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„Sterbehilfe muss aus dem Graubereich herauskommen“

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Politiker, die eine weitergehende Kriminalisierung der Suizidbeihilfe erreichen wollen, drängen diese nur noch mehr ins Geheime ab. Das sagt der Experte und Referent zum Thema Selbstbestimmung am Lebensende, Erwin Kress. Eine saubere gesetzliche Regelung könnte hingegen sowohl Leidenden wie Ärzten die Angst nehmen.
Dienstag, 27. Mai 2014
Foto: jd-photodesign / Fotolia.com

Seit März wendet sich ein Bündnis humanistischer Organisationen gegen Pläne von CDU/CSU, Suizidhilfe weitgehend zu kriminalisieren. Ein Gesetz soll bis Ende 2015 kommen. Foto: jd-photodesign / Fotolia.com

In der NDR-Sendereihe „Freiheit und Verantwortung“ hat Erwin Kress dafür plädiert, vernünftige gesetzliche Regelungen zu erarbeiten, die den tatsächlichen Interessen in der Bevölkerung gerecht werden. Kress ist Vizepräsident und Sprecher für den Fachbereich „Autonomie am Lebensende“ des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD).

Herr Kress, als DIGNITAS Deutschland in 2005 gegründet wurde, war auch der HVD eingeladen, sich zu beteiligen. Warum hat der HVD dies abgelehnt?

Erwin Kress: Der Humanistische Verband als Organisation und Weltanschauungsgemeinschaft von Konfessionslosen ist in seiner praktischen Tätigkeit dem Leben zugewandt, auch wenn es auf das Ende zugeht. Wir setzen bei unserer Betreuungsarbeit auf Suizidprävention. Suizidbeihilfe ist kein praktisches Tätigkeitsfeld des HVD. In seltenen Fällen stehen Mitglieder unserer Organisation Sterbewilligen bei, wenn sie dies aus der intimen Kenntnis der Situation eines Betroffenen beurteilen und es mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

Wir haben daher auch eine gewisse Kritik an den genannten Sterbehilfeorganisationen. Wir meinen, dass sie dem selbstbestimmten Willen, das Leben zu beenden, bisweilen zu leicht nachgeben, dass das Ringen um lebenswerte Alternativen manchmal ein wenig zu kurz kommt.

Warum schließt sich der HVD dann nicht dem Ruf nach einem Verbot dieser Organisationen an?

Wir glauben nicht, dass DIGNITAS oder SterbehilfeDeutschland Menschen zum Suizid verleiten. Sie werben nicht für die Selbsttötung. Viele Menschen suchen nach solchen Organisationen und werden dort Mitglied. Der Vorwurf, dass sich die Organisationen ihre Tätigkeit bezahlen lassen, ist scheinheilig. Bischöfe, Politiker und Ärzte arbeiten gewöhnlich auch nicht für Gotteslohn.

Und leider weigern sich ja die meisten Ärzte, Suizidwilligen in letzter Konsequenz zu helfen, manche aus Gewissensgründen, viele aus unberechtigter Angst vor rechtlichen oder standesrechtlichen Strafen. Durch ein Verbot der Sterbehilfeorganisationen würden wir die 100 bis 200 Menschen bestrafen, die jährlich betroffen sind. Sie würden dazu verurteilt, ihr Leid weiter zu ertragen, oder doch eine der oft grausamen Suizidarten zu wählen, mit denen über 5.000 ältere Menschen sich bei uns jährlich das Leben nehmen.

Außerdem sollen ja nicht nur solche Organisationen verboten werden, die angeblich ihre Hilfe nur des Geldes wegen anbieten. Die forschen Verbotsbefürworter, also die Kirchenvorstände und ihre Mitstreiter wie Bundesgesundheitsminister Gröhe, selbst Mitglied der Evangelischen Synode, wollen ja noch mehr. Jede organisierte Form von Beihilfe zur Selbsttötung soll verboten werden. Jeder Arzt wäre betroffen, von dem bekannt würde, dass er mehr als einmal bei einer Selbsttötung geholfen hat, zum Beispiel der bekannte Sterbehelfer Uwe Arnold.

Gäbe eine Organisation die Telefonnummer von DIGNITAS in der Schweiz weiter, könnte dies ein Vergehen sein. Wenn wir als HVD Menschen über Möglichkeiten des selbstbestimmten Sterbens aufklären, zum Beispiel durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, könnten wir schon kriminalisiert werden. Erlaubt wäre nur noch eine individuelle Hilfe im Geheimen. Politiker, die dies wollen, machen die Augen zu vor dem, was heute schon im Geheimen an Sterbehilfe geschieht.

Gibt es denn bei uns geheime Sterbehilfe in größerem Ausmaß?

