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„Die kirchliche Bindung nimmt vielleicht ab, aber die religiöse und weltanschauliche Vielfalt eher zu“

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Erkenntnisse der Religionswissenschaft in die Öffentlichkeit zu vermitteln – dieses Ziel hat sich der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (REMID) zur Aufgabe gemacht. Am kommenden Freitag feiert der Verein mit Sitz in Marburg sein 25-jähriges Jubiläum.
Mittwoch, 12. November 2014

Große Bekanntheit unter Experten und Fachleuten besitzt REMID seit langem für seine hierzulande einzigartige und detaillierte Statistik zu Religionen und Weltanschauungen. Die Marburger Religionswissenschaftler Christoph Wagenseil (34) und Maria Mahler (27) gehören seit 2011 zum ehrenamtlichen Vorstand des unabhängigen Vereins. Im Interview berichten Wagenseil und Mahler über die Arbeit von REMID und aktuelle Trends. Christoph Wagenseil sagt dabei, er beobachte seit einigen Jahren, dass den schrumpfenden oder stagnierenden Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften „lose Bewegungen mit starkem Zulauf aus unterschiedlichen Milieus, welche rechtes Gedankengut, Verschwörungstheorien und christliche oder esoterische Weltanschauungselemente kombinieren“, gegenüberstehen.

Was waren die Motive für die Gründung von REMID?

Christoph Wagenseil: Als REMID 1989 gegründet wurde, war ich neun Jahre alt. Ich gehöre sozusagen bereits zur zweiten Generation. Damals war das Fach Religionswissenschaft noch unbekannter als heute. Man beschäftigte sich hauptsächlich mit Texten in außereuropäischen Sprachen. Bei der Gründung REMIDs ging es um zweierlei: Einerseits sollten Erkenntnisse aus diesem Fach der Öffentlichkeit bekannter gemacht werden, andererseits sollte die religiöse Gegenwart mehr zum Gegenstand des Faches werden. Anlass waren also auch gesellschaftliche diffuse Ängste vor Fremden, z.B. die Religionen von Migranten, und Anderen, also neue Religionen, die als „Sekten“ negative mediale Aufmerksamkeit erhielten.

Wie viele Religionswissenschaftler gibt es in etwa insgesamt in Deutschland?

Christoph Wagenseil: Das ist schwierig zu schätzen. Zur Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) gehören 18 Institute, Lehrstühle und Seminare in Deutschland, daneben wenige weitere aus Österreich und der Schweiz. Sie hatte 2011 etwas über 300 Mitglieder. Der Begriff Religionswissenschaft ist allerdings nicht geschützt. Insofern gibt es daneben weitere theologische Institute, welche z.B. Religions- mit Missionswissenschaft kombinieren, welche aus inhaltlichen Gründen nicht Teil der DVRW sind. Außerhalb der Universität gibt es diverse Selbständigen-Formate, welche religionswissenschaftliche Kenntnisse integrieren, z.B. interkulturelle Kompetenz, kultursensible Pflege, neue Formen von Bestattungswesen, u.v.m. Die größte deutschsprachige Mailingliste für Religionswissenschaft, Yggdrasill, hat über 1.000 Mitglieder.

Woher kommen die REMID-Mitglieder?

Christoph Wagenseil: Die meisten stammen aus der Religionswissenschaft, also sie studieren das Fach oder – das gilt für die meisten – haben es mal studiert. Daneben gibt es interessierte Laien. Auch solche, die Minderheitenreligionen zugehören. Damit meine ich Buddhisten, Ahmadis und z.B. Mormonen. Scientologen sind keine dabei, um das gleich zu sagen.

Am bekanntesten ist REMID für seine Statistik. An wen richtet sie sich in erster Linie?

Christoph Wagenseil: Die REMID-Statistik der Religionen und Weltanschauungen Deutschlands ist nur eines unserer Projekte. Sie geht z.B. beim Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung ein. Sie wird angefragt von Wissenschaftlern, Journalisten, Theologen und Privatleuten. Unsere Arbeit insgesamt möchte zwischen Medien und Öffentlichkeit einerseits und der akademischen Welt der Religionswissenschaft vermitteln. Während in Talkshows meistens sogenannte Experten eingeladen werden, welche eine bestimmte Wertung deutlich vertreten, fehlen Stimmen von Religionswissenschaftler_innen oft im medialen Diskurs um Religionen. Sicherlich gab und gibt es inzwischen einige erfreuliche Ausnahmen.

Gibt es noch andere Stellen, die sich mit Analysen und Datenerhebungen in dem Bereich neben den großen Religionsgemeinschaften befassen?

