Direkt zum Inhalt

Jugendfeier: Humanistische Tradition im Wandel der Zeiten

Druckversion
Vor 125 Jahren feierten 37 konfessionsfreie Jugendliche und ihre Familien in Berlin zum ersten Mal gemeinsam den Übergang in das Erwachsenenleben. Anfangs nur ein Fest der Arbeiterbewegung, ist die Jugendfeier mittlerweile deutlich mehr: eine Begleitung durch humanistische, kulturelle und politische Bildung für alle jungen Menschen.
Dienstag, 6. Mai 2014
Foto: Christian Dandyk

Festakt im Friedrichstadt-Palast: Viele tausend Jugendliche, ihre Familien und Freunde besuchen jedes Jahr die Jugendfeiern in der deutschen Hauptstadt. Foto: Christian Dandyk

Die Feier ist heute nicht lediglich der Mittelpunkt eines Familienfests, sondern auch ein Stück selbstbestimmter Vorbereitung auf das Leben als Erwachsene: „Sie will Impulse geben für die Anreicherung jugendlicher Denk- und Verhaltensweisen“, erklärt Manfred Isemeyer, Vorstandsvorsitzender des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg, im Interview zum diesjährigen Jubiläum der Jugendfeiern in der deutschen Hauptstadt. Rund 7.000 junge Menschen, ihre Familien und Freunde nehmen in diesem Jahr an den Feiern teil, die die Humanisten in Berlin und Umgebung anbieten.

Hat sich nun diese wichtige Tradition von den Beschädigungen durch die Wirren des letzten Jahrhunderts erholt? In Ostdeutschland schon, meint Isemeyer. Nur in den alten Bundesländern wird es voraussichtlich noch länger dauern, bis sie ihre einstige Beliebtheit bei den konfessionsfreien Menschen ganz erreicht haben wird.

Wie haben die Übergangsfeiern zur Zeit ihrer Entstehung ausgesehen?

Manfred Isemeyer: Die Ursprünge der Jugendweihe gehen in das Jahr 1852 zurück. In Berlin fand die erste moderne Jugendfeier am 14. April 1889 im Konzerthaus Leipziger Straße mit 37 Mädchen und Jungen statt. Den ersten Teil der damaligen Feier bildete eine Festrede, im zweiten Teil legten die Jugendlichen ein Gelöbnis ab, nach den weltanschaulichen Ideen der freireligiösen Gemeinde zu leben. Erstmalig aber wurde in der Feier die Notwendigkeit politischen Engagements im Kontext der Arbeiterbewegung betont.

Foto: Solveig Schiebel

Foto: Solveig Schiebel

Und was ist heute anders?

Einzelne Elemente der Feierkultur von damals finden sich auch im Jubiläumsjahr 2014 wieder wie Festansprache, Erinnerungsblatt, Geschenkbuch und musikalische Umrahmung. Die Jugendfeier ist heute nicht mehr Fest der Arbeiterbewegung, sie ist aber auch nicht unverbindliche Familienfeier mit nostalgischem Blick auf vergangene Zeiten. Dem Humanistischen Verband ist mit der Jugendfeier angesichts rapider gesellschaftlicher und jugendbiographischer Veränderungen ein Transformationsprozess gelungen. Mit der Öffnung der Jugendfeier in die gesellschaftliche Mitte, der Freiwilligkeit, dem Verzicht auf ein Gelöbnis, der Vermittlung humanistischer Werte und einer Jugendzentrierung ist nach inhaltlicher Struktur und Gestalt ein modernes Übergangsritual entwickelt worden.

Welche Bedeutung hat die Jugendfeier heute für Berlin, die häufiger als Metropole des Humanismus, aber auch ab und zu als Hauptstadt des Atheismus bezeichnet wird?

In Berlin leben mehr als 150 Nationalitäten und Ethnien mit rund 40 verschiedenen Glaubensrichtungen. Der religiös-weltanschauliche Bereich ist ziemlich unübersichtlich, selbst wenn davon auszugehen ist, dass zwei Drittel der Berliner Bevölkerung konfessionsfrei ist.

Zahlenmäßig und medial hat die Jugendfeier der Konfirmation den Rang abgelaufen. Etwa 15 Prozent der SchülerInnen der 8. Klassen nehmen an Jugendfeier oder Jugendweihe teil. Für diesen Teil der Bevölkerung ist die Feier fester Bestandteil des jährlichen Festkalenders. Die Jugendfeier im Friedrichstadtpalast ist für die teilnehmenden Jugendlichen und ihre Familien ein starkes emotionales Erlebnis. Für die Stadt ist sie nach den polemisch geführten Auseinandersetzungen der 1990er Jahre kein politischer Aufreger mehr.

