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„Die meisten Menschen mögen keine Flüchtlinge“

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Ahmed Nadir hat seine Firma und seine Frau verloren – und vielleicht auch die Chance, jemals seinen Sohn wiederzusehen. Von der Öffentlichkeit fast unbeachtet, fristet der 32-jährige Atheist aus Bangladesch seit beinahe einem Jahr sein Leben in einem Asylbewerberheim. Alles, bloß weil er es gewagt hatte, Kritik an fundamentalistischen Gruppierungen zu üben.
Mittwoch, 16. Juli 2014
Foto: A. Platzek

Seit dem vergangenen Oktober muss sich Ahmed Nadir in einem Heim in Nordrhein-Westfalen aufhalten. Er wartet bislang vergeblich darauf, dass das Bundesamt für Migration ihm gestattet, in Deutschland zu bleiben. Zum ersten Mal seit Monaten konnte er nun in der vergangenen Woche dem tristen Alltag entfliehen und einige Tage in Berlin verbringen.

Du wartest hier seit dem vergangenem Jahr auf Asyl. Wie ist es dazu gekommen?

Ahmed Nadir: Als Atheist fürchte mich vor den Extremisten. Im Februar 2013 wurde ich das erste Mal von ihnen überfallen, doch damals konnte ich dem Angriff glücklicherweise entkommen. Als ich einige Wochen später auf einer Geschäftsreise in Schweden war, kam es zu einer neuen Reihe von Überfällen auf Atheisten und nichtreligiöse Menschen in Bangladesch. Zur gleichen Zeit stürmte eine Gruppe von Polizisten meine Wohnung. Mein Vater erlitt dabei einen Schlaganfall und nach dem Bekanntwerden dieser Probleme kündigte mir der Vermieter meines Büros den Vertrag. Ich hatte deshalb die Befürchtung, bei einer Rückkehr ebenso wie andere Atheisten in Bangladesch, inhaftiert zu werden und Gewalt ausgesetzt zu sein. Nachdem mein Visum abgelaufen war, musste ich von Schweden nach Deutschland zurückkehren. Hier war ich in Europa eingereist, und habe dann also Asyl beantragt, um nicht abgeschoben zu werden.

Bangladeschs Feldzug gegen atheistische Autoren Am 3. März 2013 richtete die Regierung Bangladeschs auf Grundlage des Information and Communication Technology Act (ICT 2006/13) ein Komitee von neun islamischen Geistlichen ein, das Internet-Blogger identifizieren soll, die sich auf Facebook oder in Blogs kritisch über den Islam oder den Propheten Mohammed äußern. Die Arbeit des Komitees besteht vor allem darin, Namenslisten von angeblichen Feinden des Islam zu veröffentlichen. Auf der Liste mit bislang insgesamt knapp 100 Namen wird neben Ahmed Nadir auch der 30-Jährige Asif Mohiuddin aufgeführt, der im Frühjahr mit Hilfe der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte ein Jahr nach Deutschland ausreisen konnte. Wie unter anderem die Washington Post im Frühjahr 2013 berichtete, forderten zehntausende Gläubige bei Demonstrationen in der Hauptstadt Dhaka, die Strafgesetze gegen „Gotteslästerung“ zu verschärfen und atheistische Autoren zu erhängen.

Normalerweise spielt die Religion im Alltagsleben der Menschen in Bangladesch keine besonders große Rolle. Wann und warum ändert sich das?

Politiker in Bangladesch sind bekannt dafür, Religion als Mittel zum Machterhalt auszunutzen. Sie benutzen ihre eigenen Medien, um eine entsprechende Propaganda zu verbreiten. Sie politisieren generell die Medien. Bis zum letzten Jahr war das nicht so schlimm. Doch nach einem Bericht in der Zeitung AmarDesh über Blogger, entstand eine Kontroverse im Land. Die Zeitung bezeichnete einige Blogger und Autoren als Atheisten und rief dazu auf, den Islam zu beschützen.