Maria Mahler: Nein, so detailreich nicht – jedenfalls in Deutschland. In England gibt es aber z.B. das Information Network Focus on Religious Movements (INFORM). Prof. Eileen Barker, Gründerin von INFORM,  ist auch ein wissenschaftlicher Beirat von REMID.

Inwiefern unterscheidet sich REMID von bspw. der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen oder der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland?

Christoph Wagenseil: Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin will zur „christlichen Orientierung“ innerhalb des zeitgenössischen Pluralismus beitragen. REMID ist konfessionslos und von den Theologien der Religionen unabhängig. Uns geht es um eine wissenschaftliche Analyse des Pluralismus.

Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) wurde durch die Giordano-Bruno-Stiftung gegründet. An ihren Zahlen kann man kritisieren, dass sie die religiöse Vielfalt Deutschlands klein rechnen und „Konfessionsfreie“ dadurch stärker werden. Warum fowid unsere Angaben übergeht, ist mir nicht bekannt. Bei der Zahl der Muslime erläutern sie Gründe, warum sie diese neuerdings auf 20 bis 50 Prozent der bis 2009 durch eine BAMF-Studie ermittelten Anzahl (auf die sich auch REMID bezieht) herunterrechnen. Es geht um empirische Untersuchungen der Einschätzung der eigenen Religiosität von Migrant_innen und um die Mitgliedschaft in religiösen muslimischen Verbänden. Nun ist es eine schwierige Frage, ob jemand, der sich für wenig religiös hält und in keinem religiösen Verband mitwirkt, deshalb der entsprechenden Religion zugerechnet werden kann oder nicht.

Unabhängig vom Islam stellt sich die Frage aber ebenso bei den anderen Religionen: Wieso fehlen bei fowid Buddhismus, Hinduismus, Freikirchen und Orthodoxe sowie neue religiöse Bewegungen? fowid nennt für 2010 eine Zahl von 2,1 Prozent und für 2013 dann nur noch 1,4 Prozent sonstige Religionen neben dem Islam. Dadurch ergibt sich jedenfalls ein Unterschied von 30 Prozent Konfessionsfreien bei REMID (2014 mit Bezugsjahr 2012) zu 36,6 Prozent bei fowid (Hochrechnung 2013).

Gibt es neben der REMID-Statistik noch weitere Veröffentlichungen?

Christoph Wagenseil: Im Laufe seiner 25-jährigen Geschichte hat REMID mehrere Bücher herausgegeben, eine Heftreihe begründet, Dokumentationen von Tagungen und Vorträgen bereitgestellt. Seit 2011 gibt es ein REMID-Blog, in welchem Artikel und Interviews erscheinen. Wir haben Kurzinformationen zu Religionen als Faltblätter herausgegeben und – natürlich die Datenblätter und Grafiken der Statistik.

Welche Informationen werden denn besonders nachgefragt?

Christoph Wagenseil: Das hat sich durch das Internet stark verändert. Fragen zu einzelnen Religionen und Bewegungen sind seltener geworden. Heute geht es vor allem um die Vermittlung von Experten für Vorträge gegen Honorar und um statistisches Material. Sicherlich deutlich ist der Anstieg an Anfragen zum Islam nach dem 11. September 2001 gewesen. Ansonsten gebe ich vielleicht ein paar Schlaglichter: Wir haben zwei Buchpublikationen zum Judentum, welche leider sehr selten nachgefragt werden. Dagegen werden die Bücher zur Soka Gakkai oder zur Internationalen Gesellschaft für Krisha-Bewusstsein häufig nachgefragt. Auch online werden eher für „reißerische“ Medien interessante Themen wie esoterischer Neonazismus oder popkulturell Beliebtes wie Prä-Astronautik oder Wicca eher gelesen als z.B. unsere Beiträge zur Religionsfreiheit.

Lässt sich sagen, welchen Einfluss die Verbreitung des Internets hatte?

Christoph Wagenseil: Heute glaubt die Person, die uns anfragt, bereits selbst alles zu wissen. Sie hat sich bereits online informiert. Manchmal heißt das, es geht darum, normative Urteile und Fakten zu unterscheiden. Ist die Bezeichnung einer Gruppe als „Sekte“ ein normatives Urteil oder eine eher faktische Kategorienzugehörigkeit? Wir von REMID vermeiden den Sektenbegriff, denn wir halten ihn für problematisch und seit der Sektendebatte der 1970er bis 1990er Jahre für diskriminierend. Häufiger geht es um Vorurteile gegenüber „dem“ Islam, als ob es sich um eine monolithische Religion handele. Ein undankbarer Aspekt des Internets ist, dass man es immer wieder mit den gleichen Vorurteilen zu tun hat. Andererseits gehen viele Anfragende dazu über, nur noch nach Zahlen zu fragen – etwa von Moscheen, Minaretten oder Konvertiten. Oft merkt man auch solchen Anfragen an, dass sie einer ablehnenden Motivation folgen.

