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Denken, Handeln, Zuversicht!

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Kulturelle Evolution live und in Farbe: die in England und den Vereinigten Staaten erfolgreiche Erfindung der Sonntagsversammlungen für Menschen ohne Religion soll endlich auch nach Deutschland kommen. In Hamburg laden deshalb zwei humanistische Aktivisten zu der innovativen Weiterentwicklung christlicher Gottesdienste ein.
Montag, 16. Juni 2014
Foto: Sunday Assembly

Assembly in London: Sonntagsversammlungen für Menschen ohne Religion stoßen vor allem in größeren Städten auf Interesse und Zuspruch. Foto: Sunday Assembly

Einschlägige Erfahrungen haben Vanessa Boysen und Rainer Sax schon mit ihrem Anfang 2013 gegründeten Humanist Lab gesammelt. Die kleine, aber feine Manufaktur für praktischen Humanismus im Zentrum der Elbmetropole soll zur Landungsbrücke für die erste deutsche Sunday Assembly werden. Boysen und Sax laden deshalb im Juli alle Interessierten aus Hamburg und Umgebung zur gemeinsamen Probe ein. Im Interview erklären sie, warum die britische Innovation aus ihrer Sicht ein wertvoller Beitrag zur Kultur der Stadt sein kann.

Vanessa, was genau ist das Humanist Lab?

Vanessa Boysen: Das Humanist Lab ist in einem Ladenlokal mitten in Sankt Pauli in der Nähe der Reeperbahn untergebracht. Im Humanist Lab haben wir uns dem Humanismus und der Aufklärung verschrieben. Dabei versuchen wir Denken und Handeln zu verbinden. Damit das letztlich klappt, braucht man neben klarem und ergebnisoffenem Denken und experimentellem Handeln vor allem eines: Zuversicht! Daher lautet unser Motto: Denken, Handeln, Zuversicht!

Und wie sieht das konkret aus?

Im Humanist Lab machen wir Workshops zu Themen wie Logik und Argumentation, Philosophische Abende, aber auch ganz praktische Dinge wie Upcycling oder Kryptoparties, bei denen man lernt, wie man seine Emails verschlüsselt. Daneben experimentieren wir immer wieder mit anderen Formaten, wie zum Beispiel unserem Podcast oder unserer Website wirstellenunsschonmalan.de. Dann gibt es noch weitere Projekte, die wir unterstützen, wie Freifunk Hamburg – freie Netze für freie Bürger – oder die Rails Girls Hamburg, das sind Frauen, die programmieren mit Ruby on Rails lernen. Gerade diese Projekte zeigen, wie wichtig Community-Organisation von unten ist und wie erfolgreich das sein kann. Wir unterstützen gerade solche Grass-Roots Projekte gern. Das trifft auch auf Sunday Assembly zu.

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Früher ein Schusterladen, jetzt humanistische Denk- und Mitmachfabrik: das Humanist Lab in der Seilerstraße. Nun soll von hier aus eine Sunday Assembly für die Hansestadt entstehen.

Ihr seid überzeugt, die Sunday Assembly ist ein tolles Konzept. Warum?

Kommen wir zurück auf unser Motto: Denken und Handeln finden sich bereits bei uns wieder. Aber was ist mit der Zuversicht? Wir haben diese Zuversicht oft. Vielleicht einfach, weil jede neue Veranstaltung und jedes neue Projekt von uns den Mut zu scheitern erfordert. Das schaffen wir aber nur, weil wir zu zweit sind, weil wir dieselben Werte teilen und uns gegenseitig unterstützen können, wenn einen von uns mal der Mut verlässt. Wir haben gemerkt, wie wichtig das ist. Das ist ein Teil, den wir bisher nicht so gut weitergeben können.

Und was bedeutet das konkret für die Idee der Assembly?

Wir merken, dass ein Bedürfnis bei vielen Leuten da ist – wenn auch nicht bei allen –, sich gemeinsam auf Werte zu besinnen. Dabei will aber natürlich jeder ein freier Geist bleiben und nicht indoktriniert werden. Bei manchen sind auch ganz klare Fragen da: Was sind Werte? Woher kommen sie? Was ist wichtig in meinem Leben? Wie können wir besser (zusammen-)leben? Wir haben dazu einen Blogbeitrag geschrieben, in dem wir unsere Motivation zusammengefasst haben.

Erfunden wurden die Sonntagsversammlungen in London. Habt ihr schon Kontakt mit den Assembly-Gründern aufgenommen?

Ja, klar! Die Leute in London versuchen nach Kräften, die neuen Assemblies zu unterstützen. Zum Beispiel gibt es ein regelmäßiges Webinar, in denen sie berichten, was man braucht, um eine gute Assembly hinzukriegen. Dabei geht es aber hauptsächlich um die ganzen praktischen Themen. Inhaltlich steht ja alles Wesentliche über die Ausrichtung in der Sunday Assembly-Charter. Texte oder inhaltliche Vorlagen werden also nicht mitgeliefert. Das überlegt sich jede lokale Gruppe selbst. Wir haben auch eine Ansprechpartnerin, Tilda, mit der wir skypen und die uns zum Beispiel Bildmaterial schickt, das wir benutzen können.

Was könnte Menschen in und um Hamburg eurer Meinung nach reizen, so eine Sonntagsversammlung zu besuchen?

Es ist einfach eine tolle Erfahrung! Wir waren ja selbst noch nie auf einer großen Assembly und neigen auch sonst nicht zur Rührseligkeit. Aber bei unserem letzten Treffen haben wir sozusagen eine kleine Test-Assembly gemacht. Und obwohl wir uns wirklich überwinden mussten, zu viert Karaoke zu singen, war es einfach toll. Es ist eben eine schöne Kombination. Manche Teile regen zum Nachdenken an über Mitmenschlichkeit oder die Faszination des Lebens und des Universums. Gleichzeitig gibt es aber auch viel Leichtigkeit und Humor. In der Kombination der unterschiedlichen Elemente wird daraus einfach eine tolle Erfahrung. Man nimmt viel Inspiration und auch Motivation mit.

Vanessa, vielen Dank für Deine Zeit.

Einladung Live better. Help often. Wonder more. Das ist das Motto von Sunday Assembly. Es geht darum, gemeinsam das Leben zu feiern. Vanessa Boysen und Rainer Sax möchten sie nach Hamburg bringen. Am 13. Juli 2014 wollen sie die Idee vorstellen, um weitere Aktivistinnen zu finden. Zum üblichen Programm einer Assembly gehören Popsongs, eine Lesung, z.B. zu einem philosophischen Thema, ein kurzer wissenschaftlicher Vortrag, ein interaktives Spiel zum Auftauen und ein persönlicher Beitrag, in dem es meist darum geht, wie und was man versucht, um z.B. ein gutes Leben zu führen und ein guter Mitmensch zu sein – und auch, wie man dabei scheitern kann. Und dann noch mehr Popsongs zum Mitsingen! Die Erfinder des Humanist Lab freuen sich über Interessierte und alle, die Lust haben, mitzumachen.