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Wo bleibt da die Barmherzigkeit?

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Auch psychisch kranken Menschen darf die Beihilfe zum Freitod nicht generell verwehrt werden, fordert ein Betroffener. Für Andreas Derball hat die Zusage, gegebenenfalls ärztliche Suizidhilfe erhalten zu können, ein dauerhaftes Gefühl der Befreiung und Erleichterung gebracht.
Dienstag, 24. Juni 2014

Derball ist chronisch krank und leidet nach eigenen Angaben unter für ihn grauenvollen Angstzuständen, Foltergefühlen, Dauerschmerzen und Erschöpfung. Der erwerbsunfähige Rentner und Hobby-Musiker wendet sich entschieden gegen ein Verbot der Suizidbeihilfe in Deutschland. Im Interview bietet der 45-Jährige Einblicke in seine Lebens- und Krankheitsgeschichte, wohl wissend, dass die genaue Analyse von Ursachen und Wirkungen für Betroffene selbst wie für Fachleute sehr schwierig sein kann. Andreas Derball fordert, dass auch psychisch beeinträchtige Menschen die Möglichkeit haben sollten, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden und dabei Hilfe zu erhalten.

Foto: privat

Herr Derball, wie geht es Ihnen?

Andreas Derball: Danke, heute ist es halbwegs erträglich. Das ist aber generell zufällig, kaum voraussehbar, denn ich bekomme Opiate, die die Zustände meist etwas lindern, jedoch ermüden und meinen Schlaf- und Wachzyklus sehr durcheinanderbringen

Sie sind mit 45 Jahren noch relativ jung, aber leben hier als Rentner am Schweizer Ufer des Bodensees in einem Seminar- und Gemeinschaftszentrum, das sich vor allem alternativen und freispirituellen Lebensansätzen widmet.

Ja, den Ort kenne ich schon seit 2004, damals kam ich aus Berlin und seit 2009 lebe ich hier dauerhaft. In der frühen Phase des Projekts wurde mir eine Stelle angeboten, es stellte sich aber bald heraus, dass ich aufgrund meiner Krankheit eine körperlich anstrengende Arbeit nicht dauerhaft leisten konnte. So war ich zwischenzeitlich auf der Suche in Deutschland und habe später nochmals völlig neu im PR-Bereich angefangen.

Was sind das für Leiden, die Ihnen zu schaffen machen?

Das ist eine fast lebenslange Geschichte. Ich bin aufgewachsen in Berlin-Hohenschönhausen. Mein Vater war Mitarbeiter der Stasi. Da ich als Kind Bettnässer und zudem hyperaktiv war, wie man es heute nennt, suchten meine Eltern in der psychiatrischen Klinik Herzberge Hilfe.

Die Hilfe bestand darin, dass ich hochdosiert mit Neuroleptika-ähnlichen „Trizyklischen Antidepressiva“ (Noxiptiline) vollgestopft wurde. Es war eine klare Fehlbehandlung, ging aber vermutlich über drei Jahre so. Fragen nach dem Empfinden eines Kindes wurden in der DDR-Gesellschaft nicht gestellt.

Heute weiß ich nach langen Recherchen, dass diese Medikamente als Nervengifte wirken und dosisabhängig verheerende, unheilbare Schäden im Hirn und Organismus verursachen, vor allem in der Entwicklungsphase. 2007 wurde mir erstmalig klar, dass die Pharmaka Auslöser meiner pausenlosen Angstzustände und immer heftigeren Panikattacken waren. Denn während der Behandlung führte die Einnahme faktisch allabendlich binnen 20 Minuten zur Bewusstlosigkeit. Oft bin ich nachts aufgewacht und hatte pure Todesangst. Als Kind konnte ich die Zusammenhänge nicht erkennen und äußern, außerdem hätte mir sowieso niemand geglaubt.

Ihre Eltern boten keine Zuflucht?