Die sozialen Netzwerke wiederum bedeuteten neue Wege der Vernetzung. Schon einige Interviewkontakte und honorierte Vorträge sind über Twitter zustande gekommen. Allerdings muss man dazu sagen, dass nur sehr wenige deutschsprachige Religionswissenschaftler_innen im Web 2.0 aktiv sind. Bei Twitter sind ca. zehn unserer Mitglieder, noch weniger haben Blogs. Das hängt auf der einen Seite mit Generationenunterschieden zusammen, andererseits mit einer diesbezüglich eher vorurteilsbehafteten Perspektive auf neue Medien in den deutschen Geisteswissenschaften – oder gar auf Journalismus überhaupt.

Gibt es denn markante aktuelle Beispiele für Entwicklungen im Bereich der sog. Neuen Religionen oder Esoterik?

Christoph Wagenseil: Die Frage ist, was Sie mit „markanten Beispielen“ meinen. REMID kämpft häufig dagegen an, dass nicht-repräsentative Beispiele wie zuletzt die Gemeinschaft „Zwölf Stämme“ oder die vermeintliche „neue Gruppe der Weltdiener“ (zwei Pärchen mit ihren Kindern) zum Anlass genommen werden, allgemein und antipluralistisch vor neuen religiösen Bewegungen zu warnen. In beiden Fällen ging es um missbräuchliche Kindesbehandlung und Entzug des Sorgerechts. Manche Medien warnten dann vor einer halben Millionen „Sektenkindern“. Meine Rückfragen ergaben, dass diese Zahl aus einem Spiegel-Artikel aus den 1990ern stammte – mitten auf dem Höhepunkt der besagten Sektendebatte, welche 1998 mit dem Endbericht der Bundestags-Enquête-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ endete. Dieser empfiehlt übrigens, den Sektenbegriff nicht mehr zu verwenden. Solche Beispiele sind also nicht markant, insofern sie nicht typisch sind für Neue Religiöse Bewegungen. Solche extremen Beispiele sind sogar eher untypisch, insofern sie schon aufgrund ihrer Extremität keine Chance auf Dauer haben. Aber sie sind markant, insofern es um Medienereignisse geht. Allerdings hat sich auch hier eine Kehrtwende eingestellt, da Neue Religiöse Bewegungen heute auch als Ausdruck einer neuen Spiritualität, einer Wiederkehr der Religionen oder eines Esoterik-Booms dargestellt werden können. Das hat dann auch wieder Chancen auf Repräsentativität.

Und wie sieht es darüber hinaus aus?

Christoph Wagenseil: Ansonsten sind Trends leicht benannt: Die meisten organisierten Religionsformen – auch Weltanschauungsverbände und klassische neue Religionen – haben eher rückläufige Mitgliederzahlen und tendieren zur Überalterung. Unter den Freikirchen gibt es da Ausnahmen wie die Pfingstler oder Mega-Church-Phänomene, welche dagegen starken Zulauf haben.

Insgesamt hat sich der Sektor „Freikirchen und Sondergemeinschaften“ aber seit Beginn der REMID-Statistik in den 1990ern als stabile Minderheit erwiesen, die gleich stark bleibt. Kirchenaustritte aus den Amtskirchen sind zwar auch ein Faktor, aber schwerwiegender ist der Anteil, welcher durch Tod aus den Mitgliederverzeichnissen herausfällt. Freie katholische Experimente neben der römisch-katholischen Kirche antworten auf Missbrauchsskandale, bleiben aber zahlenmäßig unbedeutend. Klassische neue Religionen stagnieren, einige müssen den Übergang in eine zweite Generation nach dem Tod des Stifters bewerkstelligen. Starke Zuwanderung, wie es sie zeitweise bei Orthodoxen, Juden und Muslimen gegeben hat, gibt es nicht mehr. Heute sind ein guter Anteil der aktuellen Zuwanderer_innen Katholiken. Schließlich gibt es seit ca. 2005 einen Esoterik-Boom.