Die zwei großen politischen Parteien in Bangladesch, die Awami-Liga, welche die Regierung stellt, und die Bangladesch Nationalist Party (BNP) fügen sich der islamistischen Agenda aus Furcht, dass ihre eigenen religiösen Überzeugungen in Frage gestellt werden.

Ich habe immer wieder Drohungen erhalten, weil ich in meinem Blog kritisch über diese Gruppierungen und die Parteien geschrieben habe. Wie meine Familie von Verwandten erfahren hat, befindet sich auch mein Name auf der Liste der Extremisten.

Foto: privat

Ahmed Nadir (l.) vor dem Beginn der Verfolgungen von Atheisten in Bangladesch. Foto: privat

Das bedeutet, dass Du und andere Menschen in Bangladesch nicht offen über ihre atheistischen und nichtreligiösen Überzeugungen sprechen können?

Ja, ganz allgemein trifft das zu. Es gibt aber einige mutige Personen, die es trotzdem getan haben und immer noch tun. Ahmed Sharif und Humayun Azad etwa. Rajib Haider wurde deshalb umgebracht, Taslima Nasrin und Daud Haider mussten das Land für immer verlassen und im Exil leben. Sie können wohl nie mehr nach Bangladesch zurückgehen.

Asif Mohiuddin ist hier derzeit die lauteste und schärfste Stimme, und er versucht ebenfalls, Atheisten und säkulare Menschen in Bangladesch zu organisieren.

Du hast, anders als Asif Mohiuddin, mit dem Schreiben seit einigen Monaten aufgehört. Warum?

Ich möchte vermeiden, ein lebenslanges Einreiseverbot zu erhalten, wie Taslima Nasreen. Ich glaube, ich kann mehr für die Menschen in Bangladesch tun, wenn ich mich dort wieder aufhalten kann.

Du planst also, zurück nach Bangladesch zu gehen?

Ja, ich will wieder in mein Land zurück und ich will auch ein säkulares und tolerantes Bangladesch und werde daran arbeiten. Sofern ich eine Aufenthaltserlaubnis für ein oder zwei Jahre erhalte, will ich zunächst im Bereich der Integration arbeiten, um Auswanderern zu helfen, sich an die Gesellschaft hierzulande anzupassen. Und weil ich ja eigentlich Unternehmer bin, würde ich auch versuchen, in dieser Hinsicht etwas auf die Beine zu stellen.

Wie hat deine Familie auf die Verfolgung durch die Behörden von Bangladesch reagiert?

Es ist ein großer Schock für sie gewesen. Sie mögen es nicht, dass ich nichtreligiös und Atheist bin, aber sie haben mich immer unterstützt. Nun sorgen sie sich um mein Leben und haben mir ebenfalls geraten, besser erst einmal außerhalb des Landes zu bleiben. Meine Frau hat mich verlassen, weil sie sich unsicher fühlte und vielleicht auch, weil sie meine Aktivitäten nicht mochte. Meinen Sohn habe ich das letzte Mal im März 2013 gesehen.

Karte zum Freedom of Thought Report 2013: weltweite Lage beim Recht auf Gedankenfreiheit.

Wie ist das Leben im Asylbewerberheim?

Ich bin dort seit Oktober vergangenen Jahres und es fühlt sich für mich an wie ein Gefängnis. Dort zu leben, bedeutet, sich selbst und den eigenen Verstand zu verlieren. Das Heim ist in Bracht, einem sehr kleinen Dorf, und es ist sehr schwer, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten. Die Toiletten und die Küche im Heim sind sehr schmutzig, weil die meisten dort keine große Erfahrung mit richtiger Hygiene besitzen. Es gibt keinen Internetzugang. Mein Zimmernachbar ist psychisch krank und hat zusätzlich dazu beigetragen, mir das Leben schwerer zu machen. Ständig kommen katholische Gruppen oder Leute von Jehovas Zeugen vorbei und versuchen, uns zu bekehren. Die Zeugen sind besonders aggressiv und anstrengend.