Foto: Solveig Schiebel

Foto: Solveig Schiebel

Die Tradition der Jugendfeiern hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. DDR und Nazi-Diktatur haben sie politisch instrumentalisiert und für ihre Zwecke missbraucht. Würden Sie sagen, dass sie sich mittlerweile von diesen Beschädigungen erholt hat?

Das Thema Jugendeier hat nach der Wende in den neuen Bundesländern eine politische Dramatisierung erfahren, die sich durch ihre Renaissance als Familienfeier erledigt hat. Die Jugendweihe hat sich vom Stigma eines sozialistischen Pflichtrituals befreit und gehört mittlerweile zum gewohnten sozialen Repertoire der Konfessionsfreien in Ostdeutschland. Sie ist ein Massenphänomen, stellt allerdings häufig – nach Anbieter und Region durchaus unterschiedliche – eine Art jugendkultureller Kommerzevent dar.

In den alten Bundesländern werden Jugendfeiern trotzdem noch meist als DDR-Brauch wahrgenommen, vor allem Zeitungen stellen sie so dar.

In den alten Bundesländern war die Jugendfeier seit 1955 stark tabuisiert. Ihre politische und ideologische Diffamierung hat dazu geführt, dass sie zu einer quasi elitären, gleichwohl inhaltlich anspruchsvollen Veranstaltung für Minderheiten geworden ist. Es wird wohl noch eine Generation dauern, bis sie sich hiervon erholt hat.

Worauf legen Sie besonderen Wert, was sind für Sie die wichtigsten Elemente einer Jugendfeier?

Um unsere Ansprüche einzulösen, haben wir ein Konzept für die Jugendfeier entwickelt, das drei Bausteine umfasst: Erstens steht vor der eigentlichen Festveranstaltung ein Vorbereitungsprogramm, das den Jugendlichen die Möglichkeit biete, sich mit ihrer Lebenswelt auseinanderzusetzen. Projektkurse, Wochenendcamps oder Einzelveranstaltungen gehören dazu, die thematisch vom Besuch von Gedenkstätten über Fragen zum Umgang mit Fremdenfeindlichkeit bis hin zur Beschäftigung mit jüdischen Traditionen reichen. Die Feierveranstaltung ist der zweite Baustein des Konzeptes, die die Jugendlichen und ihre Welt, die Ablösungsprozesse vom Elternhaus und die Suche nach der eigenen Identität in den Mittelpunkt stellt. Der dritte Baustein, der mir besonders wichtig ist, ist die Nacharbeit mit den jungen Menschen. Den Jungen HumanistInnen, unserem Jugendverband, kommt in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung bei. Der von kirchlicher Seite häufig erhobene Vorwurf, der Humanistische Verband biete Jugendlichen nur ein einmaliges kommerzielles Event, entbehrt jeder Grundlage.

Foto: Evelin Frerk

Isemeyer: Entscheidend für die Jugendfeier ist, welche Wertekraft sie in die Gesellschaft einbringt. Foto: Evelin Frerk

Sie selbst haben 1961 an einer katholischen Firmung teilgenommen. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?

Absolut nichts.

Und was war der Grund, dass Sie später den Schritt aus der katholischen Kirche zu den Humanisten vollzogen haben?

Ich bin mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Zum Verband habe ich erst viel später, 1983, gefunden. Zwei Motive waren dabei ausschlaggebend: Zum einem ärgerte mich das unausgesprochene Monopol der christlichen Konfessionen in Fragen von Ethik und Moral; eine starke Interessenvertretung der Konfessionsfreien hielt ich deshalb für notwendig. Zum anderen sah ich durch meinen beruflichen Einstieg in den Verband die Chancen, gemeinsam mit anderen Säkularen am Projekt eines erneuerten, eines zeitgemäßen Humanismus, der sich mit den Herausforderungen der Gegenwart stellt, mitzuarbeiten.

Foto: Solveig Schiebel

Smartphone hin oder her, manche Dinge ändern sich nie: In den Dialogen zwischen Gleichaltrigen und Älteren finden sich viele Jugendliche und Eltern gleichermaßen wieder. Foto: Solveig Schiebel

Worin liegen aus Ihrer Sicht die deutlichsten Unterschiede zu konfessionellen Übergangsfeiern?