Insbesondere in Online-Medien werden bestimmte Religionen in der Regel zugespitzt und als überwiegend konfliktreich dargestellt. Hat das auch Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Christoph Wagenseil: Ich denke hier zuerst an Hass-Webseiten des rechten Spektrums, die sich einer eigenen Koranexegese verschrieben haben und eine Islamisierung Europas fürchten. Für die Religionswissenschaft bedeutet das ein weiteres Forschungsgebiet. Auswirkungen erleben eher diejenigen, die wie REMID selbst online publizieren. Unser Kollege Michael Blume etwa steht leider immer noch mit Steckbrief auf der rechten Hasswebseite „Nürnberg 2.0 Deutschland“ als angeblicher Demagoge und Helfer einer Islamisierung Deutschlands. REMID bekommt gelegentlich Hasspost von Rechten, Salafisten, strenggläubigen Christen und Verschwörungstheoretikern.

Salafismus ist übrigens aktuell ein Thema, bei dem insgesamt erst wenige Medienbeiträge genügend reflektieren, wie neuartig und vielschichtig dieses Phänomen ist und sich stark von traditionellen Formen des Islams unterscheidet.  Hier ist besonderer Forschungsbedarf.

Wie wird bzw. wurde REMID von den verschiedenen religiösen Gruppen aufgenommen? Wie reagiert man dort z.B. auf die Ablehnung des Sekten-Begriffs?

Christoph Wagenseil: Hier darf ich den Endbericht eines Treffens der katholischen Weltanschauungsbeauftragten Deutschlands zitieren, welche sich diesen März trafen, um über das Verhältnis ihrer Weltanschauungsarbeit zur Religionswissenschaft nachzudenken: „Demgegenüber wurde von Seiten der Weltanschauungsarbeit betont, dass der kritische Umgang mit dem Sektenbegriff hier längst zum Standard gehöre, dass Weltanschauungsarbeit oftmals Medienvertreter etc. erst auf diese Problematik aufmerksam mache“.

Man muss dazu sagen, dass es in beiden Amtskirchen in diesem Ressort einen Generationenwechsel gegeben hat – mit einer Tendenz zur weiteren Professionalisierung. Heute ist der Sektenbegriff häufiger im Munde von Journalisten oder taucht in fiktiven Unterhaltungsformaten auf – oder im Kontext von Freikirchen, z.B. zur Abgrenzung von anderen Freikirchen. Kleine Gemeinschaften, die früher als „Sekten“ bezeichnet worden sind oder es teilweise noch werden, begrüßen die Ablehnung des Sektenbegriffes durch Religionswissenschaftler und -soziologen.

Es gibt einige kleine Religionen, von denen wir gutes Feedback bekommen, entsprechend von einzelnen Theologen der beiden Amtskirchen. Die Kehrseite ist die erwähnte Hasspost. Journalisten der klassischen überregionalen Formate greifen höchstens unsere Statistik auf – und das selten. Interviewanfragen aus dieser Sparte führen vielleicht nicht zu den gewünschten Antworten und wurden dann schon einmal nicht publiziert. Gut ist das Feedback von den Bundes- und Landesministerien, des Bundestages und der Bundesämter.

Sofern vorhanden: Gibt es eine Zusammenarbeit oder einen Austausch mit anderen akademischen Disziplinen?

Christoph Wagenseil: Religionswissenschaft ist ein relativ junges Fach, insofern gibt es oft notwendigerweise Überschneidungen mit anderen Disziplinen. Wir haben Religionssoziologen, Politologen, Islamwissenschaftler, Literaturwissenschaftler, Mediävisten, Ethnologen, Psychologen u.v.m. unter unseren Mitgliedern bzw. sie haben das dann als zweites Fach. Schaut man sich etwa unsere Interviews an, ist das Spektrum noch größer. Naturwissenschaften sind allerdings unterrepräsentiert. Da besteht auch kaum Austausch und Zusammenarbeit – ausgenommen Einrichtungen wie die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und die Gesellschaft für Anomalistik.

Geld spielt letztlich immer eine Rolle. Wie sichert der Verein seine Unabhängigkeit?

Christoph Wagenseil: REMID finanziert sich hauptsächlich aus Mitgliedsbeiträgen. Öffentliche und private Projektfinanzierung erfolgt nur durch konfessionell ungebundene geldgebende Institutionen. Ein wissenschaftlicher Beirat aus Professor_innen der Religionswissenschaft begutachtet unsere Arbeit. Der Vorstand muss sich jährlich seiner Verantwortung vor der Mitgliederversammlung stellen. Das Angebot einer Geldspende durch Scientology um 2002 war aber auch der einzige Fall, wo wir eine Zuwendung ablehnten.