Das klingt schrecklich. Wie lange hast Du kein normales Leben mehr?

Seit ungefähr einem Jahr.

Wie reagieren die Menschen in Deutschland normalerweise, wenn Du ihnen von deinen Erlebnissen berichtest?

Allgemein ist das eher schwierig zu beschreiben. Die meisten Menschen mögen keine Flüchtlinge, weil sie sie für eine Belastung für den Staat halten und als Verschwendung ihrer Steuern ansehen. Einige, die von meiner Situation erfahren, empfinden Mitleid. Die meisten sagen mir, dass Deutschland ein freies Land sei, in dem jeder alles sagen kann, ohne die Furcht, umgebracht zu werden.

Foto: A. Platzek

Ahmed Nadir hofft, in zwei oder drei Jahren wieder in seine Heimat zurückkehren zu können.

Welche Unterstützung hast Du erhalten, seit Du hier als Asylbewerber lebst?

Ich erhalte die normale staatliche Unterstützung. Dafür bin ich natürlich dankbar, aber es bietet mir auch keine großen Möglichkeiten, das Heim zu verlassen oder irgendwas zu tun. Mitglieder vom PEN-Zentrum Deutschland und Heinrich Peuckmann haben versucht, für mich einen Weg zu mehr Unterstützung zu finden. Bisher erfolglos. Auch der Humanistische Verband versucht, mir in meiner Lage etwas zu helfen. Seit der vergangenen Woche habe ich nun endlich wieder einen Online-Zugang, um mit anderen Leuten zu kommunizieren und in Kontakt treten zu können.

Mit einer Ausnahmeerlaubnis warst Du nun für eine Woche in Berlin. Was war das für ein Gefühl, in unserer Hauptstadt anzukommen?

Ich habe Freiheit gefühlt und hatte den Eindruck, diese Stadt kann auch meine Stadt sein. Die Menschen hier sind freundlich und herzlich. Ich mag es auch, dass Berlin voller Geschichte ist und die Bevölkerung internationaler und offener. Toleranz, Gedankenfreiheit und 1.200 Sorten Bier – toll!

Du hast auch ein wenig die Projekte besichtigt, die die Humanisten hier in Berlin betreiben. Meinst Du, dass es wichtig ist, ähnliche Projekte in Bangladesch aufzubauen?

Kein Zweifel, wir brauchen so etwas auch meinem Land. Ich wünsche mir, die Humanisten in Deutschland können dabei helfen, dass durch Zusammenarbeit so etwas auch in Bangladesch entsteht.

Sie können helfen Fahrkarten, Internetzugang, Bücher für Deutschunterricht, Eintrittsgeld für einen Museums- oder Kinobesuch, eine Mahlzeit auswärts: es gibt viele Dinge, die dabei helfen, dass der Alltag für Ahmed Nadir als Asylbewerber in Nordrhein-Westfalen erträglicher wird. Wenn Sie ihn ebenfalls unterstützen möchten, können Sie das mit einer Spende tun. Überweisen Sie einen Betrag Ihrer Wahl mit dem Stichwort „Asyl“ an Humanistischer Verband Deutschlands, Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE68 1002 0500 0003 3271 00, BIC BFSWDE33BER. Wenn Sie mit Ahmed Nadir in Kontakt treten wollen oder eine Frage haben, schreiben Sie an wertestiften@humanismus.de. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Gibt es eine besondere Hoffnung, die Du in die Menschen hierzulande setzt?

Ich hoffe, wir können hier gemeinsam einen Weg für den Rest der Welt aufzeigen. Und ich hoffe, die Menschen hier werden sich auch für nichtreligiöse Menschen einsetzen, wenn sie verfolgt und inhaftiert werden, und ihnen Hilfe und Unterstützung bieten.