Die Konfirmation als eine theologisch determinierte Handlung, also eine Bekräftigung der Taufe, ist ein binnenkirchliches Ritual. Kirchenrechtlich wird sie als Übertritt zum mündigen Kirchenmitglied gesehen. Die Jugendfeier richtet sich ausschließlich an nichtreligiöse Jugendliche. Sie versteht sich als Begleitung junger Menschen durch eine humanistische, kulturelle und politische Bildung. Sie orientiert auf eine humanistische Lebensgestaltung ohne Bezug auf einen Gott und bietet Unterstützung bei der Suche nach Lebenssinn und solidarischer Gemeinschaft. Sie will Impulse geben für die Anreicherung jugendlicher Denk- und Verhaltensweisen mit humanistischen Ansprüchen wie Selbstbestimmung, Toleranz, Skeptizismus, Verständigung zwischen Kulturen und Nationen, lebensbejahenden Optimismus. Die Jugendfeier bereitet die 14-Jährigen auf das Leben in unserer Gesellschaft vor und befähigt sie zur Teilhabe.

Foto: A. Platzek

Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder durch die Jugendfeier selbständiger geworden sind. Manchmal sind sie wohl auch etwas von der Klarheit überrascht, mit der sie für eine eigene Meinung und neue Freiheiten eintreten. Für uns sind solche Rückmeldungen immer eine Bestätigung. Auch weil es bedeutet, dass sich die Eltern von der Vorstellung verabschiedet haben, ihre Kinder müssten von heute auf morgen erwachsen sein.

Daniel Pilgrim, Projektleiter der Jugendfeier in Berlin

Kirchliche Medien stellen die Jugendfeier auch immer wieder als Konkurrenz zur Konfirmation dar. Können Sie das nachvollziehen?

Die Geschichte der Jugendfeier ist eine Geschichte politisch-weltanschaulicher Kontroversen mit den Kirchen. Wir sehen heute in der Konfirmation eine Alternative, nicht eine Konkurrenz zur Jugendfeier. Beide stehen gegenwärtig eigentlich vor demselben Problem: Als Passageriten unterliegen sie ähnlichen Legitimationszwängen. Stichworte sind da Individualisierung, Entstrukturierung der Jugendphase, Distanz zwischen Individuum und Institution. Ein Dialog über diese Trends wäre sicherlich hilfreich.

Nur: Die Kirchen haben in einer auf Konkurrenz basierenden Marktwirtschaft das Monopol auf Werteorientierung und Sinngebung verloren. Der „Kampf“ um die Köpfe und Herzen der Jugendlichen wird also weitergehen. Ich kenne nur wenige Theologen, die auf die üblichen Ab- und Ausgrenzungsargumente verzichten.

Wollen Sie vielleicht noch eine kleine Prognose wagen, wie humanistische Jugendfeiern wohl im Jahr 2114 aussehen könnten?

Mich beschäftigt die Frage, wie die Jugendfeier am besten nachhaltige Wirkungen in Bezug auf Inhalte und Werte haben kann. Wie schaffen, wir es, dass die Halbwertszeit der Jugendfeier die Zeit der Vorbereitung überschreitet und ein weiteres Engagement im Kontext des HVD bewirkt? Eine humanistische Grundeinstellung und humanistische Werte sind in der bundesdeutschen Gesellschaft Allgemeingut geworden. Ich will noch nicht von einem Volkshumanismus reden. Wenn das aber so ist, welche Legitimationsgrundlage außer Tradition, einem – angeblichen – Bedürfnis nach einem Passageritus und einem Familienfest – das primär die Eltern interessiert – hat die Jugendfeier zukünftig?

Foto: Solveig Schiebel

Foto: Solveig Schiebel

Und noch etwas: Was ist mit der großen Zahl konfessionsfreier Jugendlichen, die mit 14 Jahren keinerlei selbstgewünschte oder von den Eltern organisierte Vorbereitung auf das Erwachsenenleben wünschen? Die Jugendfeier wird auch in 100 Jahren Bestand haben, wenn sie ihren gesellschaftspolitischen und kulturellen Einspruchscharakter weiterentwickelt und sich weltanschaulich profiliert. Im fortschreitenden Prozess der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensläufe junger Menschen werden indifferente Symbolierungen zunehmend unwichtiger. Entscheidend für die Zukunft der Jugendfeier wird sein, welche tatsächliche Wertekraft sie in die Gesellschaft einbringt.

Zuletzt, welchen Rat können Sie Eltern und Jugendlichen von heute geben, die sich mit dem Übergang zwischen Kindheit zum Erwachsenen-Leben beschäftigen?

Die Frage möchte ich poetisch mit den Worten des arabischen Dichters Khalil Gibran beantworten:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken. Denn sie haben eigene Gedanken….Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern…

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Arik Platzek.