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„Sie können mich töten, aber nicht meine Worte“

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Asif Mohiuddin ist ein mutiger Mann. Der Bangladeschi schreibt über die Ungerechtigkeiten gegenüber Atheisten in seinem Land. Mohuiddin weiß gut, wovon er spricht: Im Januar 2013 wurde der Autor und Menschenrechtsaktivist mit einem Hammerschlag auf den Kopf und 53 Messerstichen lebensgefährlich verletzt.
Freitag, 16. Mai 2014

Es war nicht die erste Attacke, aber die brutalste. Denn der 30-Jährige ist einer der bekanntesten Blogger Bangladeschs und Initiator des Bangladesh Secular Humanist Movement, einer Online-Community nichtreligiöser Menschen. Sein Name steht, neben 84 weiteren, auf der Liste eines Komitees zur Überwachung des Internets, das auf der Suche nach kritischen Äußerungen gegen den Islam ist. Er gilt als offizieller Feind der Religion.

Foto: privat

Asif Mohuiddin bei einem Besuch im "Haus der Geschichte" in Bonn. Seit Jahresbeginn findet er in Deutschland Zeit, endlich in Sicherheit Luft zu holen. Foto: privat

Sein Blog wurde durch die Regierung von Bangladesch schon lange verboten. Wenige Wochen nachdem man ihn Anfang des vergangenen Jahres in seinem Büro attackiert hatte, wurde er trotz der schweren Verletzungen verhaftet und von der Polizei gefoltert. Einem Antrag auf Entlassung auf Kaution wurde aber stattgegeben. Mohuiddin floh aus dem Land, wo das religionskritische Denken, die freie Rede und das rationale Argument tödlich endlich können.

Im Interview berichtet Mohiuddin über seine Erfahrungen und wie sein Blog nichtreligiösen Menschen und Andersgläubigen eine Stimme verleiht. Für seine Arbeit wurde er bereits vor zwei Jahren mit dem Publikumspreis beim Deutsche Welle International Weblog Award ausgezeichnet. Er ist einer von mehr als 40 Referenten beim 19. World Humanist Congress, der im August in Oxford stattfindet.

Herr Mohiuddin, war es im Januar 2013 das erste Mal, dass Sie wegen „Gotteslästerung“ attackiert wurden?

Asif Mohuiddin: Nein, ich wurde seit 2007 mehrfach angegriffen oder Opfer von versuchten Attacken. Irgendwie ist es mir immer gelungen zu entkommen. 2013 war der brutalste Angriff.

Kennen Sie viele weitere Atheisten oder andere nichtreligiöse Menschen in Ihrem Heimatland?

Ja, ich kenne die meisten atheistischen oder säkularen Menschen in Bangladesch, weil wir hier eine Gemeinschaft haben. Allerdings möchte die Mehrheit von ihnen nicht öffentlich preisgeben, dass sie Atheisten oder Nichtreligiöse sind. Einer meiner Freunde arbeitet als Imam in einer Moschee, also als religiöser Führer der Muslime. Tatsächlich ist er eigentlich Atheist, möchte aber mit niemandem darüber sprechen. Nur mir hat er es erzählt.

Auf welche Weise nehmen nichtreligiöse Menschen in Bangladesch miteinander Kontakt auf?

Nachdem es vorher viele Probleme gab, haben ich und viele andere Blogger mittlerweile die Möglichkeit, uns miteinander auszutauschen. Im Jahr 2010 habe ich in Dhaka City ein Treffen für Atheisten arrangiert – es kamen 41 Menschen. Wir betreiben auch ein Blog für säkulare und atheistische Menschen, der Muktomona heißt. Das bedeutet Freidenker.

Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und Amnesty International unterstützten Asif Mohiuddin bei seiner Flucht aus Bangladesch und halfen ihm, für ein Jahr Unterschlupf in Deutschland zu finden. Seit Jahresbeginn lebt er dank eines Stipendiums der Stiftung in der Bundesrepublik. Hier findet er Zeit, endlich in Sicherheit Luft zu holen und neue Perspektiven zu gewinnen. Mohiuddin will trotzdem bald in sein Heimatland zurückkehren, um weiterhin für die Rechte der Menschen vor Ort zu kämpfen.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie den muslimischen Glauben ablehnten?

Ich wurde in eine muslimische Familie hineingeboren, die sehr religiös war. Als ich in der fünften Klasse und 13 Jahre alt war, vertrat ich die Auffassung, dass alle Religionen „unecht“ seien und es keinen Gott gebe. Ich mochte es in meiner Kindheit, viele Bücher zu lesen und hatte damals bereits den Großteil der Bücher aus der Stadtbücherei von Dhaka City durchgelesen. Und nachdem ich viele philosophische Bücher gelesen hatte, wurde ich Atheist. Fortan habe ich mich selbst auch als Atheist bezeichnet.

Als Jugendlicher war das nicht so ein großes Problem. Ein paar Probleme ergaben sich in der Schule, meiner Umgebung und den nahe gelegenen Moscheen. Aber nicht besonders viele. Während dieser Zeit begann ich jedoch zu erklären, wieso ich Atheist bin. Und viele andere junge Leute wurden durch meinen Einfluss ebenfalls zu Atheisten. Also begannen viele Familien zu reagieren. Bis eines Tages der Oberimam in der am nächsten gelegenen Moschee öffentlich verkündete, dass junge Menschen in Zukunft nicht mehr mit mir sprechen sollten, weil ich versuchen würde sie zu Atheisten zu bekehren. Und es wurden tatsächlich viele junge Männer zu Atheisten. Also wollte niemand mehr mit mir reden.