Ja, die gibt es, da sind sich die Fachleute einig und das geht auch aus Befragungen von Hausärzten und Klinikärzten hervor. Geheimes lässt sich nicht genau ausloten. Aber es ist ziemlich klar, dass es hier nicht um wenige hundert Betroffene geht, sondern um Tausende, deren Leben mit ärztlicher Hilfe verkürzt wird. Das betrifft Fälle, wo zum Beispiel der Hausarzt dem Patienten auf dessen Bitte hin ein entsprechendes Medikament besorgt, oder ihm eine Spritze gibt, also Tötung auf Verlangen. Es betrifft auch viele Fälle, wo der Arzt von sich aus entscheidet, dass es jetzt genug sei, beispielsweise bei Patienten, die sich gar nicht mehr äußern können. Letzteres ist ein Tötungsdelikt.

Bündnis für Selbstbestimmung bis zum Lebensende Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat im Januar gefordert, jede Form „organisierter“ Suizidhilfe zu verbieten. Ein im Februar aus Unionskreisen angekündigter Gesetzesentwurf sieht vor, sogar Suizidhilfe durch einzelne Ärzte strafbar zu machen. Gegen die Pläne hat sich ein Bündnis humanistischer Organisationen gebildet. Sie fordern, die derzeit geltende Straffreiheit der Suizidhilfe in keiner Weise einzuschränken. Zur laufenden Debatte hatte das Bündnis zehn Leitsätze vorgestellt. Die Leitsätze im Netz www.mein-ende-gehoert-mir.de

Ist es denn nicht zu begrüßen, wenn Ärzte helfen, dass ein Patient nicht mehr unnötig leidet?

Wo dies im klaren Einverständnis mit einem freiwillensfähigen Patienten geschieht, ist dies in der Regel zu begrüßen. Allerdings bedeutet eine Todesspritze eine aktive Sterbehilfe, also Tötung auf Verlangen. Dies ist nach heutigem Recht verboten. Wenn der Arzt dagegen im Einvernehmen mit dem Patienten die Nährstoffzufuhr oder die Beatmung einstellt, gilt dies als passive Sterbehilfe und die ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes inzwischen erlaubt. Manchmal ist der Patient selbst gar nicht mehr entscheidungsfähig. Dann kommt es auf seinen Willen an, zum Beispiel auf eine gute vorhandene Patientenverfügung, oder auf seinen mutmaßlichen Willen.

Drei Viertel unserer Bevölkerung wollen, dass sie im Notfall auf ärztliche Hilfe zur Lebensbeendigung zurückgreifen können. Es lebt sich eben leichter und auch in der Regel länger, wenn man um einen letzten Ausweg weiß. Die Menschen wollen in dieser Frage nicht bevormundet werden.

Sie sagen, dass es auch ärztliche Sterbehilfe ohne Verlangen des Patienten gibt?

Ja, auch die gibt es bei uns. Das ist dann ähnlich wie früher in Holland, wo Ärzte in mehr oder weniger guter Absicht glaubten, den Patienten von seinem Leiden befreien zu müssen. Inzwischen haben die Holländer das geregelt, aber offenbar nicht gut genug. Für Deutschland ist dieser freizügige Umgang mit aktiver Sterbehilfe kein empfehlenswertes Modell. Zum einen werden in Holland immer noch nicht alle Fälle von Sterbehilfe gemeldet und sind damit nicht überprüfbar. Zum anderen scheint es Fälle zu geben, wo sich Ärzte und Angehörige über den Patienten hinweg auf eine Lebensbeendigung einigen. Solche Fälle gibt es auch bei uns, aber sie werden in der Regel nicht entdeckt.

Wäre denn bezüglich dieser ärztlichen Maßnahmen eine rechtliche Regelung hilfreich?

Wir denken schon, dass ein paar rechtliche Regelungen sinnvoll wären. Der Deutsche Juristentag hat seit langem hierzu Vorschläge gemacht.

Die Sterbehilfe muss aus dem Geheimen und dem Graubereich herauskommen. Deswegen muss klar geregelt sein, dass Ärzte freiwillensfähigen Patienten bei einem Freitodentschluss beistehen dürfen. Hier gibt es derzeit keine saubere gesetzliche Grundlage und viele Ärzte haben Angst, auch wenn die unbegründet ist.

Wenn die Ärzte keine Angst mehr haben müssen, kämen viele Hilfeleistungen aus dem Geheimen heraus. Sie würden kontrollierbar und regelbar. Es könnte zum Beispiel festgelegt werden, wie die Freiwillensfähigkeit und die Dauerhaftigkeit eines Suizidwunsches zu prüfen sind. Für solche Regelungen gibt es längst sinnvolle Vorschläge. Der Bedarf an Sterbehilfeorganisationen würde verschwinden. Gleichzeitig könnten Beteiligte, auch Angehörige, die die Beihilfe zur Selbsttötung aus eigennützigen Motiven fördern, klar mit Strafe bedroht werden.