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„Versuche, nicht zu aggressiv zu sein!“

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Das rät Barney Frank nichtreligiösen Menschen, die sich politisch engagieren wollen. Der US-amerikanische Politiker der Demokratischen Partei erhielt bei der 73. Konferenz der American Humanist Association vor einem Monat die Auszeichnung „Humanist of the Year“.
Mittwoch, 9. Juli 2014
Foto: Barney Frank

Mehr als 30 Jahre gehörte Barney Frank dem US-Repräsentantenhaus an und machte 1987 als erstes Mitglied des Kongresses seine homosexuelle Identität öffentlich. Dass er auch eine atheistische Weltanschauung hat, gab Frank jedoch erstmals nach dem Ende seiner politischen Amtszeit in einem Interview mit dem prominenten Stand-Up-Comedian, Schauspieler und Schriftsteller Bill Maher („Religulous“, 2008) bekannt. Der Journalist, Buchautor und Leiter der Yale Humanist Community, Chris Stedman, sprach mit Barney Frank über seine Motive und Erfahrungen.

Wie fühlt es sich an, von der humanistischen Gemeinschaft gewürdigt zu werden?

Barney Frank: Es ist sehr schön. Ich denke, es ist ein Zeichen der Zeit; es gibt immer noch genügend Vorurteile gegenüber Nicht-Theisten, sodass einfache Dinge, die ich sage und die sich für mich wie allgemein bekanntes Wissen anfühlen, anderen Menschen sehr viel bedeuten. Die Vorurteile gegenüber schwulen und lesbischen Menschen sind mir schon lange bekannt und ich bin damit sehr behutsam umgegangen. Ich denke, ich habe nie über das Ausmaß nachgedacht, in dem Menschen abgewertet werden, die ihre nicht-theistische Haltung und ihren Humanismus ausdrücklich offen leben möchten. Darum bin ich sehr froh, hier einen Beitrag leisten zu können.

Sie wurden 1987 das erste sich offen bekennende schwule Mitglied des Kongresses, aber Sie haben sich bis zum Ende Ihrer Amtszeit nicht zum Nicht-Theismus bekannt. Wieso?

Es war nie relevant. Ich habe mich nie zu irgendeiner Theologie bekannt. Mein jüdischer Hintergrund verkomplizierte es zusätzlich. Offensichtlich umfasst Jüdisch-Sein sowohl eine Ethnizität als auch eine Religion. Ich war besorgt, dass eine ausdrückliche Ablehnung jeglicher Religiosität zum Versuch umgedeutet wird, mich von diesem Jüdisch-Sein zu distanzieren – und ich fand das falsch, weil es genug antijüdische Vorurteile gibt.

Einige Jahre lang war ich in den Tempel gegangen, bis ich plötzlich feststellte, dass es mir nichts bedeutet. Also habe ich beschlossen: Das werde ich nicht tun. Ich werde nichts vortäuschen. Während meiner Dienstzeit habe ich nie vorgegeben, ein Theist zu sein. Es hatte lediglich keine Relevanz, dass ich es nicht war und ich denke, mir war nicht bewusst, welchen Diskriminierungen Nicht-Theisten ausgesetzt sind. Allerdings bin ich immer gegen jegliche Form von Versuchen gewesen, Religion aufzuzwingen. Beispielsweise habe ich mit anderen Kongressabgeordneten hart gegen jeden Versuch angekämpft, dass religiöse Gruppen, die finanzielle Förderung durch den Bund erhalten, diskriminierende Einstellungskriterien nutzen können.

Als ich den Diensteid ablegte, sagte ich nie „So wahr mir Gott helfe“. Aber es gibt immer eine Menge Kongressmitglieder, die diesen Eid ablegen, sodass niemand es bemerkt hat. Ich habe gesagt, dass wenn ich zum Senat berufen würde und mein Gouverneur andere Pläne haben sollte, mein Ehemann die Verfassung halten würde. Das Thema wurde jedoch nie relevant. Die einzigen Gottesdienste, die ich in den letzten 20 Jahren besucht habe, waren Beerdigungen. Ich habe mehr Messen besucht als viele meiner katholischen Freunde.

Was sind Ihrer Einschätzung nach die Probleme, mit denen LGBTQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer – Abkürzung für Personen ohne heterosexuelle Identität, d. Red.) heutzutage am stärksten konfrontiert sind?

Naja, sie sind anders. Das größte zunehmende Problem, dem LGBT hierzulande ausgesetzt sind, ist berufliche Diskriminierung: die Tatsache, dass man in der Mehrheit der Staaten in den USA gefeuert und nicht eingestellt werden kann, oder eine Beförderung nur aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität abgelehnt wird. Gleichstellung in der Ehe war ein Thema, aber es wandelt sich rapide – Richter entscheiden zugunsten der [Gleichstellung in der] Ehe, doch die Richter entscheiden nicht zugunsten von Nicht-Diskriminierung im Arbeitsleben. Richter können sagen, dass die Regierung eines Bundesstaates nicht diskriminieren kann; sie können nicht argumentieren, dass es sich bei der Diskriminierung von Privatpersonen um eine Verletzung der Verfassung handelt. Ich denke also, dass Diskriminierung im Beruf eines der größten Probleme ist.

Für Nicht-Theisten: Es gibt nur eine sehr kleine Zahl von Menschen, die sich für die Arbeit im Kongress bewerben, es ist also nicht das größte Thema. Ich denke, es ist die kritische Rückmeldung, die Atheisten erhalten: dass Menschen schlecht von ihnen denken. Und es gibt auch die Verweigerung von Berufsmöglichkeiten für Nicht-Theisten. Es gibt Organisationen, die von einem erwarten, dass man sich zu einem religiösen Glauben bekennt. Ein Teil der Arbeit, die ich im Kongress gemacht habe, war es, zu sagen: Ok, du kannst also kein Geld vom Bund bekommen.

Welche Ratschläge würden Sie Nicht-Theisten geben, die danach streben, sich politisch mehr zu engagieren? Beispielsweise gibt es einen jungen Mann namens James Woods, der als offen bekennender Atheist im Kongress von Arizona sitzt. Was würden Sie ihm sagen?

Versuche, nicht zu aggressiv zu sein! Das ist das Problem des Atheismus und deswegen denke ich, dass Nicht-Theismus das bessere Wort ist. Respektiere die Überzeugungen anderer Menschen, genauso wie wir möchten, dass unsere respektiert werden. Mach dich nicht lustig, greife nicht an. Religion tut auch sehr viel Gutes, aber wenn wir Konflikte bekommen, machen es die religiösen Anführer oft eher schlimmer als besser. Aber ich habe immer die gute Arbeit, die Religionen leisten, anerkannt.

Die Antwort ist also: Mach nicht den Anschein, dass deine Kampagne ein Kreuzzug für Nicht-Theismus ist. Befasse Dich aufrichtig mit dem Thema, wenn es auf die Tagesordnung kommt und vermeide jeglichen Negativismus über Religion im Allgemeinen. Das bedeutet nicht, dass man bestimmte Missbräuche nicht kritisieren darf, die im Namen von Religion geschehen, aber ich würde sagen: Kümmere Dich darum, wenn es zur Sprache kommt. Sei vernünftig und sachlich und beschäftige Dich ansonsten mit anderen Themen.

Why I didn’t talk about my atheism while serving in Congress Das ganze Interview in der englischsprachigen Originalfassung können Sie bei Religion News Service lesen.

Übersetzung und Redaktion: Luisa Pischtschan, Saskia Albarus, Arik Platzek.