Nein, ich glaube, für sie bedeuteten die Psychopharmaka eine Art Strafe, in der Hoffnung, dass ich mich damit in ihr Bild von Gehorsamkeit verwandeln werde. Da aber keine Besserung eintrat, sondern das Gegenteil, wurde ich irgendwann als Totalversager abgeschrieben. Ob sie je über die Wirkung und Risiken aufgeklärt wurden, kann ich nur spekulieren.

Dabei hatte ich vor Beginn der Behandlung einen Notendurchschnitt von 1,4 und wollte gern Journalist oder Musiker werden. Durch die Medikamente war ich morgens kaputt, zerschlagen und unkonzentriert, wurde zudem in der Schule gemobbt, da ich eigenartige Zwänge entwickelte und mich nicht mehr wehren konnte. Und so brachte ich am Ende nur noch Noten zwischen 3 und 4 nach Hause.

Für die Auswirkungen der Medikamente – unter anderem der rapide Leistungsabfall und „mysteriöser“ Zahnausfall wurde ich zusätzlich bestraft, erlebte noch mehr Gewalt als schon zuvor. Durch den schlechten Schulabschluss blieb mir nur eine ungeliebte Ausbildung zum Fräser. Im Verhältnis unter den Kollegen ging es mir dort gut, aber mein Lehrabschluss war ebenso miserabel. Zudem sollte ich Stasi-Unteroffizier werden. Das habe ich noch in der Lehrzeit ausgeschlagen, musste mich jedoch bei der Volksarmee für drei Jahre verpflichten. Durch die Wende blieb mir glücklicherweise ein Jahr erspart.

Wie ging es dann nach der Wende weiter?

Ich war froh, mein Elternhaus endgültig verlassen zu können und habe mich lange in verschiedensten Jobs in Berlin versucht, u.a. als Altenbetreuer, Barkeeper und als Sänger in meiner Band Wooden Soldiers, später Mantodea.

Ich hatte Talente und viele Chancen, musste jedoch immer wieder aufgeben, weil ich den Anforderungen durch die fortschreitenden Spätfolgen der Medikamente - zunehmende Angst- und Folterzustände, Erschöpfung, chronische Kopfschmerzen und RLS (Restless-Legs-Syndrom, d. Red.) nicht mehr gewachsen war. Die Psychiater und auch mehrere Psychiatrieaufenthalte konnten mir nicht wirklich helfen.

Irgendwann wollte ich weg aus Berlin, die Stadt machte mich mit ihrem Lärm und Menschenmassen zusätzlich kaputt. Ich hatte zudem noch die naive Hoffnung, in Naturnähe Heilung zu finden und normal arbeiten zu können. Dass ich in der Schweiz gelandet bin, war eher dem Zufall eines angebotenen Jobs zu verdanken.

Nun leben Sie hier im Gemeinschaftszentrum, obwohl Sie die dafür geplante Arbeit nicht dauerhaft ausführen konnten.

Ja, letztlich wurde ich berentet, auf Hartz IV-Niveau, doch ich konnte dankenswerter Weise hier wohnen bleiben und betreue nur noch die Facebook-Seite des Projekts. Ich bekomme inzwischen aus Deutschland die EU-Rente und von der Schweiz einen Rentenzuschuss, sodass ich finanziell ganz gut klar komme. Ich brauch ja nicht viel.

Mitunter ist es mir hier zu einsam, ich war ja eher ein zwanglos-geselliger Stadttyp, aber meine Krankheit taugt nicht mehr zur Dauer-Geselligkeit und aufgrund des RLS nicht zum Leben in einer Blockwohnung. Hier werde ich ernst genommen, mein völlig unregelmäßiger Schlaf-/Wach-Rhythmus und meine Leidenszustände stören niemanden. Nur Freundschaften sind auf dem Land mit diesem Beschwerden nicht leicht zu finden.

Ich habe einen sehr verständnisvollen Psychiater, der mich und mein Krankheitsbild nach und nach immer besser versteht. Es ist ihm auch gelungen, mich mit geeigneten Opiaten einzustellen, die meinen Zustand halbwegs erträglich machen. Die Foltergefühle werden dadurch gemindert. Natürlich belasten Opiate auch körperlich, ich ernähre mich fast nur von Trinknahrung.