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„Sterbehilfe muss aus dem Graubereich herauskommen“

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Politiker, die eine weitergehende Kriminalisierung der Suizidbeihilfe erreichen wollen, drängen diese nur noch mehr ins Geheime ab. Das sagt der Experte und Referent zum Thema Selbstbestimmung am Lebensende, Erwin Kress. Eine saubere gesetzliche Regelung könnte hingegen sowohl Leidenden wie Ärzten die Angst nehmen.
Dienstag, 27. Mai 2014
Foto: A. Platzek

Kress: „Menschen hängen sehr stark am Leben und wissen sehr wohl, wann sie noch leben wollen“ – und wenn sie nicht mehr wollen, hat das Gründe. Foto: A. Platzek

Haben Sie auch Angst vor dem sogenannten Dammbruch, den die Verbotsbefürworter bei einer Freigabe der ärztlichen Suizidassistenz befürchten?

Nein. Wir fürchten nicht, dass alte und gebrechliche Menschen sich einfach durch Sterbehilfe aus dem Leben drängen lassen, um ihren Angehörigen oder den klammen Sozialkassen nicht zur Last zu fallen. Kann man alten Menschen keine eigenen Entscheidungen mehr zutrauen?

Es gibt Länder, die seit langem entsprechende, wenn auch unterschiedliche Sterbehilferegelungen haben, wie Holland, die Schweiz und manche US-Bundesstaaten wie Oregon. Dort hat es keinerlei Dammbruch gegeben. Ich halte diese Angst vor einem Dammbruch vielmehr für ein sehr scheinheiliges Argument. Damit erklärt man alte Menschen außerdem pauschal für unmündig!

Ob hinter einem Todeswunsch raffgierige Angehörige stehen, lässt sich normalerweise bei sorgfältiger Prüfung herausfinden. Es gibt auch Menschen, die sagen, ich habe mein Leben lang gespart, bin am Ende angelangt, und will jetzt meinen Kindern noch etwas hinterlassen statt teure Pflege zu bezahlen. Kann man ihnen das verdenken oder verbieten?

Gegen klamme Sozialkassen und begründete Angst vor dem Pflegeheim hilft nur eine bessere Gesellschaftspolitik, aber doch kein Suizidhilfeverbot.

Gita Neumann, die Patientenbeauftragte unseres Verbandes, sagt zu Recht: Wenn die Politik ein würdiges Lebensende ernsthaft fördern will, muss sie dafür sorgen, „dass die Pflegeheime generell hospizlichen Charakter annehmen, und dass schmerz- und beschwerdelindernde Medizin allen Bedürftigen zugänglich gemacht wird, vor allem auch chronisch kranken und alten Menschen.“

Die Menschen hängen sehr stark am Leben und wissen sehr wohl, wann sie noch leben wollen und wann nicht mehr. Wenn sie nicht mehr wollen, hat das Gründe. Das kann man nicht immer mit Depressionen abtun. Der HVD macht auch Seniorenbetreuung und Hospizarbeit. Dabei bemüht er sich, verzweifelten Menschen lebenswerte Alternativen aufzuzeigen. Aber wenn sich Einzelne wirklich frei und dauerhaft für die Lebensbeendigung entscheiden, dann sollte man ihren Willen auch akzeptieren.

Es gibt ja auch Stimmen, die sagen, der Wunsch einer großen Bevölkerungsmehrheit nach der Möglichkeit der Sterbehilfe würde sich ganz schnell erledigen. Dazu müssten die Menschen nur wissen, dass ihnen durch Palliativmedizin und Hospizversorgung ausreichen geholfen werden könnte.

Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Die meisten zu dem Thema Befragten haben zunächst einmal Angst vor einem schmerzhaften Siechtum oder würdelosem Dahinvegetieren in einem Pflegeheim. Sie möchten deshalb eine Hintertür offen sehen. Glücklicherweise kommt es ja für die meisten nicht so schlimm, wie sie befürchten.

Sicher gibt es noch Unkenntnisse über Möglichkeiten der Schmerzlinderung. Aber selbst wenn alle Bescheid wüssten: wir sind ja weit entfernt von einer flächendeckenden Palliativ - oder Hospiz-Versorgung. Dies weiß die Bevölkerung sehr wohl. Die Deutsche Hospizstiftung rechnet vor, dass nur 16 Prozent der Sterbenden Zugang zu palliativen oder hospizlichen Leistungen haben. Benötigt werden eher 60 Prozent. Also, was nutzt die beste Palliativmedizin, wenn man nicht drankommt. Insofern hat auch dieses Argument etwas Scheinheiliges.

In Schmerzlinderung ausgebildete Hausärzte könnten vieles übernehmen. Nur, wie viele davon gibt es noch, die für sterbenskranke Menschen zuhause und im Heim Zeit haben? Die Budgets dafür sind doch auch längst zusammengestrichen. Außerdem ist es so, dass die Palliativmedizin bestimmte Schmerzzustände auch nicht beherrscht. Fachleute sagen, dass dies bei fünf bis zehn Prozent der Patienten der Fall ist. Da kann die Palliativmedizin die Patienten nur noch in ein Koma versetzen, sedieren, wie die Ärzte sagen.

Es gibt auch Menschen, die nicht mehr warten wollen, bis sie ein Fall für die Palliativmedizin sind, weil sie ihre Krankheitssituation trotz aller Hilfsangebote als entwürdigend oder unerträglich finden.

Was glauben Sie, Herr Kress, wie es in dieser Situation weitergehen kann? Werden sich die Verbotsbefürworter gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen?

Wir werden sehen! Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung ist eindeutig gegen ein solches Verbot. Nach Meinung der allermeisten Rechtswissenschaftler würde das auch eindeutig gegen Prinzipien unserer Verfassung verstoßen. Die Große Koalition will, dass die Abgeordneten im nächsten Jahr ohne Fraktionszwang über unterschiedliche Gesetzesvorschläge abstimmen sollen. Nun, Fraktionszwang ist ohnehin verfassungswidrig, da die Abgeordneten nur ihrem Gewissen verantwortlich sind. Aber die Union hat im Bundestag eine fast absolute Mehrheit und ich nehme an, dass sich die meisten Unions-Abgeordneten in ihrer Abstimmung nicht sehr frei fühlen oder verhalten werden. Und auch in den anderen Parteien gibt es bekennende oder organisierte Christen, die das Leben für eine Gottesgabe halten, an die der Mensch nicht rühren darf.

Diesen Glauben dürfen sie ja haben. Wichtig wäre aber, dass diese Abgeordneten erkennen, dass sie ihre persönliche Haltung, ihren Glauben nicht zum Maßstab für eine gesetzliche Regelung machen. Da bin ich nicht ganz hoffnungslos. Vielleicht können unsere Hörer ja auch in diesem Sinne auf ihre Bundestagsabgeordneten einwirken.

Wir sind als Humanistischer Verband bereit, an der Erarbeitung vernünftiger gesetzlicher Regelungen mitzuwirken, die den Interessen der Bevölkerung gerecht werden. Wir haben dazu auch schon Vorschläge gemacht.

Herzlichen Dank, Herr Kress, für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Jürgen Steinecke.