist es noch zu früh, um hier langfristige, allgemeine Prognosen aufzustellen. Außerdem muss man zwischen den einzelnen Ländern und Regionen unterscheiden, in denen die Bewegung bisher fußgefasst hat. Im Fall der USA spricht zum Beispiel vieles dafür, dass sich Sunday Assembly auf lange Sicht flächendeckend etablieren und auch an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen könnte. Sunday Assembly London, die älteste und weltweit größte Sunday Assembly Gruppe, von der die Bewegung 2013 ursprünglich auch ausgegangen ist, hat zusammen mit einigen weiteren britischen und australischen Gruppen meiner Meinung nach ebenfalls gute Chancen, dauerhafte Gemeinschaften zu bilden. In Bezug auf die ersten beiden deutschen Gruppen in Berlin und Hamburg ist dagegen noch nicht absehbar, ob sie sich behaupten werden. An Interessenten scheint es bislang nicht zu mangeln, doch verlangt es einiges an organisatorischem Geschick, den Sprung von der ersten Sonntagsversammlung zur festen dauerhaften Gemeinschaft zu schaffen. Für das Berliner Organisationsteam stellt die zurzeit größte Hürde die Finanzierung und der Planungsaufwand der jeweils nächsten Assembly dar. Jede Sunday Assembly Gruppe finanziert sich generell ausschließlich über Spendengelder und wird lokal über ehrenamtliche Teamarbeit organisiert. Nicht jede 2013 gegründete Sunday Assembly Gruppe hat die schwierige Anfangsphase überstanden und selbst die gesamte Organisation ist noch nicht einmal zwei Jahre alt. Aktuell befindet sie sich weiterhin in weltweiter Expansion und es ist absehbar, dass sich schon bald in einigen Metropolen Asiens und Lateinamerikas erste Sunday Assemblies gründen werden. Wie lange diese Expansionsphase noch anhalten wird und inwiefern sich Sunday Assembly insgesamt als globale Bewegung entwickeln bzw. dauerhaft etablieren wird, darüber kann zum derzeitigen Moment nur spekuliert werden.

Frau Kittler, vielen Dank für das Interview.