Allerdings gibt es Grenzfälle. Die zweite Auflage des „Satanismus“-Buches von Joachim Schmidt, 1989 Gründungsmitglied von REMID, enthält eine lange Fußnote, welche über seine Mitgliedschaft in einer satanischen Gruppe informiert. Mit dieser zweiten Auflage verbürgten wir uns gleichzeitig, dass die Inhalte des Buches wissenschaftlichen Standards entsprechen. Und um das gleich zu betonen, es ist eher die Ausnahme, dass ein(e) Religionswissenschaftler_in der neuen Religion beitritt, die sie oder er untersucht. Umgekehrt wäre es aber auch problematisch zu fordern, dass ein Kirchenaustritt einer Arbeit über das Christentum vorausgehen müsste. Wichtig ist, dass die wissenschaftliche Arbeit Standards genügt, und das bedeutet eben auch eine ohne normative Urteile auskommende Beschreibung, die weder kryptotheologisch (und dann eine Religion begünstigend) noch abwertend ist.

Was bringt denn die Mitarbeit im Verein, und was sollten Interessenten mitbringen?

Maria Mahler: Neben allgemeinen Einblicken in die Vereins- und Projektarbeit kann hier praktische Religionswissenschaft vorangetrieben werden. 

Christoph Wagenseil: Vorkenntnisse sind wünschenswert, ein abgeschlossenes Studium ist aber kein Muss. Sicherlich hängt die Einsetzbarkeit einer Person aber von ihren Fähigkeiten ab. Passiv fördern geht immer. Betonen möchte ich an der Stelle, dass man zwar religiös sein darf, diese Religiosität aber nicht in die Arbeit eingehen darf. Entsprechend darf man natürlich auch areligiös sein. Wichtig ist, dass die persönliche Einstellung nicht in die Arbeit eingeht. Schwierig wird es also, wenn jemand insgesamt für eine bestimmte Richtung missionieren möchte, oder wenn jemand grundsätzlich antipluralistisch eingestellt ist.

Als Wissenschaftler müssen Sie Ihre Beobachtungen möglichst neutral und wertungsfrei beschreiben. Gibt es trotzdem Dinge, die Sie besorgt sein lassen?

Christoph Wagenseil: Ich beobachte eine sinkende Akzeptanz von bestimmten Religionen, mehr Verstöße gegen Religionsfreiheit und vor allem: einen neuen Konformismus. Die extrem gestiegenen Anschläge auf deutsche Moscheen und Flüchtlingsheime machen mir Sorgen. Das gilt auch für die gestiegene Verbreitung antisemitischer Einstellungen – auch in der Mitte der deutschen Bevölkerung.

Zwar deuten unsere Befunde an, dass ein gewisses Fundament an Pluralismus inzwischen gesellschaftlich Anerkennung erfährt. Etwa fürchtet sich kaum jemand vor Buddhismus. Zugleich erinnere ich an die Überalterung und Stagnation der Entwicklung bei diversen neuen und alten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Demgegenüber beobachten wir lose Bewegungen mit starkem Zulauf aus unterschiedlichen Milieus, welche rechtes Gedankengut, Verschwörungstheorien und christliche oder esoterische Weltanschauungselemente kombinieren. Deren Einfluss lässt sich noch nicht abschätzen, aber ein Mehr an Pluralismus aus letztlich antipluralistischer Motivation ist ein problematischer Befund.

Und gibt es Entwicklungen, von denen Sie selbst in den vergangenen Jahren überrascht oder inspiriert wurden?

Maria Mahler: Die Fragen nach alltäglichem Umgang der Religionsgemeinschaften mit tagespolitischen Themen wie Umweltschutz, Pflege usw. kommt in der Religionswissenschaft zu kurz, nehmen aber bei vielen Religionen mehr Raum ein als theologische Debatten.

Zuletzt: wird sich die Bedeutung der deutschen Religionswissenschaft auch mit schwindender kirchlicher Bindung in der Bevölkerung verringern?

Maria Mahler: Nein, eher im Gegenteil. Die kirchliche Bindung nimmt vielleicht ab, aber die religiöse und weltanschauliche Vielfalt eher zu. Diese und auch eigene Formen der Religion zu erforschen ist eine wichtige Aufgabe der Religionswissenschaft. Die Globalisierung führt zu besagter religiöser Vielfalt. Die Religionswissenschaft kann den Blick mehr noch auf die Religionen in Deutschland wenden, als lediglich auf solche in der Ferne.

Frau Mahler, Herr Wagenseil, vielen Dank für das Interview.